Volkszählung 1987 Wenn der Zensus drei Mal klingelt

Als die Volkszählung 1987 stattfand, war Autorin Anne Weiss zwölf Jahre alt. Zu jung, um selbst einen Fragebogen auszufüllen. Alt genug, um die Diskussionen mitzubekommen. Der Graben der Gegner und Befürworter verlief mitten durchs Wohnzimmer.

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Der Tag, an dem ich entdeckte, dass in meiner Mutter eine Rebellin steckt, war ein Samstag im Mai 1987. Der Regen peitschte in Böen gegen die doppelverglasten Fenster unserer Wohnung im Bremer Norden. Aus dem Radio dröhnte die Synthesizer-Fanfare des Songs "The Final Countdown" der schwedischen Hardrock-Band Europe; der Sender stand bei uns immer auf NDR, wegen des "Club Wunschkonzerts".

Dieser Frühsommer war ungewöhnlich kalt und nass. Ein Islandtief machte uns zu schaffen, es hatte ganz Mitteleuropa im Griff. Die Stimmung in unserem Esszimmer war genauso eisig. Meine Eltern brüteten am Tisch über Fragebögen, die ungefähr so aufregend aussahen wie Steuererklärungsformulare und die bei uns seit Tagen für heftige Diskussionen sorgten. Zwei Personenbögen waren auszufüllen, dann noch ein Haushaltsmantelbogen. Und der war das Problem, weil das Blatt fest in der Hand meines Vaters war und meine Mutter fand, dass er nicht allein beschließen könne, was darin steht.

Ich sah über Mutters Schulter auf die blauen Felder, mit denen Geburtsangaben, Geschlecht, Erwerbstätigkeit und Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft abgefragt wurden. Unten links gab es ein Feld, das nur vom Statistischen Bundesamt ausgefüllt werden durfte. Es wollte auch erfassen, wie lange meine Mutter zur Arbeit brauchte und welchen Schulabschluss sie hat.

Dass ein so schnöde aussehender Fragebogen bei uns und in anderen Haushalten solchen Unfrieden stiftete, hätte ich nie für möglich gehalten. Aber meine Mutter war eine Volkszählungsprotestlerin. Im Gegensatz zu meinem Vater, der nicht verstand, was an der Abfrage so schlimm sein sollte.

"Zählen ist Ehrensache"

Auf Mutters Nachttisch lag als Bettlektüre der Ratgeber "Was Sie gegen Mikrozensus und Volkszählung tun können", von dem eine Viertelmillion in Deutschland verkauft worden sein sollen. In Bremen, neben Hamburg eine der Boykott-Hochburgen, befand sich Mutter damit in guter Gesellschaft.

Denn bei der Volkszählung ging es nicht nur darum, wie meine Schwester und ich zunächst annahmen, einfach mal nachzuzählen, wie viele Menschen in Deutschland leben. Der Staat wollte auch so einige Details aus dem Privatleben erfahren.

Deshalb war meine Mutter auch sehr enttäuscht, dass sie nicht zugegen war, als der Volkszähler nachmittags an der Haustür klingelte und den Bogen austeilte - sie hätte ihm gerne die Meinung gegeigt. Stattdessen war mein Vater da und nutzte die Gelegenheit, um sich gleich das alles entscheidende Mantelblatt unter den Nagel zu reißen.

"Füll doch einfach verkehrte Daten ein", sagte sie. "Ich will nicht, dass unsere Familie gläsern ist. So bekommen Unternehmen und Behörden Daten, mit denen sie uns manipulieren können."

"Zählen ist Ehrensache", zitierte mein Vater mit einer steilen Falte auf der Stirn das Plakat, das in der Straße vor unserem Haus hing. "Und wenn ich falsche Angaben mache, dann haben wir am Ende keine belastbaren Daten für Wirtschaft, Politik und Wohnungsbau."

"Aber ich will nicht, dass jemand weiß, wie wir leben oder wer wir sind."

