In sieben Schritten Wie Hitler Justin Biebers Backgroundtänzerin castete

Im Zickzack durch die Weltgeschichte: Jeden Monat begibt sich Danny Kringiel auf eine absurde Zeitreise - und entdeckt, dass irgendwie absolut alles mit absolut allem zu tun hat. Auch Diktatoren mit Playmobilfrisurträgern.

Links: Adolf Hitler bei einer Rede im Sportpalast, 1934. Rechts: Justin Bieber in einem Musikvideo von 2010.

Links: Adolf Hitler bei einer Rede im Sportpalast, 1934. Rechts: Justin Bieber in einem Musikvideo von 2010.


1. Schritt: Größter Farbpanscher aller Zeiten?
Noch fiel der österreichische Teenager, der sich im Oktober 1907 an der Wiener Kunstakademie vorstellte, nicht durch Allmachtsfantasien und absonderliche Bartmodevorlieben auf. Allerdings auch nicht durch besonderes künstlerisches Talent: "Zweifellos ungeeignet", urteilte der Rektor, sei der 18-jährige Adolf Hitler für ein Studium an der Akademie.

Kein Verdikt freilich, dem sich der überambitionierte Hobbymaler in spe voreilig unterworfen hätte: Also bewarb Hitler sich in den folgenden Jahren erneut (erfolglos) an der Kunstakademie, fertigte (talentlos) diverse Aquarelle von Wiener Stadtansichten an, versuchte sich als (brotloser) Künstler. Bevor er schließlich einsehen musste, dass seine Karriereoptionen wohl doch eher im Sektor des Größenwahns lagen.

Und so...

2. Schritt: Das große Morden beginnt
...schwang Hitler sich nach dem Ersten Weltkrieg zunächst zum Propagandaredner der Reichswehr auf, dann zum Führer der NSDAP und 1933 zum Diktator über das Deutsche Reich. Damit begann die Schreckensherrschaft des NS-Regimes, geprägt von gesellschaftlicher Gleichschaltung, Antisemitismus und systematischem staatlichem Massenmord.

Am 1. September 1939 ließ Hitler ohne jede Kriegserklärung die Wehrmacht in Westpolen einmarschieren - vorgeblich als Reaktion auf einen polnischen Überfall auf den deutschen Radiosender Gleiwitz, der in Wahrheit von der SS inszeniert worden war. Mit diesem Überfall auf Polen begann der größte Militärkonflikt der Menschheitsgeschichte - der Zweite Weltkrieg.

Mit über 60 beteiligten Staaten und mehr als 100 Millionen Menschen unter Waffen brachte der bis 1945 andauernde Krieg unfassbares Leid und kostete etwa 65 Millionen Menschen das Leben - überwiegend Zivilisten.

Die deutsche Rüstungsindustrie blühte inmitten des Mordens und Sterbens auf. Doch anderen Branchen drohte durch den Krieg das Aus, etwa dem...

3. Schritt: Zisch die Restmüllbrause!

...deutschen Ableger der Coca-Cola Company. Deutschland hatte sich für das US-Unternehmen als lukrativer Markt erwiesen, aber mit dem Zweiten Weltkrieg drohte die Produktion stillzustehen. Denn zur Cola-Herstellung waren die Werke auf Zulieferung des geheimen Grundstoffs "7X" aus den USA angewiesen. Und diese Quelle drohte mit Amerikas Kriegseintritt zu versiegen.

Also trug Max Keith, Präsident der deutschen Coca-Cola-Tochter, seinen Chemikern auf, ein Getränk zu erfinden, das unter Kriegsbedingungen weiter herstellbar wäre. Sie schufen eine koffeinhaltige Fruchtlimonade. Die schmeckte vage nach Früchten, wurde tatsächlich aber aus Resten aus der Lebensmittelproduktion zusammengepanscht: etwa aus gelblicher Molke, einem Nebenprodukt der Käseherstellung. Und aus Fruchtresten, die in Mostpressen bei der Apfelweinherstellung übriggeblieben waren. Keith selbst soll notiert haben, die Notfall-Limo bestehe aus "Abfällen von Abfällen", wie Mark Pendergrast 1993 in seinem Buch "Für Gott, Vaterland und Coca-Cola" festhielt.

