In sieben Schritten Wie Stalin die X-Akten öffnete

Im Zickzack durch die Weltgeschichte: Jeden Monat begibt sich Danny Kringiel auf eine absurde Zeitreise - und entdeckt, dass irgendwie alles mit allem zu tun hat. Selbst Schnurrbärte mit Außerirdischen.

imago/ddp images


1. Schritt: Käse aus Stahl
Von 1927 bis zu seinem Tod 1953 regierte der gebürtige Georgier Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili als Diktator die Sowjetunion - besser bekannt unter seinem Kampfnamen Stalin - "der Stählerne". Beziehungsweise "der Dreikäsehoch" - so jedenfalls pflegte ihn angeblich US-Präsident Harry S. Truman aufgrund seiner Körpergröße von nur 1,62 Metern zu nennen.

Dieser kleine Mann aber verbreitete Staatsterror gewaltigen Ausmaßes: Millionen Menschen fielen während seiner Herrschaft politischen "Säuberungen" zum Opfer und wurden als Oppositionelle in Strafarbeitslager deportiert oder hingerichtet. Weitere Millionen starben bei Hungersnöten, die sich infolge von Stalins Wirtschaftsreformen ausbreiteten.

Doch nicht nur für andersdenkende Sowjetbürger wurde der Alleinherrscher mit dem einschüchternden Schnäuzer zur Gefahr für Leib und Leben. Nachdem die USA 1946 eine Machtausbreitung der Sowjetunion in Iran unter Androhung von Atomwaffeneinsatz verhindert hatten, entflammte der Kalte Krieg zwischen Ost und West, der die Welt über Jahrzehnte in Atem halten sollte. Mit Stellvertreterkriegen, gezielten gegenseitigen Destabilisierungsmaßnahmen, Propaganda und Gegenpropaganda - bis hin zu Attentaten auf Schlüsselfiguren der Gegenseite.

Mitunter waren die Opfer allerdings recht überraschend gewählt: So soll Stalin...

2. Schritt: Strandausflug mit Scheinhinrichtung
...befohlen haben, den US-Westerndarsteller John Wayne zu ermorden, der öffentlich für die Kommunistenjagd Senator McCarthys eintrat. Michael Munn berichtet in der Biografie "John Wayne - The Man Behind the Myth" von mehreren stalinistischen Attentatsversuchen auf den Schauspieler während der Vierziger- und Fünfzigerjahre. "Seit 1949", so zitiert Munn Wayne, "haben die Kommunisten versucht, mich umzubringen". Doch er habe die "Commie-Bastarde in die Pfanne gehauen".

1951 erfuhr das FBI laut Munn von einem geplanten Attentat: Als FBI-Mitarbeiter getarnt würden zwei Sowjetagenten auf das Warner-Bros.-Gelände kommen, um Drehbuchautor James Grant und Wayne beim Arbeitstreffen in dessen Büro aufzusuchen - und zu töten. Doch zwei echte FBI-Agenten, die sich im Nebenzimmer versteckt hatten, lauerten den Attentätern auf und nahmen sie mit vorgehaltenen Waffen in Gewahrsam.

Aber statt die Sowjets zu inhaftieren, führten sie auf Wunsch Waynes und Grants erst ein menschenverachtendes Schauspiel mit ihnen auf: Sie fuhren an einen entlegenen Strand und ließen die gefesselten Agenten im Sand niederknien, während Wayne und Grant Pistolen auf ihre Hinterköpfe richteten. Dann, so Munn, habe Wayne zu zählen begonnen: "Eins... zwei... drei..." - und den Abzug gedrückt. Ein Knall, Rauch - und sie steckten ihre mit Platzpatronen geladenen Waffen wieder ein und überließen die Männer dem FBI. Mit der Scheinhinrichtung, sagte Wayne, wollte er "die Commies nur wissen lassen, dass sie mir keine Angst machen". Damit allerdings auch seine Angehörigen sorglos blieben, bat Wayne die FBI-Männer, nicht publik zu machen, dass Stalin ihm nach dem Leben trachtete.

