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Stephen King

Meister der Monster

Lesen fanden die Eltern super, ihre Kids liehen sich flink einen Ausweis für die Videothek. So entdeckte Tim Slagman in den Neunzigerjahren den Horror. Und findet Stephen King, von "Carrie" bis "Es", noch immer überragend.

Mittwoch, 04.10.2017   07:06 Uhr

Um an Stephen King heranzukommen, muss man sich erst einmal durch einen Big Mac mit Pommes fressen. Durch eine extragroße Portion. Sein Werk bezeichnete der Vielschreiber selbst als literarisches Gegenstück dieses Fast Food - und als er vor zwei Wochen seinen 70. Geburtstag feierte, zierte das Big-Mac-Zitat auch die ehrfurchtsvolleren journalistischen Gratulationen.

Heute ist das Böse immer und überall. Zombies in Weiß und Grün und Schlammfarben belagern die Streaming-Kanäle, das Grauen füllt Kinoleinwände und Dutzende Regalmeter in jeder Buchhandlung. In den Neunzigerjahren war das anders: Wer als Teenager seine Lust auf Horror entdeckte, für den gab es fast nur Stephen King.

Ein Videothekenbesuch bedeutete einen gewissen Aufwand; man musste sich zuvor den Ausweis vom Bruder des besten Kumpels leihen. Und ins Kino kam, vielleicht weil die Welt sich eine trügerische Dekade lang als nahezu heile verstellen konnte, jahrelang praktisch kein bedeutender Horrorfilm.

Stephen Kings Bücher indes lagen da und warteten darauf, gelesen zu werden. Gedrucktes hielten die Erwachsenen für unschädlich, den Big-Mac-Spruch kannten sie so wenig wie den Inhalt dieser Romane und Kurzgeschichten. Womöglich lagen sie damit sogar richtiger, als wir Jugendlichen damals ahnten. Kings Werke lösten jedenfalls eher selten so fundamentale Verstörungen aus wie zuvor die Horrorfilme der Sechzigerjahre von Genrerevolutionären wie Alfred Hitchcock, Roman Polanski oder George A. Romero.

Die Banalität des Blutigen

King verpflanzte das Grauen aus Burgen, Schlössern und der beruhigend vergangenen Vergangenheit in den modernen Alltag. Und er malte diesen Alltag in seiner ganzen konsumfreudigen, harmlosen und unbedingt sympathischen Banalität aus wie kaum ein anderer Schriftsteller.

Ich jedenfalls erinnere mich daran, dass bei King die "Sesamstraße" und Quizshows im Fernsehen geschaut wurden. Dass Vampire in "Brennen muss Salem" (1979 erstmals auf Deutsch erschienen) ihre Opfer zum Spieleabend einluden. Ich erinnere mich an Diskussionen über PEZ-Bonbons mit Kirschgeschmack aus dem Film "Stand by Me" von 1986. Und daran, bei King zum ersten Mal von einem seltsamen Kräutertrank namens "root beer" gelesen zu haben.

Vor allem aber erinnere ich mich an die Monster. Selten bediente sich Stephen King bei vorgestanzten Archetypen des Genres, etwa Zombies, Gespenstern oder Werwölfen. Lieber fantasierte er, vor allem in seinen Kurzgeschichten, haarsträubende neue Kreaturen herbei. Und das Übernatürliche zeigte sich stets irgendwann in stofflicher Form.

So erheben sich technische Alltagshelfer - Wäschemangeln und Lastwagen - in gleich zwei Geschichten der Sammlung "Nachtschicht" (1984) gegen ihre menschlichen Herren. In einer anderen Erzählung macht vergammeltes Bier einen Trinker zu einem schleimigen, grauen Wesen; in den Maisfeldern wartet eine grausame Gottheit. In der Novelle "Langoliers" (1991) fressen gleichnamige Monstren die Vergangenheit. In "Alpträume" von 1993 treten mordende Scherzartikel auf, Klapperzähne fallen über einen Anhalter her; ein Finger bohrt sich unaufhaltsam und bedrohlich aus dem Abfluss eines Wachbeckens nach oben.

