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Schatzsucher in Vietnam Isolationshaft statt Piratenschatz

Schatzsucher: Missglückter Ausflug zur Insel Hon Tre Lon Fotos
imago/Leemage

Das Raubgut eines schottischen Piraten sollte sie reich machen. Zwei Glücksritter, als Schauspieler und Fotograf gescheitert, suchten es auf der Insel Hon Tre Lon. Noch vor dem ersten Spatenstich landeten sie 1983 in Vietnams Knast. Von

Ein schräges Bild boten die zwei Gestalten, die am Morgen des 16. Juni 1983 von der thailändischen Hotelanlage "Pattaya" aus in See stachen: Da war der ältere der beiden - Richard Knight, ein extrovertierter Brite Mitte 40, der seine Ambitionen auf den großen Durchbruch als Hollywood-Schauspieler aufgegeben hatte, um dem sagenumwobenen Schatz des schottischen Piraten William Kidd nachzujagen. Und Frederick "Cork" Graham, ein kalifornischer Teenager, der praktisch blank war, nachdem er erfolglos versucht hatte, sich in Bangkok als Fotojournalist durchzuschlagen.

Nun hatte Richard Knight endlich den Schlüssel zum Piratenschatz in der Hand, jedenfalls hatte er das Graham gesagt. Und der hatte ihm geglaubt, vielleicht aus Verzweiflung, vielleicht aus Naivität. Daher raste das sonderbare Duo nun hoffnungsfroh auf einem gemieteten Motorboot Richtung Vietnam - ihrem Verhängnis entgegen.

Seit Jahrhunderten hatten Schatzsucher versucht, die versteckten Reichtümer des 1701 hingerichteten Piraten William Kidd zu bergen. Etliche Expeditionen an der US-Ostküste und in der Karibik waren gescheitert. Weil sie, da war Knight sicher, schlicht am falschen Ort gesucht hatten. Er behauptete, 300 Jahre alte Dokumente aus der Feder Kidds gefunden zu haben. Vergraben sein sollte der Schatz demnach auf der winzigen vietnamesischen Insel Hon Tre Lon im Golf von Thailand.

Weit kamen sie allerdings nicht: Noch bevor Graham und Knight überhaupt ihren ersten Spatenstich machen konnten, nahm die vietnamesische Polizei sie fest - wegen der illegalen Einreise. Nur acht Jahre nach Ende des Vietnamkriegs war das heimliche Eindringen eines US-Journalisten auf dem Seeweg politisch alles andere als unverfänglich.

Wildschweinjagd statt Piratenhatz

10.000 US-Dollar Geldstrafe forderte Vietnams Regierung von jedem der Schatzjäger - heute entspräche das rund 25.000 Dollar pro Mann. Weder die Schatzsucher selbst noch ihre Familien verfügten über entsprechende Mittel. Und die Regierungen der USA und Großbritanniens zeigten sich mäßig begeistert vom Gedanken, ausgerechnet zwei Individuen freizukaufen, die gerade die internationalen Beziehungen ihrer Heimatländer aufs Spiel gesetzt hatten, um einen Piratenschatz aufzuspüren. Diplomaten taten die Forderungen Vietnams als "Lösegeld" ab und weigerten sich zu zahlen.

Private Spendenaufrufe wurden gestartet, um die Geldstrafen für Graham und Knight begleichen zu können. Derweil schmorten die glücklosen Glücksritter in Isolationshaft, nur unterbrochen von drei Stunden Sport pro Woche außerhalb ihrer Zellen. Knight verfiel während der Haft zunehmend in Depressionen.

Erst nach elf Monaten hatte Frederick Grahams Familie die nötigen Mittel aufgetrieben, um ihn auszulösen. Weniger Glück hatte der Initiator des ganzen Schlamassels: Auf den Spendenaufruf hin waren für Richard Knight lediglich 2000 Dollar zusammengekommen. Offenbar hielt sich das Mitleid mit dem übereifrigen Schatzjäger in Grenzen. Bis sich 1987 der Taxiunternehmer Kenneth Frank Crutchlow seiner erbarmte und den Restbetrag stiftete.

Den erhofften Reichtum hatte ihnen ihre Expedition nicht eingebracht. Immerhin: Graham verfasste ein Buch über seine Erlebnisse mit dem Titel "The Bamboo Chest", versuchte sich als Abenteuerromanautor und schlug sich mit Vorträgen als Experte für Wildschweinjagd durch.

Knight hingegen verschwand aus dem Licht der Öffentlichkeit. Er starb 2002 im britischen Carlisle. Zeit seines Lebens soll er sich bemüht haben, erneut einen Kompagnon zu finden, der mit ihm nach Hon Tre Lon zurückkehrt - um den Piratenschatz endlich zu heben.

Zum Autor
  • Danny Kringiel (Jahrgang 1977) fand 2010 zu einestages - nach Umwegen über Lehrerausbildung und Computerspiel-Doktorarbeit. Liebt seinen Bass, fürchtet kandierten Ingwer und begeistert sich für Film, Musik und groben Unfug.

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