VW-Fotoschatz Zeitreise ins Wirtschaftswunderland

VW-Fotoschatz: Zeitreise ins Wirtschaftswunderland Fotos
Rolf-Jochen Köhler

Ölige Overalls, verschwitzte Gesichter, heiße Werkshallen: Das private Fotoalbum eines verstorbenen Arbeiters gibt Einblick in den Alltag der Volkswagenwerke in den fünfziger Jahren. Die Bilder zeigen den Automobilbau als hartes, schmutziges Geschäft - das aber auch Glamour nach Deutschland brachte. Von

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Die Zeitmaschine hat einen Umschlag aus Bambusimitat, 27 Seiten braunen Kartons, getrennt durch Pergamentpapier im Spinnwebmuster. Es ist ein Fotoalbum, das über viele Umwege in die Redaktion gelangt ist, ein anonymes Zeugnis einer längst vergangenen Zeit: Der Verfasser ist verstorben, die Schwarzweißbilder, sorgfältig eingeklebt, sind ohne Beschriftung. Sie zeigen, so viel wenigstens scheint klar, das Volkswagen-Werk in Wolfsburg irgendwann in den fünfziger Jahren.

Aber was genau ist dort zu sehen? Was genau machen die Menschen auf den Fotos? Und wie war das damals, kurz nach dem Krieg, in den VW-Werken?

"Ah, das alte Kraftwerk! Das war ein Glücksfall für VW. Es war das Einzige, was nach dem Krieg im Werk noch funktionierte - wir hatten also sofort Energie." Carl Hahn sitzt in seinem Büro im Kunstmuseum von Wolfsburg und hat die erste Seite des Albums aufgeschlagen. Ein Zylinderkopf im Bücherregal, ein, zwei Bilder von Designstudien an der Wand und eine Hahnenskulptur aus Autoteilen - nur wenig verrät, dass hier Mister VW residiert.

Rund um das Werk - Leere

1953 kam er zu Volkswagen, wurde Assistent von Heinrich Nordhoff, jenem Mann, der das Werk aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs an die Spitze der deutschen Automobilindustrie führte. 1958 stieg Hahn zum Leiter von Volkswagen Amerika auf und machte Bus und Beetle dort mit einer legendären Anzeigenkampagne zum Kultmobil. 1982 wurde er Vorstandsvorsitzender von VW und lenkte die Geschicke des Autobauers bis 1993 und ist dem Unternehmen bis heute verbunden. Kaum jemand lebt Volkswagen so wie Hahn - wer also könnte besser als er dabei helfen, das Rätsel des Fotoalbums zu entschlüsseln?

Das erste Foto im Album zeigt das Werk aus der Ferne. Im Vordergrund der Mittellandkanal, direkt davor die Bahngleise, dann, im Hintergrund, die langgestreckte Rotklinker-Fassade, an deren Ende das Kraftwerk steht. "Noch ohne die vier Schornsteine, die heute jedes Jahr zur Weihnachtszeit wie Kerzen am Adventskranz beleuchtet werden", bemerkt Hahn. Rund um das Werk: Leere. "Das war herrlich, damals. Jenseits des Kanals gab es nur ein Getreidefeld. Man konnte vom Kraftwerk bis zum Verwaltungsgebäude das Werk abschreiten und blickte die ganze Zeit in die Natur."

Tatsächlich war Wolfsburg damals nicht viel mehr als Volkswagen. Gerade mal 25.000 Einwohner zählte die Stadt 1950, die meisten davon arbeiteten im Werk. Nur sechs Jahre später hatte sich die Einwohnerzahl verdoppelt, dem Erfolg des dort produzierten Käfers und des Transporters sei dank. Hier wurde Wirtschaftwundergeschichte geschrieben, davon zeugen auch die Fotos in dem Album. "Es ist bemerkenswert, wie bürgerlich die Angestellten gekleidet sind, selbst Bandarbeiter tragen Mantel, Hut und Krawatte", bemerkt Hahn bei einem Bild, das die Werkstore bei Feierabend zeigt.

