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Volksaufstand in der DDR "Erzähl bloß nicht, worüber wir zu Hause sprechen"

Volksaufstand in der DDR: "Erzähle draußen bloß nicht, worüber wir zu Hause sprechen!" Fotos
Archiv Siegfried Wittenburg

In einem alten Schrank fand Siegfried Wittenburg einen belichteten Film unbekannter Herkunft - Aufnahmen aus der Rostocker Warnowwerft. Er stellte Vergrößerungen her und entdeckte Bilder, die ihn an Geheimnisse seiner Kindheit erinnerten. Von

"Das ist die Juri Dolgoruki", sagte meine Mutter nicht ohne Stolz, als wir in den Fünfzigerjahren mit einem von einer Dampflok gezogenen Zug an der neu gegründeten VEB Warnowwerft vorbei fuhren. Das nach dem Gründer Moskaus benannte Schiff war zuvor die "Hamburg", als Flüchtlingstransporter 1945 vor Saßnitz gesunken. Nun wurde es am Reparaturkai der Werft für die Sowjetunion zu einem Walfangmutterschiff umgebaut. Der Neubau der Schiffswerft, damals eine der bedeutendsten in Europa war im Februar 1945 auf der Jalta-Konferenz von den drei großen Kriegsgegnern des Deutschen Reiches beschlossen worden. Stalin brauchte sie, um die dezimierte Handelsflotte der Sowjetunion wieder in Fahrt zu bringen.

Mein Vater stellte für die Schiffe Möbel her. Er war 1947 aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und fand Arbeit als Schiffszimmermann. Vier der fünf Kinder meiner Eltern sind während der Nazi-Diktatur geboren, eins hat den Krieg nicht überlebt. Meine Mutter sprach oft von der Hungersnot und den Seuchen in den Jahren 1945 und 1946. Ich selbst kam als das letzte Kind meiner Eltern auf die Welt; ich war ein Kind des Kalten Krieges. Ich lernte noch Lebensmittelmarken kennen.

Vater verdiente für die große Familie zu wenig. Er bewirtschaftete deshalb nach der Frühschicht noch einen großen Garten und hielt Kleinvieh, um uns zu ernähren. Ein wesentlicher Teil seiner schweren Arbeit diente als Reparation für die Siegermacht Sowjetunion.

" Es ist wieder einer abgehauen"

In der Nähe der Werft sah ich oft in Kolonnen marschierende Männer. Sie waren gleich neben dem Betriebsgelände in Baracken untergebracht, die mit Stacheldraht umzäunt und von Wachtürmen umstellt waren. Sie trugen einheitliche Arbeitskleidung mit gelben Streifen. Ich fragte meine Mutter, was das für Männer seien. "Das sind Strafgefangene", antwortete sie. "Sie haben etwas verbrochen und müssen auf der Werft die schweren und gefährlichen Arbeiten verrichten. Es sind auch politische Häftlinge dabei, die manchmal nur einen Witz über den Spitzbart erzählt haben." Wer der Spitzbart war, wusste ich bereits. Es war der damals mächtige und sehr unbeliebte Walter Ulbricht. Manchmal standen auffällig viele Volkspolizisten in der Stadt herum. "Die suchen einen. Es ist wieder einer abgehauen", erklärte meine Mutter dann.

Unsere Straße direkt an der Ostsee bestand aus einer Reihe von 21 Häusern mit Garten, Hof und Strandzugang - ein Idyll für uns Kinder. Die Hohe Düne war seit 1913 eng mit der Geschichte des Seefluges verbunden und in den damals modernen Häusern mit Terrasse und Zentralheizung wohnten Ingenieure von Heinkel und Junkers. Nach dem Krieg wurden der Flugplatz und seine Gebäude zerstört. In die Wohnhäuser zogen Arbeiter der Warnowwerft ein.

Aufgrund der Wohnungsnot und der großen Zahl der Flüchtlinge aus Ostpreußen waren die Gebäude doppelt belegt Die Zentralheizung war durch Kachelöfen ersetzt worden. Auch die Badewanne fehlte. "Diese haben die Russen mitgenommen", erzählte meine Mutter. Der Hof war voller Kinder und wir hatten von morgens bis abends viele Abenteuer zu bewältigen. Eine Familie hatte einen Fernseher und an manchem Samstagnachmittag durften wir dort Meister Nadelöhr und Professor Flimmrich gucken. In Schwarzweiß in einem riesigen Gerät mit winziger Bildröhre.

