Völkerschlachtdenkmal in Leipzig Pyramide des Patrioten

91 Meter hoch, 300.000 Tonnen schwer - auf den ersten Blick ist das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig nur ein gigantomanisches Bauwerk. Doch dahinter verbirgt sich die Geschichte eines glühenden Nationalisten, der mit Wilhelm II. um sein Lebenswerk rang - und sich am Ende gegen den Kaiser durchsetzte.

DPA

Am 18. Oktober 1913 befand sich ganz Leipzig im Ausnahmezustand. Zum 100. Jahrestag der Völkerschlacht sollte dort endlich ein Denkmal eingeweiht werden. Die Schlacht markierte damals den Anfang vom Ende der Herrschaft Napoleons, um die 100.000 Mann blieben tot zurück. Preußen, Russen und Österreicher hatten zusammen mit den Schweden den Korsen besiegt.

Der Hauptgast der Einweihungszeremonie kam per Zug, Kaiser Wilhelm II. wurde mit militärischen Ehren begrüßt. Doch der Monarch kam nicht allein: Alles was Rang und Namen hatte, folgte ihm nach Leipzig, darunter alle Bundesfürsten des Deutschen Reiches. Im Autokorso ging es dann vom Hauptbahnhof über den Augustusplatz weiter zum Denkmal am Stadtrand. Tausende Menschen säumten Wilhelms Weg.

Noch ein zweiter Festzug hatte sich am Vormittag in Bewegung gesetzt. Einer Professorenschar folgten rund 3000 Studenten in vollem Wichs, dahinter kamen die Mitglieder von Krieger-, Sänger-, Turn- und Schützenvereinen aus dem ganzen Reich. Als der Kaiser sich auf das trutzige Bauwerk zubewegte, saßen die Männer des Festzugs auf zwei Tribünen an den Seiten des Denkmals. Bis zu 100.000 Menschen waren hier nun versammelt.

Der Kaiser war dann mal weg

Nach einem Gebet sprach der Initiator des Völkerschlachtdenkmals, der Architekt Clemens Thieme, zu den Versammelten. Mit viel Pathos verkündete er, der Ort der Schlacht sei ein "Heiligtum des gesamten deutschen Volkes geworden, geheiligt durch die dargebrachten Opfer an Gut und Leben für die Freiheit des Vaterlandes, geheiligt, weil hier unsere Heldenväter die drückenden Fesseln des Eroberers zertrümmerten, hier die so lange ersehnte Freiheit im harten Kampf des Leibes und der Seele wiedergewannen, um wieder ein Volk von Brüdern zu werden".

Auffallend schnell ging es nach Thiemes Rede weiter. Ein kurzes Grußwort des sächsischen Königs, ein Dankchoral und das "Lied der Deutschen". Das war's. Die Eile hatte einen Grund: Der Kaiser wollte weg - und beehrte die nationale Massenveranstaltung statt mit einer Rede bald durch seine Abwesenheit. Er schaute lieber noch bei den Österreichern und Russen vorbei, die an der Seite der Deutschen gegen Napoleon gekämpft hatten und in der Nähe an ihren eigenen Gedenkstätten Feierlichkeiten abhielten.

Der kaiserliche Liebesentzug hatte seine Gründe. Von Anfang an waren dem Hof die Bemühungen Clemens Thiemes um den Bau eines Völkerschlachtdenkmals suspekt gewesen. Thieme und der von ihm gegründete "Deutsche Patriotenbund zur Errichtung eines Völkerschlachtdenkmals bei Leipzig" vertraten eine nationalistisch-völkische "Ein Volk! Ein Kaiser! Ein Reich!"-Einstellung, die Wilhelm II. nicht behagte.

Kleinstmöglicher Orden für den Erbauer des Denkmals

Der Kaiser ließ Thieme und den Leipziger Oberbürgermeister seine Missbilligung auch nach den Feierlichkeiten spüren. Beide erhielten, wie es bei solchen Leistungen üblich war, später Orden verliehen. Allerdings die niedrigsten, die man für solche Fälle parat hatte. Den Kaiser und die von ihm abgelehnte Sozialdemokratie einte ausnahmsweise mal etwas. "Steinhaufen" nannte man das Völkerschlachtdenkmal mit seinem übersteigerten Nationalismus nur abschätzig in Kreisen der SPD.

