Vampirfilmklassiker Dracula und seine Brüder

Vampire sind der Trend. Die Geschichte des Blutsauger-Wahns reicht mehr als hundert Jahre zurück. Die finstersten Grusel-Schocker des Kinos - und ihre größten Stars, von Christopher Lee bis Bela Lugosi.

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Edward wohnt in einem schicken Designerhaus, ist keusch, wohlerzogen, verständnisvoll und sieht blendend aus. Ein bisschen blass vielleicht. Das liegt daran, dass er ein Vampir ist. Aber - keine Angst - der Star aus der "Twilight"-Buchreihe und den dazugehörigen Kinofilmen ist ein ganz Lieber. Er trinkt nicht mal Menschenblut. Mit anderen Worten: Edward ist eigentlich der langweiligste Vampir, den die Weltgeschichte jemals hervorgebracht hat - und trotzdem so verdammt erfolgreich. Warum, um Himmels willen?

Was bringt die Menschen weltweit dazu, in Scharen ins Kino zu rennen, um sich in dieses gutgeduschte Pseudo-Monster zu verlieben, diesen blutdürstenden Pantoffelhelden? Vielleicht weil sich der Vampir so prima als Projektionsfläche für alle erdenklichen Sehnsüchte und Ängste eignet. In Edwards Fall für Teenager-Angst und erste Liebe.

Doch in den vergangenen hundert Jahren durfte der Vampir schon in etliche Rollen schlüpfen. Vom blutirren Horror-Dracula über den feinen Dandy bis hin zum Mädchenschwarm Edward. Kaum ein Thema fesselt die Menschen so sehr wie das des unglücklichen Untoten. In mehr als 600 Filmen hat das Kino versucht, die Faszination des "Fürsten der Finsternis" einzufangen.

Symphonie des Grauens

Noch bevor Friedrich Wilhelm Murnau mit seinem "Nosferatu" für Ohnmacht in den Kinosälen sorgte, hatte der dänische Regisseur August Blom dem Vampir bereits zehn Jahre zuvor ein erstes abendfüllendes filmisches Denkmal gesetzt. "Vampyrdanserinden" (Vampirtänzerin) lautete der Titel des 1912 erschienenen Stummfilm-Melodrams - ein männermordender Vamp, gespielt von Clara Wieth, eröffnete den Reigen der Kino-Draculas. Mit ihrem lustvollen Tanz brachte die blutrünstige Vampirdame den armen Robert Dinesen um Herz, Verstand und schließlich sein Leben.

Viel mehr ist nicht bekannt von dem als verschollen geltenden Film - ins Gedächtnis gebrannt hat sich indes sein Nachfolger aus der Weimarer Republik: Mit "Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens" schuf der Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau den Prototyp des Horror-Vampirs, inklusive Nebelschwaden, Schlagschatten und Häuserruinen. Als literarische Vorlage diente ihm der "Dracula"-Bestseller des Iren Bram Stoker von 1897, ein viktorianisches Schauermärchen, das mit fast allen gängigen Tabus - von Blutschande über Ehebruch bis hin zu Pädophilie und Vergewaltigung - brach und genau deshalb einschlug wie eine Bombe.

Monströs, schwarz und hager, mit kahlem Schädel, langen, scharfen Fingernägeln und spitzen Eckzähnen, brach der Blutsauger Nosferatu des Nachts über die Stadt Wisborg herein, um sein weibliches Opfer Ellen im Bett zu überwältigen. So wurde er zur Inkarnation unser aller Angst vor der Dunkelheit, dem Tod, dem Ausgeliefertsein. Und nebenbei: So herrlich gruselig, so subtil erotisch wie der Schauspieler Max Schreck griff bislang noch kein Vampir dem Objekt seiner Begierde an die Brust.

