Vorbereitung einer Republikflucht Einfach nur raus aus der DDR

Vorbereitung einer Republikflucht: Einfach nur raus aus der DDR Fotos
Uwe Pries

Er fand sie verlogen, eng, borniert, langweilig: Uwe Pries konnte mit Anfang 20 die DDR nicht mehr ertragen. Mit nichts als einer Landkarte im Maßstab 1:500.000 plante er die Flucht über Bulgarien. Von

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Wo fange ich an? Damit, wie eng, doof, borniert, verlogen und langweilig ich die DDR fand? Mit meiner Sehnsucht nach dem Süden, dem Mittelmeer, mit den täglichen Lügen, die einen von überall her ansprangen, sei es aus der Zeitung, dem Radio oder dem Fernseher, mit den mickrigen Auslagen in den HO-Geschäften, der Angst vor der Einberufung zum Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee? Alles trug zu meinem permanenten Wunsch bei: Ich will raus aus diesem Land! 21 Jahre war ich jung und gierig nach richtigem Leben. Nicht erst als alter Rentner das Land verlassen, ausgespuckt von einem devisenhungrigen, raffgierigen und unmoralischen Staat.

Aber wie rauskommen? Ausreiseantrag? Diese Tortour noch größerer staatlicher Gängelung ertragen müssen? Ungewissheit, ob und wann es westwärts geht? Niemals, das hätte ich nicht durchgestanden in Sondershausen, dieser kleinen nordthüringischen Stadt, wo fast jeder jeden kannte. Oder Flucht an der innerdeutschen Grenze? Dort, wo Schießbefehl herrschte und Selbstschussanlagen Flüchtlinge verstümmelten? Nein, viel zu gefährlich! Also ratlos irgendwie auf das Schicksal hoffen.

Das Schicksal in Gestalt eines Ex-Grenzsoldaten

Das Schicksal kam im Winter 1982 in Gestalt meines früheren Schulkameraden B. B., bis zum Frühling 1982 Grenzsoldat an der Berliner Mauer, ein aufgeweckter, offener, humorvoller Mensch. Aber in der Funktionärskaste groß geworden; zielstrebig und mit dem Wunsch, nach Abitur und dreijährigem Wehrdienst Richter zu werden, war er eng verwoben mit dem System. Seine Familie gehörte zum Zweiten Versorgungsring. Dem Zweiten Versorgungsring gehörten privilegierte Personen an, die knappe Waren, Güter, Dienstleistungen etc. gegen wiederum knappe Waren, Güter, Dienstleistungen eintauschen konnten. Otto Normalverbraucher hatte nur seine DDR- Mark. Dafür bekam er selten knappe Ware. Schon der Blick in die Dose für das Pausenbrot offenbarte den Unterschied während der Schulzeit.

Er fragte mich, ob ich ihn bei einer Jugendtourist-Reise nach Bulgarien ab dem 7. Juni begleiten wolle; seine Mutter könne alle Formalitäten erledigen. Wo soll es denn hingehen?, fragte ich. Mit dem Flugzeug nach Nessebar ins Hotel am Schwarzen Meer. Nessebar? Schwarzes Meer? Bulgarien? So weit, so fern! Goldstrand! Sonnenstrand! Die Abwehr der Türken aus dem Süden - Balkan, Schaschlik, süßer Wein... Viele Bilder tauchten auf, aber keines von einem schießwütigen Grenzregime, nein, das mit den Türken ist lange her, das ist vergessen, da wohnt ja auch fast kein Mensch. Dachte ich, und so war sie dann da, die Idee: Ab in die BRD über die Türkei! Nochmals einen Blick in den Schulatlas geworfen. Tatsächlich: keine 100 Kilometer bis zur Grenze. Nur noch vier Monate auf die Freiheit warten!

