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Volksvertreter im Urlaub Politik der Badehose

Volksvertreter im Urlaub: Politik der Badehose Fotos

Südsee statt Sitzungssaal: Auch unter den Berliner Abgeordneten bricht dieser Tage Ferienstimmung aus. Doch selbst im Urlaub widmen sich Politiker seit jeher der Arbeit - am eigenen Image. Eine kleine Revue der Urlaubsinszenierungen von Friedrich Ebert bis Angela Merkel. Von Alice Kohli

Endlich: Sommerpause! Mit erleichtertem Seufzen schließen die Abgeordneten die letzten Akten und fahren ihre Rechner herunter. Nicht mehr viel trennt die Volksvertreter nun vom ersehnten Urlaub, und in Gedanken liegt mancher schon in der Hängematte, einen kühlen Drink in der einen, ein dickes Buch in der anderen Hand und im Kopf die Frage: Wie kommt mein Urlaub an?

Denn die Urlaubsfrage ist für Politiker keine Frage von Lust und Laune, sondern von Kalkül. Oberste Maxime: Bleibe der Heimat treu. Eine Wandertour im Wahlkreis, Kanufahren auf örtlichen Gewässern oder gar Urlaub daheim auf der Terrasse des eigenen Reihenendhauses, Ferien in deutschen Landen - so lässt sich seit jeher Volksnähe und Bodenständigkeit demonstrieren: "Ich bin wie ihr", lautet die Botschaft solcher Bilder an die Wähler, "darum sitze ich für euch Parlament ". Wer tagtäglich in Berlin oder Brüssel und anderswo für die Belange seines Landes in die Bresche springt, tut seiner Glaubwürdigkeit leicht Abbruch, wenn er es außerhalb der Dienstzeit dann doch in anderen Ländern schöner findet.

Früher war das selbstverständlich - zu Kaisers Zeiten oder in der Weimarer Republik fuhr man in die Sommerfrische an den Ostseestrand oder ein mondänes Kurbad. Ein berühmt gewordenes Bild zeigt den damaligen Reichspräsidenten Friedrich Ebert (SPD) und seinen Wehrminister Gustav Noske 1919, Hände hinter dem Rücken verschränkt, in der seichten Ostsee stehend. Man beschied sich mit den Schönheiten der Heimat, und weil es weder Miles&More noch Flugbereitschaft gab, fiel es Politikern auch nicht so schwer wie heute, da die Versuchungen der Ferne für Politiker ungleich größer sind.

Kanzlerkult am Wolfgangsee

Relativ gut dran waren und sind folglich jene Politiker, die große Staaten repräsentieren - für die politische Klasse Dänemarks oder Belgiens (ganz zu schweigen von Liechtenstein und Luxemburg) sind die Feriendestinationen schnell erschöpft. Dagegen bieten etwa Russland oder Kanada alle Klimazonen, die das urlaubsgestimmte Herz begehren mag. Doch auch den Herrschenden mittelgroßer Länder wie Italien, Frankreich oder Deutschland bieten sich noch genügend hübsche Ecken: Vom Bayrischen Wald bis zur Nordseeküste locken allerlei Ziele für den perfekten Politikerurlaub - egal ob der Gewählte beim Surfen Dynamik demonstrieren möchte oder lieber mit Zicklein im Streichelzoo posiert, um das Herz des Wählers zu erwärmen.

Deutschlands Politiker haben zudem den Vorteil, den Heimatbegriff ein wenig dehnen zu können - wenn ein Berliner Volksvertreter in die Schweiz zum Bergwandern fährt oder in Österreich urlaubt, so kann er in der Regel auf die stillschweigende Zustimmung seiner Landsleute rechnen. Helmut Kohl etwa verfuhr so. Aus den Sommerurlauben im österreichischen St. Gilgen, wo er mit seiner ersten Frau Hannelore zwischen 1970 und 2000 weilte, machte der Rekord-Bundeskanzler geradezu einen Kult. Kaum etwas fanden deutsche Touristen aufregender, als im Auslandsurlaub ihrem Regierungschef zu begegnen - manche fuhren sogar nur wegen Helmut Kohl ebenfalls an den Wolfgangsee. Die Kohls lebten dort Zaungästen wie mitgereisten Journalisten jährlich auf's Neue familiäres Ferienglück vor; bisweilen nahmen die idyllischen Bilder fast schon abstruse Formen an: Ein knuffiger Hund da, ein süßes Rehkitz dort.

Politischer Schulterschluss am Swimmingpool

Für imagebewusste Berufspolitiker mit Fernweh bietet sich seit jeher Italien als sichere Nummer an. Kein Zufall, dass deutsche Politgrößen sich gerne zwischen Bozen und Bari, Rom und Rimini herumtreiben und die "Toskana-Fraktion" mittlerweile sprichwörtlich ist: Seit das Lebensgefühl der Bundesdeutschen weitgehend mediteransiert wurde, ist Italien voll und ganz in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ein italophiler Politiker suggeriert seinen Wählern eine Weltgewandtheit, die nicht abgehoben wirkt. Das gilt nicht erst, seit Gerhard Schröder Barolo und Brioni entdeckte und sich Otto Schily ein Häuschen in der Toskana zulegte - bereits Konrad Adenauer zog sich jeden Sommer an den Comer See zurück, um Boccia zu spielen. Heute beherbergt seine Sommerresidenz die "Accademia Konrad Adenauer", ein internationales Begegnungszentrum für Politik, Wirtschaft und Kunst. Im Garten steht eine Statue des Altkanzlers beim Kugel werfen.

