Vietnamkrieg Das weiße Schiff der Hoffnung

Vietnamkrieg: Das weiße Schiff der Hoffnung Fotos
Deutsches Rotes Kreuz

Auch Deutschland war in Vietnam dabei? Ja, aber nicht mit Soldaten, sondern mit einem schwimmenden Krankenhaus. Das Hospitalschiff "Helgoland" wurde zwischen 1966 und 1972 zum Symbol für Hoffnung und Menschlichkeit - auch wenn die Presse lieber über Sex-Eskapaden und Alkohol-Exzesse berichtete. Max Riemann hat die Geschichte der "Helgoland" recherchiert. Von

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Das kleine Mädchen schrie vor Schmerzen. Napalm-Verbrennungen hatten sich tief in ihre Unterschenkel eingefressen, die Wunden bereits zu eitern begonnen. Die

Mutter hatte ihre schwerstverletzte Tochter aus einem kleinen Dorf an der Grenze zu Laos an Bord des deutschen Hospitalschiffs "Helgoland" gebracht.

Drei Tage hatte die beschwerliche Reise in die südvietnamesische Hauptstadt Saigon gedauert. Mehrere Operationen waren nötig, um das Leben der jungen Vietnamesin zu retten, die das Brandmal des Krieges bis heute an ihrem Körper trägt. Ebenso trägt sie aber auch den Dank an die Ärzte aus Deutschland in ihrem Herzen, die damals für sie sorgten.

Viereinhalb Jahre lang, zwischen September 1966 und Januar lag die "Helgoland" in den Häfen von Saigon und Da Nang, ein schwimmende Festung der Humanität mitten im Inferno des Vietnamkriegs. In nur sechs Monaten war die "Helgoland" vom Ausflugsdampfer zum Hospitalschiff mit 150 Betten, drei Operationssälen und vier Fachabteilungen (Chirurgie, Innere Medizin, Gynäkologie, Radiologie) umgebaut worden. Insgesamt 54 Ärzte und 160 Pflegekräfte versorgten während des Einsatzes über 11 000 stationäre Fälle, weitere 200 000 Patienten konsultierten die angeschlossene Ambulanz.

Granatbeschuss durch den Vietcong

Wäre das Mädchen in eine vietnamesische Klinik gekommen, hätte sie kaum überlebt. Der medizinische und Hygienestandard in Vietnam war desaströs, für 17 000 Menschen gab es lediglich einen Arzt. Entsprechend groß war der Andrang von Verletzten und Kranken auf dem "schwimmenden Krankenhaus", das auf dem Höhepunkt des Vietnamkriegs im Saigoner Hafen vor Anker ging.

Doch die "Helgoland" war nicht nur die beste Klinik Indochinas - sie bedeutete für die kriegsgebeutelten Menschen auch ein Stück Hoffnung, nicht allein zu sein. Die Hilfe war unbürokratisch, kostenlos und unabhängig von politischen Überlegungen: "Wir fragten nicht, woher sie kamen", betitelte Chefarzt Christoph Nonnemann passend seine in Buchform erschienenen Erinnerungen.

Die deutsche Öffentlichkeit verfolgte die Arbeit mit großer Aufmerksamkeit. Einzelschicksale sorgten für rührselige Reportagen, der - zum Glück folgenlose - Granatbeschuss durch den Vietcong für Schlagzeilen.

Sex-Eskapaden und alkoholisierte Matrosen

Vor allem aber die wenigen Negativereignisse wurden von den Medien ausgeschlachtet und hochgeschaukelt: So blieben (bis heute unbestätigte) Gerüchte über alkoholisierte Matrosen und ihre Sex-Eskapaden im Saigoner Rotlichtviertel nicht folgenlos: Rolf Heese, erster Kapitän der "Helgoland", wurde

abberufen.

Dennoch konnten solche Berichte dem positiven Bild der Mission nichts anhaben. Nie wurde die Mission der "Helgoland" in der deutschen Öffentlichkeit in Frage gestellt, auch nicht von der Anti-Vietnamkriegsbewegung für Negativpropaganda instrumentalisiert - obwohl das Schiff ja als Geste gegenüber den USA galt und dort zugleich Opfer der amerikanischen Napalm- Attacken behandelt wurden.

Das Positive überwog - dem inneren Widerspruch zum Trotz. Helgoland-Arzt Klaus Wagner erklärt sich dies mit dem humanitären Charakter des Einsatzes: "Humanität war die Folge der Ablehnung militärischen Engagements. Negativhaltung zum Krieg war das eigentliche Erfolgsgeheimnis der Mission."

Vietnam damals - Afghanistan heute

Weitaus weniger als die Bilder und Berichte über den Einsatz vor Ort dürften in der bundesdeutschen Öffentlichkeit die politischen Hintergründe sein, die zum Einsatz des "weißen Schiffs der Hoffnung" führten. Heute, wo Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Jung (CDU) unter Druck seitens der USA und der Nato-Partner steht, Bundeswehrsoldaten für Kampfeinsätze im Krieg gegen al-Qaida und die Taliban in Afghanistan bereit zu stellen, bekommt diese Episode der transatlantischen Beziehungen wieder eine besondere Aktualität.

Allerdings dürfte es Jung im Gegensatz zum damaligen Bundeskanzler Ludwig Erhard heute kaum gelingen, Soldaten der Bundesrepublik am Hindukusch vor direktem Feindkontakt zu bewahren. Den Eindrücken zufolge, die SPIEGEL-Reporter Matthias Gebauer unmittelbar nach dem tödlichen Anschlag auf drei Bundeswehr-Angehörige im Mai 2007 im lokalen Krankenhaus der Provinzstadt Kundus gewann, ist auch mit einer vergleichbaren medizinischen Hilfsaktion von deutscher Seite kaum zu rechnen: Mohammed Amshwani, Chefarzt der Chirurgie im Spinzar-Hospital, musste die zum Teil schwerstverletzten afghanischen Opfer des Selbstmordattentats unter Bedingungen behandeln, die an Steinzeit-Medizin erinnern. Die Deutschen unterstützen den afghanischen Arzt nicht einmal durch die Bereitstellung von Verbandsmaterial und schmerzstillenden Medikamenten.

Undiplomatische Drohung

Mit "Entsetzen" habe Kanzler Ludwig Erhard (CDU) auf das Anliegen seines Gesprächspartners reagiert, erinnert sich Ludwig Erhards Berater Horst Osterheld an jenen Abend des 20. Dezember 1965 im Weißen Haus in Washington, DC: Deutsche Soldaten sollten, so der Wunsch von US-Präsident Lyndon B. Johnson, den Amerikanern auf den Schlachtfeldern Vietnams beistehen.

Johnson wusste, in welche Lage er seinen Gast er damit brachte: Ein Einsatz der Bundeswehr in Indochina wäre nicht nur aufgrund der Bestimmungen von von Grundgesetz und Nato-Vertrag höchst fragwürdig gewesen - gerade einmal zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und ein Jahrzehnt nach der Wiederbewaffnung hätte der Kanzler einen Marschbefehl für deutsche Verbände kaum durchsetzen können.

Dass Johnson ihn dennoch um einen Beitrag in Form von Sanitäts- und Baubataillonen bat, lag in seinem persönlichen Kampf begründet, den er im Januar 1966 vor dem Kongress bestehen musste: Die US-Abgeordneten wollten eine Erhöhung des Verteidigungshaushalts von einer aktiven Unterstützung

der GIs in Vietnam durch die Verbündeten abhängig machen. Um die Deutschen von seinem Anliegen zu "überzeugen", drohte der Präsident wenig diplomatisch, eine Verweigerung Erhards werde die drastische Reduzierung der in Westdeutschland stationierten US-Truppen zur Folge haben.

Erhards "Liebesgabe"

Schnell begannen Erhards Strategen mit der Suche nach einer Alternative: Die Amerikaner sollten zufrieden gestellt und zugleich eine innenpolitische Krise vermieden werden. Die rettende Idee kam aus dem Auswärtigen Amt: ein Hospitalschiff solle entsandt werden, um einen Beitrag zur medizinischen Versorgung der Zivilbevölkerung Südvietnams zu leisten. Die Anregung fand im Kabinett einhelligen Zuspruch - die Bundesregierung konnte guten Willen demonstrieren

und war unverdächtig, in den Vietnamkonflikt militärisch eingreifen zu wollen.

Erhards "Liebesgabe" hatte jedoch nur symbolischen Charakter, denn die IV. Genfer Konvention untersagte die Behandlung von Soldaten an Bord - kein Nutzwert also für die Army. Auch Erhard selbst profitierte nicht: Artig dankte ihm Johnson und forderte sogleich die sofortige Leistung der im Offset-Abkommen vereinbarten Devisenausgleichszahlungen zur Aufstockung des US-Militärbudgets.