Mein Vater schüttelte den Kopf und erinnerte sie an einen weiteren Slogan aus der Werbekampagne für die Volkszählung: "Wie Sie heißen, ist uns egal. Ihr Name hilft uns beim Zählen und wird später vernichtet. Ihr Egon Hölder. Leiter des Statistischen Bundesamtes. Volkszählung. 10 Minuten, die allen helfen."

Das stand auf großformatigen Plakaten und Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften und sollte heißen: Die Angaben werden anonymisiert. Die gesamte Kampagne kostete 46 Millionen D-Mark.

"10 Minuten, die Sie noch bereuen werden"

Schon ein Dreivierteljahr zuvor liefen im Fernsehen Spots, in denen ein Abakus zu sehen war, auf dem drei schwarze, drei rote und drei gelbe Kugeln steckten. Volkszählung '87, stand darunter. In dem Filmchen sagte eine rote kleine Comic-Bazille mit Fühlern: "Die da oben haben doch genaue Zahlen", und eine gelbe Comic-Bazille erklärte: "Aber die Zahlen sind 17 Jahre alt, wie mein altes Auto!"

Tenor der großen Reklameaktion: Bei der Abfrage ginge es vor allem um die Sicherung der Renten und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Doch das glaubten Kritiker wie meine Mutter nicht. Sie befürchten, dass Polizei, Geheimdienste oder Wirtschaft die Daten missbrauchen könnten und dass diese dazu dienten, Bürgerrechte einzuschränken und den Sozialstaat weiter abzubauen.

Der Protest hatte eine Vorgeschichte: Die Volkszählung war mehrfach verschoben worden. 1981 wegen eines Streits um die Höhe des Bundeszuschusses, 1983 - vor dem Orwell-Jahr, als alle Angst vor Überwachung hatten, wegen Datenschutz. Das Bundesverfassungsgericht hatte daraufhin entschieden, dass die Fragebögen nachgebessert werden mussten. Ursprünglich sollten zudem ehrenamtliche Zähler das Ausfüllen überwachten, nach dem Urteil war dies nicht mehr möglich. Neuer Stichtag: der 25. Mai 1987.

Und erneut gab es Aufruhr: Etwa 1100 so genannte Volksboykott-Initiativen machten mithilfe von Flugblättern, Telefonketten und Demos mobil. Ihre Transparente trugen Aufschriften wie: "25. Mai - Tag des deutschen Altpapiers", "10 Minuten, die Sie noch bereuen werden", "Zählt nicht uns, zählt eure Tage" und "Nur Schafe lassen sich zählen". Der Barcode wurde auf ihren Plakaten zum Symbol für staatliche Überwachung.

Mit Tapetenkleister an die Mauer

Es gab eine Auskunftspflicht, aber viele Volkszählungskritiker wehrten sich trotz Strafandrohung von bis zu 10.000 D-Mark entschlossen gegen die Erfassung: Sie schnitten die obere Ecke des Bogens einfach ab - und damit die Nummer, die eine Zuordnung der Daten zu einem Haushalt ermöglicht hätte.

Aus Berlin sahen wir Bilder von Klebekolonnen, die ihre Bögen mit Tapetenkleister über die Mauer und den weißen Grenzstrich vom Checkpoint Charlie tapezierten. 38.000 bis 40.000 Boykotteure sollen es gewesen sein, wie man später anhand der verklebten Bögen zählte. Einige Bürger schickten statt der ausgefüllten Bögen Müll in Umschlägen zurück. Im Einwohnermeldeamt von Leverkusen wurde sogar eine Bombe gezündet.

Dem Staat misstrauten zu jener Zeit viele. Das zeigen die Friedensbewegung, Menschenaufläufe gegen die Startbahn West, den Nato-Doppelbeschluss, die Räumung der Hafenstraße in Hamburg oder das AKW in Brokdorf. Und es waren nicht nur die üblichen "Krawallmacher", wie mein Vater sie gerne nannte, die Protestkultur zog sich bis weit in die bürgerliche Mitte. Wobei eben nicht alle den Aufstand probten.

Damals begriff ich, dass der Schnitt mitten durch unser Wohnzimmer ging, durch die Schrankwand, den Röhrenfernseher mit der Fernbedienung und das orangefarbene Cordsofa, das meine Eltern in den Siebzigern gekauft hatten.