Auch wenn er verhindert worden war - der Anschlagsversuch sollte nicht der letzte auf den Schauspieler bleiben. Glücklicherweise bekam er bald schlagkräftige Unterstützung im Kampf gegen die rote Bedrohung...

3. Schritt: High Noon in der Druckerei
...von dem Mann, der Wayne gelehrt hatte, wie ein Cowboy zu gehen und zu sprechen: Stuntman-Legende Yakima Canutt. 1932 hatte Wayne den Ex-Cowboy und Rodeo-Weltmeister beim Dreh kennengelernt. Sie arbeiteten zusammen an Stunts und wurden gute Freunde.

Als Wayne auf Stalins Abschussliste landete, gründete Canutt kurzerhand eine antikommunistische Stuntman-Task-Force. Da Stuntmen zwar an den Sets Hollywoods arbeiteten, aber unbekannt waren, so die Idee, würde es ihnen leichtfallen, unter falscher Identität Kontakte zu kommunistischen Gruppen herzustellen. Jahrelang suchte Canutts Agentennetz nach weiteren Attentätern - mit Erfolg.

Eigentlich war der Todesbefehl gegen Wayne nach Stalins Tod 1953 von Nikita Chruschtschow aufgehoben worden. Nichtsdestotrotz erfuhr Canutt angeblich zwei Jahre später vom Stuntman Cliff Lyons, dass eine kommunistische Zelle aus Burbank Stalins Mordpläne noch immer umsetzen wollte. Begleitet von Mitgliedern seines Stuntman-Netzwerks, allesamt ehemalige Cowboys, begab sich Canutt zum Treffpunkt der Zelle im Hinterzimmer einer Druckerei.

Es kam zu einem so brutalen wie bizarren Showdown, den Canutt später als "Bloody Battle of Burbank" bezeichnete: Die Stuntmen, so Canutt, nutzten die Verblüffung der Kommunisten: "Es gab einen gewaltigen Kampf. Stühle und Tische flogen überall herum." Viel Blut sei geflossen, doch "glücklicherweise wurde niemand getötet".

Anschließend hätten die Stuntmen die um ihr Leben bangenden Männer zum Flughafen geschafft und ihnen Tickets nach Russland gekauft: "Wir stellten sicher, dass sie an Bord gingen und sahen zu, wie sie in die Nacht davonflogen." Canutt war sicher, "die gefährlichsten Kommunisten in Hollywood" vertrieben zu haben.

Und so konnte, nachdem sie Burbank von der Terrorzelle befreit und eine landesweite Panik vor Anschlägen durch US-Kommunisten verhindert hatten...

4. Schritt: Die CIA und die Drachenlady
...die ebenfalls in Burbank angesiedelte Firma Lockheed dort 1955 weiter unbesorgt an ihrem streng geheimen Projekt im Dienst der CIA werkeln: Die Lockheed U-2, ein düsengetriebenes Aufklärungsflugzeug, das es dem US-Geheimdienst ermöglichen sollte, fremde Staaten unentdeckt zu überfliegen. Denn während normale Linienflugzeuge Mitte der Fünfzigerjahre lediglich zwischen 3000 und 6000 Metern hoch fliegen konnten, erhoben sich die neuen Superflieger des CIA auf weit über 18.000 Meter Höhe.

Die ersten Tests mit Lockheeds Prototypen begannen im August 1955 und verliefen vielversprechend. Ausgedehnte Probeflüge über den USA folgten. Die aber hatten unvorhergesehene Folgen, denn die auch "Dragon Lady" genannte U-2 erinnerte nichtsahnende Augenzeugen keineswegs an einen Drachen, sondern etwas ganz anderes. Das Problem...

