60 Jahre Volksaufstand in Ungarn "Jungs, ich gehe in den Tod"

Im Herbst 1956 rebellierten die Ungarn gewaltsam gegen die kommunistischen Machthaber. Imre Mécs nahm als Student an der Revolution teil - und wartete schon bald auf seine Hinrichtung.

Erich Lessing/ Tyrolia Verlag

Dieser 23. Oktober ist ein lichter, frühlingshaft milder Tag. Das ungewöhnlich warme Wetter passt zur Aufbruchstimmung, die Budapest und ganz Ungarn erfasst hat. Auch Imre Mécs ist voller Enthusiasmus, als er an diesem Morgen im Herbst 1956 seine Wohnung verlässt. Er eilt über die Petöfi-Brücke auf die Budaer Seite zum Gebäude der Technischen Universität.

Dort haben am Abend zuvor Tausende Studenten einen Forderungskatalog mit 16 Punkten verfasst, den sie nun auf einer Demonstration gegen die stalinistischen Machthaber verlesen wollen. Sie verlangen Meinungs- und Pressefreiheit. Freie Wahlen, ein Mehrparteiensystem, Streikrecht, bessere Arbeits- und Lebensbedingungen. Und, ziemlich ungeheuerlich, den Abzug der sowjetischen Armee.

Auch der 23-jährige Imre Mécs, Student der Elektrotechnik, war bei diesem Treffen anwesend. Er ahnt nicht, dass der Tag danach ein historischer werden würde. "Ich glaubte nicht an eine Revolution. Ich hoffte nur auf langsame, demokratische Veränderungen."

Schüsse aus dem Radio-Sender

Doch plötzlich geht alles ganz schnell. Den einigen tausend Studenten schließen sich im Laufe des Tages immer mehr Menschen an. Nachmittags stehen auf dem Budapester Parlamentsplatz schon 200.000 Demonstranten und fordern das Ende der Diktatur. Ein Teil von ihnen marschiert zum Gebäude des Staatsradios, darunter Mécs. Sie verlangen, dass die 16 Forderungen der Studenten in einer Radioübertragung verlesen werden.

Als die Radio-Leitung die Demonstranten hinhält, stürmen sie kurzerhand das Gebäude. "Die Polizei versuchte, uns mit Tränengas zurückzuhalten", erinnert sich Mécs. "Als das nicht half, schossen Soldaten des Staatssicherheitsdienstes AVH plötzlich von drinnen. Draußen legten einige Polizisten und Soldaten ihre Waffen nieder. Später verteilten Menschen Waffen, die sie aus Kasernen besorgt hatten. In dem Augenblick wurde mir klar, dass eine Revolution ausgebrochen war."

Archiv Imre Mecs

Mécs wurde damit Protagonist des heftigsten Aufstands gegen einen von Moskaus kommunistischen Satellitenstaaten in Osteuropa. Ein Aufstand, der Tausende das Leben kosten sollte. Für die Ungarn ist er bis heute das Symbol von Freiheitsstreben und nationaler Einheit, zugleich aber spaltet die Erinnerung an die Erhebung noch immer die ungarische Gesellschaft.

Der letzte Zeuge

Imre Mécs ist der letzte prominente Vertreter des Aufstands, der noch lebt und aus erster Hand berichten kann. Der 83-Jährige sagt, er sei schon als Jugendlicher antitotalitär eingestellt gewesen - geprägt wie viele seiner Altersgenossen vom Zusammenbruch des profaschistischen Ungarns im Weltkrieg und den folgenden düsteren Jahren des Stalinismus. Sie, die jungen Ungarn, sind es, die ihre Unzufriedenheit in den Monaten vor der Revolution immer offener auszudrücken wagen.

Ihr Idol ist der Reformkommunist Imre Nagy, der nach einer kurzen Tauwetterperiode im Sommer 1955 als Regierungschef abgesetzt worden war. Am Vorabend der Revolution wird die Forderung seiner Wiedereinsetzung im Land immer lauter.