Eine so unappetitliche Mischung wollte natürlich mit Fingerspitzengefühl vermarktet werden. Da naheliegende Markennamen wie "Restmülllimo" oder "Abfallbrause" werblich zu wünschen übrig ließen, forderte Keith alle Angestellten auf, für einen Produktnamen ihre Fantasie spielen zu lassen. Woraufhin der Verkäufer Joe Knipp die zündende Idee hatte: Fanta.

Wie befürchtet gingen nach dem Kriegseintritt der USA 1941 die deutschen Coca-Cola-Vorräte zur Neige. Da Fanta von der Zuckerrationierung befreit blieb, war sie süßer als die Konkurrenz - und deshalb beliebter. Nicht allein als Getränk: Weil Zucker rationiert war, begannen findige Hausfrauen, stattdessen Fanta zum Kochen zu verwenden, etwa beim Abschmecken von Suppen und Eintöpfen.

So populär Fanta im Deutschland der Vierzigerjahre aber auch war, im Ursprungsland der Coca-Cola...

4. Schritt: Teeniespaß mit dunkler Vergangenheit
...blieb die deutsche Biotonnen-Brause noch lange unbekannt. Auch nachdem die Limonade 1955 von einem italienischen Abfüller ihren heute bekannten Orangengeschmack erhielt und Europa eroberte, blieb Coca-Cola skeptisch. Erst drei Jahre später versuchte man zögerlich, Fanta in den USA vorzustellen. Doch die Brause mit der NS-Vergangenheit konnte sich lange nicht durchsetzen.

Nachdem Coca-Cola in den Sechzigerjahren begonnen hatte, erfolgreich unter der Marke "Minute Maid" Orangenlimonade in den USA zu vertreiben, gab das Unternehmen Fanta schließlich wieder auf: 1986 wurde der Verkauf in Nordamerika eingestellt, außer in Regionen mit vielen Einwanderern, die Fanta aus ihrer alten Heimat kannten.

Außerhalb der USA erfreute sich das Getränk indes großer Beliebtheit. In Europa, Afrika und Asien stieg die Zahl der Fanta-Sorten stetig, und auch in Südamerika wurde die einstige Notstandslimonade gern getrunken. Also entschied sich Coca-Cola 2001 für ein Comeback der Fanta in den USA als spaßiges Getränk für die zuckerwasseraffinste Zielgruppe der Welt: amerikanische Teenager.

Nur mussten die noch das wahre Ausmaß der Spaßigkeit eben jenes Getränks begreifen, das ihnen jahrelang vorenthalten worden war. Dazu griff der Konzern zu einer scharfen Waffe, nämlich...

5. Schritt: Fanta Vier im Minirock
...den Fantanas, einer Art Orangenlimo-Girlgroup. 2002 wurden sie von der Star-Werbeagentur Ogilvy & Mather eingeführt, wobei jede der so knallbunt wie knapp bekleideten jungen Damen eine der vier in den USA erhältlichen Fanta-Sorten repräsentieren sollte: Die lilafarbene "Raquel" stand für Trauben-Fanta, die gelbe "Leelee" für Zitronen-Fanta, "Calli" in Orange verkörperte den klassischen Orangengeschmack und die rote "Nina" die Erdbeer-Variante.

Da ein zusammengecasteter Model-Trupp nicht so ganz zum jugendlich-spaßigen Image passen wollte, erfand man flugs eine Entstehungslegende: Medienmogul Sir Rupert Geraty-Hernandez habe die Fantanas nach dem Stranden seiner Yacht auf dem entlegenen "Fantana Island", entdeckt, dessen Bewohner alle glücklich, total spaßig und stets äußerst erfrischt gewesen seien. Gemeinsam mit einem alten Freund, zufällig Marketingchef bei Fanta, habe er vier Inselbewohnerinnen überreden können, in die USA zu kommen und den Spaß mit ihnen zu teilen.

