Vietnam-Krieg Die Stadt, die keiner kennen durfte

Vietnam-Krieg: Die Stadt, die keiner kennen durfte Fotos
Getty Images

Gigantisch groß und streng geheim: Für den Vietnam-Krieg errichtete die CIA eine verborgene Stadt mitten im Dschungel von Laos. Sie hatte 100.000 Einwohner, von ihrem Rollfeld hoben mehr Flugzeuge ab als vom Flughafen Chicago - doch nicht einmal der US-Kongress war eingeweiht. Von Jürgen Kremb

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 13 Kommentare
  • Zur Startseite
    3.3 (435 Bewertungen)

Es erinnert ein bisschen an eine Szene aus einem Rambo-Film. In der Dschungelsenke von Long Cheng zieht sich der bröselige Beton einer ehemalige Landebahn durch das mannshohe Dschungelgras. Verbeulte Sowjet-Jeeps drehen ihre Runden, gesteuert von ernst dreinschauenden Soldaten der laotischen Armee. Noch sind die Reste eines verfallenen Flughafengebäudes zu sehen. Aber zahlreiche verlassene Kasernengebäude aus grauem, vermoostem Beton sind vom vordringenden Urwald längst verschluckt worden.

Xaisomboun, auch die "Special Zone" genannt, liegt 300 Kilometer und gut zehn Fahrstunden von der laotischen Hauptstadt Vientiane entfernt. Eigentlich wäre der schlaglochübersäte Schotterweg, der durch wildzerklüftete Berglandschaften führt, die kürzeste Verbindung, um Besucher von der Hauptstadt zur Touristenattraktion der "Ebene der Tonkrüge" zu bringen. Aber schon nach wenigen Kilometern kann man hier nur noch im Geländegang vorwärtskommen und plötzlich ist gar kein Durchkommen mehr.

Aufgeregt springt ein Soldat aus seinem gut getarnten Erdbunker heraus, der irgendwann in den sechziger Jahren entstanden sein muss. Hektisch fährt der kleine Mann in seiner abgewetzten Uniform einen Schlagbaum herunter. Er fuchtelt mit einer AK-47 Maschinenpistole in der Luft herum. Die Botschaft ist klar: Hier geht die Fahrt nicht weiter.

Geheimbasis für den schmutzigen Krieg

Was hinter der Schranke liegt, haben die regierenden Kommunisten nach Ende des Vietnam-Krieges fast keinem westlichen Ausländer gezeigt. Aber von einer nahen Bergkuppe, die außerhalb der Sichtweite des Militärpostens liegt, kann man sich unbemerkt von dem Soldaten in den Dschungel schleichen und nach einer beschwerlichen Kraxeltour gibt eine Lichtung den Blick ins Tal frei - auf jene Landebahn mitten im Dschungel.

Was die laotische Armee heute als Militärstützpunkt Long Cheng nur noch provisorisch nutzt, fungierte zwischen 1962 und 1975 als Kommandozentrale für den geheimen Krieg der amerikanischen CIA in Laos. Völlig abgeschnitten von der Außenwelt war im Dschungel mit Hilfe der USA die zweitgrößte Stadt des südostasiatischen Landes entstanden. Doch alles war so geheim, dass selbst der Kongress in Washington davon nichts wusste. Ohne parlamentarische Kontrolle und finanziert aus einem Sonderbudget, das nicht dem Verteidigungsministerium, sondern dem US-Botschafter in Vientiane direkt unterstand, sollte von hier aus der Vormarsch der Nordvietnamesen gestoppt werden.

Wenig ist auch heute noch über diesen schmutzigen Krieg Washingtons bekannt. Denn in Laos, auf dessen Gebiet Teile des legendären Ho-Chi-Minh-Pfades verliefen und das deshalb für den Nachschub der Vietcong entscheidend war, kämpften nicht wie in Vietnam US-Wehrpflichtige. Diesen Krieg führte eine amerikanische Söldnertruppe, rekrutiert unter tollkühnen Piloten, die sich bei ihrem Einsatz über Nordvietnam als besonders wagemutig hervorgetan hatten. "Ravens" nannten sich diese Cowboys der Lüfte, die stets ohne Uniform, dafür mit Wildwesthut und Jeans in ihre Ein-Propeller-Maschinen stiegen - in der Hochzeit gab es in Long Cheng mehr Starts als auf Chicagos Flughafen O'Hare.