In den Reisekader

Eine große Unbekannte war aber, ob ich überhaupt in den "Reisekader" kommen würde. Die rund 850 Mark Reisekosten (1,5 Monatsnettolöhne von mir, ich war damals Transportarbeiter) waren nicht so sehr Auslesekriterium wie vielleicht heute. Nein, bei einem visumspflichtigen Land wie Bulgarien, in das vielleicht ein paar tausend DDR-Bürger pro Jahr reisen durften, und der enormen Nachfrage danach, waren Beziehungen und "reine Westen" wichtig, Geld weniger. Ich hatte sicher beides. Ich war nicht besonders negativ aufgefallen bis dahin, und B.s Mutter war eine gute Referenz.

Es gab Vorbesprechungen zu dieser Reise. Pflichtveranstaltungen für jeden, der mit wollte. Bei einer wurde uns mitgeteilt, dass wir an einem der Urlaubstage das Stahlwerk "Georigi Dimitroff" und seine fleißigen Arbeiter besuchen würden. Aus diesem Grund müsse auch das FDJ-Hemd im Gepäck sein, das würde noch auf dem Flughafen-Schönefeld kontrolliert werden, hieß es. Und unsere Reiseleiterin Frau B. S. aus Oberdorna bei Mühlhausen meinte viel sagend: Also ein paar Reisekandidaten mussten wir streichen, gesellschaftlich nicht tragfähig. B. S., dachte ich, wenn du wüsstest! Und B. war ja auch nicht zu beneiden. Von wegen zwei schöne Wochen mit mir am Strand.

Ich nahm die Hürde und kam in den Reisekader. Meine Vorbereitung zur Flucht: eine lausige Landkarte, Maßstab 1:500.000 mit dem Südosten Bulgariens (etwas Genaueres gab es nicht), ein paar Vitaminpillen (an sich total nutzlos). Das war's.

Fluchtpläne und Katzenjammer

Jetzt kam D., mein Fluchtgefährte, mit ins Boot. Ein treffendes Bild, denn er war ein alter Schifferkollege aus der gemeinsamen Lehrzeit. Er schrieb mir im Mai 1982, dass er in Bulgarien Urlaub plane, und zwar in Kawazite. Also südlich von Nessebar. Und das zur gleichen Zeit wie ich. Ich dachte: Super, während des Urlaubs ein Besuch bei ihm ist ein prima Alibi, um die Reisegruppe zu verlassen. Das Schicksal! Da ist es wieder, meint es gut mit dir, Uwe.

Also traf ich mich mit D. am 3. Juni in Naumburg. Dort wohnte er als Einzelkind bei seiner herzkranken Mutter. Und abends saßen wir zwei im Ratskeller in der schönen, aber verkommenen Altstadt, tranken reichlich Bier und verabredeten uns. Und plötzlich bricht es aus D. heraus: Uwe, ich würde am liebsten abhauen, die Scheißzone stinkt mir. Und mir lief es eiskalt den Rücken runter: Was geht denn hier ab? Was mache ich jetzt? D. einweihen? Der Gedanke, zu zweit zu fliehen, war nicht unangenehm. Also teilte ich ihm meinen Plan mit.

Bereits am Morgen danach blieb bei D. nur Katzenjammer: Nein, der Alkohol war schuld an dem Gerede. Er bliebe, auch wegen der Mutter, würde mich aber nicht verraten. Wir verabschiedeten uns konkret mit dem Ziel, dass ich ihn nach einer Woche Urlaub in Bulgarien besuchen würde, also um den 14. Juni herum.

Außer D. erzählte ich nur meiner älteren Lieblingsschwester Kerstin am Abend des 6. Juni etwas von meinen Plänen und ließ ein paar Zeilen für die Eltern da. Ich habe meine Schwester gefährdet, denn durch diese Mitwisserschaft war sie per Gesetz verpflichtet, mich zu melden. Sie redete sich aber bei der Zeugenvernehmung später clever heraus.