Beerdigung im Dracula-Outfit

Es sollte neun Jahre dauern, bis mit Bela Lugosi der erste Hollywood-Vampir auftrat. Er brillierte 1931 in der zweiten Blutsauger-Blaupause der Filmgeschichte: "Dracula" von Tod Browning. Der gebürtige Ungar mit dem fremdländischen Aussehen und der kommunistischen Vergangenheit hatte die Rolle nur deshalb bekommen, weil der eigentlich als Graf Dracula vorgesehene Lon Chaney senior kurz vor Beginn der Dreharbeiten starb. Lugosi interpretierte den Untoten als düster-lasziven Edelmann - und identifizierte sich irgendwann so sehr mit seiner Rolle, dass er Interviews im Sarg gab, nur noch in Holzkisten übernachten wollte und 1956 schließlich in seinem Original-Dracula-Outfit zu Grabe getragen wurde.

Nicht ohne jedoch zuvor an jenem Vampir-Film mitgewirkt zu haben, der sich als erster über das eigene Genre lustig machte: In dem US-amerikanischen Horrorklamauk "Abbott und Costello treffen Frankenstein" von 1948 spielt Lugosi noch einmal den finsteren Grafen, nimmt sich dabei jedoch genau so wenig ernst wie der Hollywood-Werwolf vom Dienst, Lon Chaney junior, der ebenfalls mitspielt. Wie beim "Dracula" von Tod Browning übrigens war eigentlich ein anderer für die Rolle vorgesehen, da man annahm, dass Lugosi längst tot ist.

Als sich herausstellte, dass der Blutsauger vom Dienst noch immer nicht das Zeitliche gesegnet hatte, durfte der nunmehr 66-jährige Ungar erneut ran. Zum allerletzten Mal bleckte Lugosi die Zähne in Ed Woods unfreiwillig komischem, später von diversen Kritikern zum "schlechtesten Film aller Zeiten" gekürten "Plan 9 aus dem Weltall" von 1959 - um dann während der Dreharbeiten einem Herzinfarkt zu erliegen. Kurz bevor Hollywoods Untoter vom Dienst endlich die ewige Ruhe fand, übergab er - so die Legende - einen magischen Ring an seinen würdigen Nachfolger. Ein neuer, diesmal britischer Blutsauger trat auf den Plan.

Blacula gegen Rassismus

Christopher Lee heißt der imposante Zwei-Meter-Untote, dem "Horror Of Dracula" (1958), eine Produktion der legendären Horrorstudios Hammer, zu Weltberühmtheit verhalf. Zum ersten Mal floss in einem Vampirfilm das Blut nicht nur in Strömen, sondern auch in Farbe, sensible Kinogäste mussten sich übergeben und Filmkritiker bezichtigten Regisseur Terence Fisher der Effekthascherei, zumal der düstere Streifen recht actionreich ausgefallen war.

Doch das störte weder die verantwortlichen Hammer-Studios noch den Hauptdarsteller: Munter verfolgten beide Seiten die erfolgreiche Gothic-Horror-Masche weiter, bis der dämonisch-charmante Lee nach sieben Dracula-Streifen genug hatte und sich weigerte, noch einmal ins Untoten-Kostüm zu schlüpfen.

Damit lag er voll im Trend, versuchten doch zahlreiche Regisseure seit Mitte der sechziger Jahre, den klassischen Vampirfilm zu Grabe zu tragen. Roman Polanski etwa, mit seiner großartigen Untoten-Persiflage "Tanz der Vampire" von 1967. Erbarmungslos verulkte Polanski, der als hasenfüßiger Vampirjäger-Gehilfe "Alfred" selbst mitwirkte, sämtliche Gruselklischees des Genres.

Und die Vermischung des Genres mit anderen Themen ging noch weiter: Allein von 1970 bis 1980 wurden mehr als 50 Vampirfilme gedreht, darunter etwa der kuriose Blaxploitation-Streifen "Blacula" von 1972: Ein rassistischer, transsilvanischer Dracula knabbert an einem gegen Sklavenhandel eintretenden afrikanischen Prinzen. Der mutiert zu Blacula und verbeißt sich wiederum in die Hälse der weißen Bewohner von Los Angeles - so sozialkritisch kann der Vampirfilm sein.

