Video-Revolution Hardcore bis zum Bänderriss

Video-Revolution: Hardcore bis zum Bänderriss Fotos
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Leiernde Bänder, großes Kino: Vor 30 Jahren revolutionierte die VHS-Kassette Deutschlands Wohnzimmerkultur - und spülte Tausende miserable B-Movies in die gute Stube. Trotzdem gelang es Philipp Kohlhöfer, sein ganzes Dorf für die neue Technik zu begeistern. Mit zwei Pornofilmen. Von

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Ich habe das Abitur erworben. Das ist jetzt 15 Jahre her und war nicht gerade eine der ruhmreichen Episoden meines Lebens. 333 Punkte insgesamt, eine glatte Drei - und nur ein lausiger Punkt in Deutsch im letzten Halbjahr. Und ich bin vermutlich der Einzige unter meinen damaligen Klassenkameraden, an dem der Karrierezug vorbeigefahren ist wie an einem stillgelegten Bahnhof. Denn die meisten sind heute Ärzte, Wissenschaftler, Fondsmanager oder Ingenieure. Einer hat sogar in Namibia als Straußenzüchter gearbeitet.

Allerdings bilde ich mir ein, den Siegeszug des Heimvideosystems VHS im Kreis Gießen/Mittelhessen mit durchgesetzt zu haben - und wer kann schon von sich behaupten, Triebfeder einer technischen Revolution gewesen zu sein?

Zwei Mark Strafe bei Nicht-Zurückspulen

Um sich das noch einmal kurz vor Augen zu führen: Das VHS - was "Video Home System" bedeutet und nicht, wie vielfach angenommen, "Vertical Helical Scan" - war eine Aufzeichnungsmethode auf Magnetband, entwickelt von JVC (heute Panasonic). Der erste Rekorder, der JVC HR-3300, wurde am 9. September 1976 in Japan auf den Markt gebracht und breitete sich in den Jahren danach auch in Europa und den USA aus, obwohl die Konkurrenzsysteme Betamax von Sony und vor allem Video 2000 von Grundig und Philips nicht nur dem Namen nach weitaus besser waren. Mal nebenbei: Bei mir um die Ecke gab es mal einen Kiosk 2000, bei dem die große Dose Holsten 49 Cent kostete. Der Kiosk war im Vergleich zum Videosystem sehr beliebt, hat sich aber auch nicht halten können.

Die VHS-Bänder waren bis zu 430 Meter lang (bei 300 Minuten Spielzeit) und wurden nach jedem Benutzen qualitativ schlechter. Die Standard-Kassette hatte 180 Minuten Laufzeit, was für zwei Filme schon sehr knapp bemessen war. Und es gab sie zum Markteintritt des Systems ausschließlich im Fachhandel und nicht, wie heute, als Ramschware im Supermarkt. Sie kosteten etwa vierzig Mark pro Stück, und in der Videothek musste man zwei Mark Strafe bezahlen, wenn man den Film nicht zurückgespult abgab.

Am Videorekorder selbst war eigentlich immer irgendetwas kaputt. Meistens zog das Bild im oberen Drittel des Fernsehschirms nach rechts. Dann drehte man eine gefühlte Stunde an diversen Schräubchen, gemacht für kleine Japaner mit Zwergenhänden. Die Schraube fiel oft ab, und weil sie so klein war, rollte sie unter irgendeinen Schrank, und man sah sie nie wieder. Das Resultat der Schrauberei: nichts. Keine Veränderung. Ich weiß nicht, wie oft ich mit meinem Vater beim örtlichen Elektrofachmarkt in der Reklamationsabteilung stand, aber zeitweise fühlte es sich an, als würden wir dort wohnen.

