Bunker in Vietnam Wo Joan Baez gegen US-Bomben ansang

Mitten im Vietnamkrieg kam Joan Baez 1972 nach Hanoi. Während draußen Bomben fielen, klampfte sie in einem Luftschutzraum zu Mutmacher-Liedern. Heute ist der Hotelbunker wieder zugänglich, auch Baez kehrte zurück.

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Manchmal heulte die Sirene zwanzig Mal am Tag. Die Bevölkerung von Hanoi verschwand dann schlagartig in der Versenkung. Im Vietnamkrieg hatten die meisten Straßen der Hauptstadt Gehwege mit provisorischen Schutzluken - gerade groß genug für einen Menschen, um in der Hocke auszuharren, bis die dröhnenden B-52-Bomber der US-Armee mit ihrer tödlichen Fracht vorübergezogen waren.

Schutzlöcher wurden auch vor dem edlen Metropole-Hotel ausgehoben, das 1901 im französischen Viertel von Hanoi entstanden war - mit dem Prunk des Kolonialstils. Dort verbrachte 1936 Charlie Chaplin seine Flitterwochen mit Paulette Goddard. Dort bekam Graham Greene 1951 auf der Veranda seinen trockenen Martini serviert und schrieb an seinem Roman "The Quiet American". Und in den mannsgroßen Unterschlüpfen vor dem Hotel kauerten nun immer wieder Menschen in Todesangst.

Hanois größter Schutzbunker wurde während des Vietnamkriegs Mitte der Sechzigerjahre direkt unter dem Luxushotel gebaut. Vorbehalten waren die knapp 40 Quadratmeter Schutzraum allerdings internationalen Gästen. Das vietnamesische Hotelpersonal stieg bei Bombenangriffen aufs Dach und versuchte, tieffliegende Bomber mit Gewehren abzuschießen.

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Vietnamkrieg: Bomben zu Weihnachten

Auch US-Schauspielerin Jane Fonda, die 1972 mit ihrem Nordvietnam-Besuch gegen die US-Regierung protestierte und sich mit Soldaten des Kriegsfeindes fotografieren ließ, wurde mehrfach im Schutzraum des Thong Nhat ("Wiedervereinigung") in Sicherheit gebracht. So nannten die Kommunisten das Metropole nach Abzug der französischen Besatzer 1954.

Nach Kriegsende wurde der Bunker 1975 versiegelt. Niemand konnte sich mehr an die genaue Lage erinnern; Handwerker stießen darauf 2011 bei Renovierungsarbeiten an der Pool-Bar. Bei der Entdeckung war der geschichtsträchtige Schutzraum geflutet mit Grundwasser und ist inzwischen wieder zugänglich. Kai Speth, deutscher Generaldirektor des Metropole, bietet Führungen an.

"Kannst du ein Lied für uns singen?"

Den Schutzraum unterteilen mehrere Trennwände; sie verleihen der knapp 30 Zentimeter mächtigen Betondecke zusätzliche Stabilität. Wegen der nur 180 Zentimeter Höhe müssen Besucher einen Helm tragen und sich auf dem Weg durch die labyrinthartig vernetzten Räume ducken. Die Begehung weckt unweigerlich Erinnerungen an einen anderen bedeutenden Erinnerungsort Vietnams, ebenfalls unter der Erdoberfläche: das berühmte unterirdische Tunnelsystem von Cu Chi im Süden Vietnams.

"Kannst du ein Lied für uns singen?", wurde Joan Baez bei flackerndem Licht damals im Bunker gebeten. Mit den Mutmachern "Kumbaya, My Lord" und "Don't Let Nobody Turn You Around" sang sie in ihrem strahlenden Sopran gegen den dumpfen Krach des Bombenhagels an.

Vom Aufenthalt im Bunker schnitt ihr Begleiter Michael Allen per Tonbandgerät mehr als 15 Stunden mit. Zu hören sind Auszüge der Originalaufnahmen auf dem Album "Where Are You Now, My Son?", das Baez 1973 nach ihrer Rückkehr in die USA veröffentlichte.

Über kleine Boxen in einem der feuchten Bunkerräume spielt Hotelhistorikerin Le Thi Bach Yen Hörproben der Baez-Aufnahmen an. Die zierliche Frau, selbst Zeitzeugin, begleitet Gäste über den "Path of History" hinab in den düsteren Bunker. In den engen Korridoren mit den kahlen Wänden, wenige Meter unter Teakholz-Ventilatoren und all dem Fünf-Sterne-Luxus, wirken der Gesang von Baez und die Kriegsgeräusche besonders beklemmend.

Der Vietnamkrieg, ein historisches Desaster

Als Friedensbotschafterin war die Folksängerin im Dezember 1972 nach Hanoi gereist, im Gepäck Briefe, die sie US-Kriegsgefangenen zum Weihnachtsfest überreichen wollte. "Wir glauben, der Frieden steht vor der Tür", hatte Henry Kissinger als Nationaler Sicherheitsberater der USA erst wenige Wochen zuvor verkündet.

Der Vietnamkrieg hatte bereits 1955 nach der Teilung des Landes in Süd- und Nordvietnam begonnen. Die Vereinigten Staaten unterstützten Südvietnams Militär gegen den kommunistischen Norden und traten 1964 mit dem "Tonkin-Zwischenfall" auch offiziell in den Krieg ein. Der Konflikt eskalierte dramatisch, die Tet-Offensive 1968 wendete das Blatt gegen die USA und führte in ein historisches Desaster.

Vor allem das Massaker von My Lai alarmierte die Weltöffentlichkeit und fachte heftige Proteste in den USA an - viele Bürger waren überzeugt, dass dieser Krieg sinnlos und auch nicht zu gewinnen war. Sie wollten nicht in Asien sterben oder ihre Brüder, Söhne, Enkel dort sterben sehen.

1972 deuteten die Zeichen auf Entspannung, seit Kissinger mit dem kommunistischen Spitzenpolitiker Le Duc Tho in Verhandlungen getreten war. Tatsächlich liefen im Hintergrund bereits die Planungen für die "Operation Linebacker II": Die US-Luftwaffe sollte die kommunistische Schaltzentrale Hanoi mit einem flächendeckenden Bombardement in Schutt und Asche legen - als politisches Druckmittel für die noch folgenden Friedensgespräche. Präsident Nixon hoffte, so sein Wahlversprechen vom Ende des Krieges beschleunigt umsetzen zu können.

"Diese Bastarde!", fluchte die Sängerin

So kam es zum "Christmas Bombing" in Hanoi. Gerade, als Baez an Heiligabend 1972 in der Hotellobby auf der Gitarre "The Lord's Prayer" anstimmte, schlugen wieder Bomben ein. Das Aufheulen der Sirene setzte dem Konzert ein jähes Ende.

"Diese Bastarde", fluchte Baez auf dem Weg in den Luftschutzbunker über die amerikanische B-52-Bomberflotte, "wenn ich eins nicht leiden kann, dann ist es, mitten im Auftritt unterbrochen zu werden."

Selbst unter der mit Eisenträgern verstärkten Betonwand des Hotel-Bunkers waren die grollenden Donnerschläge zu vernehmen. Mehr als 20.000 Tonnen Sprengladung fielen auf Nordvietnam herab. Die Hauptziele Hanoi und Haiphong wurden in den zwölf Tagen dieses beispiellosen Bombenhagels schwer getroffen. Hunderte zivile Opfer und das zerstörte Bach Mai Krankenhaus sind Teil der Schreckensbilanz.

Am 29. Dezember 1972 stoppte Nixon die Bomber. Einen Monat später unterzeichneten die Kriegsparteien in Paris ein Friedensabkommen - zu praktisch identischen Bedingungen wie bereits vor dem Bombardement vereinbart. Und im März 1973 verließen die letzten US-Soldaten Vietnam.

Joan Baez kehrte mit "Oh, Freedom" zurück

Nach dem Krieg war das unter kommunistischer Herrschaft wiedervereinigte Vietnam nach außen hin vollständig isoliert. Erst mit der 1986 eingeleiteten Wirtschaftsreform Doi moi ("Erneuerung") löste sich das Land allmählich von seinen Zwängen; auch Touristen kamen wieder ins Land.

Joan Baez: Rückkehr nach Hanoi

Das Metropole Hotel eröffnete im März 1992 unter altem Namen, mit altem Prunk. Die Teakholz-Ventilatoren drehen sich im vollklimatisierten Hotel jedoch nur noch aus nostalgischen Gründen für prominente Gäste wie Mark Zuckerberg, Angela Merkel, Brad Pitt und Angelina Jolie.

Zurück kam auch Joan Baez: 2013 besuchte sie Hanoi erstmals seit 40 Jahren. Zum Zeichen des Dankes für ihre sichere Unterbringung beim "Christmas Bombing" brachte sie ein selbstgemaltes Ölbild mit. Und sang "Oh, Freedom" im wieder zugänglichen Bunker unter der Hotelbar.

insgesamt 3 Beiträge
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Richard Kotlarski, 18.12.2016
1. Oh, freedom?
Hat Joan Baez auch die Menschen in Hanoi gefragt, wie sie mit 40 Jahren kommunistischer Diktatur zu recht gekommen sind. Hat sie bei denen nachgefragt, deren Familienmitglieder zu hunderttausenden in den Umerziehungslagern Ho Chi Minhs umgekommen sind. "Oh, freedom" dort zu singen, wo die Menschen bis heute auf Freiheit auch wegen Dir verzichten müssen, sorry Joan Baez, ist "shit".
Thorsten Ewers, 18.12.2016
2. Gute und wichtige Proteste
....waren es damals. Ob nun von Prominenten wie Joan B. oder Abertausenden auf den Strassen in den USA oder in anderen Teilen der Welt. Wo ist die russische Joan B., die jetzt gegen Putin ankämpft oder die deutsche Sängerin die gegen die Verwicklung des Westens im Arabischen Frühling kämpft? Ich bin enttäuscht von der heutigen Jugend! Keine Lust mehr für für Frieden, Freiheit , Gleichberechtigung und sozialen Fortschritt einzutreten? Auf den Demos heute sieht man sehr viele Ältere ab fünfzig Jahre! Wer für seine Sache nicht eintritt, sondern von vorherigen Generationen erkämpfte Errungenschaften kampflos aufgibt, hat keine bessere Zukunft verdient.
Dumme Fragen, 19.12.2016
3. Kommentare 1 und 2 sagen schon alles:
Egal wie man es macht, macht man es falsch!
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