Fantasiewelt mit Horrorclown

Ein herrlicher, fieser, harmloser Quatsch - diesem Monsterkabinett war keine Psychologie und keine soziale Allegorie abzuringen. Es war fesselnd, wunderschön, sich Kings Kreaturen auszumalen. Aber sie ließen sich auch recht bequem wieder zwischen den Buchdeckeln einsperren.

Freilich musste ich an vielem vorbeilesen, um Stephen Kings Werk für mich derart reduzieren zu können - an der Fantasy und Science-Fiction, an den Psychothrillern und nostalgischen Kleinstadt- und Familienporträts, aber auch an manchem Horror. Schon in Kings Romandebüt "Carrie" (1977 erstmals auf Deutsch) schillerte die Monstrosität vielfarbig: Eine telepathisch begabte junge Frau übt blutige Rache an denen, die sie in der High School demütigten, ebenso an ihrer streng religiösen Mutter.

Im Video: Der Trailer zu "Es"

"Friedhof der Kuscheltiere" (1985) nahm sich nur scheinbar des modernen, blutspritzenden Zombie-Mythos an, nutzte ihn in Wahrheit aber für eine finstere Reflexion über das Sterben und Zurückbleiben: Willst du die Naturgesetze außer Kraft setzen, um deine Liebsten von den Toten zurückzuholen? Willst du das wirklich?

Kings Meisterwerk beweist momentan in der zweiten Verfilmung seine Zugkraft: In "Es" lockt, terrorisiert, mordet Clown Pennywise Kinder der Kleinstadt Derry und tritt auch in zahlreichen anderen Gestalten auf - als zerfließende Fratze, als Schwarm von Blutegeln, als Frankensteins Monster oder weißer Hai. Dabei ist der Horrorclown selbst nur eine Chiffre. Er verkörpert die Angst der Kinder, die, weil sie der Fantasie entspringt, auch von der Fantasie bezwungen werden könnte.

Viel Fluch und viel Segen auf all deinen Wegen

Alles steckt drin in diesem Stoff: ein halbprovinzielles Amerika aus zwei Jahrzehnten, im "It"-Remake nur noch das der Achtzigerjahre, beschrieben bis in die letzte Fahrradspeiche. Plastische, groteske Monsterfiguren. Und ein großer Glaube an die Kraft von Freundschaft und Imagination. Das wäre naiv, geradezu sentimental - wenn dieser Glaube nicht helfen würde, jene Monster zu vertreiben, die in Kinderhirnen stets ein wenig wacher und bereiter lauern als in denen der alltagsvernebelten Erwachsenen.

Es gehört zur bösen Pointe von "Es", dass die Erwachsenen den Schrecken von Pennywise wieder vergessen. Und so driftete auch ich fort von Stephen King, zumal er dem übernatürlich Monströsen allmählich abzuschwören schien. Bücher wie "Dolores" (1993), "The Green Mile" (1998) oder das fiese Psychoexperiment "Das Spiel" (1992), das gerade für Netflix verfilmt wird, verwurzelten das Grauen fester in der Wirklichkeit.

Ohnehin öffneten sich jetzt auch andere Welten des literarischen oder filmischen Horrors - und sie waren für Volljährige leichter zu entdecken. King verlor sein Alleinstellungsmerkmal. Aber mir hatte er eine Tür geöffnet, hinter der es finster und dennoch schillernd lockte. King und seine Kreaturen, sie verharren wie schöne dunkle Schatten und lassen sich nie endgültig vertreiben.

Die Umtriebe von Clown Pennywise treffen auch 2017 noch einen Nerv: Die Neuverfilmung bricht in den USA derzeit Kinokassenrekorde. Und in Deutschland startete "Es" ebenfalls so fulminant wie kein Horrorfilm zuvor - mit einer Million Zuschauern allein in den ersten vier Tagen.

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