Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Volker Schlöndorff "Ich freue mich. Ich habe es fertig gebracht, dass Leuten zum Kotzen ist"

Schlöndorff- und Fassbinder-Filme: Erster Auftritt, schon verboten Fotos
Volker Schlöndorff

Nach 44 Jahren darf die Brecht-Verfilmung "Baal" wieder gezeigt werden. Dichter-Witwe Weigel hatte das Werk 1970 verbieten lassen. Regisseur Schlöndorff spricht im Interview über seinen radikalen Film - und dessen Hauptdarsteller Rainer Werner Fassbinder. Das Interview führte Anne Backhaus

Zur Person
  • DPA
    Volker Schlöndorff, geboren am 31. März 1939 in Wiesbaden, ist einer der bedeutendsten deutschen Regisseure. Seine Karriere begann Anfang der sechziger Jahre. 1979 wurde Schlöndorff für die Grass-Verfilmung "Die Blechtrommel" mit einer Goldenen Palme in Cannes und einem Oscar für den Besten ausländischen Film ausgezeichnet. Den umstrittenen Film "Baal" drehte er im Alter von 30 Jahren. Nach der Uraufführung 1970 ließ Bertolt Brechts Witwe, Helene Weigel, Volker Schlöndorffs Spielfilm verbieten und "Baal" verschwand für mehr als 40 Jahre in den Archiven. 2014 erschien der Film in restaurierter Fassung im Kino und auf DVD.
einestages: Herr Schlöndorff, Ihre Brecht-Verfilmung "Baal" war 44 Jahre lang verboten. Wie ist es, sie nun im Kino zu zeigen?

Schlöndorff: Ich genieße es. Das ist so, wie wenn man ein altes Foto von sich sieht und sagt, so habe ich früher ausgeschaut.

einestages: Wie reagieren Zuschauer auf den anarchistischen und sadistischen Säufer Baal?

Schlöndorff: Viele klagen: "Wie konnten Sie so einen Film machen? Was ist das für ein Frauenbild? Warum wollten Sie einen Mann darstellen, der sich so unmöglich benimmt?" Aber genau so soll Baal ja sein. Neulich fragte eine ganz junge Frau: "Wo bleibt denn da die Hoffnung?" Da dachte ich, auweia, ich habe mich Lichtjahre vom Publikum entfernt. Aber ohne eine radikale Haltung kann man kein gutes Kino machen.

einestages: Helene Weigel, die Witwe Bertolt Brechts, hat den Film noch am Abend nach der deutschlandweiten Erstausstrahlung in der ARD, am 21. April 1970, verboten. Sie war Haupterbin Brechts und konnte somit über seinen literarischen Nachlass und dessen Verwendung in seinem Sinne verfügen. Was störte sie an "Baal"?

Schlöndorff: Die hatte einen Horror, dass an Brechts anarchistische Anfänge erinnert wird. Er sollte auf einem Sockel neben Goethe stehen, als der Klassiker der DDR. Und dann kommt auf einmal diese Ausgeburt "Baal" im Fernsehen, jede Textzeile von Brecht. Um Gottes Willen! Die Figur Baal war ideologisch inkorrekt: Ein total Asozialer, der auf alles scheißt und Holzfäller beschimpft - und das im Arbeiter- und Bauernstaat.

einestages: Was bedeutete das Verbot für Sie?

Schlöndorff: Ich war am Boden zerstört. Wir hatten Kinoverträge in Paris und New York. Fassbinder wurde gerade berühmt. Im Herbst '69 kam sein erster Film ins Kino, kurz darauf der zweite. Und wir mussten unseren in einer Kiste verstecken.

einestages: Wann haben Sie zuletzt um Freigabe gebeten?

Schlöndorff: Vor zwölf Jahren, wegen einer Retrospektive in San Sebastian. Ich dachte, die Brecht-Erben hätten das bestimmt vergessen. Ich habe einen Brief geschrieben: "Wie Sie vielleicht nicht wissen, hüten wir gemeinsam einen Schatz. Nämlich den ersten Film, in dem Rainer Werner Fassbinder auftritt und ausgerechnet in der Rolle vom Baal. Es wäre doch an der Zeit, das jetzt an die Öffentlichkeit zu lassen." Da kam sofort per Fax eine Absage von Barbara Schall-Brecht: "Zu Recht hat meine Mutter dieses Machwerk mit einem Bann belegt." Ich habe dann den Film trotzdem in San Sebastian gezeigt und dazu die Briefe vorgelesen. Nur Juliane Lorenz von der Fassbinder Stiftung hat danach noch um die Veröffentlichung gekämpft. Warum die schließlich nachgegeben haben, weiß ich nicht. Der Film war schon am Zerfallen. Die Büchsen waren so zugerostet, dass wir sie kaum aufgekriegt haben.

einestages: Rainer Werner Fassbinder scheint die perfekte Verkörperung von Baal zu sein.

