Wahlkämpfer wider Willen Der Mann hinter Kohl

Wahlkämpfer wider Willen: Der Mann hinter Kohl Fotos
Michael Stürzer/Konrad-Adenauer-Stiftung

Tausende besitzen ein Foto von Helmut Kohl, Hunderte ließen sich mit ihm ablichten. Aber nur wenige lächelten mit dem Ex-Kanzler vom selben Wahlplakat - ohne es zu wollen. Zehn Jahre nach dem Ende der Ära Kohl erinnert sich Michael Stürzer an seine Begegnung mit dem "Kanzler der Einheit" - und den Medienrummel, der folgte.

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"Warum nicht?!?"

Manche Frage vergisst man nicht. Wer sie gestellt hat, schon. Ich weiß nicht mehr genau, wer im Spätsommer 1994 am Telefon diese Frage gestellt hat. Ein Redakteur des WDR-Hörfunks, wenn ich mich recht entsinne. Jedenfalls erinnere ich mich an die Enttäuschung am anderen Ende der Leitung, als ich verneinte, gegen das Wahlplakat der CDU zur Bundestagswahl 1994 zu klagen. Warum sollte ich? Es war blanker Zufall, dass auf den vielen Plakaten zwischen Flensburg, Garmisch-Partenkirchen, Köln und Frankfurt (Oder) zwei Menschen gut zu erkennen waren: Helmut Kohl und ich.

Es war ein halbwegs sonniger Juni-Tag 1994. Stendal, eine mittelgroße Stadt im Norden Sachsen-Anhalts, fieberte dem Höhepunkt des Wahlkampfs entgegen. Der Kanzler kommt! Ausnahmezustand in der ostdeutschen Provinz. Helmut Kohl galt damals trotz des waghalsigen Versprechens der blühenden Landschaften als eine Art Heilsbringer. Mehr als 8000 Menschen wollten ihn sehen und hören. Seinerzeit gaben sich die Spitzenkandidaten in der Stadt nördlich von Magdeburg noch die Klinke in die Hand - und einer hätte die Hand jedem Zuhörer auch persönlich reichen können: Rudolf Scharping. Er mobilisierte gerade mal 300 Zuhörer, Gregor Gysi gut dreimal so viel. Gegen den Kanzler der Einheit alles Waisenknaben.

Für Journalisten bei einer nach der Wende neugegründeten Tageszeitung, der "Altmark-Zeitung", war der Auftritt Kohls natürlich ein Pflichttermin. Schon beim Blick auf die Absperrungen wussten mein Kollege und ich, dass das kein Spaß werden würde. Er hatte den besseren Job - er war der Schreiber, konnte sich am Rand in der Nähe eines Lautsprechers niederlassen und verpasste doch nichts. Ich dagegen stürzte mich ins Gewühl. Pressefotograf ist nicht immer ein toller Job. Aber ich wollte das Bild: Kohl beim Bad in der Menge. Optimal wäre ein Foto von oben gewesen, von der Bühne aus. "Nix da." Die Personenschützer ließen nicht mit sich reden.

Große Überraschung einige Wochen später

Also rein ins Gewühl, immer hinter Kohl her. Mal ein bisschen links von ihm, dann rechts, Kamera über Kopf. Verzeihung, da war ein Fuß im Weg. Einen Vorteil hatte der Kanzler - man konnte ihn nicht übersehen. Ich hielt einfach drauf, es würde schon was Brauchbares auf dem Film sein. Hallo Kanzler, bitte mal zu mir schauen! Ihr Politiker könnt das doch. Natürlich waren es handverlesene CDU-Gäste, zwischen denen der Kanzler schritt und Hände schüttelte. Die Szene erinnerte an Beatles-Mania: In die Gesichter vor allem der Älteren stand geschrieben, dass sie in Helmut Kohl einen Retter, einen Helden sahen.

Irgendwann bemerkte ich, dass auf der Bühne doch ein Fotograf stand. Der hatte den besten Platz überhaupt. Ich ärgerte mich ein bisschen und fragte mich, wer da wohl eine Sonderrolle bekommen hatte.

