Stars, die Instrumente zerstören Crash, Bumm, Bioing

Stars, die Instrumente zerstören: Crash, Bumm, Bioing Fotos

The Who zertrümmerten vor, andere Bands zogen nach: Seit den Sechzigern gehört das Zerkloppen, Verbrennen und sogar Sprengen von Instrumenten zum guten Ton unter Rockern. einestages präsentiert die spektakulärsten Zerstörungsorgien der Musikgeschichte. Von Danny Kringiel

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Moderator Tom Smothers platzte fast vor Aufregung: "Sie werden überrascht sein, was passiert!", versprach er der dem Publikum, als er am 17. September 1967 die Band The Who in seiner Sendung "Smothers Brothers Comedy Hour" ankündigte. Er wusste: Sie waren berüchtigt für ihre Zerstörungsorgien bei Auftritten. Gitarrist Pete Townshend pflegte seine Gitarren auf der Bühne herumzuwerfen, in Verstärker zu rammen und auf den Boden zu schmettern, bis von dem Instrument nur noch Splitter übrig waren. Drummer Keith Moon zerlegte ebenfalls regelmäßig am Ende des Konzerts sein komplettes Schlagzeug. Und heute, bei ihrem ersten Auftritt im US-Fernsehen, würden sich die Briten ganz sicher nicht in Zurückhaltung üben.

Aber welches Ausmaß die Zerstörung tatsächlich annehmen würde, konnte selbst Smothers nicht geahnt haben. Moon hatte sich nämlich einen besonderen Knalleffekt einfallen lassen: Statt der üblichen Ladung Silvesterböller, die er sonst als abschließendes Feuerwerk im Schlagzeug zündete, hatte er die zehnfache Menge Schwarzpulver in seine Bassdrum gestopft. Und so trommelte er den Hit "My Generation" buchstäblich auf einem Pulverfass. Zunächst lief das Chaos noch wie geplant: Townshend prügelte mit seiner Gitarre auf die Verstärker ein, und Moon trat seine Becken und Trommeln um. Bis plötzlich ein gewaltiger Blitz das Publikum blendete.

Eine Detonation erschütterte das Studio. Wo eine Sekunde zuvor noch Townshend vor dem Drumkit gestanden hatte, war nun nur noch die Rauchsäule zu erkennen, die aus der Bassdrum herausgeschossen war. Überall lagen Teile des Schlagzeugs. Das Publikum kreischte, Studiogast Bette Davis fiel in Ohnmacht. Aus dem Off torkelte Townshend zurück auf die Bühne, der noch immer versuchte, mit den Händen sein angesengtes Haar zu löschen. Leise erklang von irgendwo das Stöhnen Moons. Ein umherfliegendes Becken hatte seinen Arm aufgeschnitten.

So verheerend das Resultat des Auftritts auch war, The Who ließen sich nicht von ihren Zerstörungsorgien abbringen. Sie erhoben das Verwüsten von Instrumenten buchstäblich zur Kunstform - und riefen schon bald Nachahmer auf den Plan. Einer von ihnen sollte seine Vorbilder sehr viel schneller auf die Plätze verweisen, als ihnen lieb war.

Zerstörung als Markenzeichen

Begonnen hatten die Verwüstungsspektakel von The Who durch ein Missgeschick: Im September 1964, die Band war erst wenige Monate alt und noch völlig unbekannt, spielten sie in der Railway Tavern im Londoner Stadtteil Harrow. Auf einer kleinen Bühne unter eine tief hängenden Decke gezwängt, gaben sie alles, um das Publikum anzuheizen. Als Townshend seine Gitarre mitten im Stück energisch hochriss, geschah es dann: Er rammte die Kopfplatte versehentlich gegen die Decke und brach den Hals ab. In dem Buch "Rock and Roll: A Social History" erinnerte er sich 1996: "Ich war völlig schockiert. Aber niemand im Publikum reagierte." Das machte ihn wütend: "Ich war wild entschlossen, mir ihre Aufmerksamkeit zu erkämpfen." Und so machte er eine große Shownummer daraus, seine Gitarre weiter kaputtzumachen: "Ich prügelte auf die ganze Bühne mit ihr ein und schmiss die Bruchstücke auf den Boden." Anschließend spielte er seelenruhig mit seiner Ersatzgitarre weiter, als sei alles so geplant gewesen.