Vorbei mit der schönen, sauberen Welt

In den Hallen dagegen war es mit der schönen, sauberen Welt vorbei. Während Autofabriken heute eher aussehen wie sterile Labors, erzählen die Bilder in dem Fotoalbum die Geschichte harter, ehrlicher Arbeit. Sie zeigen Männer mit verschmierten Overalls und dreckigen Gesichtern, die schwere Schweißautomaten schultern und das rohe Blech zu einer Karosserie zusammenfügen. Die ihre Pause nicht in einer sauberen Kantine halten, sondern irgendwo hingehockt zwischen Blechteilen, in ihren ölverschmierten Fingern eine Kaffeetasse oder Zigarette.

Die meisten der Aufnahmen sind dort entstanden, wo die Karosserie des VW-Bus zusammengeschweißt wird - offensichtlich der Arbeitsplatz des Fotografen. Während diese Arbeit heute von Robotern ausgeführt wird, die mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit Schweißpunkt auf Schweißpunkt setzen, wurde damals noch jede einzelne Verbindung mühsam von Hand gearbeitet. Auf den Bildern sprühen die Funken, der Qualm zieht den Männern direkt in die Nase, angrenzende Arbeitsbereiche sind mit schweren, schmutzigen Decken abgehängt, um andere Arbeiter vor Dreck, Qualm und Hitze zu schützen.

Für Hahn wird die Erinnerung beim Anblick der Bilder lebendig. "Damals hatten wir noch eine eigene Gießerei, in der die Zylinderköpfe nach dem amerikanischen Sandgussprinzip gegossen wurden. Da stank es, war es unerträglich heiß", sagt er. Doch so, wie Hahn sich dabei freut, kann man sich gar nicht vorstellen, dass es eine harte und beschwerliche Arbeit war.

Kleine Freuden zwischendurch

Aber genau das war es. "Ich weiß noch genau, wie wir damals die schweren Seitenteile von Presse zu Presse getragen haben. Vier Mann, manchmal sechs, je nach Größe und Gewicht des Werkstücks. Dann musste man sich sehr, sehr strecken, um das Teil passgenau in die Presse zu legen. Es war fast schon Akrobatik", erinnert sich Hahn beim Anblick zweier Männer auf einem Foto, die gerade dabei sind, ein großes Karosserieteil in eine Spannvorrichtung einzusetzen.

Doch es gibt auch Bilder, die von den kleinen Freuden zwischen der Plackerei zeugen. Einem Fußballspiel zwischen den Werkbänken während einer Pause zum Beispiel. Eine kleine, aus Drähten und Blechen gebaute Geige, auf der ein Arbeiter ein Lied spielt. Oder die Gruppenfotos, auf denen die Kollegen des Verfassers feixend für die Kamera posieren.

Hier präsentiert sich eine Gemeinschaft, im wahrsten Sinne des Wortes zusammengeschweißt durch eine Arbeit, bei der noch jeder Handgriff zählt, und man sich auf den Nebenmann zu jeder Zeit verlassen muss. Die stolz ist darauf, bei einem der profitabelsten Unternehmen ihrer Zeit zu arbeiten und die gleichzeitig maßgeblich verantwortlich ist für den Erfolg.

Endlich Millionär

Auch über diesen erzählt das Fotoalbum eine Geschichte. Fast die Hälfte aller Fotos darin wurde am 6. August 1955 geschossen. Einem ganz besonderen Datum für die Volkswagen-Werke. An diesem Tag wurde der einmillionste Käfer gefeiert - und die Welt feierte mit. War Carl Hahn die Freude über die Reise in die Vergangenheit schon vorher anzumerken, schwingt beim Betrachten dieser Bilder unverhohlene Begeisterung mit. "Das war einmalig", schwärmt er, "so etwas hatte es noch nicht gegeben."

Tatsächlich hatte es in Europa bis dato noch kein Automobilhersteller auf eine Stückzahl von mehr als einer Million Exemplare gebracht - entsprechend groß fielen die Feierlichkeiten in Wolfsburg aus. "Wir haben aus jedem Land, in dem Volkswagen produzierte oder Fahrzeuge verkaufte, eine Delegation eingeladen, die etwas Landestypisches zum Fest beitragen sollte", so Hahn.

