Eklats bei Preisverleihungen Nobelpreis? Nö, danke!

Sie zerhackten ihre Trophäe, ignorierten die Gala-Einladung oder beschimpften ihre Gönner: Immer wieder lehnten Promis Würdigungen und Ehrentitel ab. Ein Rückblick auf groteske Eklats bei Preisverleihungen.

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Germaine Sorbet hat ihrem Chef häufiger frohe Kunde überbracht, aber so großartige Neuigkeiten wie diesmal hat sie noch nie gehabt. Euphorisch betritt sie an diesem Oktobertag 1964 ein Restaurant im Pariser Stadtteil Montparnasse und geht zu dem Tisch, an dem Jean-Paul Sartre mit seiner Lebensgefährtin Simone de Beauvoir gesalzene Schweinsrippchen mit Linsen speist. Dann der große Moment: Die Sekretärin verkündet ihrem Chef, dem weltberühmten französischen Schriftsteller, dass für ihn wahr geworden ist, wovon so viele Gelehrte träumen: Er soll den Nobelpreis bekommen.

Tja, und Sartre? Ist alles andere als erfreut.

Der 59-jährige Schriftsteller hatte sich auf diesen Fall schon vorbereitet. Eine Woche zuvor schickte er einen Brief nach Stockholm, adressiert an die Juroren der Schwedischen Akademie. In höflichem Ton teilte er vorsorglich mit, dass er den Literaturnobelpreis nicht annehmen werde, sollte die Akademie ihn zum Preisträger des Jahres 1964 erwählen.

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Eklats bei Preisverleihungen: Prominente Preisverschmäher

Doch genau das tat das Gremium am 22. Oktober trotzdem - und setzte damit einen Skandal in Gang, der die Literaturszene erschütterte. Denn während das Komitee der Akademie den freiheitlichen Geist, den Wahrheitsdrang und den großen Einfluss Sartres auf die Gegenwart lobte, lehnte der Gepriesene den Preis wie angekündigt ab. Um ganz sicherzugehen, dass ihm die Auszeichnung auch wirklich nicht zuteil würde, erschien Sartre zu offiziellen Verleihungszeremonie gar nicht. Seine Begründung dafür hatte es in sich.

Der bekennende Sozialist, der Fidel Castro unterstützte und gegen die Benachteiligung Schwarzer in den USA protestierte, wollte sich nicht politisch instrumentalisieren lassen: "Jeder Preis macht abhängig", erklärte er. "Ein Autor, der politisch, sozial oder literarisch Stellung bezieht, darf das nur mit dem geschriebenen Wort tun", sagte er und fügte an: "Ich bin nicht in der Lage, irgendwelche Auszeichnungen, die von bedeutenden Kulturorganisationen des Ostens oder des Westens verliehen werden, anzunehmen, obwohl ich ihre Existenz sehr gut verstehe ... Ich würde auch den Lenin-Preis ablehnen."

Die brüskierten Schweden reagierten trotzig: Der Preis sei eine Würdigung, "die nicht durch eine Ablehnung verändert werden kann", teilte Akademie-Sekretär Karl Ragnar Gierow der verdutzten Weltöffentlichkeit mit. "Sartres Name bleibt im offiziellen Verzeichnis als Nobelpreisträger für Literatur 1964 - die Preissumme geht wieder an den Nobelfonds zurück."

Doch damit war die Sache noch lange nicht erledigt. Denn elf Jahre später, im September 1975, soll sich Sartre einigen seiner Weggefährten zufolge erneut an das Nobelkomitee gewendet haben - und mittlerweile war ihm seine politische Unabhängigkeit offenbar nicht mehr ganz so wichtig: Höflich erkundigte er sich demnach, ob die Schwedische Akademie ihm nicht doch noch das Preisgeld über 273.000 schwedische Kronen überweisen könne. Er wolle einen Freund bei der Gründung eines Verlages unterstützen, soll er als Begründung angegeben haben. Der Franzose erhielt jedoch eine enttäuschende Antwort: Alle Träger des Nobelpreises müssten die Dotierung binnen eines Jahres einfordern - in seinem Fall sei das Preisgeld daher schon 1965 verfallen.

Auch wenn Sartres Fall 1964 für Aufsehen sorgte - weder war der französische Schriftsteller und Philosoph der erste Promi, der einen renommierten Preis ablehnte, noch sollte er der letzte bleiben. Hier ist die Galerie der größten Eklats bei Preisverleihungen.



insgesamt 23 Beiträge
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Kai Moosmann, 22.10.2014
1. Mir ein Rätsel...
... wie man hier nicht Marcel Reich Ranicki erwähnen kann, dafür aber zwei Seiten über Sonja Zietlow schreibt.
Ursula Dziadek, 22.10.2014
2. Axt
Herr Lewerenz hat in Bild Nr. 10 ein Beil in der Hand und keine Axt. Dies nur als Hinweis.
Walter Kurtz, 22.10.2014
3.
Tja, der Sartre hatte noch Charakter.
Robert Jacobsen, 22.10.2014
4. Mr. Sartres Absage
Die wenigsten wissen, das als Mr. Sartre später als er komplett pleite war, das Gremium des Nobel Preises fragte ob er nicht doch den Preis und das dazu gehörige Preisgeld erhalten könne ! Diese Bitte wurde aber verständlicher Weise abgelehnt :) Pech gehabt und sehr peinlich ... mit freundlichen Grüßen Robert Jacobsen
Michael Stephan, 22.10.2014
5.
@Walter Kurtz: Erst ablehnen und Jahre später dann doch die Kohle haben wollen nennen Sie "Noch Charakter? "?
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