Schlöndorff: Wenn man sich das im Nachhinein ansieht, war es geradezu prophetisch. Rainer spielt praktisch die Kurve seines eigenen Lebens. Bis hin, wie er verreckt ist.

einestages: Allein und betrunken.

Schlöndorff: Dazu die Demütigungen. Genau wie Baal, wenn der in einer Kneipe eine Industriellen-Gattin zwingt, sich von irgendeinem Kutscher beknutschen zu lassen, so hat Rainer auch seine eigenen Leute immer in die Ecke getrieben.

einestages: Hat Fassbinder gern Kollegen gequält?

Schlöndorff: Nur zu ihrem eigenen Guten. Er hatte einen unglaublichen Blick für die Schwächen von Anderen und hat sofort da reingebohrt. "Bekenne dich zu dem, was du bist!" Nicht aus Sadismus, sondern weil er selbst diesen Prozess durchgemacht hat.

einestages: Sie meinen seine Homosexualität?

Schlöndorff: Als wir zusammen gedreht haben, hatte er sich noch nicht dazu bekannt. Am letzten Drehtag hat er sogar die Schauspielerin Ingrid Caven geheiratet. Erst als er Erfolg mit seinen ersten Filmen hatte, ist er offensiv damit rausgerückt, schwul zu sein.

einestages: Wussten Sie es vorher?

Schlöndorff: Ich bin in dieser Beziehung unsensibel. Mir ist jetzt beim Anschauen von "Baal" erst aufgefallen, wie eigenartig es ist, dass dort die einzige Liebesgeschichte zwischen zwei Männern stattfindet.

einestages: Die Frauen werden ja vor allem beschimpft.

Schlöndorff: Auch das passt wieder zum Rainer. Er hat immer sofort gesehen, wer sich wem untergeordnet hat. Das konnte er nicht ertragen. Daher seine Reaktion auf Frauen, die sich ja, zumindest damals, doch oft unterordneten. Da war er gnadenlos.

einestages: Fehlt er Ihnen?

Schlöndorff: Er fehlt vor allem dem deutschen Film. Am Ende hatte er sich selbst zerstört. In jungen Jahren wurde ihm ein schwaches Herz attestiert. Darauf sagte er sich, ich habe halt nicht lang zu leben, also muss ich doppelt so schnell leben. Ein absoluter Trugschluss. Aber ein Mann dieser Vehemenz, oder besser zwei, die würden dem deutschen Film gut tun.

einestages: Ist der deutsche Film langweilig?

Schlöndorff: Leider ja. Bis auf ein paar Große wie Bully Herbig und Till Schweiger - zum Glück gibt es die - ist da nichts.

einestages: Sind Sie angesichts dieser Misere stolz darauf, "Baal" jetzt endlich ins Kino gebracht zu haben?

Schlöndorff: Bekannte, kunstfreudige Menschen schrieben mir: "Mir ist körperlich schlecht geworden bei dem Film. Ich fand es zum Kotzen." Darüber freue ich mich. Ich habe es fertig gebracht, dass jemandem zum Kotzen ist. Das ist doch das größte Kompliment überhaupt.

Artikel bewerten
3.7 (55 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Sein letzter Satz beweist, dass auch kluge Menschen dummes
Renate Binder, 19.04.2014
Zeug sagen können. Zum Erbrechen hätte er die Leute auch bringen können, wenn er die ganze Zeit einen Kot-Haufen abgefilmt hätte.
2. Schlauer als heute
Peter Zack, 19.04.2014
Ich habe Brecht geliebt, ich habe Schlöndorff geliebt, ich habe Fassbinder gliebt, vor allem aber habe ich diesen Film "Baal" geliebt, er hat das Beste von Brecht zum Vorschein gebracht. Damals habe ich noch ferngesehen. Ich war ein Kind, offensichtlich ein schlaues, schlauer als heute. Ich habe mir als Kind nur son Zeug reingezogen, es war eine offensichtliche Wahrheit für mich, die Welt so zu sehen.^^ Alles vorbei.
3. Der deutsche Film ist nicht langweilig
Sabine Klein, 19.04.2014
Was ist mit Größen wie Fatih Akin?
4. Deutscher Film
Henning Roth, 19.04.2014
die Antwort auf den langweiligen Deutschen Film soll ausgerechnet Bully Herbig - und noch viel schlimmer - Till Schweiger sein? Eine so bescheuerte Aussage habe ich selten gelesen, aber Altersweisheit ist halt nicht jedem beschieden. Wenn diese beiden Vögel das 'Glück des Deutschen Films' darstellen sollen, na dann gute Nacht, Deutscher Film.
5. Was ist mit
Gerald Wurch, 19.04.2014
Detlef Buck? Schlöndorff.... alter Schwede... da wäre doch jetzt mal die Gelegenheit gewesen, die ganzen guten RegisseurInnen kurz zu erwähnen. Bully Herbig? Das ist doch Klamauk...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH