Soldaten-Feuerzeuge aus Vietnam "Begrabt mich mit dem Gesicht nach unten"

Soldaten-Feuerzeuge aus Vietnam: "Begrabt mich mit dem Gesicht nach unten" Fotos
Sammlung Rolf Gerster

Vietnam auf kleiner Flamme: Im Kriegseinsatz verzierten US-Soldaten ihre Feuerzeuge mit Comic-Figuren, Totenschädeln oder sarkastischen Statements. Sie sollten Glücksbringer sein. Doch sie kamen auch auf brutalen "Zippo Missions" zum Einsatz. Von

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"Es kann eine Menge passieren." Sergeant Dennis E. Ulstad hatte im Dezember 1968 diesen Satz seiner Heimatzeitung in Billings, Montana, gesagt. Dem US-Marine war gerade ein Orden verliehen worden, weil er in Vietnam nach einem Überfall der Vietcong auf seine Patrouille die Überlebenden sicher durch den Dschungel zur Hubschrauber-Landezone geführt hatte. Ulstad wusste, was alles passieren konnte.

Im Januar 1969 meldete sich Ulstad zu seinem dritten Einsatz im 1. Aufklärungsbataillon der US-Marineinfanterie in der südvietnamesischen Provinz Da Nang. "1ST RECON BN DA NANG VIET NAM" hatte er deshalb auch auf die Rückseite seines Zippo-Feuerzeugs gravieren lassen, dazu die Zahlen 66-67-68 für die Dienstjahre. Auf der Vorderseite standen Name, Dienstgrad und Dienstnummer. Darunter gab es eine kleine Zeichnung, ein bekanntes Motiv der "Peanuts": Linus mit Kuscheldecke, ein philosophischer Kindskopf, der kluge Sprüche von sich gab, aber nie ohne sein Schmusetuch sein konnte. Die Decke war eine Art Schutz, im Notfall konnte er sie sogar als Waffe einsetzen. "Security blanket" hieß Linus' Kuscheltuch im Englischen, Sicherheitsdecke. "FALSE SECURITY", trügerische Sicherheit, hatte Ulstad direkt unter das Motiv gravieren lassen.

Das Feuerzeug trug der Soldat immer bei sich. Wie die meisten seiner Kameraden: Zippos waren bei den rund drei Millionen US-Soldaten, die in den sechziger und siebziger Jahre in Südostasien dienten, äußerst beliebt. Der metallisch glänzende Quader sah edel aus und lag mit seinen abgerundeten Ecken gut in der Hand. Es klackte, wenn man den Deckel zurückspringen ließ, und knarzte, wenn man an dem Rädchen drehte, um die Flamme zu entzünden. Auch in feuchtwarmem Klima funktionierte es zuverlässig. Und selbst wenn das Feuerzeugbenzin knapp war, konnte das Zippo leicht aufgefüllt werden, indem man es an einen Draht band und in den Tank eines Panzers oder Flugzeugs tauchte.

"Fuck You Red Baron!!"

Schon die Väter der Soldaten in Vietnam hatten das Zippo zu schätzen gewusst und waren damit in den Zweiten Weltkrieg gezogen. Kriegsreporter hatten berichtet, wie so ein Benzinfeuerzeug aus der Fabrik von George Grant Blaisdell in Bradford, Pennsylvania, in einer Brusttasche sogar einem Soldaten das Leben gerettet hatte, als eine feindliche Kugel daran abprallte.

Spätestens da wohl hatte der mythische Ruhm des Zippos begonnen. Als Glücksbringer und Talisman betrachteten viele US-Soldaten in Vietnam ihr Feuerzeug. Abergläubisch trugen sie es in der Brusttasche. Und sie hatten es zu etwas Einzigartigem gemacht: Verziert mit Wappen und Emblemen, witzigen Sprüchen und bitteren Nachrichten wie "Wenn du meine Leiche findest. Fuck you!", Bibelzitaten und pornografischen Abbildungen. Oder mit Comic-Motiven. Wie Sergeant Dennis E. Ulstad.

Die Peanuts waren besonders beliebt: Charlie Brown, Linus' ältere Schwester Lucy oder Snoopy, der Hund. Letzterer lag meist auf seiner Hütte und schleuderte dem imaginären Feind in einer Sprechblase seine Verwünschungen entgegen: "FUCK YOU RED BARON!!" - eine Anspielung auf den Roten Baron Manfred von Richthofen, den legendären deutschen Jagdflieger im Ersten Weltkrieg. Mit den Peanuts-Comics, 1950 erstmals erschienen, waren viele Soldaten aufgewachsen. Einen Cartoonstreifen gab es auch in jeder Ausgabe der Armeezeitschrift "Stars and Stripes". Mit den Zippos trugen die jungen Amerikaner ihre kleinen Alltagshelden bei sich.