"Jetzt haben sie wieder einen erwischt"

Ein Teil der Häuser war von Russen bewohnt. Der Liebling von uns Kindern hieß Aljoscha. Er erzählte mit den Augen zwinkernd, dass er mit seinem klapprigen Fahrrad den Atlantik überqueren kann, wenn er die Reifen nur stark genug aufpumpt. Aljoscha war Zivilbeschäftigter in einer Seeartillerieeinheit der Roten Armee. Diese befand sich hinter einem Bretterzaun ganz in der Nähe. Unter Tarnzeug blickten Kanonenrohre hervor, die auf die Hafeneinfahrt gerichtet waren. Auf einem Turm stand ein Wachtposten und wenn wir Kinder zu nahe kamen, deutete er an, dass wir verschwinden sollten.

Manchmal zerpflügten Kettenfahrzeuge den Sandstrand und wir sahen staunend zu. Bei Niedrigwasser der Ostsee konnten wir in das Gelände der Roten Armee eindringen und schlichen uns bis zu den Garagen der sowjetischen Militärfahrzeuge mit ihrem unvergesslichen Geruch. Wenn wir erwischt wurden, mussten wir in der Küche abwaschen.

An den Abenden sprachen uns am Bretterzaun manchmal Sowjetsoldaten leise an. Sie wollten Armbanduhren gegen Schnaps tauschen. "Wenn sie bei Vergehen erwischt werden, werden sie hart bestraft", erzählte meine Mutter und fügte noch schreckliche Details hinzu. Manchmal hörte ich Schreie hinter dem Bretterzaun. "Jetzt haben sie wieder einen erwischt", sagte meine Mutter dann. Sie erzählte auch oft, dass sie nach dem Krieg keine schlechten Erfahrungen mit den Russen gemacht hat, während sich andere Frauen fürchten mussten. In den Hungerjahren gaben ihr die Russen Nahrungsmittel ab. Großvater war in den letzten Kriegstagen an der Ostfront gefallen.

" Was ist das: Abholen?"

Doch oft mahnte mich meine Mutter: "Erzähle bloß nicht draußen, worüber wir zu Hause sprechen!" Ich fragte: "Warum?". "Dann werden wir abgeholt", sagte sie. "Was ist das: Abholen?" "Dann kommen wir ins Zuchthaus zu den Strafgefangenen mit den gelben Steifen."

Besonders am 17. Juni eines jeden Jahres, wenn im Westen Deutschlands Feiertag war und die Menschen dort kaum wussten warum, entstanden die Fragen aufs Neue. So erfuhr ich vom Aufstand 1953 in der DDR. Und auch in der Warnowwerft.

Die Unruhen waren wie aus dem Nichts entstanden, als die Regierung der DDR unter der Führung Walter Ulbrichts als dem ersten Sekretär des Zentralkomitees der SED kurzfristig die Arbeitsnormen um mindestens zehn Prozent zum 1. Juni 1953 erhöhte. Für die Arbeiter bedeutete das einen Einkommensverlust und für den knappen Haushalt unserer sechsköpfigen Familie einen tiefen Einschnitt. Meine Geschwister waren in einem Alter, in dem sie viel verspeisen konnten.

Während die ersten Streikenden noch eine Rücknahme der Normen, eine bessere Versorgung und die Reduzierung der staatlich festgelegten Einzelhandelspreise forderten, wurden bald auch politische Forderungen laut: Rücktritt der Regierung, freie Wahlen und Freilassung der politischen Gefangenen.

Als die Nachricht kam, weinte meine Mutter

Die Regierung der DDR wurde in Moskau für ihr Verhalten gerügt und machte in der Folgezeit Zugeständnisse. Doch im darauffolgenden Jahr schlug die SED zurück, verhaftete und verurteilte zahlreiche Menschen, die sich während des Aufruhrs hervorgetan hatten. In der Bevölkerung herrschte Angst, eine Fluchtwelle in Richtung Westen setzte ein. Auch mein ältester Bruder ging. Im Westen verdiente er als Maurer das Vierfache und konnte sich dafür sogar etwas kaufen.