Großes Kino auf kleinen Fernsehern

Manchmal war es auch so, dass das Bild nur zur Hälfte auf dem Bildschirm auftauchte und man die Hauptfigur zwar reden hörte, sie aber nicht sah, weil sie zu weit rechts oder links stand und dadurch einfach verloren ging. Und das hatte sogar seine Richtigkeit. Das Verfahren, einen Kinofilm im Cinemascope-Format auf einen 4:3-Fernseher zu stückeln, nannte sich "Pan & Scan" - und das war damals einfach so bei Heimvideo.

"Irgendwie logisch", dachte ich damals, "ein großer Kinofilm passt eben nicht auf einen kleinen Fernsehschirm".

Die ganz tollen Hechte hatten ein Gerät mit "Longplay", eine Funktion, die die Spielzeit pro Kassette verdoppelte. Sie hatte allerdings den Nachteil, dass es fast unmöglich war, Kassetten mit anderen Leuten zu tauschen, da Longplay zu Beginn der Achtziger eher selten war. Eher oft kam es hingegen vor, dass ein Fernseher keinen Anschluss für das Videogerät hatte und man ihn durch einen Neuen ersetzen musste. Ein unsäglicher Kompatibilitätstrick, den Hersteller von elektronischen Gerätschaften noch heute gern anwenden.

Aber ich will nicht vom Thema abkommen. Um es kurz zu machen: Ich hatte diesen Bekannten vom Sport. Er wollte DJ beim Radio werden und arbeitete in der Videothek am Marktplatz. Er organisierte mir immer diese eine Sorte von Filmen, obwohl ich erst 14 Jahre alt und laut Gesetz ... Na ja, lassen wir das.

Der Larry Flint von Gießen

Der beste Film, den ich hatte, handelte von zwei muskulösen Musikern mit Jimi-Hendrix-Frisuren, die zum Urlaub nach Hawaii flogen. Natürlich wollten sie nur ihre Ruhe, aber im Laufe des Films hatten sie Sex mit allen Frauen, die nicht bei drei auf den Bäumen waren. Gibt es eigentlich viele Bäume auf Hawaii? Nach diesem Film kann ich mir das nicht vorstellen.

Ich vergesse nie folgende fantastische Dialogzeile. Der Regisseur hatte Mann und Frau in den Sonnenuntergang auf einen Hügel am Strand drapiert, im Hintergrund lagen Yachten in einer Bucht, vor ihnen türmten sich Lebensmittel. Der Mann aß. Er hielt der Frau einen Apfel hin. "Willst du auch?" fragte er kauend. Die Frau sah ihn an und sagte gar nichts. "Ah", sagte der Mann wissend. "Du willst wohl lieber Liebe machen." - "... wohl lieber Liebe machen." Was für eine Synchronisation.

Der Film war in meiner Schule so erfolgreich, dass ich ihn ständig verlieh. Pubertierende Teenager, mit Armen, die bis auf den Boden reichten, und die ich noch nie zuvor gesehen hatte, kamen auf einmal auf mich zu und wollten meine Freunde sein. Der Film verließ sogar die Grenzen meiner Heimatgemeinde und wurde in der Nachbargemeinde genauso ein Hit wie in der 20 Kilometer entfernten Kreisstadt. Teilweise verliehen ihn die Leute untereinander, ohne mir Bescheid zu sagen. Es gab Wochen, da hatte ich keine Ahnung, wo der Film überhaupt war. Aber das war nicht so schlimm. Denn ich fühlte mich dabei wie Larry Flint!


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Aliens mit Riesenbrüsten

"Kein Problem", sagte mein Bekannter in der Videothek. Und gab mir einen neuen Film. Ich hätte Geld für den Verleih nehmen sollen, aber lassen wir das. Jener neue Film spielte im Weltall und es ging darum, dass eine Horde weiblicher Außerirdischer, zufällig alle schlank, groß und mit Riesenbrüsten gesegnet, ein Raumschiff besetzte und an diversen Techniken der (männlichen) Menschheit Interesse zeigte.

