Von Anatolien nach Europa Endstation Astra

Gutes Geld gegen harte Arbeit: Mit diesem Lockruf köderte das Wirtschaftswunderland BRD türkische Gastarbeiter. Als frischgebackener Familienvater machte sich Süleyman aus Ostanatolien 1968 auf den Weg. Marianne Sauer hat die Geschichte seiner Odyssee aufgezeichnet.

DPA

Dreimal im Jahr kamen Vertreter einer österreichischen Firma zu uns in der Gegend und holte sich Leute. Nachdem ich vom Militärdienst befreit war, bin ich nach Hause in unser Dorf in Tunceli gefahren. Nurcan, meine Ehefrau, war schwanger geworden, als ich sie im Urlaub besucht hatte. Unser Sohn Hasan kam Ende Dezember 1967 zur Welt. An Sylvester habe ich einen Ziegenbock geschlachtet und die Nachbarn eingeladen.

Nach Hasans Geburt war gerade ein Chef und der Betriebsarzt der Firma da. Mit dem türkischen Arbeitsamt hatten sie abgesprochen, dass die Firma dem Arbeitsamt zusätzlich Leute abnimmt. Dafür durften sie sich Verwandte von denen, die schon bei der Firma arbeiteten, aussuchen.

Einer meiner Verwandten stellte mich dort vor. Der Chef freute sich, weil ich so ein großer, kräftiger, junger Mann war. In einer Arztpraxis wurde ich dann zusammen mit anderen vom Betriebsarzt untersucht. Auch Röntgenaufnahmen wurden gemacht. Ich habe mit Nurcan darüber gesprochen, dass ich ins Ausland, nach Europa will. Sie war einverstanden.

Per Lesetest nach Deutschland

Damals war jedoch fraglich, ob sie mitkommt oder nicht. Ich wollte im Ausland nur Geld verdienen und im Urlaub immer zurückkommen. Ich bekam dann die Arbeitseinladung aus Österreich - und gleichzeitig eine aus Deutschland: aus Hamburg, von dem Arbeitgeber meiner großen Schwester. Sie war allein weggegangen, weil sie Schwierigkeiten mit ihrem Mann hatte. Und ich sollte jetzt nachkommen.

In den Arbeitseinladungen stand, welche Unterlagen man benötigte. Zwei Wochen lang lief ich den Papieren hinterher. Dann musste ich erneut zum Arzt: Ohrentest, Augentest... - da haben sie wirklich alles untersucht.

In Istanbul war dasselbe Arbeitsamt für Österreich und Deutschland zuständig. Für Deutschland allerdings musste man zu der körperlichen Untersuchung noch einen Lesetest machen. Man musste in einer Zeitung lesen und erzählen, was da stand. Alle, die nicht lesen konnten, durften nicht nach Deutschland. Ich habe den Test gar nicht erst gemacht. Ich hätte ihn nicht bestanden und dann hätten mich die Österreicher auch abgelehnt.

Natürlich wollte ich nach Deutschland zu meiner Schwester. Ich dachte mir, wenn ich erst einmal in Europa bin, werde ich schon einen Weg finden. Später ist es dann ja auch so gekommen. Die entscheidende Grenze war die vor Europa.

Fingerabdrücke statt Fotos vom Sohn

Ich glaube, es war im März oder April 1968, als ich wegging. Einerseits war es schwer, den kleinen Hasan und meine Frau allein zu lassen. Andererseits auch wieder nicht. Als Mann musste ich die Familie versorgen - egal, ob ich das Geld weit weg oder in der Nähe verdiente. Bei der Männerrolle ist Verantwortung wichtig, es ist wichtig, seine Pflicht zu erfüllen.

Ich habe das Geld immer zu einem älteren Verwandten geschickt. Er hat es in der Stadt abgeholt und zu Nurcan gebracht. Nicht alles, weil der Verwandte von dem Geld auch Zucker, Tee usw. für meine Familie eingekauft hat. Und etwas Geld hat er auch für sich behalten. Mir hat er Bilder von Hasan geschickt. Fotos gab es im Dorf nicht - in den Briefen haben sie seine Fingerabdrücke festgehalten. So konnte ich sehen, wie er größer wurde.