Leuchtmarkierungen für die B-52-Bomber

Die "Ravens", deren Name von ihrem Funk-Codewort stammte, setzten bei ihren geheimen Missionen über der grünen Hölle von Laos Leuchtraketen ab, wo sie gegnerische Positionen der Pathet Lao, des Vietcong oder der regulären nordvietnamesischen Verbände ausgespäht hatten. Waren die gegnerischen Stellungen ausgemacht, stiegen die auf US-Flugbasen in Thailand stationierten B-52-Bomber auf und machten das so markierte Areal dann mit Flächenbombardements dem Erdboden gleich. Zweieinhalb Tonnen Bomben pro Kopf der Bevölkerung gingen über Laos nieder, mehr als im Zweiten Weltkrieg auf Japan und Deutschland zusammen.

Die direkten Verbündenten der "Ravens" im geheimen Krieg in Laos waren die Urwaldkrieger der Hmong, eines laotischen Stammes von Kopfjägern. 50.000 von ihnen hatte die CIA als Kämpfer rekrutiert, zusammen mit 24.000 thailändischen Elitesoldaten mussten sie die Drecksarbeit am Boden erledigen.

Ihr Befehlshaber war der ebenso ruchlose wie begnadete General Vang Pao, ein kleiner, bulliger Mann mit einem kantigen Glatzenschädel. Für die CIA war er der richtige Mann. Er hasste die Kommunisten, aber auch seine Krieger, oft noch Kinder, führte er in seiner Dschungelstadt Long Cheng mit eiserner Härte und sie folgten ihm widerspruchslos. Den Sieg der Kommunisten konnte er dennoch nicht verhindern.

Überstürzte Flucht aus dem Dschungelcamp

Und so kam es im Mai 1975 bei Kriegsende in Long Cheng auch zu ähnlichen Szenen, wie sie sich in Saigon auf dem Gelände der US-Botschaft abgespielt hatten, nur waren im Hochland von Laos keine Journalisten und Kameramänner als Augenzeugen zugegen.

Als die Amerikaner dem Dauerregen der schweren Mörsergranaten aus vietnamesischen Geschützen nicht mehr standhalten konnten, gaben sie das Dschungelrevier mit seinen knapp hunderttausend Bewohnern kurzerhand auf. Gut 400 CIA-Berater, ein paar Dutzend "Ravens" und General Veng Pao wurden mit den letzten Maschinen nach Thailand ausgeflogen, aber die Mehrzahl der Hmong überließ man ihrem Schicksal.

160.000 dieser zähen Urwaldkrieger schlugen sich daraufhin in einer verlustreichen Flucht bis zum Mekong durch, schwammen nach Thailand und erhielten in den USA Asyl. Aber Zehntausende blieben zurück und sie kämpfen bis heute.

Erinnern will sich niemand

Noch immer verschanzen sich mehrere hundert Hmong in den unzugänglichen Bergen des laotischen Hochlandes, sie leiden ständig Hunger, ihre Kinder können nicht in Schulen gehen und sie haben keine Zukunft. Mal überfallen die Hmong-Guerilla deshalb einen Überlandbus oder ein Armeelager, dann schlägt das laotische Militär wieder gnadenlos zurück. Es ist ein sinnloser Krieg, geführt von den letzten Hardlinern des Indochina-Krieges.

Schuld daran, dass die Kämpfe immer noch nicht zu Ende sind, trägt vor allem ihr ehemaliger Oberbefehlshaber Vang Pao. Aus dem sicheren Asyl in den USA hatte er bis zum vergangenen Sommer seine letzten Anhänger in Laos über Satellitentelefon immer wieder zum Weiterkämpfen angetrieben und die baldige Befreiung versprochen. Die US-Regierung schob dem Treiben erst dann einen Riegel vor, als der betagte General im kalifornischen Sacramento von einem Undercover-Agenten des FBI schwere Gefechtswaffen erwerben wollte, um zurück nach Laos zu gehen und die Regierung in Vientiane zu stürzen.

Vang Po wurde für den absurden Plan nur unter Hausarrest gestellt. Doch im Dschungel von Laos bezahlten seine letzten Anhänger für den geplanten Putsch mit ihrem Leben. Die Hmong-Rebellen, die sich Ende Januar 2008 in der Nähe von Long Cheng ergeben wollten, schoss die misstrauisch gewordene laotische Armee kurzerhand nieder, als ihre Anführer den Wald verließen.

Die Tragik der letzten Hmong-Guerilla ist, dass sie nur noch lebendige Zeugen einer Zeit sind, an die eigentlich niemand mehr erinnert werden will - weder Washington noch Vientiane.


Weitere interessante Themen finden Sie auf der Homepage von einestages! mehr...

Fliegen Sie durch die Jahrzehnte mit der einestages-Zeitmaschine!