Ich zeigte die Abschlussszene - ein Mann kopulierte mit drei Aliens - einem meiner Freunde, worauf der fachmännisch "der hat ja einen Riesenriemen", feststellte, sich die Kassette lieh, nach Hause fuhr und mir Tage später stolz erzählte, dass sein Vater auch einen Videorekorder gekauft habe. Die Kassette habe ich übrigens nie wieder zurückbekommen.

Tatsächlich ist es ja so, dass allgemein angenommen wird, dass Pornographie dem VHS-System den Durchbruch gebracht habe. Das ist zwar eine tolle These, aber leider ist sie vermutlich falsch, obwohl der erste Hardcore-Film für das System bereits 1977 erschien - ein Jahr vor dem ersten Hollywood-Film.

Irgendwann riss das Band

Das lag wohl daran, dass JVC von den Lizenznehmern fast keine Lizenzgebühr verlangte - im Gegensatz zu Sony. Wer etwas auf Betamax veröffentlichen wollte, musste tief in die Tasche greifen. Außerdem war das VHS-System wie ein russisches Raumfahrtmodul: einfach und simpel konstruiert, für jeden leicht zu bedienen und sehr langlebig. Betamax hatte zudem einfach eine zu kurze Kassettenlaufzeit (eine Stunde), und Video 2000 erschien, überhastet und mit diversen Produktionsmängeln, erst 1979 am Markt. Zu dieser Zeit gab es aber schon erste Videotheken, die ausschließlich VHS-Kassetten anboten.

Betamax hatte zudem den geballten Ärger Hollywoods zu spüren bekommen, weil das System 1975 als erstes erschienen war. Betamax wurde von der Filmindustrie boykottiert und als Hilfe für Raubkopierer denunziert. Erst 1984 konnte Sony vor Gericht durchsetzen, dass die Firma keine Schuld an kopierten Filmen trug. Der Sieg kostete allerdings so viele Ressourcen, dass Sony die Entwicklung aus den Augen verlor und das VHS-System sich durchsetzen und den Markt dominieren konnte.

Bis 2003. Damals verkauften sich DVDs erstmals besser als VHS-Kassetten. 2006 stellten die großen Hollywood-Studios den Vertrieb ihrer Filme auf VHS dann ganz ein. Der letzte große Film, der auf dem Medium veröffentlicht wurde, war David Cronenbergs "A History of Violence".

Und was den Musikerfilm aus Hawaii betrifft: Irgendwann riss das Band, es war einfach zu stark beansprucht worden. Wirklich jeder kondolierte mir zum Verlust des Films in einem solchen Ausmaß, das Außenstehende wohl vermuten mussten, einer meiner Verwandten sei verstorben.


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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Karl Self 25.03.2008
Und wie hießen die beiden Filme nu?
2.
Tobias Knipf 25.03.2008
"World of Video" von Musclebeaver. Humorvoller Nachruf auf das gute alte VHS-System und die tragische Verdrängung durch die DVD. Video auf youtube: http://www.youtube.com/watch?v=z5DH8epwsEQ
3.
Caroline Kaiser 23.09.2008
1979, in dem Jahr wurde ich geboren und mein Vater kaufte den ersten Betamax Videorecorder für 3500 DM. Und im Gegensatz zu vielen Generationen von VHS Recordern, die nach und nach ihren Geist aufgaben, läuft er noch heute. Wegen der höheren Anschaffungspreise, sowohl bei Videorecordern als auch bei Filmen, hat sich Betamax leider nicht durchgesetzt. In einigen Ländern konnte Beta aber viel höhere Marktanteile gewinnen als in D, z.B. in den USA, UK, der Türkei oder Japan.
4.
Mirko Nettelnstrot 28.01.2011
auf Bild vier find ich den Namen des einen Darsteller noch viel interessanter: Frank Stallone. Hm und der Vorname ganz klein geschrieben, ein Schelm der böses dabei denkt.
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