Volkssport Skilaufen Wettfahrt auf der Wilden Sau

Holzski aus Wehrmachtsbeständen, selbstgebastelte Stiefel und lebensgefährliche Drahtbindungen: Wintersport im Nachkriegsdeutschland war eine echte Herausforderung. Die Brettl-Fans vom Schi-Klub Hannover aber stürzten sich schon 1947 wieder die Hänge im Harz hinunter - ohne Helm und Rückenpanzer.

Andrea Jonischkies

Von Andrea Jonischkies


Hannover liegt noch in Trümmern, aber vor den Toren der Stadt sucht die lebenshungrige Nachkriegsjugend im Winter 1947 das Abenteuer. Mit butterbrotschweren Rucksäcken und geschulterten Holzlatten treffen sie sich jeden Sonntagmorgen beim Hauptbahnhof der im Krieg schwer getroffenen Leinestadt. Ein klappriger Bus bringt die bunte Truppe sportbegeisterter Skiläufer hinauf in den nahegelegenen Harz. Die Ausrüstung ist notgedrungen improvisiert: die Pullis selbstgestrickt, die Skihosen selbstgenäht, Anoraks und Skier aus alten Wehrmachtsbeständen zusammengeklaubt.

Der Skisonntag ist für die meisten eine hochwillkommene Auszeit von der Sorge um das tägliche Überleben und der Erinnerung an den Krieg. "Wir lebten von Wochenende zu Wochenende", erzählt einer der Pioniere des altehrwürdigen Schi-Klub Hannover von 1896. Nach der Währungsreform im 1948 erlebte der Skisport seinen ersten Boom im Nachkriegsdeutschland - auch im Norden. Denn jeder will raus aus den zerbombten Städten, rein in die unberührte Winterlandschaft des Harz - die Reichsbahn muss bald Sonderzüge einsetzen, etwa den "Samba-Express", einen schlicht eingerichteten Waggon mit jeweils einer Sitzbankreihe rechts und links in Längsrichtung. Der Platz in der Mitte wurde für Après-Ski genutzt - wer nicht zu müde vom Skifahren war, schwang auf der Rückfahrt zu flotter Swing-Musik das Tanzbein.

Die fröhlichen Wedeltouren der Hannoveraner Nachkriegsjugend in den Harz knüpften an eine alte Tradition an, Schon ein halbes Jahrhundert zuvor, im Februar 1896, war im norddeutschen Flachland der Schi-Klub Hannover gegründet worden. Bis dahin hatten die Städter im Harz nur in der warmen Jahreszeit Urlaub gemacht. Doch um die Wende zum 20. Jahrhundert entdeckten die Harz-Touristen den Wintersport, animiert von norwegischen Gaststudenten, die zum Studium an der berühmten Bergbauakademie von Clausthal-Zellerfeld ihre Skier mitgebracht hatten.

Winterspaß zur Kaiserzeit

Postbeamte, Förster und Polizisten waren die ersten, die sich die Holzbretter zum Unterschnallen für ihre Arbeit anschafften. Zu kaufen gab es das neue Sportgerät nicht, die Latten mussten beim Stellmacher oder beim Tischler angefertigt werden. Das war nicht gerade billig, also sparte man am Material: "Es mehren sich die Holzdiebstähle", notierte ein Beamter des Harzer Forstamtes seinerzeit, "ganz augenscheinlich, um sich aus dem Holz Ski anfertigen zu können."

Die Verantwortlichen des Bergbaustädtchens St. Andreasberg im Oberharz erkannten das Potential des neuen Trends und riefen das alljährliche Winterfest ins Leben, bei dem auch erste Wettkämpfe ausgetragen wurden - und auch Gäste ihre ersten Gehversuche auf den langen Latten machten. Die alten Fotografien mit den Schi-Klub-Gründern hingen später im Vorraum der clubeigenen Hütte bei Altenau: Schnauzbartträger im Jäger-Look mit Kniebundhosen und Schirmmützen, daneben Herrschaften in langen Mänteln mit Pelzkragen und Melone, die Damen mit knöchellangem Rock und Federhütchen.

Sich die feinen Herrschaften im Wettkampfdress vorzustellen, fällt nicht ganz leicht - doch der Schi-Klub Hannover 1896 e.V. verbuchte zwischen 1900 und 1904 etliche Erfolge bei den Norddeutschen Meisterschaften. Skikurse, Ski-Wetterberichte in hannoverschen Zeitungen, Lichtbildvorträge und Aushängekästen in Hannover sorgten für kräftigen Zulauf. Von 24 Mitgliedern im Jahre 1906 verzehnfachte sich die Zahl bis zum Ersten Weltkrieg auf 241.

Alte Wehrmachtsski bei Karstadt

Das schöne Skigebiet bei Altenau entdeckten Clubmitglieder um 1904. Dort baute der Verein nach Inflation und Erstem Weltkrieg 1932 seine eigene Clubhütte, vier Jahre, bevor 1936 die Olympischen Winterspiele in Deutschland für einen Ski-Boom sorgten und HJ-Gruppen auf dem Kunstberg Skifahren übten. Mit der Vereinspostille "Feldpostonkel" hielt der Club im Krieg sogar Kontakt zu Sportskameraden im Fronteinsatz. Aufmunternde Anekdötchen aus dem Harz fanden sich neben Berichten von Soldaten über Skitouren im besetzten Norwegen.

Nach Kriegsende wurde der Club von den Briten um ein Haar mit anderen Vereinen fusioniert, die Altenauer Hütte war von den Besatzern von der Insel requiriert. Doch die Clubmitglieder wehrten sich geschickt gegen die Zusammenlegung, und handwerklich geschickte Mitglieder griffen nach dem Abzug der Army zu Hammer und Säge, um die lädierte Clubhütte wieder instandzusetzen. Auch bei der Ausrüstung mussten die Wintersportler notgedrungen kreativ sein. Restbestände von Wehrmachtsskiern, weiß lackiert mit einem grünen Band, wurden günstig bei Karstadt erstanden und kurzerhand abgebeizt, dann braun überlackiert.

Als Skistiefel mussten modifizierte Wehrmachtsstiefel (für Herren) oder zum Einrasten in die Bindung vorne mit Metall beschlagene Knabenschnürstiefel (für Damen) herhalten. Mit solch unausgereifter Technik - die Bindungen bestanden aus einfachen Drahtschlingen, die den Stiefel über einen Hebel auf dem Ski fixierten - stürzten sich die Skisportler mit dem Enthusiasmus des echten Amateurs Pisten mit Namen wie "Wilde Sau" hinab. Prellungen und Brüche waren oft genug die Folge - wenn nicht von Knochen, dann der Holzskier.

Inzwischen sehen Skifahrer in ihren Schildkrötenpanzern und mit ihren Helmen aus wie Robocops aus Hollywood-Filmen, die auf computeroptimierten Hightech-Ski um die Kurven carven wie auf Schienen, immer dem schnellen Geschwindigkeitskick hinterher oder dem dröhnenden Après-Ski-Kommerz entgegen. Skifahren als Naturerlebnis, als Gemeinschaftsspaß - das ist wohl alles Schnee von gestern.



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