Vietnamkrieg-Lotterie Nummer 163, bereit machen zum Sterben

Jeder Amerikaner zwischen 18 und 25 Jahren verfolgte am 1. Dezember 1969 dieses Glücksspiel. Zu gewinnen gab es kein Geld, nur das eigene Leben.

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Schauen, schießen, beschleunigen - Denis R. O'Neills Körper funktionierte, mehr nicht. Selten hatte man den Kapitän der Dartmouth-College-Eishockeymannschaft in Hanover, New Hampshire, so unkonzentriert gesehen. Mit den Gedanken war er ganz woanders, mit den Blicken auf den Zuschauerrängen. Dort saßen seine Freunde mit Transistorradios. "Sie schrien uns zu - 31. August: 11! 24. Mai: 31! 3. September: 49!", erinnert sich O'Neill im Gespräch mit einestages.

Die Zahlen konnten über Leben oder Tod entscheiden. Denn an diesem 1. Dezember 1969 wurde Lotterie gespielt: Im fernen Washington lagen 366 Kugeln in einer Glasschüssel, eine für jeden Tag des Jahres, inklusive 29. Februar. Die Ziehung entschied über das Schicksal junger Amerikaner im Alter zwischen 18 und 25 Jahren: Wer Lospech hatte, musste damit rechnen, bald auf den Schlachtfeldern Vietnams zu kämpfen.

Kugel für Kugel zogen Angestellte des Selective Service System die Geburtsdaten von Männern, die zum Militärdienst antreten mussten. Jeder befürchtete, dass sein Geburtstag sich unter den ersten 200 Ziehungen befand. Die groteske Lotterie wurde live im Fernsehen und im Radio übertragen, Denis R. O'Neill und seine Mannschaftskameraden verfolgten sie auf dem Eis. "Es war surreal", sagt er.

Südvietnam und das kommunistische Nordvietnam lieferten sich bereits seit 1955 einen blutigen Bürgerkrieg, 1964 entschlossen sich die USA zum Kriegseintritt. Vier Jahre später kämpften 550.000 US-Soldaten in Vietnam, ohne entscheidende Erfolge zu erzielen - und begingen dort mitunter grausige Verbrechen, wie beim Massaker an mehr als 500 Zivilisten im Dorf My Lai.

Die Bilder schockierten die Welt und rüttelten die amerikanische Öffentlichkeit auf. Die Tet-Offensive 1968 wendete im Vietnamkrieg das Blatt gegen die USA - und führte in ein historisches Desaster für die Supermacht. Immer mehr Bürger zweifelten am Sinn des Militäreinsatzes in diesem fernen Land und waren überzeugt, dass der Vietnamkrieg nicht zu gewinnen war. An vielen Universitäten wurde für den Frieden demonstriert. Auch am Dartmouth College, wo Denis R. O'Neill Politikwissenschaften studierte.

Es war im Sommer 1968, als sein Freund und Kommilitone William Smoyer nach Vietnam geschickt wurde. Bereits zwei Wochen später kam er zurück - in einem Leichensack. Das Campus-Leben in Dartmouth änderte sich dramatisch: Studenten organisierten Proteste, besetzten auch Lehrgebäude.

"Nummer 14 heulte Rotz und Wasser"

Amerikas Studenten waren zwar engagiert gegen den Krieg, aber auch besonders privilegiert - sie konnten sich viel einfacher dem Wehrdienst entziehen als Nichtakademiker. So wurde Richard "Dick" Cheney, späterer Vizepräsident unter George W. Bush, fünfmal wegen seines Studiums zurückgestellt. Bis er 1967 mit 26 Jahren zu alt für eine Einberufung war.

Diese Diskrepanz im Rekrutierungssystem missfiel auch dem damaligen Präsidenten Richard Nixon. Daher ließ er 1969 die "draft lottery" ausrichten (von "draft", deutsch: Einberufung). Sie spaltete fortan große Teile der jungen männlichen US-Bevölkerung in zwei Teile - hier die Glücklichen mit hohen Nummern bei der Auslosung, dort die mit niedrigen Nummern.

