Veteran des Ersten Weltkriegs gestorben Abschied von einem Augenzeugen

Veteran des Ersten Weltkriegs gestorben: Abschied von einem Augenzeugen Fotos
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Er war einer der letzten Veteranen des Ersten Weltkriegs, jetzt ist William Stone in Großbritannien gestorben. 30 Jahre diente Stone in der Royal Navy - sein dramatischstes Erlebnis hatte er jedoch nach Kriegsende: 1919 sah er mit eigenen Augen, wie sich die kaiserlich-deutsche Flotte in Scapa Flow selbst versenkte. Von

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Er konnte es kaum erwarten: Pünktlich zu seinem 18. Geburtstag trat William Stone in die britische Kriegsmarine ein. Für seinen Geschmack viel zu spät: Schon als 15-Jähriger war er fünf Kilometer zu Fuß zur Rekrutierungsstelle gelaufen, um sich wie drei seiner älteren Brüder freiwillig für den Krieg gegen Deutschland zu melden. Allerdings weigerte sich sein Vater, die notwendigen Papiere zu unterschreiben. Als sein sehnlichster Wunsch endlich in Erfüllung ging, war der Krieg aber fast schon wieder vorbei: Wenige Wochen nach dem Kriegseintritt des in der südwestenglischen Grafschaft Devon geborenen Stone kam es im November 1918 zum Waffenstillstand zwischen den Kriegsparteien.

Wie die britische Zeitung "The Guardian" berichtet, ist Stone am 10. Januar in der Nähe von Oxford gestorben.

An Kampfhandlungen nahm der junge Seemann Stone nicht mehr teil. Dafür wurde er im Sommer 1919 Augenzeuge der größten Selbstversenkung in der Geschichte der Seefahrt. Schauplatz war der schottische Flottenstützpunkt Scapa Flow. Dort lag im Sommer 1919 die deutsche Hochseeflotte vor Anker. Die kaiserlichen Schiffe und ihre Mannschaften waren dort seit dem Waffenstillstand interniert, ihr Schicksal sollte in den Versailler Friedensverhandlungen entschieden werden. Weil der deutsche Kommandeur befürchtete, dass die Briten die Flotte beschlagnahmen könnten, befahl er am 21. Juni 1919 heimlich, die gesamte Flotte zu versenken. Bevor die überraschten Briten eingreifen konnten, gingen 52 Schiffe unter, nur 22 konnten gerettet werden.

Auch im Zweiten Weltkrieg diente Stone - und erlebte ein weiteres dramatisches Kapitel der britischen Militärgeschichte, die Evakuierung des britischen Expeditionsheeres aus dem französischen Dünkirchen. Dort warteten Ende Juni 1940 300.000 alliierte Soldaten auf ihre Rettung vor den anrückenden deutschen Panzern, die gerade Frankreich überrollten. An Bord des Minenräumboots HMS "Salamander" half Stone dabei, mehr als tausend Mann über den Kanal ins sichere England zu bringen.

"Dünkirchen war die schlimmste Erfahrung meines Lebens", sagte der Veteran einmal der Zeitung "Oxford Mail". "Ich sah, wie hunderte Menschen vor meinen Augen getötet wurden. Manche hatten keine Kleidung mehr an und wurden erschossen, als sie zu den Booten schwammen." Den Rest des Krieges war Stone auf Konvoifahrten nach Nordrussland und ins Mittelmeer eingesetzt. Er nahm 1943 an der alliierten Landung in Sizilien teil und erhielt eine Auszeichnung. Glück hatte er, als ein Torpedo sein Schiff traf und sich mit Mühe in einen Hafen an der amerikanischen Ostküste retten konnte.

Bei Kriegsende war Stone mit den britischen Besatzungstruppen in Norddeutschland stationiert, verließ dann aber nach fast dreißig Jahren die Royal Navy und eröffnete einen Frisörladen in seiner Heimat Devon. Nach seiner Pensionierung zog Stone in ein Dorf in der Nähe von Oxford. Durch Stones Tod schrumpft die kleine Gruppe der britischen Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg auf jetzt nur noch drei Mitglieder. Auf der Seite ihrer ehemaligen Gegner lebt bereits kein aktiver Teilnehmer des Ersten Weltkriegs mehr: Der letzte überlebende Soldat der Mittelmächte, Franz Künstler, starb im vergangenen April im Alter von 107 Jahren.

Thomas Thiel


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dominique barre 14.01.2009
Vielleicht bin ich falsch informiert, aber waren da nicht auch Deutsche am Ersten Weltkrieg beteiligt und sind für ihr Vaterland, das sie geliebt haben in den Tod gezogen ? Wie ehrt oder wie hat denn der "Deutsche" Staat und die "Deutsche" Presse ihren letzten Kriegsteilnehmer des 1. Weltkriegs geehrt ? "An der Art, wie ein Volk mit seinen Toten umgeht, erkennt man seinen Charakter "( Charles de Gaule)
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