Volksmusik-Plattencover Willkommen im Mutantenstadl

Volksmusik-Plattencover: Willkommen im Mutantenstadl Fotos

Pediküren-Playboys, liebestolle Tattergreise, zweiköpfige Mutantenhirsche: Die Motive auf vielen volkstümlichen Schallplatten sind an Absurdität, Kitsch und Schrulligkeit kaum zu überbieten. Ein kritischer Blick auf die geschmacklosesten Hüllen der Heimat. Von

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Der Drache hat schon fast eine Glatze. Jedenfalls der untere seiner beiden Köpfe, der von Toni Knittel, Songschreiber des österreichischen Volksmusikduos Bluatschink. Dass der andere Drachenkopf, der seines Mitmusikers Peter Kaufmann, viel volleres Haupthaar hat, scheint ihn nicht zu verdrießen: Feist grinst er uns vom krakeligen Cover des Bluatschink-Albums "Poppele" aus dem Jahr 1995 an. Worüber er sich wohl so freut? Vielleicht ist es ja der Vaterstolz über das Baby, das er in seiner Hand hält. Das hat schließlich ebenfalls den Kopf von Toni Knittel, nur mit Schnuller im Mund. Bewundernd starrt auch der Teddybär, der vor dem Musikanten-Drachen steht, das Baby an. Was der ganze Irrsinn zu bedeuten hat, verrät uns die Albumhülle zwar nicht, dafür aber die Zielgruppe der Platte: "Für Kinder von 1 bis 100".

Anderes Cover, anderer Irrsinn: Majestätisch blickt der kapitale Hirsch auf der Hülle des Samplers "Die schönsten Jägerlieder" in die Ferne und hebt sein Haupt zum Röhren. Doch ist es wirklich ein Brunftruf, den das Tier auf dem Bild anstimmt - oder doch eher ein Wehklagen? Schließlich wächst dem strammen Platzhirsch aus einem Ende seines Geweihs noch ein zweiter Hirschkopf, der allerdings reichlich ungerührt in die Gegend schaut. Der Sinn des Ganzen bleibt auch hier im Dunkeln.

Irgendwie erinnern Plattenhüllen wie diese daran, wie vor zehn Jahren Ulk-Moderator Stefan Raab in Lederhosen in den Musikantenstadl stürmte und "Der Karl, der Karl, der Moik, Moik, Moik, der kifft das stärkste Zeug, Zeug, Zeug!" sang. Deutschland - jedenfalls jener Teil oberhalb Bayerns und unterhalb der 70 - klatschte sich vor Lachen auf die Schenkel: Stadl, Heino, Schunkelkitsch - die mussten doch alle irgendwie bedröhnt sein, oder? Anders schien es vielen wohl nicht erklärbar, wie man Hallen voller Menschen dazu bringen konnte, strahlend zu "Herzilein" von den Wildecker Herzbuben oder Maria und Margot Hellwigs "Servus, Gruezi und Hallo" mitzuklatschen. Und wie man auch noch rund sieben Millionen Zuschauer pro Stadl-Folge dazu brachte, vor dem heimischen Fernseher mitzuschunkeln.

Stadl-Boykott unter Volksmusikern

Ebenso scheint die Gestaltung so mancher Plattenhülle der Volksmusik fast nur durch reichlichen Konsum bewusstseinserweiternder Substanzen seitens der Verantwortlichen erklärbar zu sein. Wie sonst hätten die Zillertaler Schürzenjäger 1982 auf die Idee kommen sollen, sich auf einer Plattenhülle mit falschen Schnurrbärten und künstlichen Zahnlücken als Greise ausstaffiert dabei fotografieren zu lassen, wie sie einander mit lüsternem Blick in die Kamera die Zehnägel schneiden? Und wie sonst wären sie vor allem je auf die Idee gekommen, das Album mit diesem Cover-Motiv "I komm heut' auf a Bussl zu Dir" zu taufen?

Nicht, dass die Volksmusik derlei Imageschändung durch schlechte Cover wirklich nötig hätte. Für viele ist die musikalische Welt der volkstümlichen Hitparaden, die sich zwischen Protagonisten wie Florian Silbereisen und Patrick Lindner entfaltet, ja ohnehin ein einziges Gräuel. Das mag daran liegen, dass die ursprünglichen Volksmusik-Traditionen in den Sendungen der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender immer stärker von Musikern wie dem Ex-Skirennläufer Hansi Hinterseer ("Amore Mio", "Die Tiroler Polonaise") oder Instrumentalgruppen wie Captain Cook und seinen singenden Saxophonen ("Moonlight-Memories", "Auch Matrosen haben Heimweh") mit Schlagerklängen verwässert wurde.

