Visionär Clarke Kreisrunde Raumfähren, Fahrstühle ins All

Visionär Clarke: Kreisrunde Raumfähren, Fahrstühle ins All Fotos
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Er galt als wichtigster Technikvisionär unserer Zeit: Der britische Autor Arthur C. Clarke schrieb die literatische Vorlage für den Kultfilm "Odyssee im Weltraum". Seine Ideen haben viele revolutionäre Erfindungen inspiriert. Zu seinem 90. Geburtstag philosophiert er auf Youtube. Von Ralf Bülow

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Schreiende Cover, dickes Papier, dramatische Titelzeilen: Immer zur Mittagspause zieht es den bebrillten Gymnasiasten von der Schule in die Woolworth-Filiale des südwestenglischen Städtchens Taunton, um die "Yank Pulps" aus den USA zu studieren. "Amazing Stories" und "Astounding Stories of Super-Science" entführen den Teenager in Zukunftswelten auf entlegenen Monden und Planeten, wo superintelligente Erdenmenschen, hinterlistige Außerirdische und unberechenbare Roboter aufeinanderprallen.

So startete in den frühen dreißiger Jahren die literarische Karriere des Arthur Charles Clarke. Geboren an 16. Dezember 1917 in Minehead am Bristolkanal gegenüber der walisischen Südküste, absolvierte der Bauernsohn die lokale Grundschule und die Grammar School im nahen Taunton und wurde danach - zum Studium reichte das Geld nicht - Bilanzprüfer in der Finanzverwaltung. Der Job in London erlaubte es ihm, in der Freizeit an den Aktivitäten der British Interplanetary Society teilzunehmen.

"Die Befahrung des Weltraums"

Der 1933 gegründete Verein war ein Sammelpunkt junger Männer, die die Theorie des Raketenflugs beherrschten, für ihre praktische Umsetzung warben und sich ab und zu Streitgespräche mit Ungläubigen lieferten - überliefert ist ein Meeting mit den Oxford-Professoren C. S. Lewis und J. R. E. Tolkien. Schon 1939 legten sie ein Konzept für eine Mondlandung vor, das teilweise die Apollo-Missionen der NASA vorwegnahm. Clarke war Schatzmeister, schrieb Artikel für das Vereinsblatt und Kurzgeschichten für kleine Science-Fiction-Zeitschriften.

Den Zweiten Weltkrieg erlebte Clarke in der Royal Air Force, ab 1943 wirkte er an der Erprobung von Radaranlagen für Blindlandungen mit. Vertraut mit dem Einsatz deutscher V2-Raketen gegen London, schlug er 1945 im Fachjournal "Wireless World" vor, drei bemannte Raumstationen auf einer 24-Stunden-Bahn um die Erde zu bringen. Dort oben könnten sie als "extraterrestrial relays" fungieren und nahezu den gesamten Globus mit Radio- und Fernsehwellen abdecken, so Clarkes Idee.

Dies ist nichts anderes als das Prinzip des geostationären TV-Satelliten, und Clarke gilt zu Recht als Urheber dieser Technologie, die längst zum Alltag der globalen Kommunikation gehört. Die am Himmel fixierte Station übernahm er allerdings vom slowenischen Ingenieur Hermann Poto?nik, der ein solches Gerät in seinem 1929 erschienenen Buch "Das Problem des Befahrung des Weltraums" skizzierte.

Eine neue Menschheit

Nach Kriegsende absolvierte der Engländer ein schnelles Studium der Physik und wagte dann den Sprung in die ungewisse Existenz eines freien Autors. Mit dem Roman "Childhood's End" ("Die letzte Generation") schaffte er 1953 den Durchbruch in der Science-Fiction-Szene. Inspiriert durch die evolutionistischen Ideen seines Landsmanns Olaf Stapledon beschrieb Clarke eine neue Menschheit, die unter den Augen gütiger Sternenwesen zu einem "Übergeist" fusioniere.

Wohler fühlt er sich aber bei der Schilderung der technischen Möglichkeiten von morgen. In Werken wie "Islands in the Sky" ("Inseln im All"), "Earthlight" ("Um die Macht auf dem Mond") und "The Sands of Mars" ("Projekt Morgenröte"), in vielen Sachbücher und Hunderten von Presseartikel malte die Chancen der bemannten Raumfahrt aus, die er als Auslöser einer neuen Renaissance feierte.

