Von Ost nach West Wie sich die DDR einen Zahnarzt zog

Der Weg zum Traumberuf führte für Peter Rönnefarth durchs Zuchthaus: Eigentliche wollte der Ostdeutsche einfach nur Zahnarzt werden. Doch der Zeitpunkt seines Studiums in den siebziger Jahren in Jena war denkbar ungünstig.

Peter Rönnefarth

Von Martin Morgner


Peter Rönnefarth war ein typisches DDR-Gewächs. Geboren im März 1954 als Sohn eines Apothekers in Jena kannte er ein anderes soziales und politisches System als das "sozialistische" nur aus dem Fernsehen. Neben der Schule und den Lehrern formte ihn sein Elternhaus, das DDR-Ideologen üblicherweise als "kleinbürgerlich" und "protestantisch" etikettierten. Die Tatsache, dass die Friedrich-Schiller-Universität Jena den jungen Mann zum Direktstudium aufnahm, sprach dafür, dass er gute Abiturnoten hatte. Peter Rönnefarth wollte Zahnarzt werden, und als er 1974 sein Studium begann, schien seine Welt noch in Ordnung.

Die Zukunft stand Rönnefarth offen - wenn auch in einem begrenzten Land. Aber wer denkt schon an solche Grenzen, wenn er am Anfang seines Studiums steht. Direktstudium - das hieß in der DDR anstrengendes Lernen und dennoch angepasstes Genießen der Freuden der individuellen Sturm- und Drang-Zeit: Studenten waren gefordert, kaum unterfordert, eher überfordert. Sie lebten weniger brav, mehr wild, und manche auch politisch aufmerksam und deutlich kritisch. Kritisch aber gegen wen und was?

Rönnefarth studierte "Stomatologie". Zähne gab es zu allen Zeiten und würde es zu allen Zeiten geben, gute und vor allem auch schlechte Zähne. Eine sichere Existenzgrundlage. In der Stadt und auf dem Land, im Osten wie im Westen schien die sozialhygienische Aufgabe die gleiche: Zähne zu pflegen und zu heilen und Zähne zu ziehen.

Oder war den Zähnen mit der Lehre von Marx und Engels besser beizukommen?

Der Student als Exempel

Rönnefarths Studium fiel in die Zeit der DDR-Krise 1976, vor und nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns. Und mit ihr rutschte auch der Zahnmedizinstudent in eine Krise - oder besser: Er wurde hinein getreten. In Krisen werden die Herrschenden hektisch, und Peter Rönnefarth wurde, ob er wollte oder nicht, ein typisches Exempel für den steinigen Weg eines Andersdenkenden: verjagt aus den wenig schützenden Armen der (nach dem lateinischen Mutter-Namen) Alma mater Salana "Typ Stalina" - in die proletarischen Höllen der "Bewährung in der sozialistischen Produktion", getrieben ins erfolglose Anrennen gegen die Betonköpfe starrsinniger Universitätsfunktionäre und in das naiv-aussichtslose Einfordern von (west-)europäischen Menschenrechten vor dem Eisernen Vorhang; kriminalisiert und geschleust durch die Mauern und Gitterstäbe von Cottbus und Karl-Marx-Stadt über die DDR-Reichsautobahn in den Westen: Peter Rönnefarth, "von Ost nach West, ein deutscher Fall" (nach einem Liedtext von Wolf Biermann).

Begonnen hatte die realsozialistische Odyssee des Jenaer Studenten in der DDR-Jugendorganisation "Freie Deutsche Jugend". War der protestierende Medizinstudent nun zu "protestantisch", zu kritisch oder einfach "zu sensibel", um die höhnische Reaktion der DDR-Medien auf das Fanal des auch geographisch nahen Freitodes des Pfarrers Brüsewitz aus Zeitz im August 1976 hinzunehmen?

Rönnefarth entschied sich zum normalsten Schritt eines Menschen in einer ,demokratischen' Republik: Er trat aus der ideologisch grundierten Massenorganisation "FDJ" aus, weil er zu dieser Masse nicht mehr gehören wollte. Dass sein Schritt symbolisch war, ist unzweifelhaft: Im DDR-Staat jedenfalls war das ein Zeichen!

Was danach folgte, konnte Rönnefarth ahnen - auch wenn man sich auf ideologisch-hysterische Reaktionen wohl kaum gezielt vorbereiten kann.

Die Partei sucht ihre Feinde überall

Heute ist es dank der Einsichtnahme in damaliges Aktenmaterial möglich, die Akteure der Reaktion und ihre typisch realsozialistischen Jagd-Mechanismen bloßzulegen.