Das Prinzip: In den 366 Kugeln befanden sich alle Tage eines (Schalt-)Jahres, vom 1. Januar bis zum 31. Dezember. In der Lotterie des Jahres 1969 wurde der 14. September als erstes gezogen und erhielt also die Nummer 1. Der 31. August als elfte Kugel bekam die Nummer 11; so ging es weiter. Genau diese Daten und Nummern rief das Publikum auch den Eishockeyspielern vom Dartmouth-College zu. In einer zweiten Ziehung wurden 26 Kugeln mit den Buchstaben des Alphabets gezogen; so entstand zusätzlich eine Reihenfolge der Namen an einem bestimmten Geburtsdatum.

Wer früh dran war, war dran: Wenn das Geburtsdatum eines jungen Mannes sich unter den ersten 195 Kugeln befand, musste er zur Musterung. "Ich sehe jetzt noch vor mir meinen glücklich grinsenden Mitspieler mit dem zugekotzten Shirt. Er hatte Nummer 365", erzählt Denis R. O'Neill vom Abend nach dem Eishockeyspiel. "Auf der anderen Seite des Raumes heulte ein Junge aus Maine Rotz und Wasser. Nummer 14. Und dazwischen ich, Nummer 163."

Das Gewinnspiel der makabren Sorte war in der Geschichte der USA nicht neu. Bereits im Ersten und im Zweiten Weltkrieg hatten die US-Streitkräfte junge Männer per Lotterie rekrutiert. 1969 entschied sich die Regierung abermals fürs Losverfahren, das mehr soziale Gleichheit bei der Einberufung gewährleisten sollte.

Mit Tricks gegen die Einberufung

Absoluter Zufall war Ziel des Verfahrens. Bald darauf äußerten Experten allerdings in der "New York Times" vom 4. Januar 1970 Zweifel daran: Unter den niedrigen Nummern - die mit dem Ticket nach Vietnam - befanden sich verblüffend viele mit Tagen der zweiten Jahreshälfte. Es lag wohl daran, dass die Kugeln in der Reihenfolge 1. Januar bis 31. Dezember in die Schüssel gefüllt wurden und die letzten Monate mangels guter Durchmischung obenauf liegen blieben.

Trotz dieser Ungereimtheiten wurde zwar der Ablauf der nächsten Ziehung im Juli 1970 verändert, aber die Vietnam-Lotterie vom Dezember 1969 nicht wiederholt. Die unfreiwilligen Teilnehmer mussten mit den Ergebnissen leben - oder sterben.

Dazu war Denis R. O'Neill, geboren am 13. Dezember 1948, nicht bereit. Er wollte auf keinen Fall nach Vietnam. "Das einzige, was ich gegen meinen Einzug vorzuweisen hatte, war ein Attest, das mir ein kaputtes Knie beschied", sagt er. Dass er damit Sport treiben konnte - dem Mediziner bei der Musterung band er das nicht auf die Nase.

Gesundheitliche Probleme waren eine Möglichkeit, die Einberufung zu vermeiden. Und es gab noch andere Wege. So siedelten Zehntausende junge Männer nach Kanada um, bis sich die USA 1973 aus Vietnam zurückzogen. Manche täuschten auch Homosexualität vor oder fälschten Papiere. Andere verbrannten ihre Einberufungen und gingen ins Gefängnis. Berühmtester Kriegsdienstverweigerer: Muhammad Ali (siehe Fotostrecke). Es gab sogar Kriegs-Kandidaten, die sich selbst verstümmelten, zum Beispiel den Zeigefinger abschnitten.

Status 4-F, ausgemustert

Auch O'Neill's Freunde waren in ihrer Not erfinderisch. Einer zog seine Wanderschuhe an, versiegelte die Schnürsenkel mit Klebstoff und liess fortan Pilzkulturen wuchern. Einer rauchte Kette, einer vertilgte täglich fünf Portionen Makkaroni, um mächtig zuzunehmen. Ein anderer Freund verschaffte sich bei einer Krankenschwester eine gefälschte Bescheinigung seines Bluthochdrucks - Tête-à-tête inklusive. Vor der Musterung hetzte er schnell noch ein paar Mal die Treppe vor dem Gebäude hinauf und hinab, um seinen Blutdruck wirklich in die Höhe zu treiben.