Tourist zweiter Klasse

Am 7. Juni verließ ich die DDR mit der Reisegruppe, und wir wurden am Strand von Nessebar in einem recht herruntergewirtschafteten Hotel einquartiert. Die erste Woche machte ich Urlaub. Meine Erinnerungen sind geprägt durch den Kontrast: hier reiche westdeutsche, dort arme und entmündigte ostdeutsche Touristen. Kaum gelandet, wurden von uns die Personalausweise eingesammelt, und per Dekret wurde der Reiseleiterin mitgeteilt: Das alleinige Entfernen von der Reisegruppe ist nicht erlaubt. Bummeln in der Altstadt bitte nur in Gruppen!

Im Hotel saßen wir auf der Empore, schlecht gelaunte Angestellte fuhren rasend schnell Essenskübel an die Tische und klatschten lieblos kellenweise undefinierbares Essen auf die Teller. Schauten wir aber von der Empore hinunter in den eigentlichen Restaurantbereich, sahen wir reichlich gefüllte Tische, flink und emsig umher wuselnde Kellner und viele bunt gekleidete und bestens gelaunte Touristen aus der BRD.

Damals durfte man maximal 100 bulgarische Lewa eintauschen, bei einem Kurs von 1:3. Drei Mark für eine Lewa. Wie teuer und wie erbärmlich! Am Strand sah ich westdeutsche Touristen, die bauten sich Sandburgen mit Befestigungsringen aus leeren Bierflaschen; es war Radeberger Pilsner, eine so genannte Bückware in der DDR (Bückware hatten die Verkäuferinnen hinter dem Tresen versteckt - Stichwort Zweiter Versorgungsring). Diese Ringe um die Burgen enthielten Dutzende leerer Flaschen; entsprechend betrunken waren die "Burgherren".

Bei uns reichte es nicht für einen Rausch. Eine Flasche Radeberger kostete drei Lewa, also neun DDR-Mark. Das Schlimme war nicht so sehr der hohe Preis - ein DDRler war es gewohnt, unverhältnismäßig viel Geld auszugeben für Mangelwaren - aber hier setzte das Budget ja enge Grenzen. Das gesamte Urlaubsbudget ergab gerade mal 33 Flaschen Bier und einen Lewa Trinkgeld. Ein ziemlich ernüchterndes Ergebnis.

Fluchtweg ebnen

Nun aber wieder zu meinem Bemühen, die Reisegruppe zu verlassen und zu fliehen. Ich zitiere aus dem Vernehmungsprotokoll von meinem Freund B. vom 16. August 1982: "Bereits ehe wir nach Bulgarien gefahren sind, erzählte Pries immer davon, dass sein Bekannter, mit dem er zusammen gelernt hatte, auch in diesem Land Urlaub macht. Pries sprach immer davon, dass er seinen Freund unbedingt besuchen will, und wenn die Reiseleiterin Frau S. ihm dies nicht erlaubt, fährt er ohne ihr Einverständnis. Er lag damit auch der Frau S. immer in den Ohren. Die S. fragte mich dann, weil ich den Pries kannte, ob man ihn einen Tag lang zu dem Freund fahren lassen kann. Da ich eine solche Entscheidung ja doch nicht treffen konnte, sagte ich zu ihr, dass sie wissen muss, was sie macht. Die S. hat dann mehrere Jugendliche zusammengenommen und diese haben dann am 13.06.1982 entschieden, dass der Pries einen Tag, und zwar am 14.06.1982, zu seinem Freund darf, aber nach 24.00 Uhr zurück sein muss. Weiterhin wurde vereinbart, dass Pries sich persönlich bei der Reiseleiterin zurückmeldet."

Der Weg für meine Flucht war also geebnet. Aber diese Zusammenkunft der Jugendlichen und der Reiseleiterin: Auch das offenbarte, wie krank dieses System war. Zum Schmunzeln ist in diesem Vernehmungsprotokoll noch B.s doppelsinnige Aussage: "Also, den Pries kenne ich nur flüchtig."

Teil 2: Hetzjagd im Grenzgebiet

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