Artikel bewerten
3.3 (435 Bewertungen)
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Harald Nick 15.11.2008
Einige Fehler im Text! B-52 waren nicht in Thailand stationiert, sondern kamen im stundenlangen Anflug aus Guam - meist waren die Ziele dann schon nicht mehr relevant. Napalm wirkt am besten, wenn es im Tiefflug und hoher Geschwindigkeit abgeworfen wird. Somit war es keine Waffe für die aus großer Höhe operierenden B-52. Die übrigens für diese Einsätze umgebaut werden mussten, da ihre Bombenschächte nur für einige Kernwaffen ausgelegt waren und im Grunde nur sehr bedingt konventionelle Waffen einsetzten konnte. Die Ladung steigerte sich von gerade einmal (in Relation zu der Größe der Maschine) 28 auf 84 227kg schwere Mk-82 Bomben. Mit Aufhänungen unter den Tragflächen wurden das nocheinmal auf fast 130 gesteigert.
2.
Alexander Lieven 15.11.2008
>Einige Fehler im Text! Sehr geehrter Herr Nick, B 52 flogen ab April 1967 auch von U-Tapao, Thailand ihre Angriffe; außerdem im Laufe des Krieges von Okinawa aus. Ein Flüchtigkeitsfehler im Artikel scheinen mir die "Krüge der Tonebene"zu sein, es muß natürlich die "Ebene der Tonkrüge" heißen. Die Hmong und andere archaische Bergvölker kämpften im gesamten Zentralen Hochland unter der Führung (und Bezahlung) der CIA und der US ARMY SPECIAL FORCES. So gut wie alle wurden dann später im Stich gelassen. Mit freundlichen Grüßen, Alexander Lieven
3.
Peter William 15.11.2008
Meineserachtens ist eine AK-47 ein Sturmgewehr und keine Maschienenpistole. Es gibt noch die Variante mit kurzem Lauf die von Spezialtruppen im Häuserkampf verwendet wird. Da die Kalaschnikov mit einem Kaliber von 7,62mm eine recht durchschlagskräftige Waffe ist, finde ich die Bezeichnung MP etwas irreführend bzw. ist sie falsch.
4.
Iris Tietze 15.11.2008
Dass die Hmong Kopfjäger sein sollen hab ich noch nie gehört. Als Kopfjäger kenne ich nur die Dayak auf Papua und die haben das Jagen seit Ankunft der christlichen Missionare auch schon lange aufgegeben! ... Passt wohl nur so schön zum Thema Krieg und der romantisierenden Vorstellung von Urwaldvölkern oder wie kommt der Autor darauf? Ich lasse mich gerne eines Besseres belehren, studiere allerdings Südostasienkunde und habe davon noch nie etwas gehört. Außerdem war ich im September erst bei einem Hmongdorf in Nordlaos - von Kopfjägern keine Spur. Zum Thema Regierung/ethnische Minderheiten: ich bin mir sicher, dass es da viele Reibungspunkte gibt und habe im Internet auch aus anderen Quellen über die Massaker gelesen - aber ich habe das Dorfoberhaupt direkt darauf angesprochen wie das Verhältnis Regierung/Minderheiten ist, er sagt er fühlt sich als Laote und Hmong gleichzeitig. Das Dorf nimmt an einem Projekt teil, dass verschiedene NGOs und die Regierung gemeinsam entwickelt haben: schonender ökologischer Tourismus für nachhaltige Entwicklung in der Region. (infos unter http://www.ecotourismlaos.com/laoecotourism.htm) Das Geld der Touristen geht dabei zu einem Großteil direkt in einen Villagefonds, von dem zB. Schulbücher für die Kinder gekauft werden. Natürlich ist die Situation vieler Dörfer prekär - kein fließendes Wasser, kein Strom, etc - Aber gerade solche Projekte tragen zur Verbesserung der Situation bei. Ich sage nicht, dass es keine Konflikte gibt zwischen Regierung und Minderheiten - ich finde nur, dass die Situation der ethnischen Minderheiten in Laos wesentlich komplexer ist, als in dem Artikel dargestellt.
5.
Van-Khanh Tran 16.11.2008
Herzlichen Dank für den Beitrag von Herrn Jürgen Kremb. Es zeigt wie CIA rechtwidrig arbeitet, damals wie heute und wie die Weltmacht USA Demokratie versteht: "wer ist nicht mir: ist gegen mir" nähmlich. Bezüglich dem Kommunismus in Indochina empfehle ich Herrn Kremb die Geschichte Indochinas zu recherchieren. Es ist zu unrecht Opfer zum Täter zu machen und den Kriegsgrund der Amerikaner legalisieren.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH