Vietnamkrieg Die Kinder der Operation Babylift

Vietnamkrieg: Die Kinder der Operation Babylift Fotos
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1975 wurden bei der "Operation Babylift" über 3000 vietnamesische Waisenkinder aus dem vom Vietcong belagerten Saigon ausgeflogen. Die meisten wurden von amerikanischen Familien adoptiert. Nun machen sich die Kinder von gestern auf, ihre Vergangenheit zu suchen - für manche ein schmerzhafter Prozess.

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Die in Saigon geborene Amerikanerin Lyly Koenig weiß nichts über ihre leiblichen Eltern. Außer, dass ihre Mutter sie vor der Tür eines Waisenhauses in der südvietnamesischen Hauptstadt abgelegt hat und verschwand. Das ist alles, was Koenig erzählen kann, wenn ihre amerikanischen Freunde über ihre Familiengeschichten reden. Heute ist Lyly Koenig 30 Jahre alt und verkörpert den amerikanischen Traum: Aufgewachsen in einem behüteten Elternhaus in Festus, Missouri. Highschool, Studium, jetzt Architektin in San Diego, Kalifornien. "Ich habe hier eine hervorragende Ausbildung bekommen. Außerdem konnte ich Freiheit genießen", sagt sie. An diesem Tag im April hat ihre Vergangenheit sie eingeholt: Lyly Koenig ist von Kalifornien an die andere Seite der USA gereist, nach Holmdel in New Jersey.

Im Internet hat sie gelesen, dass Adoptiveltern und Adoptivkinder einen Tag lang der Aktion gedenken wollen, die die Waisenkinder 1975 aus Saigon in die USA brachte.

Ein Waisenkind von vielen

Lyly Koenig kam als Baby in die USA. Damals, im April 1975, war sie noch nicht einmal ein Jahr alt. Ein Waisenkind von vielen, mehr als 50.000 sollen es gewesen sein. Die katastrophale Situation in Vietnam war entstanden, nachdem zwei Jahre nach dem Waffenstillstand mit den USA nordvietnamesische Truppen in Richtung Südvietnam vorrückten. Im Land brach eine Hungerkatastrophe aus. Der Krieg machte es für viele Eltern unmöglich, ihre Kinder zu ernähren.

Viele der Waisenkinder waren aus Beziehungen zwischen GIs und Vietnamesinnen hervorgegangen. Nicht wenige von ihnen setzten die Babys aus. Viele der Säuglinge und Kleinkinder starben bereits im Vietnam an Unterernährung oder Krankheiten wie Masern, gegen die es kaum Medikamente gab.

Angesichts der Hungersnot und der Belagerung Saigons durch den Vietcong appellierten Waisen-Organisationen an den US-Präsidenten Gerald Ford, Kinder in westliche Länder ausfliegen zu lassen. Am 3. April 1975 kam das Okay des Präsidenten, 2000 Kinder wurden in die USA ausgeflogen, weitere 1300 nach Kanada, Europa und Australien. Sie wurden von Familien in den jeweiligen Ländern adoptiert.

Das Treffen an diesem Tag in New Jersey ist eine Mischung aus Klassentreffen und Therapie. Im lebhafteren Teil der Veranstaltung berichtet LeAnn Thieman, die für die Waisen-Organisation "Friends of Children of Vietnam" in fünf Tagen 300 Babys in die USA holte, von den chaotischen Zuständen in Saigon. 22 Säuglinge wurden in einen VW-Bus gesteckt, zum Flughafen gebracht.

Dort warteten Flugzeuge, die von der US-Regierung für den Kinder-Transport präpariert waren. In 60 mal 60 Zentimeter großen Boxen wurden zwei bis drei Babys auf die Flugzeugsitze gelegt. "Ich habe die ganze Zeit gewickelt und gefüttert", erzählt Thieman, die ihre Erinnerungen in einem Buch verarbeitet hat. Demnächst soll es auch einen Spielfilm über die "Operation Babylift" geben, verrät sie.

Kaum ein Kind kennt seine Wurzeln

Fotos werden herumgezeigt, einige Vietnam-Veteranen geben ihre Geschichten zum besten. Draußen werden vietnamesische Spezialitäten auf dem Grill zubereitet, Bücher verkauft, Filme eingespielt. Viele der heute 30-jährigen kennen sich bereits, denn seit 1995 finden regelmäßig Treffen der "Babylift Adoptees" statt. Zusammen wollen sie sich für ein Denkmal einsetzen, das an die "Operation Babylift" erinnert. Und vor allem an die vielen Kinder, die vor und bei der Überführung in die USA starben. Eines der Flugzeuge, das aus Saigon in die Freiheit startete, stürzte ab, etwa 200 Menschen kamen dabei ums Leben.

