Muhammad Ali und der Krieg "Kein Vietcong hat mich jemals Nigger genannt"

"Ich gehe nicht nach Vietnam", beschloss Muhammad Ali 1967 und opferte die besten Jahre seiner Boxkarriere. Beim "Ali-Gipfel" wollten manche ihn umstimmen. Das Charisma des Champions war stärker.

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Muhammad Ali führte gerade Zaubertricks auf dem Hollywood Boulevard vor, als Kareem Abdul-Jabbar ihn zum ersten Mal sah. "Er strahlte Zuversicht aus, eine Art Zielstrebigkeit und unbändige Freude, als wisse er, dass er und die Welt ein ziemlich gutes Paar abgeben", so erzählt es Abdul-Jabbar. Ein scheues "Hallo", eine freundliche Reaktion des Schwergewichtschampions, schon war der Moment in Los Angeles vorüber.

Die nächste Begegnung bei einer Sportlerparty geriet unerwartet zu einem Musikduett. Der 2,18 Meter große College-Basketballer saß am Schlagzeug, der Boxer entdeckte Abdul-Jabbar, schnappte sich eine Gitarre und stimmte ein. Ali, der Entertainer.

Ali lud Abdul-Jabbar daraufhin nach Cleveland ein. Dort diskutierten im Juni 1967 schwarze Sportler eine Entscheidung, die das ganze Land in Aufruhr versetzte: Alis Weigerung, ins Militär einzutreten und möglicherweise in Vietnam zu kämpfen.

Die Vereinigten Staaten, seit 1964 offiziell Kriegspartei, verstrickten sich zu dieser Zeit immer tiefer in den Konflikt zwischen dem von China und der Sowjetunion unterstützten kommunistischen Norden und dem US-gestützten antikommunistischen Süden. 1973 musste die US-Armee abziehen, für die Supermacht ein historisches Desaster; Nordvietnam eroberte Südvietnam. Während des fast zwei Jahrzehnte dauernden Stellvertreterkriegs starben bis zu fünf Millionen Menschen.

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Boxlegende Muhammad Ali: Schmetterling, Biene, Kriegsdienstverweigerer

Mitte der Sechzigerjahre war der Krieg eskaliert. Wirklich überraschend kam Alis Kriegsdienstverweigerung nicht. Nur in den frühen Jahren seiner fulminanten Karriere war er beim weißen Establishment wenig angeeckt. Groß gewachsen, gutaussehend, charmant; sein Vorbild war Jack Johnson, der erste schwarzer Boxweltmeister im Schwergewicht und ähnlich selbstbewusst.

Ali tat es ihm nach: Noch als Cassius Marcellus Clay wurde er 1960 Olympiasieger, danach Profi - und am 25. Februar 1964, nach seinem Sieg gegen Sonny Liston, Weltmeister.

"Man, I ain't got no quarrel with them Viet Cong"

Tags darauf holte Clay, 22 Jahre jung, zum verbalen Rundumschlag aus: Er habe keine Lust, den "netten, sauberen Gentleman" zu mimen. Er wisse, wohin er gehöre. Zugleich wandte er sich vom Christentum ab und bekannte sich zum Islam. "Sie sagen, wir wären Kommunisten. Das ist nicht wahr. Anhänger von Allah sind die freundlichsten Menschen auf der Welt", sagte er. Cassius Clay, seinen "Sklavennamen", legte er ab und nannte sich fortan Muhammad Ali.

Die Nation of Islam, der sich Ali anschloss, wollte einen eigenen Staat für die schwarze Bevölkerung gründen, inner- oder außerhalb der USA. In der Organisation rangen Ideologen miteinander. Ali war keiner davon. Kapitalismus oder Sozialismus, in solchen Kategorien dachte er nicht. Er forderte Freiheit und Selbstbestimmung - vor allem für die Schwarzen: "Wir wurden vor 400 Jahren für einen Job hergebracht. Warum gehen wir nicht und bilden unsere eigene Nation und hören auf, um Jobs zu betteln?"