Manchmal allerdings ging ein Zippo auch verloren. Manchmal wurde eines gestohlen. Oder weggeworfen. Dann kaufte man sich ein neues: für 1,80 Dollar in einem der Armee-Shops. An Straßenständen konnte man es von Vietnamesen gravieren lassen. Fast jeder hatte eines. Selbst dann, wenn er gar kein Raucher war. Der Flammenspender galt als nützliches Utensil, das viele schon aus ihrer Pfadfinderzeit kannten.

Mit Pfadfinder-Romantik allerdings hatte der Einsatz im Dschungel wenig zu tun. Große Aufmerksamkeit zog das Zippo in Vietnam erstmals auf sich, als der amerikanische Fernsehsender CBS am 5. August 1966 eine Reportage seines Korrespondenten Morley Safer brachte. Safer hatte einen Trupp US-Marines in ein Dorf begleitet und mitangesehen, wie die Soldaten mit ihren Zippos Hütten in Brand setzten. Es war eine der berüchtigten Search-and-Destroy-Missionen gewesen, mit denen die USA Vietcong aufspüren und deren Existenzgrundlage zu vernichten suchten.

Nachdem das Pentagon vergeblich versucht hatte, den Bericht zu stoppen, rief ein wütender US-Präsident Lyndon B. Johnson beim Chef des Senders an und blaffte ins Telefon: "Frank, hier ist Ihr Präsident, und gestern haben Ihre Jungs auf die amerikanische Flagge geschissen!"

Zippo als tödliche Waffe

Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg waren US-Soldaten in den Medien nicht als Befreier, sondern als Zerstörer dargestellt worden. Und das Zippo hatte eine unrühmliche Hauptrolle dabei gespielt. Es sollte nicht das einzige Mal bleiben: "Zippo mission" gehörte bald zum Soldaten-Slang. Der Markenname wurde zum Synonym für Flammenwerfer oder gleichbedeutend mit dem Verb "abfackeln" benutzt.

Ende Januar 1968 hatte die kriegsentscheidende Tet-Offensive des Vietcong der amerikanischen Öffentlichkeit vor Augen geführt, mit welchem Ausmaß an vietnamesischen Untergrundaktivitäten sie es zu tun hatten. In der Folge brannten Bodentruppen alles nieder, was auch nur den Anschein erweckte, ein Partisanen-Versteck zu sein.

Im Jahr der Präsidentschaftswahl erreichten das amerikanische Fernsehpublikum Bilder von verstümmelten GIs, zerstörten Dörfern und entlaubten Wäldern. Die Stimmung in der Bevölkerung kippte und spiegelte sich auch auf der verchromten Oberfläche der Soldaten-Zippos wider: Immer häufiger waren darauf Protest-Statements, Antikriegsparolen und Friedenszeichen zu finden.

Im gleichen Jahr begannen in Paris die Waffenstillstandsgespräche zwischen den USA und Nordvietnam. Johnsons Nachfolger Richard Nixon sah nur noch einen Ausweg: Er musste die eigenen Truppen aus dem Krieg holen, ohne das Gesicht zu verlieren. Im Januar 1973 endlich lag das Abkommen vor: Es besiegelte eine sofortige Waffenruhe und den vollständige Truppenabzug der Amerikaner bis Ende März. Lediglich etwa tausend Militärberater verblieben im Land.

Doch die Kämpfe waren damit nicht beendet: Erst gut zwei Jahre später brachen nordvietnamesische Panzer durch das Gitterportal des Präsidentenpalastes in Saigon. Mit Hubschraubern flohen die letzten Amerikaner in der Nacht zum 30. April 1975 von einem Dach auf dem US-Botschaftsgelände. Schon ein Jahr später schien die schmachvolle Niederlage fast vergessen.

Erinnerungsstücke tragischer Helden

Zehn Jahre später kehrte das Thema ins Bewusstsein zurück, als US-Präsident Ronald Reagan versuchte, das Vietnam-Desaster in einen moralischen Sieg umzudeuten, und den Tod der mehr als 58.000 US-Soldaten als selbstloses Opfer im Kampf gegen die kommunistische Tyrannei interpretierte. TV-Serien und Veteranen-Memoiren ließen die Schrecken des Krieges wieder aufleben. Medien berichteten von verstörten Ex-Soldaten, die sich in den Bergen verschanzt hielten, von ehemaligen GIs, die alkohol- oder heroinabhängig nie in Alltag und Arbeit zurückgefunden hatten. Die aufblühende Erinnerungskultur verklärte sie zu tragischen Helden.

Und Zippos wurden zu einzigartigen Zeugnissen dieser Biografien. Schnell hatte sich auch in Vietnam herumgesprochen, dass es sich bei den alten US-Feuerzeugen um wertvolle und von Touristen begehrte Souvenirs handelte. Händler und Straßenverkäufer fahndeten danach, in Saigon entstand ein Markt für derlei Devotionalien.