Als das Walfangmutterschiff "Juri Dolgoruki" mit seinen 25.377 Bruttoregistertonnen auf Probefahrt ging, blieb es in der damals viel zu flachen Hafeneinfahrt von Warnemünde stecken. Ich sah es während der Überfahrt mit der Stromfähre, bis es freigeschleppt werden konnte. Bei der endgültigen Übergabe an den Eigner im Sommer 1960 waren bereits der Rostocker Überseehafen und ein vergrößerter Seekanal in Betrieb genommen.

Als die Nachricht von der Schließung der Sektorengrenze in Berlin zu uns drang, weinte meine Mutter. In den Jahren darauf wuchsen der Hafen, die Werft und die Stadt in den Sozialismus hinein.

Blicke ich zurück, denke ich dankbar an meine Eltern, die trotz aller Umstände und menschenfeindlich gesinnten Regierungen für eine glückliche Kindheit und Jugend ihrer Kinder gesorgt haben.

Zum Autor
  • Siegfried Wittenburg ist autodidaktischer Fotograf. In seinen Aufnahmen hielt der gebürtige Rostocker den Alltag in der DDR fest. 1986 wurde er als Leiter des Jugend-Fotoklubs "Konkret" entlassen, weil er sich einer Zensuraufforderung der SED widersetzte. Seit 2014 berichtet Wittenburg in Zeitzeugengesprächen mit Schülern vom Leben in der DDR.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Der
Andreas Osterhold, 16.06.2015
Zu dem auf Bild 8 gezeigten Traktor "Aktivist" schreibt "wikipedia": "Der RS03 (Markenname „Aktivist“) war ein Standardtraktor in Blockbauweise. Er wurde von 1949 bis 1952 im Brandenburger Traktorenwerk hergestellt." Auch das dort gezeigte Bild entspricht im wesentlichen dem auf Bild 8 gezeigten Traktor.
2. Sehr schön!
Bernd Blindmann, 16.06.2015
Ich bin in Markgrafenheide aufgewachsen (allerdings in den 80ern) und finde den Artikel sehr spannend! Danke dafür!
3. Bild 9
Hartmut Braun, 16.06.2015
Zitat: "Meine Mutter ärgerte sich oft über einen Mitbewohner, der nacheinander in zwei Parteien aktiv war: In der NSDAP, danach in der SED, und sich auch so benahm." Frage: Wie benimmt man sich denn so als SED-Mitglied? Und wie benimmt sich ein SED-Mitglied, dass jetzt in der CDU ist? Bild 27: Zitat: "Für Rationalisierungen und Modernisierungen teilte der Staat seinem Betrieb zu wenig Geld zu." Eigentlich sollten Sie schon wissen, dass weniger das Geld das Problem war, das damals wie heute unbegrenzt gedruckt werden konnte, sondern dass die Betriebe auch für Körbe voller Geld kein Material kaufen konnten, das praktisch nie in ausreichender Menge vorhanden war, gerade Material, das importiert werden musste, denn für die DDR-Mark bekamen Sie im Ausland nichts.
4. Beeindruckend...
Wolfgang Joensson, 16.06.2015
....dass der Autor trotz widriger Umstände verstanden hat, um was es im Leben geht, wie man an seinem letzten Satz sieht. Diese Menschlichkeit ist es, was hoffen lässt.
5. Haben wir Glück gehabt
wolfgang Bergmann, 16.06.2015
Ich bin Jahrgang 1944, also etwa in dem Alter des Autoren. Manche seiner Sätze erinnern mich an eigene Erfahrungen in den Jahren. Auch bei uns kamen ausländische Besatzer vor. Hier Briten. Wobei schlechte Erfahrungen die Bauern machten weil sie bei Manövern quer über bestellte Felder fuhren. Wir haben Glück gehabt auf der richtigen Seite zu leben. In 1961 nahm ich an einer Jugendaustausch Massnahme mit England teil. Da besuchten wir auch das Bohldamm Lager in Uelzen. Tage bevor die Mauer in Berlin errichtet wurde. Ich hatte den Eindruck das Lager brummte wie ein Bienenstock. Wir deutsche haben Glück gehabt weil die Vereinigung ohne Blutopfer geschehen ist.
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