Zugleich betätigte er sich aber in einer sehr irdischen Richtung, nämlich unter dem Meeresspiegel. Arthur C. Clarke war Großbritanniens Antwort auf den französischen Meeresforscher Jacques Cousteau und den deutschen Tauchpionier Hans Hass,. Wegen der großartigen Unterwasserreviere siedelt Clarke denn auch 1956 nach Sri Lanka über. Dort lebt er bis heute. Der Tsunami an Weihnachten 2004 löschte seine Tauchschule aus, doch inzwischen ist sie wiederaufgebaut.

In den sechziger Jahren, der Goldenen Ära der Astronautik, war Clarke auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Stanley Kubrick bei dem Film "2001: Odyssee im Weltraum" machte ihn einem breiten Publikum bekannt und sichert seinen Platz im Pantheon der Science Fiction. Der Roman von 1968 zog drei Fortsetzungen und einen weiteren Film nach sich: den von dem Amerikaner Peter Hyams gedrehten Streifen "2010".

Fahrstuhl ins All

Nach dem Ende der NASA-Mondflüge drosselte Clarke seine literarische Produktion, doch produziert er nach wie vor ideenreiche kosmische Literatur. So verfeinerte er mit dem Roman "The Fountains of Paradise" ("Fahrstuhl zu den Sternen") das obskure russische Konzept eines Aufzugs vom Erdboden zu einer Raumstation. In Fernsehserien erklärt er rätselhafte Welten mit der gleichen Kompetenz wie fraktale Geometrie.

Seit 1988 leidet Clarke am Post-Polio-Syndrom, der Spätfolge einer Kinderlähmung, das ihn die meiste Zeit des Tages an den Rollstuhl fesselt. Dies hinderte ihn nicht daran, von 1979 bis 2002 als Kanzler der Moratuwa University zu amtieren, der Technischen Hochschule von Sri Lanka.

Clarkes Engagement für moderne Technologien in Entwicklungsländern sind wohl der größte Verdienst seiner späten Jahre. 1998 erhielt er den Titel eines Knight Bachelor of the British Empire, doch verzögerte sich der Ritterschlag bis zum Jahr 2000, da Clarke zunächst einen Pädophilieverdacht ausräumen muss, den eine englische Boulevardzeitung in die Welt gesetzt hatte.

Der größte lebende Technikvisionär

Als Schriftsteller hat Clarke alle wichtigen Science-Fiction-Preise gewonnen, dazu hohe Auszeichnungen für Wissenschaftspublizistik. Die Gesamtauflage seiner 70 Titel liegt bei über 100 Millionen, wobei er in den vergangenen 20 Jahren oft Co-Autoren hinzugezogen hat. Die Gerüchteküche weiß von einem unfertigen Roman über das Große Fermatsche Problem, den Clarke zusammen mit dem nur wenige Jahre jüngeren US-Autor Frederik Pohl schreibt.

Angesichts der tief sitzenden deutschen Technikskepsis entfalten seine Werke in Deutschland uns nicht dieselbe Wirkung wie in anderen Ländern, wo er als größter lebender Technikvisionär angesehen wird. Dank Youtube und dem Suchwort "Sir Arthur C Clarke: 90th Birthday Reflections" können wir ihn aber wenigstens live auf den Computer holen. Happy Birthday, Sir Arthur!

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1.
Andreas Bummel 16.12.2007
Arthur C. Clarke ist übrigens einer der prominenten Unterstützer der Kampagne für ein Weltparlament, die im April gestartet wurde. Er ist damit auch hier immer noch aktuell dabei! Aus Deutschland gehören Sigmar Gabriel, Alfred Biolek, Heiner Geißler und andere dazu. Link: http://www.unpacampaign.org
2.
Nadine Suck 27.01.2010
Rund 30 Jahre nach Clarke greift Autor Frank Schätzing übrigens die Idee des Weltraumfahrstuhls wieder auf. Scheint so als wenn auch Schätzing ein größer Fan das Arthur C. Clarke ist.
3.
Günter Brauer 25.11.2013
Zumindest hat Schätzing sich die Arbeit leicht gemacht. Allein in den ersten hundert Seiten seines Romans habe ich alle Ideen wieder gefunden die andere Autoren schon lange vor ihm zu diesem Thema geschrieben hatten. Und ich darf glaube ich behaupten fast alles zu diesem Thema in den 70igern und 80igern an SF gelesen zu haben. ich habe danach den Schätzing beiseite gelegt. Traurig traurig das er sowas nötig hatte.
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