Handelt es sich bei dem reisenden Politiker nicht bloß um einen gemeinen Abgeordneten, sondern um einen Staatsmann von Ministerrang oder mehr, können andere Erwägungen bei der Wahl des Urlaubsortes hinzutreten - weltpolitische zum Beispiel. Schulterschlüsse zwischen Staaten werden gar nicht so selten in gemeinsamen Ferien ihrer Führer besiegelt - ohne Konferenzen und Verträge, dafür in Badehose. Die in Amerika unter Linksverdacht stehenden SPD-Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt etwa urlaubten in den USA, als es galt, im Kalten Krieg die Einigkeit des Westens zu demonstrieren. In jüngster Zeit tat es ihnen Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy gleich, als er zu Beginn seiner Amtszeit in die Ferien nach Wolfeboro, einem Society-Ferienort in New Hampshire, fuhr. Wie passend, dass der Bush-Clan in derselben Gegend eine Sommerresidenz besitzt und man sich gleich beim Drink am Pool ein wenig näher kam.

Eine weitere Maxime, zum eigenen Nachteil von Politikern oft missachtet: Nicht nur das Urlaubsziel hat politische Relevanz, sondern auch die Ferienkleidung. Leger soll es sein, aber auch nicht peinlich. Die Oben-ohne-Show Putins beim Angeln mit Fürst Albert von Monaco in Sibirien im vergangenen Jahr verkam nicht nur westlich von Moskau zu einer Lachnummer. Schief ging auch der legendäre Badehosen-Auftritt Rudolf Scharpings zusammen mit einer Frankfurter Gräfin in einem mallorquinischen Pool. Angela Merkel dagegen hatte einfach Pech, als ein Paparazzo sie 2006 auf Ischia beim Wechseln der Badekleidung fotografierte. Das englische Revolverblatt "Sun" druckte die Bilder, was fast zu einem diplomatischen Eklat geführt hätte. Die politischen Folgen der Enthüllung allerdings waren dann doch eher positiv - in den deutschen Medien schwappte der düpierten Kanzlerin eine Welle wohlwollender Schlagzeilen entgegen, Buhmänner waren die Briten.

Demonstranten, die Badehosen hochhalten

Wie anders erging es da noch Friedrich Ebert, dem ersten Präsidenten der Deutschen nach Ende des Kaiserreichs. Sein Badehosenfoto an der Ostsee, das am Tag seiner Vereidigung die Titelseite der "Berliner Illustrirten Zeitung" zierte, sorgte seinerzeit für unglaublichen Aufruhr. Zigtausendfach wurde das Motiv von Monarchisten auf Postkarten nachgedruckt, die neben Ebert und Noske im Badedress den Kaiser mit Hindenburg in Paradeuniform zeigten. "Einst und jetzt", lautete die Unterschrift, mit der die Republik lächerlich gemacht werden sollte. Noch drei Jahre später wurden bei einem Besuch Eberts in München von Demonstranten Badehosen hochgehalten.

Der Skandal soll auch dazu geführt haben, dass Adolf Hitler sich stets weigerte, jemals in Badehose gezeigt zu werden. "Das macht ein großer Staatsmann nicht", zitierte ihn Henriette von Schirach, die Frau des "Reichsjugendführers" Baldur von Schirach. "Wo bliebe die Ehrfurcht vor Napoleon, wenn uns solche Bilder von ihm überliefert wären?" Ein Diktator in Badehose wirkt tatsächlich nicht besonders furchteinflößend, aber Angst müssen demokratisch gewählte Politiker ohnehin nicht erzeugen. Ob Schwimmshorts gut oder schlecht sind für das Vertrauen der Wähler, müssen sie in den kommenden Wochen wieder neu entscheiden.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Johannes Möller, 09.07.2008
Der Text zum Adenauer-Foto vom März 1963 ist falsch oder zumindest irreführend "Die Erholung in der Urlaubsresidenz am Comer See tat Not; wenige Monate zuvor hatte der Altbundeskanzler einen Herzinfarkt erlitten." Meines Wissens trat Adenauer erst am 15.10.1963 zurück. Er war im März 1963, erst recht aber "wenige Monate zuvor" war er also Bundeskanzler und nicht Altbundeskanzler.
2.
Philip Radlanski, 09.07.2008
Auch der Text zum Johannes-Rau-Foto ist nicht ganz richtig. Da heißt es: "Der Regierungschef des größten deutschen Bundeslandes erholte sich mit seiner Familie regelmäßig auf der Nordseeinsel (...)". Rau war von 1978 bis 1998 Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen. NRW ist allerdings nach Bayern, Niedersachsen und Baden-Württemberg das viertgrößte deutsche Bundesland. Gemeint ist wohl das bevölkerungsreichste (18,029 Mio).
3.
Paul Ney, 11.07.2008
Da bin ich neugierig, ob irgendjemand mit einer "bärenstarken" Geschichte aufwarten kann/wird! 1902 hatte US Präsident Theodore Rossevelt Mitleid mit einem jungen Bären und ihn bei der Jagd "verschont"; er soll sich keine weiteren Gedanken gemacht haben... Die Washington Post hat dazu eine (wirklich als solche gemeinte) Karikatur veröffentlicht, danach ward der Teddybär (Teddy's bear) geboren; das tat auch dem Bärenschutz gut...
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