Vietnam-Trauma in US-Serien Krieg im Kopf

Vietnam-Trauma in US-Serien: Krieg im Kopf Fotos
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Was haben Magnum, MacGyver und Michael Knight gemeinsam? Ihren Kriegseinsatz im Dschungel. Hinter vielen robust wirkenden Serienhelden der Achtziger verbarg sich ein gebrochener Vietnam-Kriegsveteran. einestages erinnert an die beliebtesten Fernsehhelden der Dekade - und ihre dunkle Vergangenheit. Von

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Eines Morgens wacht der ehemalige Elitesoldat Thomas Magnum (Tom Selleck) auf und stellt fest, dass er nie 23 gewesen ist. Der Vietnam-Krieg hat ihm seine Jugend und - schlimmer noch - seine Ideale und die Liebe seines Lebens geraubt. Fortan versucht er sein Glück als Privatermittler auf Hawaii.

Das war 1980 im amerikanischen Fernsehen.

Drei Jahre später, 1983: Auch die Ex-Soldaten Cody Allen (Perry King) und Nick Ryder (Joe Penny) haben ihre Vietnam-Vergangenheit hinter sich gelassen und eröffnen am Pier 56 am King Harbor bei Los Angeles eine Privatdetektei mit Boot und Hubschrauber. Bereits in ihrer ersten Mission holen die beiden sich Hilfe von dem Computerspezialisten Murray "Boz" Bozinsky (Thom Bray), den sie ebenfalls noch aus Militärzeiten kennen.

1984, noch ein Jahr später: Der ehemalige Elitesoldat Sonny Crockett (Don Johnson) lässt seine Vietnam-Vergangenheit hinter sich und ermittelt künftig als Undercover-Polizist in Miami. Bei den Abenteuern mit seinem Kollegen Rico (Philip Michael Thomas) trifft er ab und an auf alte Weggefährten aus dem Krieg.

Der Vietnam-Veteran, der Held

Egal ob "Magnum", das "Trio mit vier Fäusten" oder "Miami Vice" - ein Großteil der amerikanischen Detektiv- und Actionserien entdeckte in den achtziger Jahren plötzlich eine ungewöhnliche Heldenfigur: den Vietnam-Veteran. Von der Gesellschaft damals noch weitgehend geächtet, versuchten die Serienklassiker und ihre Macher die geschassten Heimkehrer gut fünf Jahre nach dem Krieg zu rehabilitieren - und schufen ein Klischee.

Denn die Hintergrundgeschichte folgte fast immer dem gleichen Schema: Held kämpft im Dschungel von Vietnam und kehrt desillusioniert in die Heimat zurück. Held versucht, seine im Dschungel erlernten Fähigkeiten für das Gute einzusetzen. Held gründet - je nach Grad des Misstrauens gegenüber Autoritäten - entweder eine eigene Privatdetektei oder schließt sich der Polizei an. Held stürzt sich ins Abenteuer. Serie beginnt.

"Knight Rider", "A-Team", "T.J. Hooker"; Auf einmal waren alle Leinwandhelden irgendwann einmal in Vietnam gewesen. Zwar platzierten Drehbuchschreiber auch schon vor Magnum und Co. Veteranen in ihre Storys. Allerdings war das Bild, das bis dahin vom heimkehrenden Dschungel-Kämpfer gezeichnet wurde, noch ein ganz anderes: Häufig wurden die Kriegsrückkehrer in Neben- oder Statistenrollen geschoben, zu frisch war der Konflikt, als dass man sich ernsthaft mit ihm in einer großen Geschichte auseinandersetzen konnte - und wollte.

"Wenn in den Siebzigern in einer Fernsehserie oder einem Kinofilm ein durchgedrehter Killer auftauchte, war es mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Vietnam-Veteran", sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Brigitte Scherer, die sich lange mit Seriengeschichte beschäftigt hat und heute selbst TV-Formate skriptet.

Auch auf der erzählerischen Ebene gingen die Detektivserien der Achtziger neue Wege, erklärt Scherers Kollegin Ursula Ganz-Blättler, die einen Sammelband darüber herausgebracht hat. "Bis dahin funktionierten TV-Serien hauptsächlich so, dass pro Episode eine abgeschlossene Handlung erzählt wurde. Fortsetzungen oder kontinuierliche Handlungsstränge waren eher die Ausnahme", sagt Ganz-Blättler. Eine ganze Biografie mit komplexer Kriegsvita - das war eine kleine Revolution des Geschichtenerzählens.