"Ich möchte mehr über meine Vergangenheit erfahren", beschreibt Lyly Koenig den Grund ihres Erscheinens. Bislang habe sie sich nicht getraut, nach ihren vietnamesischen Ursprüngen zu forschen. Doch jetzt, 30 Jahre nach ihrer Adoption, sei sie bereit. Im Juni wird sie mit 19 anderen "Babylift"-Leuten nach Vietnam reisen - zum ersten Mal überhaupt. Dann will sie nach ihren Eltern suchen, wo auch immer sie sind. Ärger darüber, dass sie ausgesetzt wurde, spürt sie nicht: "Ich bin eher dankbar dafür, dass meine leiblichen Eltern mich in die USA haben gehen lassen, wo ich unter besseren Bedingungen aufgewachsen bin."

"Fremder im eigenen Land"

Doch es gibt auch kritische Töne an diesem Nachmittag. In den hektischen Apriltagen des Jahrs 1975 existierten kaum Geburtsurkunden oder Angaben darüber, ob die leiblichen Eltern eines Kindes verstorben waren oder nicht. Die Kinder bekamen bei ihrer Adoption eine völlig neue Identität verpasst, die Mitarbeiter der Waisenhäuser vor Ort erfanden neue Namen. Es gab einige Fälle, bei denen die leiblichen Eltern ihre Kinder zurückhaben wollten, als diese schon längst bei ihren Adoptivfamilien waren. Und kaum ein Kind kennt seine Wurzeln.

"Der amerikanische Traum hat für uns einen Preis. Den Preis, nie Mama, Papa und Geschwister kennengelernt zu haben. Den Preis, seinen Ursprung nicht zu kennen. Den Preis, ein Fremder im eigenen Land zu sein. Den Preis, Schuldgefühle zu haben", meint Jonathan Groth, ebenfalls ein Babylift-Adoptierter.

Das Gefühl,in den USA noch immer nicht richtig angekommen zu sein, kennt auch Jared Rehberg. Seine amerikanischen Adoptiveltern hatten das Thema Vietnam in seiner Kindheit immer gemieden. Vor zwei Jahren reiste er dann das erste Mal nach Saigon. "Ich wollte einfach wissen, wer ich bin" sagt der 30-jährige Rehberg, der in New York für einen Lokal-Fernsehsender arbeitet. Dann kamen die Schuldgefühle. "In den Straßen sah ich Leute in meinem Alter, die Eis verkauften, weil sie einfach nicht die Möglichkeiten auf Ausbildung hatten wie ich."

Um seine Selbstzweifel loszuwerden, wählte er die Musik als Medizin. Und so steht er vor seinen Altersgenossen, die eine ähnliche Geschichte haben wie er und singt sein Lied: "Waking up American" heißt es, weil er von einem Tag auf den anderen mit einem neuen Namen in den USA aufgewacht ist.

Volker ter Haseborg

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 08.04.2005

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1.
Manfred Blum 29.02.2008
Mit Interesse habe ich Ihren Bericht "Babylift" gelesen. Ich war in der Zeit von Juni 1968 bis Juli 1969 Verwaltungsleiter auf dem ehemaligen Hospitalschiff "Helgoland" in Da Nang und habe natürlich die weitere Entwicklung in Vietnam intensiv verfolgt. Zu diesem Thema "Babylift" sollte nicht verschwiegen werden, dass in den letzten aufregenden Tagen ein Grossraumbomber " B 52 " mit rund 300 Kindern kurz nach dem Start in Saigon abgestürzt ist. Alle Kinder kamen damals ums Leben. Bei einer der Begleitpersonen handelte es sich um eine ehemalige Rotkreuzschwester, die zuvor auf dem Hospitalschiff "Helgoland" als Krankenschwester tätig war. Auch sie starb. Es gab keine Überlebenden. Manfred Blum, Bornheim
2.
Brian Danielson 07.01.2011
Es war ein C5A Galaxy, welches abstürzte. Ein B52 kann keine Passagiere aufnehmen.
3. Baby-Lift? Nein, Überereste der Ausrottungskampagne der Landbevölkerung
edgar098 18.05.2014
Die kommunistischen Truppen konnten auf den Land in den Dörfern rekrutieren, sich mit Unterschlupf, Infos und Nahrngsmitteln versorgen. Deshalb beschloß man alle Dörfer nuederzubrennen und die Bevlökerung meist umzubringen. Mit welchen Tricks die Militärs die jungen US-Soldaten dazu gebracht haben das zu tun, wurde unter Tränen auf einem Anti-Vietnamkriegs-Kongreß der Vietnamsoldaten berichtet. Es gibt einen 16 mm -Film davon, der natürlich nie in den "seriösen" Mainstreammedien Bereich der NATO-Länder gezeigt wurde. Die Soldaten berichtetetenauch, dass auch Babies "aus humanitären Gründen" erschossen wurden, da man sie ja nicht ganz alleine im zerstörten Dorf, bei den toten Eltern, Tieren etc zurücklassen konnte. Diese US-Militärkampagne, hatte einen Namen und My LAi war nur eines der vielen Dörfer davon. Manche Babies wurden allerdings auch mitgenommen - und nicht wie die Gefangenen Viet Kong aus dem Hubschrauber geworfen.
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