Dabei stand das Wort Volksmusik nicht immer für schmalzige Schlager und Alpenkitsch von der Stange: Ende des 18. Jahrhunderts prägte der Dichter Johann Gottfried Herder den Begriff des Volkslieds für Lieder und Dichtungen des einfachen Volkes, die er aus ihrem Schattendasein befreien und der Dichtung des Bildungsbürgertums gleichberechtigt gegenüberstellen wollte. Im Laufe des 18. Jahrhunderts entwickelte sich das Volkslied schließlich weiter zu einer Form unprätentiöser Lieder mit einfachen, klaren Melodien, denen sich die Begleitmusik völlig unterordnet. Und wurde damit praktisch zum Vorläufer der heutigen Popmusik.

Seit Jahrzehnten bemühen sich Künstler der "Neuen Volksmusik" wie Biermösl Blosn, Attwenger oder der Österreicher Hubert von Goisern darum, die Volksmusik vom Fließband-Schunkelkitsch zu diesen Idealen zurückzuführen und traditionelle Volkslieder mit anderen Musikstilen zusammenzuführen. Mit dem Mainstream der sogenannten Volksmusik, die sie naserümpfend als volkstümliche Musik bezeichnen, haben diese Gruppen wenig zu tun - und wollen es auch nicht. So wie von Goisern, der sich seine gesamte Karriere über trotz mehrfacher Einladungen konsequent weigerte, im "Musikantenstadl" aufzutreten. Weil, wie er dem Stern 2001 erklärte, es eine Grenze des guten Geschmacks gebe. "Und die ist für mich beim 'Musikantenstadl' übertreten."

Soundtrack zum Bäumestreicheln

Nicht nur für von Goisern: Viele Skeptiker wittern hinter der alpenveilchenumrahmten Heile-Welt-Fassade des volkstümlichen Showbusiness rückständiges Spießertum. Ein Feindbild, das immer wieder befeuert wurde durch Vorfälle wie Karl Moiks Schimpftiraden auf "Spaghetti-Fresser" im "Musikantenstadl" im April 2004 oder durch Textzeilen wie "Achmed, du lieber Achmed, du Saudi-Arabier lach' net, von uns und unseren Frauen kannst du nur träumen im Wüstenland", mit denen das Volksmusiktrio Ursprung Buam 2007 auf sich aufmerksam machte.

Dabei hätte vermutlich ein Blick auf das Plattencover des Albums "Erfolgshits der Ursprung Buam" genügt, um dem adressierten Achmed das Lachen auszutreiben: Wenn die beiden Brüder Martin und Andreas Brugger und ihr Bandkollege Manfred Höllwarth aus dem schönen Zillertal dort vor Fototapeten-Bergpanorama mit irr-entrücktem Blick vor sich hinstieren und ihnen der Coverdesigner vor lauter Heimatverbundenheit noch kopfgroße Enzianblüten und einen Geige spielenden Teddybären vor den Körper montiert hat, will man nämlich eigentlich nur noch eins: Weinen.

einestages hat weder Tränen, Blut noch Schweiß gescheut, um den wirklich ultimativen Höllentrip durch den Kosmos der volkstümlichen Plattencover anzutreten. Entdecken Sie ein kleines Stückchen Heimat - irgendwo zwischen rekolorierten Alpenwiesen, nach Bier tauchenden Säuglingen und einem Soundtrack zum Bäumestreicheln:

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Franz Regeler, 28.10.2010
Was hat denn das alles mit Volksmusik zu tun. Das meiste ist doch eher in die Rubrik "Volksdümmlich" zu bringen. Und wer die "Biermösl Blosn" als Volksmusik bezeichnet, der hat die drei Well-Brüder einfach nicht verstanden. Natürlich können die Volksmusik machen, und ihre Wurzeln sind da. Aber ihre Texte sind doch meist bitterböse ("..Die Oberkrainer, die war'n 'teier, doch dafür kimmt a g'standner Bayer, dem Stoiber gilt der Sängergruß, schwarzbraun ist die Haselnuss. ..." ), nicht nur satirisch. Das ist allerbestes Kabarett, keine Volks - und schon gar keine dümmliche Musik. Und mit der Bayern-Hymne, natürlich in der Version der Biermösl Blosen, möchte ich mich verabschieden: "Gott mit Dir, du Land der BayWa, deutscher Dünger aus Phosphat, über deinen weiten Fluren, liegt Chemie von fruah bis spaat, und so wachsen deine Rüben, so ernährest Du die Sau, Herrgott blei dahoam im Himme', mir ham Nitrophoska Blau!"
2.
Harriet Hirsch, 30.10.2010
mein gott, was für texte. danke, lieber schreiber, es ist ein vergnügen!
3.
Daniel Pfeiffer, 30.10.2010
Ick harr Hannes Flesner nich kennt, man ick finn em good! Best Dank, all de Tied wat ick mi de anner Schiet ankiekt heff, löpp he hier op Youtube.
4.
Mr Bojangles, 31.10.2010
Ich habe lange nicht mehr so gelacht, was fuer ein Lesevergnuegen!
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