Die Schotten schickten eine Dudelsackkapelle, die Franzosen ihre Cancan-Tanzgruppe aus dem Moulin Rouge, die Österreicher ihr K. u. K. Infanterie-Regiment und das Wiener Staatsopernballett. Und die Brasilianer schickten ihre Musik und ihre Tänzerinnen, "sehr zur Freude der Dorfjugend", wie Hahn sich noch bestens erinnert.

Ein Jahr hatten die Vorbereitungen gedauert, drei Tage währte das Fest. "Es war ein unglaublicher Organisationsaufwand", erklärt Hahn: "Damals landete man nicht einfach per Flugzeug in Frankfurt. Die ganzen Nicht-Europäer wurden per Schiff herangeschafft. Die waren oft wochenlang unterwegs", beschreibt Hahn.

Mehr als 100.000 Zuschauer strömten nach Wolfsburg, und am Ende verkündete VW-Chef Heinz Nordhoff, der Vater des Erfolgs, mit ausgebreiteten Armen: "Ran an die zweite Million!" Am Ende wurden daraus 21,5 Millionen, der Käfer damit, bis er 2002 vom Golf abgelöst wurde, das meistverkaufte Auto der Welt.

Doch von dieser Erfolgsgeschichte kann das Fotoalbum nicht mehr erzählen, es endet mit dem Millionsten Käfer, danach kommen nur noch leere Seiten. Fast ein wenig wehmütig streich Carl Hahn über das letzte durchsichtige Trennblatt, bevor er das Album zuklappt. "Vielen Dank", sagt er, "für diese schöne Reise in die Vergangenheit."

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1.
Ralf Bülow 29.10.2010
Gratulation zu dem VW-Fund, Herr Hengstenberg, aber schon im April 1953 verbrachte der Fotograf Peter Keetmann (1916-2005) eine Woche im Volkswagenwerk und produzierte ein tolles Bilder-Buch. Seine Fotografien waren vor einigen Jahren auch im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen.
2.
Marian-Luczia Krancman 31.10.2010
Die schöne Legende, dass der Käfer das meistproduzierte Auto der Welt sei, ändert nichts daran, dass sie - leider - grundfalsch ist. Das meistproduzierte Auto der Welt ist und bleibt das berühmte FORD-Modell T, von dem in 20 Jahren (etwa 1908 bis etwa 1928) 15 Mio. grundsätzlich IDENTISCHE Fahrzeuge gebaut wurden. Die Ersatzteile einer "Tin Lizzy" von 1910 passten auch an das gleiche Fahrzeug von 1925. Vergleichbares wird wirklich niemand vom Käfer behaupten können. Der letzte Käfer ist nicht einmal optisch identisch mit dem "Ur-Käfer" - bitte vergleichen Sie mal die entsprechenden Bilder genau. Irgendwo war mal in einer Fachzeitschrift zu lesen, dass schon etwa 1960 genau DREI Teile des Käfers noch identisch waren mit den entsprechenden Teilen des "Ur-Käfers". Eine Legende wird nicht dadurch wahrer, dass die - aus Sicht des VW-Werks natürlich durchaus verständliche - Saga mit dem "meistgebauten Fahrzeug der Welt" immer noch fröhlich weitergestrickt wird. Mich wundert immer wieder, dass FORD nicht gegen diese "Rufschädigung" vorgegangen ist. Unbeschadet meines Einwands ist es allerdings schön, dass der SPIEGEL hier etwas zur deutschen Industriegeschichte beigetragen hat. Aber eigentlich müssten Sie doch getreu Ihrem Credo wenigstens in einem Nebensatz darauf hinweisen, dass der Käfer eine Idee der Nazis war ..... ;-) !
3.
Solnzevo Wolkow 31.10.2010
Tolles Argument - nur weil man an einem Wagen kontinuierlich Teile verbessert und ersetzt, ist er ein anderes Modell? Eine sehr eigenwilligige Definition. Sofern man es ins exreme runterbricht sind Fahrzeuge ja schon bei abweichendem Lack unterschiedlich, oder wenn mit/ohne Ascher montiert. Derartige Haarspalterei kennt man nichtmal aus Beamtenstuben.
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