Ein Zitat dokumentiert den Anfang eines Disziplinarverfahrens an der Universität - es ist der Akte 2614 der SED-Universitätsparteileitung (UPL) der Friedrich-Schiller-Universität Jena entnommen, die die Aufschrift trägt: "Niederschriften über Kadergespräche und parteierzieherische Maßnahmen Bereich Medizin / 1976 - 1989". Was hat aber der Nicht-Genosse Rönnefarth in den Akten der SED-UPL zu suchen? In der DDR-Gesellschaft war dies eine ,falsche' Fragestellung: Die Partei suchte ihre Feinde einfach überall. Wie man suchte und fand, dafür kann das folgende Dokument, der Bericht eines FDJ-Sekretärs, ein aussagekräftiger Beleg sein.

"Es handelte sich um einen Antrag auf Austritt aus der FDJ. Darin brachte [Rönnefarth] sinngemäß zum Ausdruck: Nach der Mitgliedschaft in der Pionierorganisation war es für ihn ein folgerichtiger Schritt, Mitglied der FDJ zu werden. Er konnte sich damals mit den Zielen der FDJ identifizieren. Später merkte er jedoch, daß es Diskrepanzen zwischen dem Ideologischen der FDJ-Arbeit und seiner idealistischen Grundhaltung und Überzeugung gab. Dadurch geriet er immer mehr in Konflikt mit den Zielen der FDJ. Der nun endgültige Entschluß, aus der FDJ auszutreten, erwuchs aus der ,wüsten Verleumdungskampagne der Presseorgane der DDR gegen den Selbstmordversuch des Pfarrers Brüsewitz'."

Student Rönnefarth wird zum "Fall"

Der Bericht eines FDJ-Sekretärs machte aus dem freiwilligen Austritt aus der Freien Deutschen Jugend einen "Fall Rönnefarth". Und wie man aus einem Normal-Fall einen politischen Disziplinarfall konstruiert, das wussten FDJ- und SED-Funktionäre offenbar intuitiv - oder erhielten sie dafür Instruktionen? - Man musste dem dissidentischen Mitstudenten etwas ,anhängen', ihn diffamieren, egal wie und womit.

Die ideologische Jagd auf einen künftigen Zahnarzt war eröffnet - und Leitungskader und Studenten und ehrwürdige Professoren der Alma Mater Salana waren gezwungen(?), sich daran als mehr oder weniger schießwütige Jäger zu beteiligen.

Von der Uni geworfen

Im April 1977 wurde der Student aus eindeutig politischen Gründen von der Universität Jena exmatrikuliert: "Auf Antrag der Leitung des Bereiches Medizin und der Seminargruppe I seines Studienjahres wurde ein Disziplinarverfahren aus dem Grunde eingeleitet, weil P. Rönnefarth seine Pflichten als Student gröblichst verletzt hat. Seit 1976 wurden mit ihm Auseinandersetzungen über mangelnde Studiendisziplin im marxistisch-leninistischen Grundlagenstudium und über seine politisch-ideologischen Grundpositionen, Haltungen und Handlungen geführt, die nicht den Verhaltensnormen und Pflichten als Student einer sozialistischen Universität entsprechen."

Weiter heißt es in der Begründung: "Wesentlicher Anlaß waren die im Zusammenhang mit seiner Austrittserklärung aus der FDJ auf der Wahlversammlung der FDJ im Oktober 1976 geäußerten Positionen, die in den verschiedenen Aussprachen zunehmend unsachlicher wurden und provozierenden Charakter annahmen. Herr Rönnefarth hat vor allen Dingen in Zeitpunkten verstärkter ideologischer Diversionen und Hetze gegen die DDR Auffassungen vertreten, die sich eindeutig gegen die Politik von Partei und Regierung wenden."

Nach seinem Rauswurf aus der Universität arbeitete Peter Rönnefarth als Krankentransporteur in Jena: Er bewies, dass er sich in der Gesellschaft bewähren kann, erhielt eine sehr gute Beurteilung für seine tägliche Arbeit im Realsozialismus. Für die ideologischen Scharfrichter in den Ämtern war er aber nicht gut genug - auch nach zwei Jahren durfte er sein Studium nicht fortsetzen.

"Hartnäckiger Antragsteller"

Für Rönnefarth blieb so nur eine Wahl im starren System des DDR-Sozialismus: Er stellte einen Antrag auf Ausreise.

Die "zuständigen Organe", der Rat der Stadt Jena, Abteilung Inneres, behandelten Rönnefarth wie viele andere "Antragsteller" - repressiv. In der Sprache der Protokolle des MfS liest sich das folgendermaßen: "Nach dem Ausschluß vom Studium an allen Universitäten und Hochschulen der DDR trat R. seit dem 6. 5. 1979 als hartnäckiger Antragsteller auf Übersiedlung in Erscheinung und stellte 5 rechtswidrige Ersuchen auf Übersiedlung in die BRD."

