DDR-"Bruderland" Polen Vom sozialistischen Scheinriesen zum Armenhaus

Mehrfach reiste Siegfried Wittenburg in den Siebzigerjahren nach Polen. Er erlebte ein Land im Umbruch: erst kommunistisches Konsumparadies, dann Massenproteste und Hungermärsche - ein Staat im Krieg mit sich selbst.

Siegfried Wittenburg

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Wenn ich das Album "Rumours" von der A- auf die B-Seite wende, ist ein heftiges Knistern und Knacken zu hören, bis die Bassdrum von Mick Fleetwood den Rhythmus angibt, die Gitarre erklingt und Stevie Nicks singt "I can still hear you saying you would never break the chain" ("Ich kann immer noch hören, wie du sagst, du würdest nie die Kette brechen").

Das Knacken zieht sich durch den ganzen Titel "The Chain". Das liegt daran, dass er in Warschauer Diskotheken nächtelang gelaufen sein muss. Ich habe die 1977 erschienene LP auf dem polnischen Schwarzmarkt gekauft, für 120 DDR-Mark. Das entsprach zwei damaligen Monatsmieten. Das Geld hatte ich auf dem Schwarzmarkt getauscht - zum inoffiziellen Kurs 1:10 statt dem offiziellen Kurs von 1:7.

Bot jemand günstigere Kurse, war es meist ein Betrugsversuch. Mancher ahnungslose DDR-Reisende wurde in Warschau durch Taschenspielertricks erleichtert. Die Einreise nach Polen war ab 1972 mit Perso möglich, im "Bruderland" konnten unbegrenzt DDR-Mark in Zloty umgetauscht werden. Umgekehrt nicht.

Angeblich ein Gigant unter den Industriestaaten

Nur: Es gab um 1980 in Polen nicht mehr viel zu kaufen. Mich lockten allerdings Original-Schallplatten auf dem Flohmarkt. Für die Polen dagegen war die DDR ein Fleischwaren- und Konsumartikel-Paradies. Das machte den schwarzen Geldumtausch für sie attraktiv.

Wäre ich fünf Jahre früher nach Polen gereist, hätte ich dort eine "Belle Époque" erlebt. 1971 kam es nach einer starken Erhöhung der staatlich festgelegten Preise in einigen polnischen Industriestädten zu massenhaften Streiks. In den Textilfabriken von Lodz legten über 55.000 Beschäftige die Arbeit nieder, 80 Prozent davon Frauen. Streiks in den Werften von Stettin und Danzig wurden blutig niedergeschlagen, 16 Menschen starben.

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Polen nahm daraufhin die Preiserhöhung zurück und beschloss ein Programm zur Steigerung des Lebensniveaus. Die Kommunistische Partei vertraute ihrer selbst propagierten Wirtschaftskraft und machte dem Volk weis, es lebe im zehntgrößten Industriestaat der Welt.

Die so gewonnene Kaufkraft ohne entsprechende Warendeckung erzeugte solche Aufbruchsstimmung, dass mehr West-Waren eingeführt wurden - auf Pump. Man meinte, bald kapitalistische Länder wie Italien hinter sich zu lassen. In großem Stil wurde die Produktion von West-Lizenzprodukten angekurbelt, bald konnten die Menschen einen Polski Fiat ihr Eigen nennen, Pepsi trinken und Marlboro rauchen.

"Ein Pole ist Papst geworden"

Auch war es im Gegensatz zur DDR für Polen möglich, wenn auch mit großem Aufwand, in den Westen zu reisen. In einer Phase des realitätsblinden Optimismus blähte die Partei ihren Staatsapparat und die Bürokratie auf. Nur wenige Fachleute wussten, dass Polen dro in der Staatsverschuldung zu versinken drohte.

Eine Missernte läutete 1975 den Niedergang dieses vermeintlichen sozialistischen Paradieses ein. Zeitgleich konnten zwei Drittel der geplanten industriellen Investitionsvorhaben nicht termingerecht in Betrieb genommen werden. Erneut bildeten sich vor den Lebensmittelgeschäften lange Schlangen, schlechte Stimmung machte sich breit.

Dann geschah 1978, womit die Machthaber nie gerechnet hatten. "Ein Pole ist Papst geworden", sagte der polnische Parteichef Edward Gierek 1978, "das ist ein großes Ereignis für die polnische Nation und bedeutet erhebliche Schwierigkeiten für uns." Sogar der Leiter meines sozialistischen Kollektivs in der DDR berichtete damals vor den Kollegen mit Sorge, dem Klassenfeind sei ein schwerwiegender Coup gelungen.