Der Stichtag für die Volkszählung kam und ging. In meiner Heimatstadt Bremen widersetzten sich rund zehn Prozent dem Zensus; es wurden Strafgelder von 200 Mark angekündigt. Um das Geld nicht zahlen zu müssen, wählten viele wohl den "weichen Boykott" und machten falsche Angaben.

Eineinhalb Jahre nach der Zählung veröffentlichte die Bundesregierung erste Zahlen. Man äußerte sich zufrieden, die Mehrheit der Deutschen habe die Fragebögen ausgefüllt. Es gebe eine Million mehr Erwerbstätige, eine Million weniger Wohnungen und rund 600.000 weniger in Deutschland lebende Ausländer als vor der Befragung angenommen.

Bis heute bin ich nicht sicher, ob meine Mutter zur Fälschung dieser Zahlen beigetragen hat. Hat sie die Volkszählung auf dem Gewissen, die Bund, Länder und Gemeinden alles in allem rund eine Milliarde D-Mark gekostet hat? Ist sie für falsche Verkehrsplanungen verantwortlich, die in den Jahren danach gemacht wurden? Für ungenaue Prognosen in unserer Alterssicherung? Am Ende gar für verfälschte Ergebnisse der Sozialforschung, die in den Jahren danach die Auswertung des Zensus mit einbezog?

Es war schließlich gar nicht so wesentlich, denn als 1989 die Mauer fiel, waren die Zahlen unbrauchbar - mit über 16 Millionen neuen Bürgern kamen unzählige Dinge auf den Staat zu, die nicht absehbar waren.

Und so bin ich irgendwie stolz auf ihre Weigerung. Bis heute hat sie keine Kundenkarte und war Datenabgabe im Internet gegenüber immer kritisch eingestellt. Du kannst alles werden, hat sie mir beigebracht - nur keine gläserne Bürgerin. Eigentlich ein schlauer Spruch. Ich glaube, ich poste ihn gleich mal auf Facebook.

insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
Wolfgang Albrecht, 24.05.2017
1. Im Nachhinein
war das vielleicht lustig , heute weiß jedes Versandthaus mehr über mich! Dennoch hat die Grundbedeutung an Wertigkeit nichts eingebüßt . Es ist nur schwieriger geworden sich vor Zuviel Schnüffelei zu schützen .eins gilt natürlich auch noch wie damals , wir haben doch nichts zu verbergen , na dann Prost
Christoph Haas, 24.05.2017
2. Die Irnonie ist nicht zu übersehen...
"Du kannst alles werden, hat sie mir beigebracht - nur keine gläserne Bürgerin. Eigentlich ein schlauer Spruch. Ich glaube, ich poste ihn gleich mal auf Facebook."
Dieter Schwarz, 24.05.2017
3.
Die beste Methode gegen Datensammler sind falsche Datensätze. Ich habe es schon geschafft Handyverträge unter Angabe eines falschen Geburtsdatums abzuschließen. Und ich bin immer wieder erstaunt, auf welche Pseudonyme immer wieder Werbebriefe im Briefkasten liegen, Bernd, Peter, Marianne,...
Georg Scheffczyk, 24.05.2017
4. Eine völlig überflüssige Unternehmung,
da man 1. in etwa sowieso Bescheid weiß, und 2. der Finanzminister letztllch sagt, was möglich ist. Insofern hat das nichts gebracht. Selbst, wenn wir ganz genau wissen, wie viele Bürger hier leben, kriegen wir nicht mehr Wohnungen, breitere Straßen, mehr und bessere Schulen.
Michael Gundlach, 24.05.2017
5. Orwell
Heute sind die Bürger leider so brav, dass Befragungen mit viel persönlicheren Angaben, Ausspionieren von Internet und Telefon, Weitergabe meiner Bankdaten mit allen Ausgaben und Einnahmen an den Staat und an die Industrie, ... ohne Widerstand hingenommen werden. Der Staat hat über die Schulen und über die abhängige Presse erfolgreiche Erziehungsarbeit geleistet. Orwells 1984 ist inzwischen weit übertroffen.
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