Am 23. Oktober 1956 überstürzen sich dann die Ereignisse. Die Kommunisten haben das Ausmaß der Unzufriedenheit und die Wut im Land unterschätzt. Zwar wird Imre Nagy an diesem Tag als Regierungschef wieder eingesetzt, doch gleichzeitig erteilt die Parteiführung den Befehl, auf Demonstranten zu schießen. Sowjetische Panzer setzen sich in Bewegung, schon am nächsten Tag zerschießen sie in der Budapester Innenstadt wahllos Gebäude. Das wird zum Signal für den Aufstand. Landesweit streiken Arbeiter, bilden Revolutionsräte und dezentrale bewaffnete Widerstandsgruppen, die gegen die Soldaten der Roten Armee und der ungarischen Staatssicherheit kämpfen.

Zwei Freunde und ein Volksheld: Imre Mécs mit dem ehemaligen Staatspräsidenten Árpád Göncz neben einer Büste von Volksheld Imre Nagy. Mécs und Göncz waren Gefängnisgenossen und pflegten später eine tiefe Freundschaft.
Archiv Imre Mecs

Zwei Freunde und ein Volksheld: Imre Mécs mit dem ehemaligen Staatspräsidenten Árpád Göncz neben einer Büste von Volksheld Imre Nagy. Mécs und Göncz waren Gefängnisgenossen und pflegten später eine tiefe Freundschaft.

Einen Anführer oder Befehlshaber gibt es nicht in dieser Revolution, sie ist gelebte direkte Demokratie. Halb unter dem Druck der Bevölkerung und zugleich aus Überzeugung wagt der Regierungschef Imre Nagy das bis dahin Undenkbare: Er verkündet das Ende der Einparteienherrschaft und den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt.

Es sind Tage einer riesigen und doch trügerischen Freiheitshoffnung. Für Imre Mécs zählen sie bis heute zu den eindrücklichsten seines Lebens. Damals war er fast rund um die Uhr unterwegs. Er organisiert Studententreffen, verteilt Flugblätter oder patrouilliert mit Kommilitonen auf der Straße. "Das ganze Land schien fest vereint und zusammengeschweißt, und es gab eine zutiefst verblüffende, spontane Organisiertheit", berichtet er. " Ohne Anweisungen einer Zentrale schien jeder zu wissen, was er zu tun hatte."

Doch am 4. November endet der Traum von der Freiheit. Sowjetische Panzer überrollen das Land, in Budapest verwüsten sie weite Teile der Innenstadt. Zwar leisten bewaffnete Gruppen noch wochenlang hartnäckigen Widerstand, doch gegen die Übermacht der sowjetischen Besatzer sind sie chancenlos. Imre Nagy und mehrere Regierungsmitglieder, die zwischenzeitlich in die jugoslawische Botschaft geflohen sind, werden trotz der Zusage freien Geleits verhaftet und im Juni 1958 nach einem Schauprozess hingerichtet.

Die neuen Machthaber schlagen gnadenlos zurück: Der eingesetzte moskautreue Regierungschef János Kádár lässt Tausende Aufständische verhaften und Hunderte hinrichten. Rund 200.000 Ungarn fliehen nach Österreich.

Warten auf die Hinrichtung

Imre Mécs aber bleibt. Er taucht unter, organisiert eine Zeitlang den bewaffneten Widerstand, später sammelt er Geld und hilft Flüchtenden über die Grenze. Im Mai 1957 wird er selbst verhaftet und in einem Geheimprozess ein Jahr später zusammen mit mehreren Kameraden zum Tode verurteilt. Neun Monate lang sitzt er in der Todeszelle. Viele seiner Freunde und Kameraden werden gehängt.

Jeden Tag bereitet sich Mécs innerlich auf seine Hinrichtung vor. Immer wieder spricht er jene Worte, die er im Gefängnisflur rufen will, wenn seine Aufpasser ihn zum Galgen führen sollten: "Gott mit Euch, Jungs, ich gehe in den Tod! Sagt meinen Eltern, dass ich mutig und aufrecht gegangen bin! Es lebe das freie Ungarn!"