Fortan tourte das quietschbunte Quartett durch die Staaten, um im Namen zuckerhaltiger Erfrischung in ein paar Radiosendungen, einer Handvoll Fernsehshows und jeder Menge Getränkemärkten aufzutreten sowie für ein Männermagazin zu posieren. In diversen Fanta-Werbeclips reichten die Fantanas Mitmenschen in Not rettende Orangenlimonade an: einmal etwa verschwitzten jungen Männern beim Rasenmähen. Dann wieder verschwitzten jungen Männern beim Auto-Anschieben. Oder auch verschwitzten jungen Männern beim Fernsehen. Anschließend kieksten sie ihren Slogan: "Wanta Fanta! Don't you wanna?"

Die USA wollten. Das kunterbunte Notrettungsteam erwies sich als so erfolgreich, dass...

6. Schritt: Erdbeer-Botschafterin bei Miley Cyrus
...2004 für eine zweite Auflage des Werbekonzepts ein neuer Fantanas-Trupp zusammengestellt wurde - im Look des Swinging London der Sechzigerjahre. Diesmal bestand die tanzende Fruchtbowle aus Sophia (Traube), Lola (Zitrone), Kiki (Orange) - und Capri, der US-Botschafterin für Erdbeer-Fanta.

Bürgerlich hieß Capri Katerina Alexandre Hartford Graham und stammte weder vom fernen Fantana-Island noch aus London oder den USA, sondern aus der Schweiz. Sie hatte sich seit ihrem sechsten Lebensjahr um eine Karriere im Showbusiness bemüht. Ihre Auftritte hatten sich bisher beschränkt auf Werbespots für Barbie oder Toaster-Törtchen, außerdem auf kleinere Nebenrollen in TV-Serien wie "Malcolm mittendrin" oder "Hannah Montana" an der Seite von Miley Cyrus, deren großer Durchbruch mit dem öffentlichkeitswirksamen Ablecken von Gegenständen noch bevorstand.

Bald darauf sollte auch die Karriere von "Capri" gehörig an Fahrt aufnehmen, denn...

7. Schritt: Oh, wie Föhn ist Fantana
...Kat Graham, wie die junge Schauspielerin und Tänzerin sich kurz nennt, begann eine eigene Gesangskarriere. 2007 tourte sie im Vorprogramm der Black Eyed Peas durch die USA und bekam zwei Jahre später eine große Rolle in der Fernsehserie "Vampire Diaries".

Der wohl erhabenste Augenblick ihrer bisherigen Laufbahn aber war ihr vergönnt, als sie im Sommer 2010 auserkoren wurde, in einem Musikvideo des wahrscheinlich berühmtesten Playmobilfrisurenträgers des Planeten aufzutreten: Zu den Klängen der Remix-Version von "Somebody to Love" durfte Graham Justin Biebers adonisgleichen Körper betatschen und antanzen.

Trotzdem - zum "Belieber", wie sich eingeschworene Fans des Sängers nennen, wurde die Ex-Fantana wohl nicht. Dem Klatschmagazin Hollywoodlife.com jedenfalls sagte sie im Mai 2011 auf die Frage, ob sie etwas von ihm gelernt habe: "Ich war im Raum, als er seine Haare föhnte. Das hat mir sehr verdeutlicht, wie man seine Haare wirklich genau richtig föhnt." Das sei auch das Einzige, was er ihr bislang beigebracht habe - "aber wer weiß, was noch kommt".

Zum Autor
  • Danny Kringiel (Jahrgang 1977) fand 2010 zu einestages - nach Umwegen über Lehrerausbildung und Computerspiel-Doktorarbeit. Liebt seinen Bass, fürchtet kandierten Ingwer und findet Biber auch irgendwie süß. Fast wie Molke mit Apfelresten.


© SPIEGEL ONLINE
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.