Völkermord an den Armeniern Auf dem Todesmarsch

Ihr ganzes Leben fühlte sich Fethiye Cetin als Türkin - bis ihre Großmutter ein jahrzehntelang gehütetes Geheimnis enthüllte. Es reicht zurück bis zum 24. April 1915.

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Library of Congress


Dieser Text stammt aus dem einestages-Archiv


Fethiye Cetin war schockiert. Ihr ganzes Leben lang hatte die Rechtsanwältin geglaubt, Türkin zu sein - im hohen Alter enthüllte ihre Großmutter Seher dagegen Cetins wahre Wurzeln. Als kleines Kind war Seher 1915 entführt worden. Osmanische Soldaten hatten die Neunjährige ihren christlichen armenischen Eltern geraubt und sie einer türkischen Familie übergeben, die sie als Muslimin aufzog. Fethiye Cetin hatte damit armenische Wurzeln. Die Offenbarung ihrer Großmutter stürzte sie in eine Identitätskrise.

"Bis kurz vor ihrem Tod vor 15 Jahren hat Seher mit niemandem über ihre Vergangenheit geredet", berichtet Cetin, 64. Sie sitzt in ihrer Istanbuler Wohnung und erzählt die Geschichte mit ruhiger Stimme: Das dunkle Kapitel der Gräueltaten der Osmanen an den Armeniern vor 100 Jahren war plötzlich Teil von Cetins Familiengeschichte. "Jetzt war ich auch irgendwie Armenierin."

Im Frühjahr 1915 war Cetins Großmutter Seher, die damals noch Heranus hieß, mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern auf der Flucht. Plötzlich ritt ein Gendarm auf sie zu - und wollte der Familie das Mädchen entreißen. "Niemand kann sie mir wegnehmen!", schrie Heranus' Mutter den Mann an. "Ich gebe sie nicht her!" Ein weiterer Soldat riss ihr das Kind schließlich aus den Armen und zog es auf sein Pferd. Der Soldat schlug mit einer Peitsche um sich - und ritt mit Heranus davon. Das Mädchen sollte ihre Familie niemals wiedersehen.

Tolerierter Massenmord

Mord und Totschlag herrschten zu dieser Zeit im Osmanischen Reich. "Sie schneiden den Männern die Kehle durch und werfen sie in den Fluss!", hörte Cetins Großmutter Heranus im April 1915 Gerüchte, die sich als wahr erweisen sollten. Türkische Gendarmen trieben in den Dörfern die armenischen Männer zusammen und massakrierten sie. Frauen und Kinder hingegen sollten auf Anweisung des osmanischen Innenministers Mehmet Talat Pascha vom 24. April 1915 deportiert werden.

So begannen die sogenannten Umsiedlungen in Richtung syrische Wüste, die eher Todesmärsche waren. Zigtausende Armenier starben. Bei diesen Gräueltaten kamen nach armenischen Angaben bis zu 1,5 Millionen Menschen ums Leben, bei Massenhinrichtungen, Razzien paramilitärischer Einheiten in den Dörfern und während der "Umsiedlungen".

Weil revolutionäre armenische Gruppen vereinzelt Aufstände organisiert hatten und gegen die osmanische Führung in Konstantinopel operierten, fühlte sich die osmanische Regierung von allen Armeniern in ihrem Staatsgebiet verraten. Sie reagierte mit einer Kampagne zum Massenmord. Dokumente belegen das Ziel der Vernichtung aller Armenier.

Zu dieser Zeit kämpfte das Osmanische Reich als deutscher Verbündeter im Ersten Weltkrieg. Die Armenier standen zusätzlich unter Verdacht, das verfeindete Russland zu unterstützen. Zur Stabilisierung seines Bündnispartners tolerierte Deutschland den Massenmord, wie Unterlagen aus jener Zeit belegen.

Mit dem Leben bezahlt

Armenien und viele andere Länder benennen das Massaker heute als Genozid. Die Türkei lehnt den Begriff Völkermord hingegen vehement ab. Die Regierung geht von deutlich niedrigeren Opferzahlen aus und verweist darauf, dass es sich bei den Toten eigentlich um Kriegsopfer handele, die es auch auf osmanischer Seite gegeben habe.