Es ist ein perfides Spiel, das die Machthaber mit den Verurteilten spielen: Scheinbar wahllos werden die einen hingerichtet, die anderen begnadigt. Mécs hat Glück: Im Februar 1959 wird sein Todesurteil in lebenslange Haft umgewandelt. Vier Jahre später kommt er dank der allgemeinen Amnestie für politische Gefangene frei. Es ist der Beginn von Kádárs pseudoliberalem "Gulaschkommunismus": Wirtschaftliche Freiheiten und Konsum sollen die Ungarn zufrieden und damit mundtot machen. Das Motto: "Wer nicht gegen uns ist, ist für uns."

Ein ewiger Kämpfer

Imre Mécs aber ist immer noch gegen die kommunistische Diktatur. Deshalb darf er bis 1975 sein Diplom in Elektrotechnik nicht ablegen und nicht in der Forschung arbeiten, mehrfach erhält er Kündigungen. In den Siebzigern wird er zu einer der führenden Figuren der antikommunistischen Opposition in Ungarn, in der Wendezeit gründet er die liberale Bürgerrechtspartei "Bund Freier Demokraten" mit, für die er bis 2010 Parlamentsabgeordneter ist.

Treffen alter Weggefährten: Imre Mécs auf einer Sitzung des informellen "Ausschusses für historische Wiedergutmachung", der 1989 u.a. das Neubegräbnis des Reformkommunisten Imre Nagy vorbereitete. Mécs ganz links, der 2. v.r. ist Miklós Németh, der wichtigste aus der damaligen vierköpfigen Partei- und Staatsführung. In der Mitte: Árpád Göncz, ab 1990 Staatspräsident.
Archiv Imre Mecs

Treffen alter Weggefährten: Imre Mécs auf einer Sitzung des informellen "Ausschusses für historische Wiedergutmachung", der 1989 u.a. das Neubegräbnis des Reformkommunisten Imre Nagy vorbereitete. Mécs ganz links, der 2. v.r. ist Miklós Németh, der wichtigste aus der damaligen vierköpfigen Partei- und Staatsführung. In der Mitte: Árpád Göncz, ab 1990 Staatspräsident.

Als einer der Vertreter der 1956 zum Tode Verurteilten handelt Mécs 1989 mit der kommunistischen Führung auch das Neubegräbnis von Imre Nagy und seinen hingerichteten Mitkämpfern aus, die 1958 in einem namenlosen Gemeinschaftsgrab verscharrt worden waren, der "Parzelle 301". Die feierliche Beerdigung findet am 16. Juni 1989 statt. Hunderttausende versammeln sich in Budapest und machen diesen Tag zu dem Datum, an dem die kommunistische Diktatur symbolisch endet. Mécs ist einer der sechs Redner auf der Kundgebung - zusammen mit einem jungen, damals noch radikalliberalen Mann, der mit einer aufrüttelnden Rede an diesem Tag schlagartig berühmt wird: Viktor Orbán.

Längst liegen Welten zwischen Orbán und Mécs. Der bescheidene, joviale 83-Jährige ist ein unermüdlicher Bürgerrechtler geblieben, ein Mahner gegen jede Art von Totalitarismus. Dass der ungarische Regierungschef in seinen jährlichen Gedenkreden zum 23. Oktober inzwischen regelmäßig die liberale Demokratie verunglimpft, ein völkisch-nationales Ungarn propagiert und auf Europa schimpft, empfindet Imre Mécs als "gigantische Lüge und Fälschung der Geschichte von 1956".

"Gigantische Lüge"

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Und so protestiert er gegen ihn. Trotz seines Alters fehlt Mécs auf kaum einer Kundgebung gegen Orbáns antidemokratische Umgestaltung Ungarns. Noch vor einigen Tagen hat er gegen die Einschränkung der Pressefreiheit demonstriert, nachdem die größte regierungskritische Zeitung des Landes plötzlich geschlossen worden war.

Auch an diesem 23. Oktober wird Imre Mécs wieder auf die Straße gehen. "Ich bin mein Leben lang gegen Wände gelaufen", sagt er ironisch und lächelt. "Ich werde nicht damit aufhören."

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