Für die Vietnamesen war das Zippo dabei offenbar weit weniger ein bedeutungsschwerer Erinnerungsgegenstand als vielmehr eine reine Ware. Als die Nachfrage das Angebot überstieg, wurden die altbekannten Gravuren einfach in immer neue Feuerzeuge eingekratzt. Mittlerweile werden die Vietnam-Zippos auch im Internet gehandelt.

90 bis 95 Prozent der im Umlauf befindlichen Zippos, schätzt der Schweizer Sammler Rolf Gerster, seien gefälscht. Nachdem er selbst auf eine Imitation reingefallen war, spezialisierte er sich auf die Identifikation von Zippos. Mit etwas Glück, sagt Gerster, bestünden aber tatsächlich noch Chancen, Originale zu erwerben. Was ihn daran besonders fasziniert, sei aber weniger der Kauf an sich. "Das Spannendste ist die Recherche", sagt Gerster, "den ursprünglichen Besitzer ausfindig zu machen."

Den genauen Weg nachzuvollziehen, den ein Zippo von Vietnam aus genommen hat, ist nicht ganz einfach. Auch das Feuerzeug des Marines Dennis E. Ulstad war eines Tages im Internet angeboten worden. Das Zippo mit der Linus-mit-Kuscheldecke-Illustration landete bei Ebay. Ein Militariahändler hatte es eingestellt. Wie bei all seinen Neuerwerbungen hatte Gerster auch in diesem Fall auf Authentizität geachtet.

Einen Beleg für die Existenz eines gewissen Sergeant Dennis E. Ulstad hatte der Händler gleich mitgeliefert: einen Zeitungsartikel über den Soldaten Ulstad aus dessen Heimat Billings. Gerster erfuhr daraus, dass er den ursprünglichen Besitzer des Zippos nicht mehr würde kontaktieren können.

So wenig, wie Linus' Kuscheldecke echte Sicherheit garantierte, so wenig hatte Ulstads Feuerzeug als Glückbringer getaugt: Nur 21 Tage nach Beginn seines dritten Einsatzes verunglückte der US-Marine während einer Aufklärungsmission. Der 21-Jährige hatte außen an einem Hubschrauber an einer Leiter gehangen, als der Helikopter plötzlich an Höhe verlor. Ulstad stürzte in einen Fluss und ertrank. Seine Kameraden bargen ihn später aus dem feindlich kontrollierten Gebiet nahe An Hoa in der Provinz Quang Nam. Die Armee überstellte den Leichnam in die Heimat. Und mit ihm das Feuerzeug.

Zum Weiterlesen:

Sherry Buchanan: "Vietnam Zippos". Thames & Hudson, London 2007, 180 Seiten.

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Jim Fiorella: "The Viet Nam Zippo - Cigarette Lighters 1933-1975". Schiffer Publishing Ltd., Atglen 1998, 189 Seiten.

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insgesamt 7 Beiträge
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1.
Johannes Höper 28.03.2013
In Bild Nr. 10 wird "sucking chest wound" mit "beschissene Brustverletzung " übersetzt. Das Trauma ist zwar in der Tat beschissen, es heißt aber in diesem Zusammenhang tatsächlich "saugend", da es sich um einen Pneumothorax, also eine Verletzung des Rippenkäfigs mit Lungenperforation handelt. Bei jedem Atemzug wird "Nebenluft" gezogen.
2.
Rolf Weber 28.03.2013
Zu Foto Nr. 9: "Ask not what your head can do for you, but what you can do for your head." Etwas seltsam intelektuell, bis man weiß, dass im Jargon der Marines "Head" die offene, stinkende, höchstens von ein paar Btreetern als Sichtschutz umgebene Latrine ist.
3.
deine oma 30.03.2013
"your never behind when your a head" gut zu wissen, ein mangelndes kenntnis an grammatik war also auch damals schon in der amerikanischen gesellschaft vorhanden und ist keineswegs ein problem der internet jugend ;) *you're
4.
Wolfgang Jaschke 28.03.2013
Aus Heinrch V kurz vor der Schlacht bei Agincourt : BATES. ..wir wissen genug, wenn wir wissen, daß wir des Königs Untertanen sind: wenn seine Sache schlecht ist, so reinigt unser Gehorsam gegen den König uns von aller Schuld dabei. WILLIAMS. Aber wenn seine Sache nicht gut ist, so hat der König selbst eine schwere Rechenschaft abzulegen; wenn alle die Beine und Arme und Köpfe, die in einer Schlacht abgehauen sind, sich am Jüngsten Tage zusammenfügen, und schreien alle: »Wir starben da und da«... Und ich denke: Wer klug genug ist um die Gerechtigkeit eines Krieges korrekt zu berurteilen, ist höchstwahrscheinlich zu klug um auf Befehl in einen Kugelhagel zu stürmen.
5.
Andreas Buda 30.03.2013
Bild 10: Ich finde es etwas gewagt eine "sucking chest wound" mit einer schweren Lungenentzündung zu übersetzen.
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