Wahnsinn, Blutrausch, Happy End

Dass Blutsauger auch in die Haut cooler Pubertierender schlüpfen können, wie jetzt im neuen "Twilight"-Streifen zu sehen, hat indes "The Lost Boys" erstmals überzeugend vorgeführt. 1987 kam dieser Rocker-Vampirfilm mit Kiefer Sutherland in die amerikanischen Kinos. Motorräder statt düsterer Burgen, Jeansjacken statt weite Umhänge, Rebellenromantik à la "Sleep all day, party all night" statt Schauer-Erotik: Regisseur Joel Schumacher bereitete all jenen den Boden, die mit ihren Vampiren auf Teenie-Fang gingen. Den Machern der TV-Serie "Buffy" von 1997 etwa - aber auch Neil Jordan, dem Regisseur von "Interview mit einem Vampir".

Nachdem sich Francis Ford Coppola mit "Bram Stoker's Dracula" 1992 noch einmal sehr nah an der Dracula-Urvorlage des Iren entlang gehangelt hatte, verzückten Tom Cruise und Brad Pitt in Jordans Film zwei Jahre später alle weiblichen Zuschauer - außer Oprah Winfrey: Angewidert von so viel Männer-Erotik stürmte die Talkmasterin aus dem Kinosaal. Alle anderen blieben und litten mit den armen, verdammten Vampir-Schönlingen aus der ersten großen Aidsangst-Ära, die mit Murnaus Monster-Nosferatu so viel zu tun hatten wie Gänseblümchen mit einem Vorschlaghammer. Damit auch die männlichen Kinozuschauer auf ihre Kosten kamen, trat 1996 die heißeste aller Vampirinnen, Salma Hayek, in Quentin Tarantinos bluttriefendem Splatterfilm "From Dusk Till Dawn" auf den Plan.

Dagegen kommt die "Twilight"-Serie dann doch eher blutleer daher. Doch der Teenie-Filmserie wird es trotz allen Erfolges kaum gelingen, den Vampirfilm zu zähmen. Noch immer grassiert das Blutsauger-Fieber unter den Regisseuren aller Herren Länder. Gerade legte der koreanische Filmemacher Park Chan-wook mit "Durst" seine Vision einer Vampirromanze vor. Bei dem Macher des Rache-Epos "Oldboy" endet sie nicht im Happy End, sondern im bodenlosen Wahnsinn.



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Ralf Bülow, 04.12.2009
1.
Es sei hier noch an George Hamiltons Disco-Dracula von 1979 erinnert: http://de.wikipedia.org/wiki/Liebe_auf_den_ersten_Biss
patrick uitz, 04.12.2009
2.
Na so was! Da fehlt einen von den besten! http://www.imdb.com/title/tt1139797/
Christoph Kellner, 04.12.2009
3.
Na, da fehlen aber noch einige sehenswerte Klassiker: The Hunger (Begierde), 1983, Tony Scott mit Catherine Deneuve, David Bowie und Susan Sarandon Nosferatu - Phantom der Nacht, 1978, Werner Herzog (Murnau Adaption) mit Klaus Kinski, Isabelle Adjani, Bruno Ganz The Wisdom of Crocodiles, 1998, Po-Chih Leong mit Jude Law, Elina Löwensohn, Kerry Fox
Oliver Plaschka, 04.12.2009
4.
Nicht zu vergessen auch die "I Am Legend" - Verfilmung von 1971 mit Charlton Heston ("The Omega Man"). Und in Bild 13 ist Bela Lugosi doch wohl wirklich rechts im Bild zu sehen, nicht links - was er davon hielt, Frankensteins Monster zu spielen, hat er in "Ed Wood" (1994) doch mehr als deutlich bekundet ...
Benjamin Maack, 04.12.2009
5.
Lieber Oliver Plaschka, Sie haben natürlich recht. Der Fehler ist korrigiert. Herzlich, Benjamin Maack
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