Vielfach konnten die Trickser die Einberufung tatsächlich abwenden. Auch O'Neill: "Ein Arzt sah sich mein Knie an, dann mein Attest, und meinte letztlich, dass ich kein Risiko eingehen dürfe. Status 4-F, dienstuntauglich." Ein schlechtes Gewissen verspürte der Eishockeyspieler schon - schließlich mussten weitaus weniger fitte Altersgenossen in den Krieg ziehen.

Bis 1972 kam es zu drei weiteren Vietnam-Draft-Lotterien, im Jahr darauf schaffte die Regierung die Wehrpflicht ab. Der Abzug aus Vietnam war beschlossene Sache, man brauchte keine neuen Soldaten mehr, so die Begründung - aber die starke Opposition gegen den Krieg in Fernost spielte sicher eine große Rolle. In den späteren Irak-Konflikten reichte das Berufsheer aus. Erst bei Ausrufung des nationalen Notstands käme es in den USA zur Wiedereinführung einer Lotterie.

Denis R. O'Neill musste nicht nach Vietnam, konnte sein Studium abschließen und tingelte eine Zeitlang als Folksänger herum, bis er zu schreiben begann. Seine bekannteste Arbeit ist das Drehbuch zu "Am wilden Fluß", 1994 mit Meryl Streep verfilmt. Vor drei Jahren veröffentlichte O'Neill ein Buch über die Zeit der Lotterie. "Es war eine Zeit, die unbekümmerten jungen Männern wegen eines völlig unnötigen Krieges ein Damoklesschwert über den Kopf hängte", sagt er. Und ist sicher: Niemand hat seine Losnummer je vergessen, oder seinen Aufenthaltsort, als die Lotterie lief.


Zahlreiche Geschichten von Zeitzeugen der Kriegslotterie sind auf www.vietnamwardraftlottery.com nachzulesen.



insgesamt 22 Beiträge
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Peter Becker, 01.09.2016
1. War
"....how shitty war is that it's started by politicians and has to be finished by ordinary people that don't really want to kill anybody. " (Bruce Dickinson - 22nd August 1992) .... passt auch hier.
Markus Witte , 01.09.2016
2.
verstanden habe ich die Regeln jetzt nicht.
Philipp Börker, 01.09.2016
3. Tag, Anfangsbuchstabe UND?
Die Nummern 14, 163 und 365 mussten ja wohl auch eine Bedeutung gehabt haben, oder warum war es besser, eine hohe Nummer zu haben?
Urs Arnold, 01.09.2016
4. Lotterieprinzip
Zur Vereinfachung des Lotteriprinzips: 366 Kugeln wurden der Reihe nach gezogen. In den Kugeln befanden sich die Daten eines Schaltjahres. Beispiel: Der 14. September wurde als erstes gezogen, erhielt also die Nummer 1. Der 31. August wurde als elftes gezogen, bekam also die Nummer 11. Betroffen waren alle Männer mit den Jahrgängen 1944 bis 1950. Es ging bei der Lotterie schlichtweg darum, eine Priorisierung der potentiellen Soldaten vorzunehmen. Schon vor der Lotterie war dabei klar, dass Männer mit Nummern über 200 nicht zur Musterung aufgeboten werden würden. Die USA brauchte zwar Soldaten, so viele dann aber auch nicht ...
Christian De Wille, 01.09.2016
5. Also noch mal...
Verstehe ich das System so richtig... Gezogen wird z.B. der 1.September, alle Jungs geboren am 1.9. halten die Luft an, jetzt wird eine Nummer gezogen z.B. die 349. Alle 1.9. Jungs atmen einmal seufzend aus. Nun wird der 11.März gezogen...wieder halten alle die Luft an...gezogen wird die Zahl 8...alle 11.März Jungs schreien laut "Scheiße!" ?
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