Geschichte des Shitstorms Am Anfang war das Pöbeln

"Drecksack", "Grammatik-Nazi", "Crack-Hure": Internetnutzer schmeißen oft schon bei kleinsten Streitigkeiten mit wüsten Beschimpfungen um sich. Doch das scheinbar junge Phänomen des Shitstorms ist in Wahrheit so alt wie das Internet. einestages präsentiert die legendärsten Tiraden der Web-Geschichte.

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Von Boris Hänßler


Scott Abraham hätte wohl nie geahnt, wie viel Hass sein kleines Geschenk entfachen würde - ganz besonders in ihm selbst. Dabei hatte er ja eigentlich nur jemandem eine Freude machen wollen: Der Mann aus Seattle liebte das Skifahren, und mit Gleichgesinnten tauschte er sich auf rec.skiing.alpine über sein Hobby aus - einer Ski-Diskussionsgruppe des Usenet, eines frühen Vorläufers des Internets. Jahrelang hatte Abraham dort in friedlicher Eintracht mit anderen Skifahrern über Pisten, Ausrüstung, Gott und das Leben diskutiert. Dann lief 1999 alles aus dem Ruder.

Abraham, so berichtete im November 1999 das Magazin "Wired", hatte der Forumsteilnehmerin Anthea Kerrison Freitickets für eine Piste angeboten. Zwei hatte sie selbst bekommen, zwei sollte sie weitergeben. Doch anscheinend hatte sie entgegen dieser Auflage einfach alle vier Tickets selbst genutzt. Was wie eine kleine Unhöflichkeit anmutet, war für die Mitglieder von rec.skiing.alpine offenbar eine unverzeihliche Provokation: Wie aus dem Nichts brach eine Welle des Hasses und der Schimpftiraden über Kerrison hinweg. Für sechs Monate brach ein verbaler Kleinkrieg in der Gruppe aus, die sich bald in zwei Lager spaltete: Sympathisanten von Abraham und Anhänger Kerrisons. Beide Lager wurden auf hässliche Weise immer kreativer. Der Schlagabtausch begann mit wüsten Beschimpfungen wie "Crack-Hure" und eskalierte bis hin zu einem Beitrag, in dem die Worte "Sodomie", "Stiefsohn" und "Mayonnaise" auf hässliche Weise miteinander kombiniert wurden. Im Oktober des Jahres schaltete sich schließlich eine Polizistin aus Seattle ein und bat in der Diskussion um Themenwechsel. Abraham pöbelte ungehemmt weiter - in einem der schlimmsten Shitstorms der Netzgeschichte.

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Gepöbel im Internet: Von Hitler, dem Patriarchat und Skifahrern

Auch wenn der Begriff Shitstorm erst seit wenigen Jahren durch die Medien geistert, ist das Pöbeln im Netz so alt wie das Netz selbst. Vor dem Shitstorm war das Meckern als Flamewar bekannt. So nannte man alle in Streitigkeiten ausufernden Online-Diskussionen, sei es in Mailing-Listen, News-Gruppen, Diskussionsforen oder in sozialen Medien. Besondere Kennzeichen: schier unendliche Pro-und-Contra-Argumentationen, Beschimpfungen, zynische Provokationen - und großzügiger Gebrauch von Großbuchstaben, als würde der Absender laut schreien.

Pöbler und "Grammatik-Nazis"

Das Flaming tauchte schon in den siebziger Jahren mit dem ersten elektronischen Mail-Verkehr auf. "Es begann eigentlich sofort mit der Einführung der Antwortoption bei E-Mails - sie erleichterte schnelle und unbedachte Reaktionen", so Dave Crocker, der damals die Standards für elektronische Mails im Arpanet mitentwickelte, einem anderen frühen Vorläufer des heutigen Internets. In den ersten Mailing-Listen Mitte der siebziger Jahre blühte Flaming regelrecht auf. "Als wir damals elektronisch kommunizierten, brauchten wir etwa sechs Monate, um uns den Flaming-Impuls abzugewöhnen", sagt Crocker. Ein Mailing-Listen-Teilnehmer habe das Pöbeln so weit getrieben, dass sie damals sogar erwogen hätten, seinen Arbeitgeber zu kontaktieren - "doch dann kam schon der nächste, der noch schlimmer war".