Mit einem "Steinhaufen" fing der Bau des Völkerschlachtdenkmals tatsächlich an. Das Denkmal ruht auf einem künstlich aufgeschütteten Erdhügel, damit es - ganz gemäß völkischer Ideologie - wie die Deutschen in der Heimaterde wurzele. Für die französischen Nachbarn, die 1813 den Kürzeren zogen und 1913 nicht zur Einweihungsfeier eingeladen waren, ein steter Grund zum Amüsement. "Diesem Kehrichthaufen entsteigen wenig liebliche Düfte", unkte der Schriftsteller Jules Huret.

Dass überhaupt im Oktober 1913 zum 100. Jahrestag der Völkerschlacht das Bauwerk eingeweiht werden konnte, lag an der Beharrlichkeit Clemens Thiemes. Zwar gab es bereits kurz nach der Schlacht Überlegungen, ein Denkmal zu errichten. Da die Sachsen aber auf französischer Seite, also auf der Verliererseite, gekämpft hatten, verspürten sie nur wenig Motivation für die Errichtung eines Denkmals. Erst als Thieme 1894 den Vorsitz des Patriotenbundes übernahm, kam ein - nationalistischer - Schwung in die Sache, der auch viele sächsische, mittlerweile deutsch berauschte Bildungsbürger mitnahm.

Übersteigerter Nationalismus

Thieme kam aus kleinen Verhältnissen und hatte sich im Baugewerbe hochgearbeitet. Das Denkmal erklärte er schließlich zu seiner Lebensaufgabe. Freunden gab er das Versprechen, nicht zu heiraten, bis es endlich eingeweiht wäre. Die Völkerschlacht und die Befreiungskriege gegen Napoleon waren für Thieme - und für die meisten Deutschen - der Beginn der nationalen Einigung Deutschlands. Vor allem in Kreisen der Freimaurer machte Thieme mit Feuereifer das Projekt populär. Allerdings mangelte es am Geld.

An die 6000 Vereine sammelten schließlich für das Völkerschlachtdenkmal, die Turner-, die Sänger- und auch die Krieger- und Schützenvereine beteiligten sich. Schließlich erlaubte der Staat Sachsen Thieme auch die Veranstaltung von Lotterien. 23-mal spielten die Bürger für den guten Zweck, um die restliche Summe für das Denkmal zusammenzubekommen. Zwei Drittel des gigantischen Baupreises von sechs Millionen Mark kamen durch die Spiellust der Sachsen zusammen.

Nur 10.000 Mark hatte Wilhelm II. beigesteuert - als symbolischen Beitrag. Der Grundsteinlegung blieb er genau wie sein sächsischer Kollege am 18. Oktober 1898 fern. Kein Wunder, übertrieben es Thiemes Freimaurer mit ihrem übersteigerten Nationalismus mittlerweile doch erheblich. Vor der Völkerschlacht "musste alles in den Tod gehen, damit aus dem Tode neues Leben geboren werden konnte", hieß es 1913 in einer Freimaurer-Zeitung. Das Denkmal zur Völkerschlacht sollte die Deutschen daran "erinnern".

Steinerne Erinnerungshilfe

Als Erinnerungshilfe sollte das Völkerschlachtdenkmal durch pure Größe beeindrucken. Die Stadt Leipzig überließ dem Bauvorhaben 40.000 Quadratmeter. Von 1898 bis 1913 bewegten Bauarbeiter rund 80.000 Kubikmeter Erde und bearbeiteten fast 27.000 Blöcke Granitporphyr - rund 300.000 Tonnen soll das Völkerschlachtdenkmal wiegen. 91 Meter streckt es sich in die Höhe. Erstaunt, ergriffen und vor allem erleuchtet von der deutschen "Sache" sollten sich die Besucher zeigen.