5. Schritt: Der Himmel glüht
...war der Anstrich der U-2: Der Geheimdienstflieger glänzte von unten silbrig. Wenn nun Linienpiloten am Abend auf einer Flughöhe zwischen 3000 und 6000 Metern bereits im Erdschatten flogen und weit über ihnen eine U-2 auf geheimem Testflug auftauchte, war diese noch in vollem Sonnenlicht. Da der silberne Anstrich die untergehende Sonne stark reflektierte, sahen die Geheimdienstflugzeuge von unten wie seltsam glühende Flugobjekte aus. Natürlich waren die CIA-Testflüge nirgendwo verzeichnet, zudem gab es Mitte der Fünfzigerjahre - zumindest bekanntermaßen - keine irdischen Flugzeuge, die auf solcher Höhe fliegen konnten. Also fanden die verdatterten Piloten eine andere Erklärung: Außerirdische Flugobjekte.

Flugleiter erhielten plötzlich unzählige Meldungen über Ufo-Sichtungen. Und schlimmer noch: Bei bestimmten Sonnenverhältnissen waren die sonderbaren Flugobjekte sogar vom Boden aus zu sehen, sodass nicht nur Piloten, sondern auch Passanten begannen, immer mehr fliegende Untertassen zu melden. Laut einem Bericht der CIA von 1992 gehen "mehr als die Hälfte aller Ufo-Meldungen Ende der Fünfzigerjahre und während des größten Teils der Sechzigerjahre" auf U-2-Flüge zurück.

Von diesem Ufo-Hype der Fünfziger profitierte vor allem...

6. Schritt: Zwielichtige Geschichten
...die Unterhaltungsindustrie. Denn Kinobesucher wie Fernsehzuschauer begeisterten sich mehr denn je für Science-Fiction-Stories rund um fliegende Untertassen, Laserpistolen und mal mehr, mal weniger humanoide Außerirdische.

Auf der Höhe dieses Ufo-Booms startete 1959 in den USA eine neue Science-Fiction-Fernsehserie namens "The Twilight Zone" (deutscher Titel: "Unglaubliche Geschichten"). 156 Folgen lang mussten die Figuren der Sendung sich nicht nur mit außerirdischen Wesen herumschlagen, sondern auch mit Dämonen, Zeitreisen und diversen anderen paranormalen Phänomenen.

Eine ganze Generation von Amerikanern wuchs Ende der Fünfziger- und Anfang der Sechzigerjahre mit den mysteriösen Episoden der "Twilight Zone" auf. Einer von ihnen war...

7. Schritt: Aktenzeichen X ... ungelöst

...der kleine Chris Carter. Zwar startete der Kalifornier als junger Erwachsener zunächst eine Karriere als Redakteur des "Surfing Magazine" - doch die Faszination für den Mix aus Horror, Mysterien und Science Fiction, den er als Kind vor dem Fernseher erlebt hatte, sollte ihn ein Leben lang nicht mehr loslassen.

Nachdem Carter eher zufällig durch eine Freundin zum Fernsehen gekommen war, ergriff er Anfang der Neunzigerjahre die Chance, die Tradition von "Twilight Zone" mit seiner eigenen Mystery-Vision fortzuführen - die dem Genre unerwartet zu einer Renaissance verhalf. 1993 lief Carters Serie "Akte X - Die unheimlichen Fälle des FBI" auf dem US-Sender Fox an und überraschte mit ihrem Erfolg alle Beteiligten: Hatte der Sender sich ursprünglich gegen Carters Idee ausgesprochen und sich nur zögerlich breitschlagen lassen, bannten die Abenteuer der FBI-Agenten Dana Scully (Gillian Anderson) und Fox Mulder (David Duchovny) in den 202 bis ins Jahr 2002 ausgestrahlten Folgen ein Millionenpublikum - und wurden 2016 schließlich mit einer zehnten Staffel wiederbelebt.

Zum Autor
  • Danny Kringiel (Jahrgang 1977) fand 2010 zu einestages - nach Umwegen über Lehrerausbildung und Computerspiel-Doktorarbeit. Interessiert sich für Musik, Filme und groben Unfug - und fürchtet Schnauzbärte mehr als jedes Akte-X-Monster.


© SPIEGEL ONLINE
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.