Die Antwort stand einige Wochen später in der Redaktion - in persona des örtlichen CDU-Chefs. Der schleppte mich in der Hauptproduktionszeit zum Wahlkampfstand in der Fußgängerzone. Sollte ich etwa darüber berichten? Nie im Leben! Aber er wollte gar keinen Bericht, sondern mein Gesicht sehen: Druckfrisch waren die Wahlplakate eingetroffen. Der Blick darauf löste bei mir plötzliche Beklemmung aus: ein väterlich-sanft lächelnder Helmut Kohl, stilisiert beinahe wie ein Heiliger, umringt von Menschen, die zu ihm hochblicken. Im Hintergrund: eine dunkelhaarige Gestalt, hager und ein bisschen blass, die eine Kamera über den Kopf hält und reichlich dümmlich blickt.

Ich.

Lebendige Trophäe

Uff. Das muss man erst mal verdauen. Musste das denn sein? Ist das nun gut oder schlecht? Zugegeben: Ein bisschen stolz war ich im ersten Moment schon, es fühlte sich an, als wäre man etwas Besonderes. Aber ehrlich: Ein Lotto-Gewinn wäre mir lieber gewesen.

Kaum war das Plakat in unterschiedlichen Formaten geklebt, begann der Terror. Eine Zeitschriftenredaktion war die erste: "Sie sind mit Kohl auf dem Plakat? Wie konnte Ihnen denn das passieren? Erzählen Sie doch mal!" Ich sollte also einmal nicht Nachrichten verbreiten, sondern selbst Nachricht sein - eine ganz neue Erfahrung. Jetzt weiß ich, wie sich jemand fühlt, der falsch zitiert und ungenau beschrieben wird. Aufgehoben habe ich die Ausgabe trotzdem. Gelesen wurde sie auch, vor allem von Kollegen: Einige Radiosender riefen an und was weiß ich noch wer.

Wenn Sie vom Schicksal auf ein Wahlplakat drapiert werden, ist das, als hätten Sie ein Premium-Parteibuch gewonnen. Für einige Wochen fühlte sich die CDU in der Altmark scheinbar verpflichtet, mich wie eine Trophäe herzuzeigen. Da, das ist unser Mann, der mit Kohl auf dem Plakat ist! Hallo? Ich bin nicht euer Mann! Wenn man bei einer Lokalzeitung arbeitet, lässt es sich nicht vermeiden, auch noch weitere Wahlkampfveranstaltungen zu besuchen. Wenn man dann allerdings sogar von Bundesministern namentlich begrüßt und breit angelächelt wird, drängt sich der Wunsch nach einer festsitzenden Strumpfmaske auf.

"Wieso klagen Sie nicht!?"

Dabei hätte es so schön sein können: Die Wahl geht vorbei, Kohl gewinnt, die Mehrheit ist zufrieden, die Plakate wandern ins Altpapier - und ich habe wieder meine Ruhe. Hätte, wäre da nicht dieser Mann gewesen, der gegen seine Abbildung auf dem Wahlplakat klagte, weil er seine Persönlichkeitsrechte verletzt sah. Er sei nur zufällig dort gewesen, sei da vorbeigegangen - und schwuppdiwupp, sei er zum Wahlkampfhelfer für Kohl geworden. Jeder, der an jenem halbwegs sonnigen Juni-Tag in diesem Gedränge stand, wusste, dass das einfach nur Unfug war.

Die Medien stürzten sich darauf. Wieder Anrufe, wieder komische Fragen: "Wieso klagen Sie nicht?!" Na, weil es keine Schande ist, mit einem Politiker wie Helmut Kohl auf einem Bild zu sein. Auch nicht für einen Journalisten. Es ist halt passiert, ein beruflicher Kollateralschaden sozusagen. "Würden Sie uns das ins Mikrofon sagen?" Wofür? "Für unser Morgenmagazin. Wir würden Sie um 5.03 Uhr anrufen." Danke, nein. Da träume ich noch von den Zeiten, als ich nur mit Freunden und Familie auf Fotos zu sehen war. Herausgekommen ist bei der Klage übrigens nie etwas, soweit ich weiß.

Die Wahl ging vorbei, Kohl gewann, die Plakate wanderten ins Altpapier. Nicht alle, einige habe ich aufbewahrt und lagere sie seither im Wohnzimmerschrank. Als Geschichte für launige Kneipenabende sind sie immer wieder gut.

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Heinz Eggert 27.09.2008
Schöne und entspannende Geschichte Michael Stürmer, für einen, der oft aus nächster Nähe beobachtet hat, wie Parteifürsten mit allen Mitteln unbedingt in den Bildkreis des Kanzlers rücken wollten.Parasitäre Publizität, koste es , was es wolle. Der Alte ist bestimmt amüsiert, wenn er das hier liest. Gruss aus Oybin Heinz Eggert
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