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Berlin von den Neunzigern bis heute Geteilte Stadt, geheilte Stadt

Berlin in Vorher-Nachher-Fotografien: Kampf den Lücken Fotos
Michael Lange/ Berlin Story Verlag

Keine deutsche Stadt hat ihr Gesicht seit den Neunzigerjahren so verändert wie Berlin. Der Fotograf Michael Lange hat die Metamorphose dokumentiert. Von

Wer visuell erfassen will, wie stark sich Berlin seit dem Fall der Mauer verändert hat, sollte sich den Film "Der Himmel über Berlin" von Wim Wenders ansehen. In den letzten zwanzig Minuten des 1987 gedrehten Werkes läuft der Schauspieler Bruno Ganz als Engel Damiel durch Kreuzberg. Er streift durch düstere Straßen mit bröckelnden Fassaden, er geht an grau gekleideten Menschen vorbei und er passiert immer wieder Brachen, Leerräume. Der Himmel ist grau, Kreuzberg ist grau. Wenn doch einmal eine andere Farbe als Grau auftaucht, ist es ein schmutziges Braun.

Der Unterschied zum heutigen Kreuzberg ist eklatant. Das Kreuzberg von heute, das boomende Touristen-Eldorado mit explodierenden Immobilienpreisen, hat mit dem West-Berliner Kreuzberg nur noch bedingt zu tun. In den 25 Jahren seit dem Fall der Mauer wurde ein großer Teil der Baulücken geschlossen, es blitzen Glas und frische Farben von den Fassaden, Investorenarchitektur mit Natursteinfurnier. Der "Todesstreifen" an der Mauer ist mit Luxusbehausungen bebaut.

Noch radikaler als die Transformation Kreuzbergs war der Auf- und Umbau des Ost-Berliner Bezirks Mitte. Hier schlossen Investoren, Spekulanten und Stadtplaner nicht nur die Lücken, hier ließen sie auch Bauten aus der DDR abreißen, um Platz für ihre neuen Büroblöcke zu schaffen; als folgten sie dem Spruch Walter Benjamins: "Der destruktive Charakter kennt nur eine Parole: Platz schaffen." Es verschwanden das DDR-Außenministerium, der Palast der Republik, das Hotel Unter den Linden, das Spielcasino an der Friedrichstraße und andere sozialistische Bauten.

Den architektonischen Sprung von zwei relativ armen Halbstädten zu einer boomenden Metropole hat der Fotograf Michael Lange festgehalten. Unter dem Titel "Rückblende" legte er jetzt ein Buch vor, in dem er das Vorher und Nachher von Berliner Orten und Ecken auf Doppelseiten, gegenüber und gegeneinander, montiert hat.

Stadt der Brachen

Die 98 Schwarz-Weiß-Fotografien haben Gebäude zum Gegenstand, nicht Menschen. Sie sind keine Kunst, sie dokumentieren. Es geht weniger um Ästhetik als um Information. Langes Fotos des Berliner Zentrums kommen nicht rätselhaft daher, sondern werden mit ausführlichen Bildunterschriften erklärt.

Bis zum Fall der Mauer war das Berliner Zentrum eine einzigartige Stadtlandschaft. Im Frühjahr 1945, nachdem die Alliierten die Reichshauptstadt von den Nazis befreit hatten, waren gut ein Fünftel aller Berliner Gebäude irreparabel zerstört; in den zentralen Bezirken Mitte und Tiergarten lagen über die Hälfte aller Bauten in Schutt und Asche.

Trotz großer Bemühungen um den Wiederaufbau in West und Ost, trotz der städtebaulichen Systemkonkurrenz an der Frontlinie des Kalten Krieges blieben in beiden Stadthälften abgeräumte Trümmergrundstücke liegen. Es fehlte das Kapital, sie zu bebauen. Es mangelte in der um rund eine Million Bewohner geschrumpften Stadt an Menschen, um sie zu beleben. Für Berlin - darin waren Ost und West vereint - wurden diese Lücken im Gesicht der Stadt symptomatisch. Trockenes Gras auf sandigem Boden, eine zugige Landschaft; Berlin, Stadt der Brachen.