Und es kam noch schlimmer: Papst Johannes Paul II. besuchte 1979 sein Heimatland. Er erlebte Ovationen von Millionen seiner katholischen Landsleute, die oft auch Mitglieder der Partei waren. Der Besuch veränderte ein ganzes Volk. Die Polen erkannten, dass eine Mehrheit die Enttäuschung über die Lebensverhältnisse teilte. Sie wurden selbstbewusster und offener, selbst beim Schlangestehen an den Lebensmittelgeschäften. Sie begannen, Solidarität zu üben. Polnisch: Solidarnosc.

Ein exotisches Besuchserlebnis

Als ich 1979 wenige Wochen nach dem Papstbesuch einen Freund in Warschau besuchte, erlebte ich nach langer Zugfahrt durch arme, ländliche Gebiete eine weltoffene Hauptstadt. Im Kino lief "Hair", in den Blumenläden gab es frische Schnittblumen, durch die wiederaufgebaute historische Altstadt bummelten Touristen aus aller Welt - für einen Besucher aus der DDR ein exotisches Erlebnis.

Als ich zwei Jahre später wiederkam, hatte sich schon alles verändert. Das Land war unruhig geworden. Nicht nur vor Lebensmittelgeschäften, auch vor Zeitungskiosken standen lange Schlangen, um Neuigkeiten von Auseinandersetzungen zwischen Solidarnosc - der ersten unabhängigen Gewerkschaft eines kommunistischen Landes - und der Regierung zu erfahren. In Lesecafés konnte man internationale Zeitungen studieren, die unzensiert über die Ereignisse berichteten.

Mein Freund schwärmte von den Liedern Leonard Cohens, Edith Piafs und Jacques Brels, deren Texte er in die polnische Sprache übersetzte und intonierte, damit ihre humanistische Botschaft das Publikum besser erreichte. Die Theater führten kritische Stücke auf, es wurde über das Leben und den Kommunismus debattiert.

Hungermärsche in den Großstädten

Die Staatspropaganda argumentierte dagegen, wenn die Menschen die Arbeit niederlegten, produzierten sie weniger, was wiederum in den Läden fehle. Doch eine andere Möglichkeit, auf Veränderungen zu drängen, hatten sie nicht. Die Nahrungssuche der Bürger dauerte inzwischen mehrere Stunden täglich, in Großstädten organisierten die Frauen "Hungermärsche".

Zucker war bereits seit 1976 rationiert. Jetzt folgten Lebensmittelkarten für Fleisch, Wurst, Butter, Mehl, Reis und Schuhe. Der Schwarzmarkt blühte, die angeblich zehntgrößte Industrienation der Welt verkam zum Armenhaus.

Als der neue Staatschef General Wojciech Jaruzelski am 13. Dezember 1981 das Kriegsrecht über Polen verhängte, schloss auch die Honecker-Regierung die Grenzen zum "Bruderland" und öffnete sie nicht wieder. Es scheint, als sei Polen der Vorbote für den Niedergang der DDR acht Jahre später gewesen. Das Moskauer System brach zusammen - mit dem Ergebnis, dass für die aufbegehrenden Arbeiter zuerst in Lodz, Kattowitz und Danzig, dann in Karl-Marx-Stadt, Magdeburg und Rostock bald kein Platz mehr blieb.

Inzwischen besitze ich "Rumours" von Fleetwood Mac zweimal. Eine Verwandte, die in den Westen ging, hat mir die zweite LP hinterlassen. Sie hatte das Glück, sie 1979 für 16,10 DDR-Mark als Amiga-Lizenzplatte im regulären Plattenhandel kaufen zu können.

Als ich sie auflegte, knackte sie bei "The Chain".

Zum Autor
  • Siegfried Wittenburg ist autodidaktischer Fotograf. In seinen Aufnahmen hielt der gebürtige Rostocker den Alltag in der DDR fest. 1986 wurde er als Leiter des Jugend-Fotoklubs "Konkret" entlassen, weil er sich einer Zensuraufforderung der SED widersetzte. Seit 2014 berichtet Wittenburg in Zeitzeugengesprächen mit Schülern vom Leben in der DDR.

Fläche: 312.679 km²

Bevölkerung: 38,419 Mio.