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1960 hatte das Militär ihn registriert, 1962 als verfügbar eingestuft, 1964 ausgemustert wegen eines zu schlechten IQ-Tests. Zwei Jahre später jedoch stufte man ihn als tauglich ein. Da sagte er einem Journalisten den berühmten Satz: "Mann, ich habe keinen Ärger mit dem Vietcong." Ali lehnte am 28. April 1967 die Einberufung ab und war sich der Konsequenzen bewusst. "Kein Vietcong nannte mich jemals Nigger", sagte er auch und erklärte später: "Ich habe nicht versucht, ein Anführer zu sein. Ich wollte nur frei sein."

Noch am selben Tag nahmen ihm Sportfunktionäre Lizenz und Titel, damit seine Lebensgrundlage in den besten Karrierejahren, bevor ein Gericht ihn Ende Juni zu fünf Jahren Haft und 10.000 Dollar Geldbuße verurteilte. Ali ging in Berufung und blieb auf Kaution frei. "Farbige Menschen gehörten zu den ersten, die protestierten, denn es schien, als seien sie die ersten, die eingezogen und zum Kämpfen geschickt wurden", sagt der sechsfache NBA-Champion Abdul-Jabbar.

Aus Vietnam kamen viele im Leichensack zurück

Der britischen Zeitung "The Guardian" zufolge waren 41 Prozent der Vietnam-Rekruten zwischen Oktober 1966 und Juni 1969 Schwarze - obwohl die schwarzen US-Bürger lediglich elf Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten. Es lag auch daran, dass Studenten, zumeist Weiße, sich der Armee leichter entziehen konnten als junge Amerikaner mit geringerer Bildung. Darum kam es später zur "draft lottery", einer Einberufungstombola auf Leben und Tod.

Ali führte mehrere Fäden zusammen: Die Verweigerung begründete er mit seiner religiösen Überzeugung. Den Krieg hielt er für einen Fehler, er wollte kein One-Way-Ticket nach Vietnam. Zugleich war er mittendrin in der erstarkenden Bürgerrechtsbewegung gegen die Unterdrückung der Schwarzen. Er wollte sich nicht verheizen lassen für einen Staat, in dem "die sogenannten Neger-Menschen wie Hunde behandelt werden". Schon 1963 hatte Martin Luther King die Nation elektrisiert mit seiner "I have a dream"-Rede. 1968 wurde er ermordet, wie schon drei Jahre zuvor der militante Anführer Malcolm X.

Um Alis Kriegsdienstverweigerung tobte eine gewaltige öffentliche Debatte, als zwölf Athleten und Bürgerrechtler sich am 4. Juni 1967 mit ihm zum "Ali Summit" in Cleveland trafen. Der Ort war kein Zufall, sondern ein Epizentrum politischen und sozialen Fortschritts der Afroamerikaner. Und die Erfolge des Football-Teams Cleveland Browns prägten farbige Akteure wie Bill Willis und Jim Brown, der zum Ali-Gipfel eingeladen hatte.

Mehrere Footballer zählten zum Dutzend, das zu Alis Entscheidung Stellung beziehen wollte. Es ging nicht um ein einhelliges Bekenntnis gegen den Krieg: Die Teilnehmer wollten Alis Motive verstehen - und ihn womöglich sogar umstimmen. Sein Manager etwa sorgte sich um die schönen Einnahmen, auch andere Teilnehmer hielten Anteile an Ali-Kämpfen. Manche argwöhnten, Alis Ablehnung habe weniger mit Religion zu tun als mit Enttäuschung.

Ali überzeugte seine Mitstreiter

Leicht einzuwickeln war die Gruppe jedenfalls nicht. Carl Stokes etwa, bald darauf erster schwarzer Bürgermeister Clevelands, hatte im Zweiten Weltkrieg gedient. Organisator Jim Brown wünschte sich eine "intensive und ehrliche" Auseinandersetzung. Und bekam sie, "weil die Leute in dem Raum Gedanken und Meinungen hatten" und mit dieser "Absicht nach Cleveland" kamen.

Als Gesprächsführer appellierte Brown an die Summit-Teilnehmer, durch ihren Status in der Gemeinde der Schwarzen Unterstützung für Ali zu sammeln. Doch die brauchte der willensstarke, eloquente Boxer kaum.