Politiker aller Fraktionen im Bundestag - auch der CDU - sahen mit der "Helgoland"-Mission allerdings Deutschlands Potenzial in Vietnam ausgeschöpft. Der Streit um die Offset-Gelder war einer der Gründe für den Sturz von Kanzler Erhard im Herbst 1966.

Johannes Max Riemann hat über den Einsatz der "Helgoland" an der Universität Düsseldorf 2002 seine Magisterarbeit geschrieben.

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1.
Manfred Blum 03.03.2008
Ich meine, dass der Bericht über die Helgoland, deren Auftrag und Leistungen im Vergleich mit den politischen Hintergrundschilderungen zu kurz kommt. Doch zunächst einige Daten: der Einsatz der Helgoland begann am 10. August 1966 in Saigon. Weil dort die medizinische Versorgung gesichert war und zudem kaum Zivilopfer zu versorgen waren, verließ das Schiff Saigon am 16. Sept. 1967 über Singapur (Desinfizierung) und fuhr nach Da Nang. Die Ankuft dort war am 02.10.1967. Der Auftrag lautete: Versorgung ziviler Kriegsopfer. Die große Zahl ziviler Kriegsverletzter, die täglich mit Helikoptern aus großer Entfernung nach Da Nang gebracht wurden, konnten zu diesem Zeitpunkt im dortigen Krankenhaus mit dem knappen vietnamesichen Personal und der unzulänglichen Ausstattung nicht versorgt werden. Gerade das aber sollte durch die Entsendung der Helgoland erreicht werden. Von Beginn der Arbeiten in Da Nang war das auf 150 Betten ausgerichtete Hospitalschiff in der Regel mit rund 200 Patienten belegt. Das konnte nur dadurch erreicht werden, dass sich in der Regel 2 Kinder ein Bett teilten. Der Verlegungstermin macht deutlich, dass das Schiff gerade n i c h t in der Hauptkampfzeit in Saigon ( sondern in Da Nang ) lag. Der medizinische Einsatz der Helgoland endete am 31.12.1971. Danach wurde die gesamte Ausstattung den vietnamesischen Krankenhäusern in Da Nang, in Tam Ky und Kontum sowie der örtlichen Leprastation und dem inzwischen erbauten Malteser-Krankenhaus übergeben. Das Schiff wurde am 18.01.1972 verabschiedet. An Bord arbeiteten rund 75 deutsche Kräfte, davon 44 vom DRK ( 8 Ärzte, 4 MTA, 4 Verwaltungskräfte, 18 Schwestern und Krankenpfleger ) sowie 30 der seemännischen Besatzung ( Kapitän, Offiziere, Ingenieure, Elektriker, Funker, Zimmermann, Matrosen und Köche ). Weiterhin arbeiteten täglich rund 70 vietnamesischer Hilfskräfte an Bord ( Dolmetscher, Kraftfahrer, Wäscher, Bügler, Reinemachefrauen, Schneiderin. Die Gesamtbesatzung betrug also rund 150 Personen, die es natürlich ebenso zu verpflegen galt wie die rund 200 Patienten. Damit der Zuschauer/Hören/Leser einen Vergleich hat; Länge des Schiffes; 91.5 m; Breite 14.5 m ; 3.001 BRT. Das entspricht etwa der Größe eines Ausflugsdampfers auf dem Rhein. Aber es war ein voll ausgestattes schwimmendes Krankenhaus. Im Vorfeld der Entsendung hatte die nordvietnnamesiche Regierung Attacken, gar Angriffe auf das Schiff angekündigt. Deshalb hatten sowohl die Amerikaner als auch die Vietnamen die scharfe Bewachung der Helgoland angeboten. Gerade das aber hatte das DRK wegen der Einhaltung der Neutralität und der Versicherung, ausschließlich Zivilverletzte, woher sie auch immer kommen mochten, zu versorgen. Diese Argumernte haben überzeugt und es hat zu keiner Zeit Angriffe oder auch nur eine Störung in der Arbeit des Hospitalschiffes gegeben. Sehr schnell wurde bekannt, was auf dem Schiff geleistet wurde; regelmäßig wurden Schwerverletzte gebracht, 2x in der Woche konnten sie von ihren Angehörigen besucht werden. In Da Nang hieß die Helgoland " das weiße Schiff der Hoffnung". Es freut mich sehr, dass das Titelbild aus meiner Kamera stammt. Ich hatte es Silvester 1968 am Liegeplatz der Helgoland in Da Nang aufgenommen.
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