Wahlkampfpannen Projekt 18 und andere Rohrkrepierer

Wahlkampfpannen: Projekt 18 und andere Rohrkrepierer Fotos
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Gefälschte Geheimpapiere, schlimme Slogans, Kanzlerkandidaten, die das Amt gar nicht wollen - mit Patzern und Pannen sorgen Parteien seit 1949 im Wahlkampf für Schadenfreude. einestages hat die schönsten Flops gesammelt. Von Hans Michael Kloth

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Oskar Lafontaine ist ein feuriger Rhetor und begnadeter Populist. Wenige andere deutsche Politiker haben ein ähnliches Gespür für die Stimmung der Massen und die Gabe, eine Halle zum Kochen zu bringen. Im derzeitigen Null-Wahlkampf zeigt der einstige SPD-Kanzlerkandidat und jetzige "Linke"-Politiker Profil und die mit Abstand klarste Kante.

Das war nicht immer so. Ausgerechnet im Wahlkampf seines Lebens, als es 1990 für ihn um den Einzug ins Bonner Kanzleramt ging, trat Lafontaine in ein politisches Fettnäpfchen nach dem anderen - und trug sein Scherflein dazu bei, dass die SPD beim der historischen Einheitswahl von 37 auf 33,5 Prozent abrutschte und Helmut Kohl Kanzler blieb.

Keine Todsünde aus dem Lehrbuch des Politprofis, die Lafontaine damals nicht begangen hätte: Er wetterte gegen "Scheinasylanten" - und brachte linke Stammwähler gegen sich auf. Er kündigte Steuererhöhungen an - und verprellte die Mittelschicht. Er erklärte den Eins-zu-eins-Umtausch der DDR-Mark zum Fehler - und verdarb es sich mit den einheitsseligen Ostdeutschen; obendrein nannte er die an fortgesetzter Misswirtschaft gescheiterte DDR "ein führendes Industrieland". Für den Fall seiner Wahlniederlage kündigte der SPD-Kanzlerkandidat schon vor dem Wahltag seine Rückkehr an die Saar an; er sei "gestresst" und wolle sich nach der Wahl "nicht voll ins Geschirr werfen". Alle Signale, die Kandidat Lafontaine aussandte, deuteten darauf, dass er gar nicht Kanzler werden wollte. Und so sagte er es denn auch ganz offen. Auf die Frage des SPIEGEL, ob er das Regierungsamt erhoffe, gab er die legendäre Antwort: "Ich fürchte es."

Machtwillen klingt anders.

Die Geschichte der Bundesrepublik mag nicht gerade reich sein an nervenzerfetzenden Wahlschlachten - dafür haben die Parteien und ihr Personal das gemeine Volk beim Kampf um seine Gunst seit Anbeginn recht zuverlässig mit Pleiten, Patzern, Pannen unterhalten und über das notorische Wahlkampf-Elend hinweggeholfen. Schon 1953, bei der zweiten Bundestagswahl, gab es ein Drama um angebliche Geheimunterlagen aus der SPD-Zentrale, die dubioses Finanzgebaren der Genossen belegen sollten. Leider erwiesen sich die Dokumente als plumpe Fälschung, Konrad Adenauers Wahlkampftrumpf wurde zum Rohrkrepierer. Und mit Franz Josef Strauß erkor die Union 1980 einen Kanzlerkandidaten, der den Spott anzog wie ein Magnet Büroklammern. Sein aktenkundiger Spruch, er wolle "lieber Ananaszüchter in Alaska als Kanzler" sein, zierte einen beliebten Aufkleber, der FJS ironisierend zum Vorsitzenden des Verbands der Ananaszüchter am Polarkreis beförderte - ein Job, in dem viele Bundesbürger den burschikosen Bajuwaren lieber sahen als im Bonner Kanzleramt.

