Vorbereitung einer DDR-Flucht Pläne werden geschmiedet

Vorbereitung einer DDR-Flucht: Pläne werden geschmiedet Fotos
Rainer Schinzel

Im März 1963 sollte es soweit sein: Zusammen mit einem Freund wollte Rainer Schinzel in den Westen fliehen. Er war siebzehn Jahre alt, sein Freund Lothar 18. Seine Freundin Karin, die er in den Plan einweihte, entschied spontan, mitzukommen. Sie war 16 Jahre alt.

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Manchmal fuhr ich am Wochenende vom Internat nach Hause in mein Heimatdorf. Meist mit dem Fahrrad, manchmal mit Bus und Bahn. Das Dorf lag in der Fünf-Kilometer-Sperrzone. Wenn man dorthin wollte, musste man vorher einen Passierschein beantragen. Als Grund gab ich an: "Besuch der Mutter". Das wurde stets akzeptiert. Kontrolliert wurde ich immer.

Im Dorf hatte ich mich mit einem ein Jahr älteren Lehrling angefreundet, er "lernte auf Autoschlosser". Mein Interesse hatte er besonders deswegen erregt, weil es ihm bereits 1962 gelungen war, auf einen in den Westen fahrenden Güterzug aufzuspringen und in die Bundesrepublik zu fliehen. Nach einigen Monaten kam er auf Betreiben seiner Eltern wieder in die DDR zurück.

Meine Erzählungen aus dem Internat und meine Überlegungen, in den Westen zu flüchten, sagten ihm zu. Das war auch was für ihn. Da wollter er wieder hin, denn mittlerweile war er 18 Jahre alt und nach DDR-Recht volljährig. Da konnten ihm seine Eltern nichts mehr anhaben. Wir schmiedeten Pläne - realistische und unrealistische.

Mit einem Boot über die Ostsee

Der Weg, den Lothar schon mal gewählt hatte, war mittlerweile versperrt: Die Brücke, von der man in offene, nach Westen fahrende Güterwaggons springen konnte, war mit Stacheldraht versperrt und wurde bewacht.

Wir wälzten Varianten: Er besaß ein Paddelboot mit Außenbordmotor, damit könne man prima über die Ostsee nach Dänemark schippern, meinte er. Die Ostsee (Rügen) kannte ich, ich wusste auch, dass man auffallen würde wie ein bunter Hund, wenn man mit einem Paddelboot dorthin reiste. Man würde auch auffallen, wenn man mit einem Boot dort ankäme. Am auffälligsten wäre es aber, das Boot zu Wasser zu lassen. Den Plan stellten wir erstmal zurück, da wir auch nicht wussten, wie wir das Boot am besten transportieren sollten.

Der nächste Plan reifte: Wir würden uns als Grenzpolizisten verkleiden und Grenzstreife gehen. Pro forma - und dann würden wir "türmen". Im örtlichen Kulturhaus befand sich eine Dorfkneipe, dort frönten die Grenzsoldaten in ihrer Freizeit der Kultur. Sie bestellten sich viele Biere, diskutierten den schweren Dienst, erhitzten sich über unterschiedliche Themen und zogen ihre Uniformjacken aus, wenn es zu heiß herging.

Vom Garderobenhaken wollten wir uns jeder eine Jacke "organisieren", damit hätten wir schon mal wie halbe Grenzer ausgesehen. Obenrum. Ihre Uniformhosen behielten die sozialistischen Gralshüter leider immer an, aber da hätten wir improvisieren können.

Pfeffer für die Hunde

Aber irgendwie wollte die Sache durchdacht sein. Es würde auffallen, wenn zwei Jacken fehlten. Zudem hängten die Grenzsoldaten ihre Gewehre nicht sorglos an die Garderobehaken und in ihrer Freizeit hatten sie gar keine Waffen dabei. Ohne Waffen sähen wir aber nur aus wie halbfertige Grenzsoldaten. Aber Waffen besorgen, womöglich irgendwie stehlen, das war nun ein ganz anderes Ding. Wir wollten doch lieber noch über andere Möglichkeiten nachdenken.

Beim Rumsitzen im Kulturhaus, im Gespräch mit den Uniformierten, fiel manchmal die eine oder andere höchst interessante Information für uns ab. So hörten wir, dass in den nächsten Tagen Minenverlegung angesagt sei, kurz vor dem Nachbardorf. Zwei Grenzsoldaten unterhielten sich darüber. Man konnte nun schlecht fragen, wo und wann genau das stattfinden sollte, aber wir meinten doch, die Gegend eingrenzen zu können.

Wenn eine Minenverlegung angesagt war, hieß das doch, dass dort bislang noch keine Minen lagen. Das war mal gute Kunde! Da könnten wir doch zum Beispiel raus kommen. Wir beschlossen unsere Flucht und setzten den nächsten Samstag als Zeitpunkt fest.

Was wir sonst bedenken mussten, war schnell erledigt: Wir brauchten einen Seitenschneider für den Stacheldraht, den brachte der Autoschlosser in spe aus seinem volkseigenen Betrieb mit. Ein paar Beutel Pfeffer waren auch schnell besorgt. Manchmal gingen unsere wachsamen Wächter auch mit Hunden auf Streife und wir wollten Pfeffer verstreuen, um es den Hunden nicht zu leicht zu machen.

Es wird ernst

Unsere Ausweise und Zeugnisse wollten wir mitnehmen, wer weiß, wozu so ein GST-Ausweis, ein DSF-Ausweis, ein FDJ-Ausweis und ein Personalausweis mit gültigem Passierschein gut sein könnten. Warm anziehen wollten wir uns auch, denn es war März 1963. Schnee lag keiner mehr, aber kalt war es.

Ich fuhr ins Internat zurück. Wie ich mich von meiner Freundin Karin im Internat verabschieden sollte, wusste ich noch nicht. So einfach "abhauen", ohne ihr was zu sagen, wollte ich nicht. Vertrauen konnte ich ihr.

Ich erzählte ihr also, was geplant war. Kurzentschlossen, mit jugendlichem Übermut (sie war 16 Jahre alt) verkündete sie: "Da komme ich mit!" Das war mir nun auch recht.

Es sah aus, als würde es am Samstag, dem 23. März 1963, ernst werden.

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