Fethiye Cetin seufzt. Auch sie meidet das Wort Völkermord. Sie will nicht provozieren, sondern sucht den Ausgleich - was ihr von manchen Armeniern den Vorwurf einbringt, mehr Türkin als Armenierin zu sein. "Ich bin beides: Armenierin und Türkin", sagt sie. "Mir geht es darum, das Schicksal meiner Großmutter zu erzählen. Auch sie hat nie von Völkermord gesprochen. Bei ihr lag es wohl eher daran, dass sie Scham empfand wegen ihrer Herkunft. Außerdem wollte sie verhindern, dass wir, ihre Kinder und Enkel, an unserer türkischen Identität zweifeln. Deswegen hat sie ihr ganzes Leben lang geschwiegen."

In den letzten Jahren, findet Cetin, habe es Fortschritte gegeben. "Vor zehn Jahren durfte man das Wort Völkermord in der Türkei nicht einmal in den Mund nehmen. Inzwischen ist es möglich." Sie hat selbst dazu beigetragen, indem sie vor elf Jahren ihr Buch "Meine Großmutter" veröffentlichte. Zu einer Zeit, in der dem bekannten Journalisten Hrant Dink und dem Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk der Prozess gemacht wurde, weil sie öffentlich über die Ermordung der Armenier gesprochen hatten. Mittlerweile wird Cetins Buch an den Schulen gelesen. "Für Heranus war es eine Erlösung, über ihre Vergangenheit zu sprechen", sagt Cetin. "Ich glaube, auch viele Türken empfinden so. Man muss das Schweigen brechen, weil es schädlich ist."

Seinen Mut, offen über das Schicksal der Armenier zu sprechen, musste Dink teuer bezahlen. Eines der größten Tabus der Türkei sei das Schicksal der armenischen Frauen und Kinder, die 1915 gezwungen wurden, zum Islam überzutreten, schrieb er im Oktober 2006 in der Zeitung "Agos". Drei Monate später wurde er in Istanbul von einem Nationalisten erschossen.

Zeit für die Wahrheit

Sein Tod, sagt Cetin, sei eine Zäsur in der Geschichte der Türkei und in der Geschichte der Armenier. "Bei seiner Beerdigung trugen alle Schilder mit der Aufschrift: 'Ich bin ein Armenier'", erinnert sie sich. "Einst wurden die Armenier im Osmanischen Reich totgeschwiegen, dann verunglimpfte man sie als Kollaborateure der Feinde des Landes. Seit Dinks Ermordung hinterfragen viele die Geschichte, die bislang erzählt wurde."

Die Herkunft ihrer Großmutter hat Cetin bewogen, sich für die Armenier in der Türkei einzusetzen. Sie vertrat Dinks Familie als Anwältin. Bei Recherchen zu den Todesmärschen hat sie außerdem erfahren, dass das Schicksal ihrer Großmutter kein seltener Fall war. "Immer wieder berichten mir Menschen, dass ihre Vorfahren auch Armenier waren, die in eine türkische Familie gesteckt wurden." Sie hat mehrere gefunden, die bereit sind, ihre Geschichte zu erzählen.

Demnächst möchte sie ein Buch herausbringen: über 25 Menschen, die vom schwierigen Verhältnis zwischen Armeniern und Türken erzählen. Einen Völkermord, sagt Cetin, könne man überleben, aber ihn zu verarbeiten, sei sehr, sehr schwer. Jetzt, hundert Jahre nach den Massakern, sei es an der Zeit, "lauter zu werden".

Heranus Mutter, und damit Cetins Urgroßmutter, hatte den Todesmarsch 1915 wie durch ein Wunder überlebt und ihren Mann trotz der Kriegswirren wiedergefunden. Gemeinsam waren die beiden in die USA ausgewandert und bekamen dort eine weitere Tochter. Cetin hat sie und die Nachfahren mittlerweile ausfindig gemacht. "So sind wir ein Jahrhundert später wieder eine Familie", sagt sie und lächelt.

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