Von West nach Ost Auf geheimen Kanälen in die DDR

Während DDR-Bürger über die deutsch-deutsche Grenze nach Westen flohen, reiste der westdeutsche Provinzrevolutionär Adrian Geiges heimlich in den Osten. Ein Visum hatte er nicht, aber ein Passwort.


Der erste Gratulant zu meinem 19. Geburtstag war ein Offizier der Grenztruppen der DDR. Am 3. September 1979 morgens ungefähr um drei Uhr weckte er meinen Freund Kalle und mich auf der Zugfahrt von Freiburg nach Westberlin. "Wie ich sehe, haben Sie heute Geburtstag, meine Glückwünsche", sagte er. Obwohl wir nur Transit fuhren von der kapitalistischen Bundesrepublik ins kapitalistische Westberlin, studierte er den Pass mit einer Gründlichkeit, die davon zeugte, wie sich Preußentum und Leninismus verbanden. Dabei wusste er gar nicht, dass wir in Westberlin nur kurz halten wollten. Wir waren auf dem Weg zu einer einjährigen Kaderschulung in der DDR.

Hunderte Westdeutsche wurden im Osten geschult. Sie waren der harte Kern einer linken Bewegung, die in den siebziger und achtziger Jahren unter Jugendlichen breite Sympathien fand: Die DKP-Jugendorganisation Sozialistische Arbeiterjugend (SDAJ) stellte einen Großteil der Schulsprecher, und der Marxistische Studentenbund Spartakus beherrschte viele Studentenausschüsse. Ich sollte einer von ihnen werden. Das hatte Kalle, der SDAJ-Kreisvorsitzende im schwarzwäldischen Breisgau, mir bei meinem ersten Kadergespräch mitgeteilt: "Adrian, was ich dir jetzt sag', muss absolut unter uns bleibe'. Niemand darf des wisse', nit deine Klassekamerade', nit deine Eltern, nit e'mal die andre Genosse'." Kalle legte eine kurze Pause ein, um seine Worte zu bekräftigen. "Ich weiß, du hasch unsere Klassiker mehr g'lese' als ich selbscht, kennsch des ganze marxischtisch-leninischtische Grundlagewisse'. Trotzdem brauchsch du weitere ideologische Feschtigung. Als erschte Schritt in deine Zukunft als Berufsrevolutionär habe mr deshalb beschlosse': Mr delegiere dich e' Jahr zur weitere' Qualifizierung."

Während meine Klassenkameraden aus der 13. Klasse ihre bürgerliche Zukunft einrichteten, Studienplätze fanden oder Zivildienst leisteten, widmete ich mich also der Revolution. Am Bahnhof Friedrichstraße, der Grenze zur DDR. war ich nervös, denn wir besaßen kein Visum, wie es damals für Westdeutsche erforderlich war. Kalle beruhigte mich: "Keine Sorge, die Genossen Grenzschützer sind instruiert." Ich hatte ein neues Wort gelernt, das für uns das Sesam-öffne-dich für die Mauer sein sollte, wenn auch in die weniger gefragte Richtung von West nach Ost: "Avisieren". Avisiert war, wer auf geheimen Kanälen angekündigt wurde und dann ohne Visum im Pass in die DDR einreisen durfte. Wir sollten an der Grenze sagen, "ich bin avisiert", dann würde man uns durchwinken.

Ich blickte über den Bahnhof Friedrichstraße. Mürrische, bewaffnete Grenzsoldaten der DDR, Hunde, die unter den Zügen nach möglichen Flüchtlingen suchten. Ich hielt das damals für notwendig, damit die reiche BRD nicht die wirtschaftlich schwächere DDR ausbluten, dort alle Ärzte und Ingenieure abwerben konnte. Trotzdem machte mir all dies Angst, als ich an der engen Schleuse wartete, die von West nach Ost führte. Mein Herz schlug heftig. Ich zeigte meinen Pass, in dem kein Visum war - und sprach, nervös und deshalb stotternd, die Zauberformel:

"Ich bin a-a-avisiert."

Der Grenzer schaute kurz auf den Namen im Pass und vertauschte schlagartig sein grimmiges Gesicht mit einem freundlichen, fast thailändischen Lächeln. "Genosse, herzlich willkommen in der Deutschen Demokratischen Republik." In einer Kladde hatte er ein Einlegevisum bereitliegen - ein separates Blatt statt eines Stempels in den Pass, damit die feindlichen Grenzschützer der BRD nach meiner Rückreise später nicht ersehen konnten: Ich hatte ein Jahr in der DDR gelebt. Augenzwinkernd reichte mir der freundliche Genosse meine Papiere und verabschiedete mich mit "Maximale Kampferfolge!", einer Grußformel, die ich noch nie gehört hatte.

Auf der östlichen Seite des Bahnhofs Friedrichstraße stank es nach dem Desinfektionsmittel Wofasept. Hier fehlte der Glanz des Westens - und ich bedauerte es nicht, ich verachtete die Konsumgesellschaft. Nicht nur die Argumente der Kommunisten hatten mich vom Kommunismus überzeugt. Auch die Argumente der Antikommunisten hatten mich zu ihm getrieben. In der DDR kann man keine Bananen kaufen, in der DDR wartet man zehn Jahre auf ein Auto - das schien mir damals banal, verglichen mit den "großen Fragen": Antifaschisten besitzen die Macht und nicht Alt-Nazis; keiner ist arbeitslos. Das Ost-Ambiente überraschte mich nicht. Ich hatte die DDR vorher schon einmal für eine Woche besucht. "Delegation" nannte sich das, organisiert von der Freien Deutschen Jugend für uns westdeutsche Genossen.