Die Showeinlage verfehlte ihre Wirkung nicht: Das Publikum konnte nicht glauben, wie ihm geschah. Zeitungen berichteten über den skandalösen Auftritt, und als die Band eine Woche später wieder in der Railway Tavern auftrat, wartete dort schon eine Menschenmenge, die erneut Townshends Vandalismus-Nummer sehen wollte. Der weigerte sich, nun auch noch seine Ersatzgitarre zu verschrotten. Da ergriff Schlagzeuger Keith Moon seine Chance: Am Ende des Auftritts zertrümmerte er unter Krachen und Scheppern sein Schlagzeug. Das Publikum war begeistert.

Es dauerte nicht lange und die Berichte von der unglaublichen Zerstörungsshow hatten sich herumgesprochen. Bald erwartete das Publikum, dass The Who bei jedem Auftritt ihre Instrumente zu Kleinholz zerlegten. Das sollte sie in den kommenden Jahren noch vor handfeste Probleme stellen: Zwar stieg ihr Debütalbum "My Generation" in Großbritannien auf Platz fünf der Charts, doch sollen ihre Ausgaben für zerstörte Instrumente so hoch gewesen sein, dass sie noch lange rote Zahlen schrieben. Bandmanager Kit Lambert bat Townshend und Moon inständig, ihr Equipment nur noch auf besonders wichtigen Konzerten zu zerhacken. Sie ignorierten ihn.

Kaputtmachen als Kunstform

Townshend, der Kunst studiert hatte, verteidigte das Inferno auf der Bühne als "Auto Destructive Art" in der Tradition des Künstlers Gustav Metzger. Der Gitarrist hatte am Ealing Arts College Vorlesungen Metzgers besucht und war zutiefst beeindruckt gewesen: Der als Sohn orthodoxer Juden geborene Künstler war 1939 vor den Nazis aus Deutschland nach England geflohen. Von den Schrecken des Holocaust traumatisiert, hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, durch Kunst zu ergründen, was Zerstörung bedeutet. Dazu malte er etwa mit Säure auf Leinwände, ließ Glasplatten auf dem Boden zerschellen und entwurzelte sogar Bäume. Townshend eiferte ihm nun nach - mit seiner Gitarre, die er Abend für Abend zerschmetterte.

Eigentlich plante der Gitarrist sogar noch einen viel größeren Akt der Zerstörung, wie er 2009 der BBC verriet: "The Who sollte ein Jahr bestehen - dann wollten wir uns selbst zerstören. Das war der Plan." Allerdings, so räumte Townshend ein, "haben ein paar Hit-Alben das dann irgendwie untergraben."

So radikal Townshends Pläne auch waren - die Begeisterung seines großen Vorbilds Metzger hielt sich dennoch in Grenzen. 1967 habe er ihn einmal mit auf ein The Who-Konzert genommen, so der Gitarrist. Nach dem Konzert, auf dem die Band wieder einmal genussvoll ihre Ausrüstung zertrümmerte, holte Townshend dann das Urteil des Künstlers ein: "Ich fragte ihn, was er von meiner Gitarren-Zerschmetter-Nummer hielt." Verhalten antwortete der, es sei "interessant" gewesen. Townshend hakte nach: "Stimmt etwas daran nicht?" "Manches stimmt", antwortete Metzger diplomatisch.

Wettstreit der Gitarrenzerstörer

Für die Fans von The Who stimmte indes einfach alles. Mit ihren blindwütigen Ausrastern, ihrer explosiven Energie brachten die vier Musiker auf der Bühne das Lebensgefühl einer ganzen Generation zum Ausdruck. Natürlich dauerte es nicht lange, bis auch andere Musiker ihnen nacheiferten und begannen, auf der Bühne ihre Instrumente zu zerlegen.

Einer von ihnen trat am 31. März 1967 mit seiner Band im Londoner Astoria auf - und schrieb Rockgeschichte: Ein junger Amerikaner namens James Marshall Hendrix ließ mit seiner Band ein unfassbares Lärmgewitter auf das Publikum niedergehen. Auf dem Höhepunkt des Konzertes sank der Gitarrist auf die Knie und brachte eine bizarre Opfergabe dar: Er bespritzte seine noch immer dröhnende Fender Stratocaster mit Feuerzeugbenzin und zündete sie an, schien mit den Händen die züngelnden Flammen zu beschwören. Dem Publikum muss es wie schwarze Magie erschienen sein - Hendrix selbst bescherte es vor allem schwarze Hände: Mit Verbrennungen an seinen Fingern musste er ins Krankenhaus eingeliefert werden. Dennoch machte ihn der Auftritt zu einer Legende.