Eine dieser ersten Mailing-Listen war die sogenannte MSG-Gruppe, in der Computerspezialisten die Regeln für die künftige elektronische Kommunikation debattierten. Doch selbst in dieser Expertengruppe lief die Kommunikation alles andere als rund: Schon nach kurzer Zeit schlug ein Teilnehmer genervt die Gründung einer neuen Gruppe vor, weil er das Flaming in der Diskussion nicht mehr ertrug. Er wollte die Pöbeleien auslagern, um wieder ernsthaft diskutieren zu können.

In den achtziger Jahren wurde dann das Unix User Network, kurz Usenet, populär. Beliebt waren dort Diskussionen über Programmierung und Computerhardware - die erstaunlich schnell in Streit ausarten konnten. Ein klassischer Start für Flamewars waren Beiträge, die bestimmte Programmiersprachen abwerteten - etwa "Ein echter Programmierer schreibt kein Pascal". Allmählich kamen neben technischen Themen auch gesellschaftliche hinzu: Religion, Sexismus, Abtreibung, Homosexualität, Vegetarismus, Krieg. Doch so komplex mussten die Themen gar nicht werden, damit es Streit gab. In allen Gruppen lösten oft schon Rechtschreib- und Grammatikfehler Pöbeleien wie "Lern erst mal richtig Englisch" aus - die gern und oft mit "Grammatik-Nazi!" pariert wurden.

Aufforderung zum Selbstmord

In den neunziger Jahren begannen Psychologen, sich mit den Pöbeleien im Netz zu befassen. Sara Kiesler und Kollegen von der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh führten das aufbrausende Nutzerverhalten unter anderem darauf zurück, dass Nicken, Lächeln, Augenkontakt, Betonung oder Lautstärke fehlten - Signale, die normalerweise persönliche Gespräche regulieren. Die Leute verstanden im Netz hingegen nicht, ob ihre Argumente von den anderen Nutzern akzeptiert wurden, und hatten daher das Bedürfnis, immer wieder nachzulegen. Möglicherweise sei dieser Frust der Grund für die rasch zunehmende Aggressivität, so die Forscher.

Die Usenets brachten regelrechte Legenden über Flaming-Schicksale hervor. Der Informatiker Tim Skirvin schilderte in seinem Lexikon der Usenet-Prominenz etwa den Fall von Mark E. Smith: Smith war in Wirklichkeit eine Frau und schrieb Ende der achtziger Jahre in der Diskussionsgruppe soc.women vehement gegen den Sexismus im Usenet an. Sie schrieb zum Beispiel: "Kürzlich griff mich ein männlicher Teilnehmer in einer moderierten Gruppe persönlich an. Er tat dies, weil er einen Penis hat und weil er in unserem Patriarchat wusste, dass er kein Nachspiel zu befürchten haben würde." Ein männlicher Diskussionsteilnehmer nannte sie paranoid und empfahl ihr, sich von der Golden Gate Bridge zu stürzen. Bald darauf blieben ihre Beiträge aus. Man erfuhr nie, was mit ihr geschehen war.

Von den Usenets und Mailing-Listen wanderten die Flamewars Anfang des 21. Jahrhunderts in die Foren von Webportalen und Online-Magazinen ab, später in Blogs, soziale Medien und Bewertungsportale. Der Begriff Shitstorm, der kollektive Wutausbrüche gegen Unternehmen, Organisationen oder Prominente beschreibt, etablierte sich erst, als sich diese den sozialen Medien aussetzten.