Auf der Straße folgten wir der Instruktion, die wir nicht aufgeschrieben, sondern uns eingeprägt hatten, damit die feindlichen Grenzschützer der BRD nichts finden konnten. Wir fanden den fünfgeschossigen Stahlskelettbau Unter den Linden 36 bis 38, von dort konnten wir zum Brandenburger Tor blicken. Die Organisation von zwei Millionen Jugendlichen versteckte sich hinter der schmalen Tür eines Bürogebäudes, mit einem Empfangsraum so klein wie das Wartezimmer eines Zahnarztes. Ein fetter Volkspolizist in grün-grauer Uniform grüßte freundlich und versprach uns "anzumelden", er murmelte etwas in ein Telefon.

Kurz darauf kamen drei Schwarze. Ich dachte: Afrikanische Genossen, vielleicht zukünftige Mitstudenten. Der fette Volkspolizist verzog schlagartig seine Miene. "Zeigen Sie mir Ihre Reisedokumente", blaffte er sie an. Als sie ihn nicht sofort verstanden - er hätte auch internationaler "Pässe" sagen können - schrie er: "Wer sind Sie? Was wollen Sie? Dokumente, schnell, schnell!" Ich bot an, ins Englische zu übersetzen. "Sie halten sich raus hier", griff der Vopo jetzt auch mich an. Kalle und ich schauten uns an. Ohne es auszusprechen, dachten wir das Gleiche: Rassismus, hier in der DDR? Das passte nicht in unser Weltbild. Rassismus war für uns eines der Übel des Kapitalismus.

In der Kantine des Zentralrats tranken wir Kaffee-Mix - weil Kaffee in der DDR knapp war, wurde er mit Malzkaffee gestreckt. Das störte mich nicht, das schienen kleine Probleme des Alltags zu sein, unbedeutend angesichts der Fragen des Überlebens der Menschheit, bedroht etwa durch die amerikanische Neutronenbombe. "Wir nennen diesen Kaffee ´Erichs Krönung´", witzelte Lehrer Fritz. Nur der angesprochene Staatsratsvorsitzende Erich Honecker schaute von seinem überlebensgroßen Porträtbild ernsthaft auf die Kaffee-Mix-Runde. Die sehen das mit Humor, dachte ich, und das nahm mich positiv ein für diese FDJler.

Was mich störte: Im Zentralrat der FDJ spachtelten die normalen Mitarbeiter in einer Kantine, Egon Krenz, der damalige FDJ-Vorsitzende, und die anderen Spitzenfunktionäre speisten in einer anderen. Auch wenn ich die beiden Kantinen nicht vergleichen konnte, fand ich das falsch, aus Prinzip. Entwickelte sich in der DDR eine neue Klassengesellschaft, wie Maoisten und andere linke DDR-Kritiker behaupteten?

Klassenlehrer Fritz kündigte an, er werde uns fünf "junge Genossen aus der BRD" im Fach "Dialektischer und historischer Materialismus" unterrichten, also in marxistisch-leninistischer Philosophie. Andere Lehrer würden uns anderes revolutionäres Wissen beibringen. "Und vor allem sollt ihr hier den realen Sozialismus kennen lernen", sagte Fritz. "Bisher, bei Delegationen, habt ihr die Schokoladenseite der DDR gesehen. Jetzt werdet ihr erfahren, wie es hier wirklich ist."

Der Text ist ein Auszug aus Adrian Geiges Buch "Wie die Weltrevolution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann".

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West-Revolutionär in der DDR-Kaderschmiede

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Klaus Scheld, 23.03.2009
1.
Was sich hier - mit 20 bis 30 Jahren Abstand - so lustig liest, hatte durchaus einen ernsten Hintergrund. Es war ebenfalls der Spiegel, der am 1.1. 1990 über eine geheime Militärorganisation der DKP berichtete, die am Springsee in Brandenburg an Waffen aller Art ausgebildet wurde. Könnte es sein, dass auch in Prora auf Rügen eine solche militärische Ausbildung von westdeutschen Kommunisten stattgefunden hat? Und das sogar der heutige DKP-Parteivorsitzende einer dieser Partisanen war? Im Rügen-Krimi "Aktion Störtebeker", der im Frühsommer erscheinen wird, stößt Kommissar Bratfisch bei der Suche nach einem Mörder und bei der Verhinderung eines Sprengstoffanschlages auf die neue Rügenbrücke auch auf ehemalige DKP-Partisanen. Ob sie oder islamistische Gotteskrieger, Neonazis oder ehemalige DDR-Spezialeinsatzkräfte hinter den Straftaten stecken (von privaten Mordmotiven mal ganz abgesehen), kann hier natürlich noch nicht verraten werden. Aber eines ist gewiss: In dem Buch wird es auch einige neue Fakten zur "Gruppe Ralf Forster" (so war der Tarnname der DKP-Militärorganisation) geben.
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