Und so war Pete Townshend alles andere als begeistert, als er wenige Monate später erfuhr, dass auch Hendrix im Juni auf dem Monterey Pop Festival in Kalifornien spielen sollte, für das The Who gebucht worden waren. Er weigerte sich, nach Hendrix aufzutreten - schließlich war zu befürchten, dass er wieder seine Gitarre anzünden würde. The Who hätten danach nur wie ein müder Abklatsch ausgesehen. Hendrix seinerseits weigerte sich, nach The Who aufzutreten. Beide Gitarristen gerieten darüber so in Streit, dass Festivalveranstalter John Phillips, Sänger der Mamas & the Papas, schließlich einen Münzwurf entscheiden ließ. The Who gewannen und durften zuerst auf die Bühne. Und doch war es am Ende das Bild von Hendrix, der erneut vor seiner in Flammen aufgehenden Stratocaster kniete, das sich in das kollektive Gedächtnis einbrannte. Die vier Wüstlinge aus London, so schien es, waren mit ihren eigenen Waffen geschlagen worden.

Ob zerschmetterte Gitarren, zertretene Keyboards oder mit Hämmern malträtierte Klaviere: Die Flamme, die The Who und Jimi Hendrix damals entfachten, brennt noch immer. Entdecken Sie in der einestages-Bildergalerie, was die Helden der Rockmusik ihren Instrumenten alles antaten, um aufzufallen - und welche Musiker ihre Instrumente schon lange vor The Who zerstörten.

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1.
Volker Altmann 06.09.2012
Bei Hendrix oder "The Who" war dieses Spektakel dem Zeitgeist gewidmet, schließlich gingen in diesen Jahren auch etliche Konzerthallenbestuhlungen den Weg alles Irdischen. Heutzutage sollte man sich als Musiker schämen Eintrittspreise ab 70 Euro aufwärts zu verlangen, um vor seinem Publikum Instrumente im Wert von mehreren tausend Euro zu vernichten. Das hat nichts mehr mit Wildheit zu tun, das ist einfach eine Frechheit gegenüber den Leuten im Saal, die sich ihre Instrumente bestenfalls aus dem Supermarkt leisten können.
2.
Michael Haller 06.09.2012
Ritchie Blackmore von Deep Purple hat mit Abstand am meisten Gitarren auf der Bühne zerhackt. Am spektakulärsten beim California Jam 1974 vor 400.000 Zuschauern; zustäzlich noch vor laufender Kamera die sündhafte teuere Kamera eines Kameramannes auf der Bühne zerklopplt. und ausgerechnet dieser Blackmore ist in diesem Artikel nicht erwähnt. Das heißt, der Artikel taugt nix.
3.
Heiko Mausolf 06.09.2012
Ich zitiere John Hiatt: It breaks my heart to see those stars smashing their perfectly good guitars. I don't know who they think they are smashing a perfectly good guitar. There oughta be a law with no bail: smash a guitar and you'll go to jail. So isses. Beim allerersten Mal war das ja vielleicht noch originell. Aber solche Aktionen einfach zu kopieren ist nur dämlich.
4.
Guido Lang 06.09.2012
Erwähnen könnte man hier noch den deutschen Sänger Mambo Kurt. Mambo Kurt zerstört immer am Ende seines letzten, von mehreren, Konzerten jedes Jahr in Wacken, sein Keyboard mit dem Vorschlaghammer. Einmal durfte dies sogar ein Fan machen, der ihn über längere Zeit penetrant auf seiner Homepage darum gebeten hatte.
5.
Stefan Bürvenich 06.09.2012
@ Michael Haller Immer diese Befindlichkeiten, weil das eigene Idol nicht erwähnt wird... Und der Artikel taugt sehr wohl etwas. Bei der Überschrift war ich skeptisch, doch entgegen meiner Befürchtung wurde die Entstehungsgeschichte des Zerstörens bei The Who absolut korrekt wiedergegeben, was eher selten ist.
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