Ich bin mit ungefähr zwanzig jungen Männern mit dem Zug von Istanbul nach Wien gefahren. Dort wurden wir abgeholt, weil wir umsteigen mussten. Die Firma in Österreich hat eine Faser hergestellt, einen Kunststoff. Einmal gebügelt, blieben die Falten in den Kleidungsstücken. Die Arbeit mit dem Kunststoff war giftig - deswegen war der Lohn auch höher als bei allen anderen Firmen. Die Fabrik war riesig - überall standen Maschinen, und jede Maschine hatte zahlreiche Turbinen.

Teufelszeug Akkordarbeit

Ungefähr eine Stunde vor Feierabend wurden wir Neuen zum Üben an eine Maschine geholt. Am Anfang habe ich gedacht: Das schafft nicht einmal der Teufel! Wie soll es ein Mensch jemals schaffen, sich an die Maschine anzupassen? Jetzt sind meine Hände langsam geworden, doch damals war ich handwerklich sehr schnell. Nach ein paar Wochen habe ich eine Maschine übernommen und wie alle anderen im Akkord gearbeitet.

Bald habe ich gemerkt und dann auch auf der Waage gesehen, dass ich immer mehr Gewicht verlor. Deswegen wollte ich schnell weg von der Firma, wollte versuchen nach Deutschland zu kommen. Ich habe gedacht, wenn ich länger dableibe, springe ich in die Kiste. Ich wohnte mit den anderen Türken in einer Baracke in der Nähe der Firma.

Manchmal haben uns Türken aus anderen Städten besucht. Jeden, den ich traf, habe ich gefragt, was man machen muss um wegzukommen. Irgendjemand sagte dann, dass Holländer in einem Lokal in Wien sitzen und auf Leute warten, die sie mitnehmen können. Deswegen bin ich mit meinem Pass nach Wien gefahren und habe das Lokal gesucht.

Wieder ein fremdes Land

Die Holländer waren von einer Hähnchenfabrik und haben alles notiert. Ich habe noch gesagt, dass ein paar Kollegen von mir mitkommen wollen, weil sie auch unzufrieden seien. Ein Dolmetscher war da und übersetzte. Die Holländer haben uns etwas später auf türkisch geschrieben, dass wir die Geburtsdaten aus unseren Pässen abschreiben und ihnen schicken sollten. Und dann, dass wir mit den Pässen zum holländischen Konsulat gehen sollen, um ein Visum zu kriegen, mit dem wir sofort abreisen konnten.

Das haben wir gemacht und am nächsten Tag wollte ich meine Papiere haben. Im Büro war ein Grieche als Dolmetscher. Ich sagte: "Ich will kündigen und zurück nach Hause." Jetzt war keine Zeit für die Wahrheit. Sie hätte mir nicht geholfen, frei zu kommen. Am schlimmsten fand der Chef wohl, dass ich auch noch andere mitnehmen würde. Er hat mir über die Hälfte vom Lohn abgezogen und viel Böses ins Zeugnis geschrieben. Ich bin dann noch kurz in die Baracke gegangen und habe meinen Koffer geholt. Den hatte ich schon vorher gepackt. Und jetzt weg! Genauso hatten es alle anderen auch gemacht.

Als wir in Amsterdam aus dem Zug stiegen, standen wir dort wie Falschgeld herum. Wieder ein fremdes Land! Wieder kennst du die Sprache nicht! Und wieder weißt du nicht, wie du dich benehmen sollst! Wir haben dann zwei jungen Menschen im Bahnhof unser Visum gezeigt und die haben zwei Taxen für uns bestellt. Als wir bei der Firma ankamen, hat der Taxifahrer zuerst sein Geld aus dem Büro geholt. Dann kamen Leute mit weißen Kitteln und haben uns reingeholt. Sie hatten schon die Tische gedeckt, verschiedene Getränke hingestellt und Dolmetscher geholt. Die Firma hat uns gleich Geld angeboten, hat uns selbst zur Ausländerbehörde geführt und auch noch einmal zum Arzt.