Peter Rönnefarth war als ostdeutscher Protestant nicht der Typ, der einen gewaltsamen Grenzdurchbruch gewagt hätte. Er entschied sich für den Opfergang vor die Berliner Mauer: Nicht um zu klagen, sondern um naiv zu wagen. In der kalten, stupid-bürokratischen Herrschaftssprache lesen sich die für den Studenten fatalen Ereignisse und Folgen so: "Nach der Ablehnung seiner rechtswidrigen Ersuchen beging R. gemeinschaftlich mit zwei weiteren hartnäckigen Antragstellern eine Demonstrativtat, um eine Übersiedlung in die BRD zu erzwingen, indem er am 31. 7. 1979 an der GÜST Chausseestraße in der Hauptstadt der DDR, Berlin, unter demonstrativer Vorlage seines Personalausweises von den Angehörigen der Sicherheitsorgane seine Ausreise nach Berlin (West) verlangte. R. wurde inhaftiert und durch das Kreisgericht Gera-Stadt am 19. 12. 1979 wegen Vergehen gemäß § 6 Abs. 1 Ziff. 2. der Verordnung zum Schutz der Staatsgrenze zu einer Freiheitsstrafe von 1 Jahr und 8 Monaten verurteilt. Die Strafverwirklichung der bearbeiteten Person erfolgte in der StVE Cottbus."

Der letzte Satz kann als ein Musterbeispiel für den Zynismus der Herrschaftssprache des "DDR-Reiches" gelten. Die "Strafverwirklichung" in der Strafvollzugseinrichtung Cottbus stand sowohl für die Kriminellen als auch für die politisch "bearbeiteten Personen" als Hölle "in der Braunkohle". Für Rönnefarth, den begabten und sensiblen künftigen Zahnarzt, war es die zweite unfreiwillige ,Bewährung in der sozialistischen Produktion'. Diesmal aber mit einem erwarteten, schockartigen Happyend: "Im Dezember 1980 erfolgte die Übersiedlung des R. aus der Haft in die BRD." Das hieß konkret: Weihnachtsfeier im Westen!

Freiheit in Freiburg

Vermutlich wäre aus Rönnefarth ein guter Zahnarzt geworden, hätte es die intoleranten, ideologiestarren und entscheidungsfeigen DDR-Universitätsfunktionäre nicht gegeben. Stattdessen resümierte die Kreisdienststelle Jena des Ministeriums für Staatssicherheit in ihrem Auskunftsbericht vom Dezember 1981 über Peter Rönnefarth (der aber inzwischen an der Universität Freiburg im Breisgau immatrikuliert war): "R. unterstellte anderen Studenten, daß sie gegenüber dem Lehrkörper nicht ihre wahre Meinung sagten und lehnte besonders die M/L-Vorlesungen von Prof. Heß ab. Er vertrat unter anderem im größeren Kreis die Meinung, wer seine wahren Ansichten darlegt, wird an einer sozialistischen Universität mit Exmatrikulation bedroht und die ,Ledermäntel' (gemeint ist das MfS) hätten überall ihre Ohren." - Manchmal findet der Zeithistoriker auch in Papieren der DDR-Sicherheitsfanatiker einen Hauch von Wahrheit...

Seinen beruflichen Traum verwirklichte Peter Rönnefarth nur wenige Jahre später in der süddeutschen Universitätsstadt Freiburg. Dort wurden von ihm keine pseudosozialistischen Lippenbekenntnisse verlangt, sondern fachliche Kenntnisse. Rönnefarth bewies sich als guter Student und Arzt (Internist) - noch heute praktiziert er in Freiburg. Das politische System der DDR, der "Realsozialismus", hat sich dagegen als nicht praktizierbar erwiesen.

Diese und weitere Zeitgeschichten lesen Sie auch in "Gerbergasse 18", der Thüringer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte und Politik, herausgegeben von der Geschichtswerkstatt Jena.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Dieter Hintze, 15.05.2008
1.
Diesen Beitrag sollten alle Traumtänzer lesen, die sich die DDR zurückwünschen! Dieter Hintze, Hildesheim
vorname nachname, 18.10.2014
2.
Die Details stimmen an dem Artikel. Zu ergänzen wäre, daß die Seminargruppe vom FDJ- Sekretär zur Abstimmung genötigt wurde mit dem Versprechen, daß Peter sein Studium nach einem Jahr auf jeden Fall fortsetzen könne. Bei der Abstimmung gab es eine einzige Gegenstimme. Der betreffende FDJ Sekretär hat übrigens noch bis nach 2000 an der Uni Jena Zahnmedizinstudenten unterrichtet.
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