"Er gab so vielen Menschen den Mut, das System herauszufordern", sagt Kareem Abdul-Jabbar. "Ali war einer der ersten wirklich freien Menschen in Amerika", befand auch NBA-Profi Bill Russell, ebenfalls beim Gipfel dabei. Für die nahende Gerichtsverhandlung sei er "besser gerüstet als jeder, den ich kenne. Worüber ich mir Sorgen mache, ist der Rest von uns."

Ali hätte auch einen Deal eingehen können: dass er seinen Dienst antreten würde, vielleicht mit ein paar Schaukämpfen, dafür aber nicht in den Krieg ziehen müsste. Indes wurde den Teilnehmern schnell klar: Alis Entscheidung war unumstößlich. Er sprach über die Nation of Islam, über seinen Stolz, schwarz zu sein - und überzeugte seine Mitstreiter.

Wieder mit Schmetterlingsflügeln

"Da realisierte ich, dass er nicht nur mein großer Bruder war, sondern ein großer Bruder für alle Afroamerikaner", sagt Abdul-Jabbar, einer der besten Basketballer der Geschichte und bis heute der NBA-Spieler mit den meisten erzielten Punkten.

"Er reflektierte und prägte die sozialen und politischen Strömungen der Zeit, die er dominierte", schreibt Thomas Hauser in seiner Biografie "Muhammad Ali: His Life and Times". "In den Sechzigerjahren stand Ali für die Annahme, dass Prinzipien von Bedeutung seien, dass Gleichberechtigung unter Menschen fair und richtig sei, dass der Krieg in Vietnam falsch sei."

Mehr zu Muhammad Ali im SPIEGEL BIOGRAFIE 2/2016

Unter starkem öffentlichen Druck taten sich die Summit-Teilnehmer nicht leicht, standen aber ihrem Freund Ali bei. In den Folgejahren, erst recht nach dem Massaker von My Lai, wuchs der Anti-Vietnamkrieg-Protest zur Massenbewegung. Erst am 28. Juni 1970 hob der Supreme Court - acht weiße Richter - die Haftstrafe auf. Dann endete auch der Box-Bann, im September 1970 durfte Ali zurück in den Ring.

Er tänzelte wieder und verspottete seine Gegner, er boxte arrogant, schön und spektakulär, er war großmäulig, eben: der Größte. Im März '71 stellte Ali sich Joe Frazier, beide ungeschlagene Champions - und erstmals verlor Ali. Etliche Kämpfe für die Geschichtsbücher folgten: gegen Jürgen Blin aus Hamburg, gegen Ken Norton, gegen George Foreman der "Rumble in the Jungle" in Kinshasa und gegen Frazier der "Thrilla in Manila". Zum Karriereende 1981, beim letzten Kampf gegen Trevor Berbick, war Ali bereits von der Parkinson-Krankheit gezeichnet, unter der er bis zu seinem Tod am 3. Juni 2016 litt.

Sein wohl wichtigster und größter Kampf jedoch fand vor 50 Jahren außerhalb des Boxrings statt. Mit seinen starken Überzeugungen, seiner Energie und seinem Charisma gewann Muhammad Ali den Respekt unzähliger Menschen. Schwarze Sportler trugen den Kampf gegen Rassismus auch in seinem Namen in die Arenen der USA - und tun es bis heute.

insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Heinz-H. Bertz, 09.06.2017
1. Er bleibt der Größte !
Bis jetzt unerreicht.
Kai Lembke, 09.06.2017
2. Keiner wie er
Ich bin nicht leicht zu beeindrucken. Er hat es geschafft.
Clemens Schlechte, 09.06.2017
3. Er war nicht der Größte sondern der doppelt Größte!
Muhammmad Ali hat die anderen nicht nur besiegt, sondern auch noch die Runde des Sieges voraus gesagt. Unvergessen - Ein wahrer Champion und Worten und Taten!
Hannelore Zylmann, 09.06.2017
4. Wir sollten
Von ihm lernen.
Uwe Niese, 09.06.2017
5. Richtig
schön geschrieben, Jannik Deters!
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