Traumziel Hamburg

Nach ein paar Tagen sind wir in ein Fünf-Etagen-Haus in der Nähe einer Bushaltestelle gezogen. Die Wohnung war schön und für uns sehr billig. Ich denke, die Firma hat einen Teil der Miete gezahlt. In meinem ganzen Leben werde ich nicht vergessen, was ich Gutes in Holland erlebt habe! Auch wie unheimlich nett die Nachbarn waren. Sie haben uns eingeladen. Wir waren bei ihnen, sie waren bei uns.

In meiner ersten Urlaubswoche bin ich nach Hamburg gefahren. Am Bahnhof habe ich ein Taxi genommen und plötzlich war ich bei meiner Schwester. Sie hatte eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung für sich allein. Ein türkischer Student, den meine Schwester kannte, ist mit mir zum Arbeitsamt gegangen und hat erklärt, dass ich in der Firma meiner Schwester arbeiten könnte. Dann waren wir beim Einwohneramt und haben mich für die Wohnung meiner Schwester angemeldet.

Bevor ich nach Holland zurückgefahren bin, habe ich noch einen Brief an meine Firma eingesteckt. Den hatte der Student im Namen meiner Schwester geschrieben. Darin stand: "Bitte helfen Sie mir und schicken Sie meinen Bruder zu mir nach Hamburg!" Als der Chef mit dem Brief zu mir kam, wollte er, dass ich da bleibe und meine Schwester aus Hamburg nach Holland hole. Das wollte ich nicht, weil meine Schwester schon lange in Deutschland lebte und sich eingewöhnt hatte. Also bat ich ihn, mir dabei zu helfen, zu ihr zu kommen. Das hat er auch getan. Und nach ungefähr sechs Wochen hatte ich das Visum für Deutschland.

Deutschkurs in der Kneipe

1970 kam ich nach Hamburg. In derselben Straße wie meine Schwester wohnte ein Bekannter aus Tunceli. Mehmet heißt er. Wir haben uns umarmt und uns gefreut. Mehmet war Biertrinker und nahm mich mit in die zwei Gaststätten in unserer Straße. Ein Wirt war Grieche, Agamemnon, der andere ein netter alter Mann. Zu ihm bin ich dann später auch allein gegangen. Dieser alte Wirt hat mir Deutsch beigebracht. Wenn ich etwas verkehrt ausgedrückt habe, hat er mich verbessert.

Nach meiner Ankunft in Hamburg bin ich gleich am nächsten Tag zu der Metallfirma gegangen, um mich vorzustellen und mit der Arbeit anzufangen. Meine Schwester arbeitete dort in der Kantine. Doch bei dieser Firma habe ich es nicht lange ausgehalten. Wegen der türkischen Kollegen war ich da sehr allein. Ich weiß nicht, woher die von Anfang an wussten, dass ich Alevit bin.

Leichen in den Müll

Alle Türken, die dort gearbeitet haben, waren Sunniten. Und alle haben mich angemacht. In der Fastenzeit haben sie andauernd gefragt: Warum fastest Du denn nicht? Und sie haben erzählt, dass die Aleviten ihre Leichen wie eine Hundeleiche in den Müll schmeißen. Und andere schlimme Dinge.

Nach der Kündigung habe ich zwei Wochen nicht gearbeitet, aber in der ganzen Zeit Arbeit gesucht. Bei Agamemnon hatte dann einer in der Zeitung gelesen, dass die Astrabrauerei Leute sucht. Ein anderer Deutscher kam zum Vorstellungsgespräch mit. Damals waren die Menschen höflicher als heute. Es gab ja diese Unruhen noch nicht. Und am nächsten Tag habe ich bei der Astrabrauerei angefangen.

So war das. Und jetzt bin ich schon seit zwanzig Jahren bei der Firma! Nurcan kam als Arbeiterin in einer Wäscherei hierher. Als sie wieder schwanger wurde, hörte sie auf zu arbeiten, und auch Hasan konnte nach Deutschland kommen.

Anm. der Red.: Süleyman möchte anonym bleiben. Wir haben daher auf die Nennung seines Nachnamens sowie Fotos von ihm verzichtet. Das gezeigte Foto ist ein Symbolbild.



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