Und der Ski-Enthusiast Scott Abraham? Ende des Jahre 1999 verbot schließlich ein Gericht dem pöbelnden Alpinisten, sich künftig weiter in der Usenet-Gruppe rec.skiing.alpine zu Wort zu melden. Nach der Urteilsverkündung vom Freitag, dem 12. November 1999, fuhr er erst einmal in den Skiurlaub und war für Kommentare zur Angelegenheit nicht verfügbar - zum ersten Mal seit sehr, sehr langer Zeit.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Paul Stefan, 23.01.2014
1.
1.) Das Usenet ist kein vorlaeufer des Internet sondern ein Teil des Internets. 2.) Shitstorms gab es schon Ende der 80er Jahre und ganz schlimm Anfang der 90er Jahre in diversen Netzen (nicht nur dem Usenet).
Peter Benkel, 23.01.2014
2.
Bitte um Korrektur des Artikels: Das Usenet war kein Vorläufer des Internet, sondern einer der Dienste, die relativ früh im Internet angeboten wurden. Das Internet ist quasi die technische Plattform, auf der Dienste wie Usenet oder www laufen. Allenfalls könnte man das Usenet als Vorläufer des www bezeichnen, aber auch darüber könnte man diskutieren ...
Johannes van Kampen, 23.01.2014
3.
Wer erinnert sich nicht, als man seine ersten Briefe auf dem Computer schrieb? Wir schrieben am Ende mit freundlichen Grüssen, was dann vom Programm verbessert wurde "mit friedlichem Grinsen". Man mag über diese Tatsache noch heute lachen.
Sylvia Götting, 23.01.2014
4.
Wir wissen eines: Die Welt steckt voller Dummheit, deren Existenz selbst zu beweisen das Internet die Platform schlechthin bietet. Insofern kommen Shitstorms nicht überraschend. Was mich nur wundert ist, dass z.B. die Betreiber von rec.skiing.alpine und anderen Foren die Storms ausarten lassen, statt frühzeitig den Stecker zu ziehen und zu sagen "So nich, Leute". Was mich wiederum zu der Vermutung bringt, das Provokation gewollt ist und der Auslöser dies nicht immer unbedingt aus genuinem Frust tut, sondern aus Lust am Schmutz. Wieviel Shit-Beiträge sind denn tatsächlich echt und wieviele gefaked, um den Shit zu starten oder am Laufen zu halten? Schließlich bringt jede wie auch immer aussehende Publicity Klickzahlen, die sich werbewirksam ökonomisieren lassen. Also, Pöbeleien habe ich in den Bildtexten nicht entdeckt (da gibt's auf SPON heftigere), allenfalls Ausdruck infantilen Rumgezickes und Selbstouten als mit-IQ-kleiner-als-der-von-Plankton. Manche Fragen oder Beiträge (jetzt in Foren allgemein, auch auf SPON) sind aber auch derart dämlich und bescheuert verfasst, dass sie geradezu um eine ironische, sarkastische, polemisch oder gar gehässige Antwort bitten und man unhöflich wäre, diese Bitte auszuschlagen (siehe z.B. Bild 11, wo das Highlight eigentlich intelligent ironisch ist, oder Bild 14). Bei dem aus dem Kontext gerissenen und nicht im Original belassenen Highlight zu Bild 15 kann ich gar nichts entdecken, geschweige denn eine Pöbelei oder fragwürdige Qualität, es klingt einfach nur dämlich bzw. sinnbefreit.
Galina Müller, 24.01.2014
5.
Stimmt... Provokation ist gewollt. Man könnte einen Shitstorm entfachen, in dem man die Diskutanten hier vorwirft gar nicht zu wissen worüber sie schreiben. Z.B. liebe Sylvia Götting, es gibt im USENET keinen Betreiber der eingreifen könnte. Allein bei diesem Vorschlag habe ich laut lachen müssen, wie sehr die Denkweise heute in der üblichen Foren-Technik steckt, das man sich erst gar nicht damit beschäftigt wie andere Internet-Dienste funktionieren, bevor man auf Postings antwortet. ;-) Ja, Flamewars gab es schon im Fodo-Netz oder Maus-Netz oder... alles bevor das Internet (das manche einfache Gemüter mit dem WWW gleich setzen) für den Normalbürger nutzbar war.
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