Dennoch webten Drehbuchschreiber damals die Dschungel-Vergangenheit ihrer Serienhelden meist nur versteckt in die Handlung ein. Schließlich war Vietnam für viele immer noch der verlorene Krieg. Um möglichst viele Zuschauer anzulocken, musste man daher abwägen, wie viel Vietnam man dem Publikum bereits zutrauen konnte - und wie viel nicht.

Daher nutzten die Autoren das kollektive Trauma eher als psychologische Komponente, um die Motive der Serien-Charaktere zu erklären (Magnum hat wahrscheinlich seinen Glauben an Autoritäten in der Armee verloren, ähnliches gilt für Huckleberry Hawke aus "Airwolf"). Für die direkte Auseinandersetzung mit dem Krieg gab es zudem andere Serien, die schwerpunktmäßig in Vietnam spielten. Bekanntestes Beispiel: "NAM - Dienst in Vietnam".

"Die Amerikaner haben einen anderen Magnum kennengelernt"

Das deutsche Publikum wusste oftmals gar nichts von den Vietnam-Biografien vieler Serienhelden der Achtziger. Damals kauften die Öffentlich-Rechtlichen die Serien häufig nicht vollständig ein. "Die Amerikaner haben definitiv einen anderen Magnum kennengelernt als wir", sagt Scherer.

Weil US-Serien nach Ansicht der deutschen Fernsehbosse einen reinen Unterhaltungszweck beim deutschen Publikum erfüllen sollten, "durften politische Themen in ihnen nicht behandelt werden ", ergänzt Scherer. Dazu kam, dass Magnum erst 1984 in Deutschland gezeigt wurde. Da war der Vietnam-Krieg schon seit fast zehn Jahren vorbei.

Bis heute gelten in den USA Vietnam-Veteranen als lange verkannte Kriegshelden. Wie viel ihres nachträglichen Ruhmes die Ex-Soldaten ihren fiktiven Kameraden zu verdanken haben, wird man wohl nie genau sagen können. Allerdings könnte künftige Kriegsrückkehrer ein ähnliches Schicksal erwarten, meint TV-Expertin Scherer. "Ich bin gespannt, welche Serien sich in den nächsten Jahren Irak und Afghanistan annehmen werden."

Schon jetzt behandelt die US-Ermittlerserie "Navy CIS" die Problemlage aktueller Konfliktherde wie Afghanistan, Iran oder Irak. Die Idee zu "Navy CIS" stammt übrigens von Donald P. Bellisario - dem Autoren von "Magnum".

Flotte Autos und dunkle Dschungel-Vergangenheit: Erinnern Sie sich mit einestages an die beliebtesten Spürnasen der Achtziger - und ihre Skills aus Vietnam.

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1.
Peter Degrell, 23.08.2013
Da wundert es, dass Tom Selleck im Vorstand der National Rifle Association (NRA), der amerikanischen Waffenlobby sitzt. Na dann ...
2.
Jean-Michel Munderich, 23.08.2013
#Geilon XviD Cover auf Spiegel das ist ja mindestens 15 geil !
3.
Milan Belohlavek, 23.08.2013
Das A-Team bestand nicht aus Kriegsgefangenen. Sie waren zwar Häftlinge in einem Militärgefängnis, das aber dem eigenem Militär gehörte und wegen eines Banküberfalls und nicht irgendwelcher Kampfhandlungen? Dem Thema Irak-Krieg hat sich die Serie »Over There« angenommen ?*deren Ausstrahlung ist aber auch erst acht Jahre her?
4.
Michael Schmidt, 23.08.2013
Wie gut sich doch der Autor mit heutigen Serien auskennt...Spooks, Homeland, selbst normale Krimiserien haben mittlerweile oft Rückblicke auf den Krieg gegen den terror...egal, ob Afgahnistan, Irak, Sudan...
5.
Kay Feske, 23.08.2013
@ Peter Degrell Ähmm, sie haben schon verstanden, dass der Artikel sich mit den Figuren der Serien beschäftigt? Nicht mit deren Schauspielern! Magnums Vietnam Trauma hat folglich nichts mit den persönlichen Aktivitäten von Herrn Selleck zu tun. Ansonsten hätte man z.B. Jack Nicholson schon vor Jahrzehnten nicht mehr aus der psychiatrischen Klinik entlassen dürfen...
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