Hauptstadt: Warschau

Staatsoberhaupt:
Andrzej Duda

Regierungschef:
Beata Szydlo

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insgesamt 17 Beiträge
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Marcus Klemm, 20.02.2016
1.
Schöner Artikel. Es würde mich allerdings interessieren, warum extra erwähnt wird, daß unter den 55000 Streikenden 80% Frauen waren? Daß die 16 Todesopfer (vermutlich) zu 100% männlich waren, wird hingegen nicht hervorgehoben.
Christian Bellechamps, 20.02.2016
2. Vielen lieben Dank. ..
...Für diesen Artikel der aufklärt statt zu belehren und die wahre Geschichte zeigt statt politische oder persönliche Meinungen zu transportieren. Ich (43, aus dem Westen), konnte zuletzt mit manchen Ost Berliner reden, die mir ähnliches berichteten (zum Musikhören oder für politische Diskussionen fuhr man aus der DDR nach Polen; die SED hatte solche Angst vor einer Freiheitsbewegung, dass sie die Grenzen zu ließ und die DDR Bürger nach 3 Seiten eingesperrt waren, gleichzeitig erfand bzw belebte die SED die "Polenwitze" um die DDR Bürger von dort fernzuhalten. Vielen herzlichen Dank, dass man das jetzt auch in der Presse lesen darf!
David Braben, 20.02.2016
3. Gesprengte Ketten
Leider macht der Artikel -- um in der Schallplattenmetapher zu bleiben -- gegen Ende einen Sprung: Von der Ernennung Karol Wojtylas zum Papst über Lech Walesas Solidarnosc-Bewegung und Jaruzelskis Kriegsrecht geht es flugs zur Wende über. Dazwischen lagen etliche Jahre größter Hungersnot der polnischen Bevölkerung -- und eine beispiellose Hilfsaktion der Menschen in Westdeutschland: Die sogenannte Polenhilfe. (Nein, das ist nicht das, was man heute findet, wenn man nach dem Wort googelt.) Es ist nachvollziehbar, dass DDR-Bürgern dieses historische Zeugnis europäischer Verbundenheit verschwiegen wurde. Dass es ihnen bis heute unbekannt geblieben ist, zeigt auf beeindruckende Weise, wie sehr diese Hilfe von Herzen kam, und kein Beitrag zum Kampf der Wirtschaftssysteme war. Denn sonst hätten die Spender von damals sich inzwischen längst einmal deutlich vernehmbar ihrer damaligen Leistung gerühmt.
Udo Sowade, 20.02.2016
4. Wo sind denn nun,
die Fotos von den leeren Fleisch- und Lebensmittelgeschäften ?
Mit Denken, 20.02.2016
5. Gut gegen das Vergessen
Hallo Herr Wittenburg, ihre Beiträge hier sind im bei mir sehr gern gesehen. Und sie spiegel ja tatsächlich auch den Alltag wieder. Ich warte aber schon auf die Kommentare der Ex-Appartschniks, die dann wieder erklären, das sei für die DDR nicht gültig gewesen, der Sozialismus sei die bessere Alternative oder ähnliches... Mir macht hier niemand was vor, wenn man sich wie ich mal wegen kindlichem Leichtsinn damals vor einem Pionierleiter wiederfand und sich zu rechtfertigen hatte, ob man mit 10 Jahren gegen den Weltfrieden sei nur weil man einen Witz aus dem Familienkreis (mit der strengen Auflage ihn ja nicht weiterzuerzählen) vor Klassenkameraden zum Besten gegeben hat - und alles musste Lachen. Ein Freund und Kollege konnte solche Probleme als Nicht-Pionier besser umgehen: Selbe Ausgangslage, selbes Tribunal aber seine dreiste Antwort war: Das die russischen Atomraketen hinter ihrem Garten (kam aus der Nähe von Bautzen) ja auch nicht dem Weltfrieden dienen sondern die Welt nur noch gefährlicher machen. Betretenes Schweigen und stolzer Abgang - bei meinen Eltern gabs aber keine Rakten auf die man hätte dummdreist verweisen können... Aber die DDR hat mich gelehrt (immerhin), kritisch zu denken und nichts hinzunehmen wie es einem staatlicherseits einfach erklärt wird sondern immer schön zu hinterfragen und mal das Maul aufzumachen und selber zu denken (ist ja heute zum Glück ohne Konsequenzen). Wer sich nicht selber engagiert, auch im Sinne eine libertären Europas, ist selber schuld, der mag dann auch auf die einfachen Antworten und Manipulationen eines RT oder von Sputnik reinfallen. Dummheit ist leider nicht strafbar...
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