Deshalb findet sich im Unterbau eine Krypta, trauernde Krieger mit brechenden Augen symbolisieren den Todeskampf. Nach oben öffnet sich von hier die "Ruhmeshalle" in der vier Figurengruppen die vermeintlichen "deutschen Tugenden" verkörpern: Opferfreudigkeit, Tapferkeit, Glaubensstärke und Volkskraft. Fast zehn Meter hoch sind die Figuren. Gleich 324 Reiter sind im Kuppelbau enthalten, nach außen halten jeweils zwölf Meter große Krieger Wacht über die erkämpfte Freiheit.

Blutrünstig geht es aber auch gleich am Eingang zu. Hier posiert ein überdimensionaler Erzengel Michael, gestützt auf seinen Schild, das Schwert in der Hand, die hingeschlachteten Feinde zu seinen Füßen. Darüber in monumentaler Schrift: "Gott mit uns." Der Satz, den die deutschen Soldaten auf ihren Koppelschlössern lesen konnten, als sie ein paar Monate später in den Ersten Weltkrieg marschierten, und nicht viel später in den Zweiten.

Der Franzose Jules Huret stellte trotz seines beißenden Spotts über den "Müllhaufen" Völkerschlachtdenkmal eine sehr berechtigte Frage: "Wozu die protzenhafte Pyramide, wo doch so viele Armeen vereint den Sieg davontrugen?" Im Völkerschlachtdenkmal wird nur der deutschen Toten gedacht - dass auch andere Nationen hier an der Seite der Deutschen gegen die Franzosen gekämpft hatten, wurde stillschweigend übergangen. Zur Einweihung lud man sie gar nicht erst ein.

Das Völkerschlachtdenkmal thront immer noch über Leipzig, so recht anzufangen weiß niemand etwas damit. Vor ein paar Jahren fand sich ein passender Zweck. Ein riesiges Plakat schmückte das Denkmal. Es zeigte ein Strichmännchen, das ein Hakenkreuz in einer Mülltonne entsorgt - und mit ihm im Gepäck die ganze übersteigerte völkisch-nationalistische Ideologie. Die selbst dem Kaiser zu weit ging.



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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
Wilfried Huthmacher, 18.10.2013
1.
100.000 Tote? Ziemliche Übertreibung. Man kann nicht GEfangenene und Verwundete in die Zahl der Toten einrechnen.
Ursula Dziadek, 18.10.2013
2.
Leipzig feiert in diesem Jahr doch tatsächlich das 200. "Jubliläum" (http://www.voelkerschlacht-jubilaeum.de/) der Völkerschlacht. Von einem Totengedenken ist man weit entfernt. Man stellt Schlachten zum Beispiel nach. Ob allerdings dann auch die Leichen gestapelt werden und mit der entsprechenden olfaktorischen Note versehen werden, ist mir nicht bekannt. Wenn die Veranstalter mal zeitgenössische Berichte gelesen hätten, würden sie vermutlich erkennen, wie unpassend dieser ganze Bohei ist.
Dietmar Nix, 18.10.2013
3.
Ich habe schon sehr viele Kriegsdenkmäler gesehen im europäischen Ausland. Bei keinem einzigen wurde auf Verluste der Gegenseite hingewiesen. Bei Gedenkfeiern in Nachbarländern wird auch niemand von der anderen Seite eingeladen oder Teil des Gedenkens. Was also überall 100% Standard ist, kann wohl kaum nur in Leipzig bedenklich sein. Und wenn es das wäre, müßten alle anderen zugleich ihre Sitten ändern oder es muß so bleiben, wie es Standard ist.
Siegfried Wittenburg, 18.10.2013
4.
Bohei: In der Tourismusbranche ist jeder Bohei willkommen, um gnadenlos vermarktet zu werden.
Michael Landes, 18.10.2013
5.
Das Völkerschlachtdenkmal ist im Inneren einer der deutschlandweiten Freimaurertempel.
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