Riesiger Möglichkeitsraum

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden viele demolierte Häusertorsos in kleinerem Format wieder instand gesetzt, statt eines fünfgeschossigen Mietshauses eine eingeschossige Baracke wieder aufgebaut. An vielen Gebäuden, vor allem im Westen, wurde der bröckelnde Stuck von den Fassaden geschlagen. Die von den Bombern freigelegten Brandmauern wurden verputzt. Die geflickte Stadt hatte ihren Charme, sie war einzigartig, aber erinnerte auch an alte Menschen mit schlechten Zähnen.

Was aus Berlin seit den frühen Neunzigerjahren geworden ist, wie abgerissen und neugebaut wurde, wie Häuser aufgestockt und aufgemotzt wurden, wie die Stadt mit Macht visuell normalisiert wurde, das offenbaren die Fotos von Michael Lange.

Er hat das Zentrum Berlins in den chaotischen Jahren nach dem Fall der Mauer dokumentiert, als sich Betreiber illegaler Klubs in Kellern einquartierten, als Hausbesetzer, Aktivisten und Künstler sich freie Räume aneigneten. Manche der Klubs, wie der Tresor in der Leipziger Straße, brachten es zu Weltruhm, aber fielen nach wenigen Jahren dem kapitalistischen Verwertungszyklus zum Opfer. Kampf den Lücken, da kannten die Spekulanten keine Gnade.

Wer die frühen Neunzigerjahre im Zentrum Berlins erlebt hat, kann sich schwer an diese Zwischenzeit erinnern, ohne sie im warmen Licht der Nostalgie zu sehen. Auch der Fotograf Lange schreibt im Vorwort seines Buches: "Die kurze Zeit, in der das Zentrum einer europäischen Großstadt ein riesiger Möglichkeitsraum war, beginnt heute zu einem Mythos zu werden."

Für mehr Bilder und Informationen über den Fotografen, besuchen Sie bitte auch seinen Blog:
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insgesamt 14 Beiträge
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1.
Gunnar Barrels, 03.11.2014
Und vieles was in Berlin in den letzten Jahren gebaut wurde ist - ist potthäßlich. Z.B. Hauptbahnhof - Potsdamer Platz - Friedrichstrasse usw..
2. Stimmt nur bedingt
Ronald Lohse, 03.11.2014
"Keine deutsche Stadt hat ihr Gesicht in den vergangenen 25 Jahren so verändert wie Berlin" - nun ja, alles ist relativ. Wenn man mal nach Dresden schaut, wird man ebenfalls ein erhebliches Facelifting erkennen, im Verhältnis zur Größe der Stadt eher noch intensiver als in Berlin. Auch in Dresden gab es kriegs- und nachkriegsbedingt riesige innerstädtische Brachen und Lücken, die nun geschlossen wurden und werden, sowie ebenfalls den Abriss oder Umbau ehemals prägender realsozialistischer Bauwerke und eine großflächige Sanierung alter, 1990 noch herunter gekommener und vom Abriss bedrohter Stadtviertel. Die wieder errichtete Frauenkirche ist dafür das Symbol, obwohl selbst nur ein kleiner Teil der Veränderungen...
3.
Tom B, 03.11.2014
In Berlin wird neuerdings das Aufbauen mit Zubauen verwechselt.
4. ost-lastig
Henning Weede, 03.11.2014
Das ganze beschränkt sich auf Ostberlin. Wollen wir mal zugunsten von Michael Lange annehmen, dass es keine Absicht war, sondern dass sich im Westteil eher zufällig nicht so viele photographierenswerte Änderungen ergeben haben. Das Europa-Center, der Kudamm, der Mauerplatz in Kreuzberg, die Potse, fast alles ist so geblieben. Dass die Deutschlandhalle, Lippenstift und Puderdose auf dem Teufelsberg und das Blub verschwunden sind bzw. sich verändert haben, nun ja, ich hab heute meinen großzügigen Tag und nehm es ihm nicht übel wenn er das vergessen hat.
5. Durch die Heilung der Stadt....
Joseph Greeks, 03.11.2014
....hat Berlin ihre Einzigartigkeit verloren.
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