Aber auch SPD-Wahlkämpfer stellten sich immer wieder gerne selbst ein Bein, vorzugsweise mit unvergleichlicher organisatorischer Inkompetenz: Mal fanden sich nach dem Wahltag 3,5 Tonnen unverteilter Werbebroschüren an, die schlicht vergessen worden waren und nun nur noch dem Altpapier anheim gegeben werden konnten. Mal wurde ein Wahlkampfhöhepunkt in der Dortmunder Westfalenhalle angesetzt - an einem (damals noch raren) verkaufsoffenen Samstag, an dem überdies Borussia Dortmund ein Heimspiel gegen Gladbach austrug. In der 14.000 Menschen fassenden Halle bestand an diesem Tag keine Gefahr für Klaustrophobie-Alarm, mochte sie auch mitten in der legendären "Herzkammer der Sozialdemokratie" gelegen sein.

Allerdings sind Patzer durchaus nicht das Prärogativ der großen Parteien. Das "Projekt 18" der FDP etwa geriet 2002 zum wohl größten Wahlkampfflop der deutschen Nachkriegsgeschichte. Erst erheiterte der frischgebackene liberale Frontmann Guido Westerwelle die Republik mit der Zielmarke 18 Prozent und seiner groß inszenierten Inthronisierung als "Kanzlerkandidat" der FDP. Dann stürzte Westerwelle sich in einen "Spaßwahlkampf", dessen Stoßrichtung vor allem darin zu bestehen schien, sich selbst öffentlich zum Affen zu machen.

Der Spitzenliberale tummelte sich in der Proll-TV-Show "Big Brother", trat mit einer auf die Schuhsole applizierten "18%" in einer Talkshow auf und tourte mit einem "Guidomobil" getauften Campingbus durch deutsche Lande. Als ruchbar wurde, dass Westerwelle lieber in Hotels nächtigte, als im Wahlkampf-Wohnmobil auf Zeltplätzen, und alsbald auch noch die Batterie des "Guidomobils" schlapp machte, brauchte der liberale Zauberlehrling für den Spott nicht mehr zu sorgen. Das amtliche Endergebnis für die FDP lautete 7,4 Prozent.

Wahlkampf 2009, so scheint es, bedeutet nun einen Bruch mit der Geschichte. Anders als noch bei so ziemlich jeder Wahl seit 1949 gelingt es den Parteien im 60. Jahr der Bundesrepublik nicht einmal mehr, den Wählern etwas unfreiwillig zu bieten. Nur ein Mann sorgte für ein klein wenig Stimmung beim Publikum: NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) lästerte vor Opel-Arbeitern über die Arbeitsmoral von Rumänen - zu seinem Unglück lief eine Videokamera mit. Rüttgers blieb nur der Kotau: Er entschuldigte sich und wird demnächst bei einer Berliner Charity-Gala für rumänische Waisenkinder kellnern.

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1.
Daniel Meinzer 24.09.2009
Die 18 Prozent Marke wurde ja nicht zufällig von Westerwelle gewählt. Er kokettierte mit Stimmen der Rechten. Und wenn man die 1 und die 8 im Alfabeth abzählt kommt man schnell auf die Initialien des größten Verbrechers gegen die Menschlichkeit, den die deutsche Historie vorzuweisen hat. Ich halte Herrn Westerwelle nicht für vertrauenswürdig.
2. Fdp 18%
k.h.eilers 15.09.2014
Das ist schon in Ordnung, bei 18% kann der Wahlkampf ja so verkehrt nicht gewesen sein.Wenn man dann aber nicht liefert und Posten und Personen wichtiger sind, dann begeht man Verrat am Wähler und wird bestraft. Das ist völlig in Ordnung.
3. ich dachte niemals daran,
Frank Reimann 15.09.2014
dass ich die FDP mal vermissen könnte...
4. Ich bin echt kein Fan der FDP...
Ulrike Hasse 15.09.2014
... Und auch nicht unbedingt von Herrn Westerwelle. Trotzdem meine ich auchsls SPD Anhänger dass es der Respekt vor Herrn Westerwelle angesichts seiner schweren Erkrankung es gebieten würde, sich hier nicht so über ihn herzuziehen.
5. schwachsinn
Markus Küppers 16.09.2014
Wer ernsthaft glaubt, Westerwelle sei ein verkappter Nazi, oder wollte ernsthaft rechts auf Stimmenfang gehen, sollte nochmal ganz gründlich über sich nachdenken.
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