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Geisterstädte in der Antarktis Tod, Eis und Schutt

Geisterstädte in der Antarktis: Tod, Eis und Schutt Fotos
Corbis

Einst das Herz einer Industrie, heute ein Rückzugsort für Seehunde: Auf Jagdstationen in der Antarktis schlachteten Walfänger Anfang des 20. Jahrhunderts Zehntausende Wale. Die Firmen gingen an ihrer eigenen Gier zugrunde. Von

Am Ende der Welt stehen ein Kino, eine Kirche, ein Museum und ein Friedhof. Die einst so schnuckeligen Häuser? Von Schnee und Eis begraben und zerfressen. Die Menschen, die in ihnen gewohnt haben? Längst weggezogen oder tot. Wo früher einmal bis zu 500 Männer und ihre Familien gelebt haben, drücken sich heute höchstens ein paar Pinguine, Seehunde oder Touristen durch die Szenerie. Dabei war die Stadt aus Eis, Schnee und Schutt vor gut hundert Jahren eine Hochburg - die Hochburg des industriellen Walfangs.

58 Jahre lang war die Walfangstation in Grytviken auf der britischen Antarktis-Insel Südgeorgien ohne jegliche Unterbrechung in Betrieb, sie überstand zwei Weltkriege und eine Weltwirtschaftskrise, begrüßte im Packeis verkeilte Antarktis-Expeditionen und verarbeitete Unmengen an Walen zu Öl und Fleischgerichten. Die Bilanz nach mehr als einem halben Jahrhundert tödlicher Jagd: 53.761 geschlachtete Wale, 455.000 Tonnen Waltran, 192.000 Tonnen Fleisch. Danach wurde Grytviken die eisige Geisterstadt, die sie heute ist.

Der Ort mit dem zungenbrecherischen Namen ist nicht der einzige in der Antarktis, der sich von einer Walfangstation in eine Geisterkulisse verwandelt hat. Nachdem das Geschäft an der Harpune zu Beginn des 20. Jahrhunderts boomte, machten Dutzende Unternehmen in der Antarktis Jagd auf die Meeresriesen. Als klar war, dass mit der Walschlachtung tatsächlich satte Gewinne zu holen waren, wurden auf der Südpolinsel Südgeorgien sechs feste Walfangstationen hochgezogen. Grytviken war jedoch die erste von allen, die ihren Betrieb aufnahm - und die letzte, die selbigen wieder einstellen musste.

Genau wie ihre Nachahmer sollte auch Grytvikens Walstation an ihrer eigenen Gier zugrunde gehen.

Wale dort jagen, wo sie bisher noch niemand gejagt hat

Dabei hatte alles ganz gemächlich angefangen. Als der norwegische Kapitän und Hochseefischer Carl Anton Larsen 1904 die südlichste Walfangstation der Welt in Betrieb nehmen wollte, hatte er zu Beginn nicht einmal ein Boot. Das erste Stationsschiff, die "Fortuna", kam fast ein Jahr später als vereinbart in Grytviken an, weil die deutsche Firma, die die Kurbelwelle für den Motor des Schiffs liefern sollte, bei ihrem Auftrag gepfuscht hatte - zumindest behauptete das Larsens norwegischer Lieferant.

Trotz der Startschwierigkeiten hatte Larsen einen festen Plan: Am 8. April 1904 ließ er die "Compañía Argentina de Pesca" (C.A.P) ins Unternehmensregister von Buenos Aires eingetragen. C.A.P. war ein norwegisch-argentinisches Joint Venture, das von einer Handvoll reicher Gönner aus Buenos Aires und einem Investor aus Hamburg geschultert wurde. Larsens Businessmodell klang einfach und für seine Sponsoren offenbar überzeugend: Wale dort jagen, wo sie bisher noch niemand gejagt hatte - in der Antarktis.

Dabei galt Walfang rund um den Südpol bis dahin als wenig aussichtsreich. Die Royal Geographical Society hatte im August 1895 auf einer internationalen Konferenz in London festgestellt, dass es nach den kostenintensiven Antarktis-Expeditionen zur Erkundung des Walfangs - eine davon hatte Larsen übrigens selbst angeleiert - wirtschaftlich "nutzlos" wäre, in den eisigen Meeren Jagd auf die Riesentiere zu machen: "Der Großteil der dortigen Wale hat dünne Fettschichten und kurze Barten," urteilte die Institution. "Somit ist es für einen Walfänger reine Zeitverschwendung, sie zu jagen."

Dennoch: Larsen war überzeugt, dass die Waljagd sinnvoll wäre - vor allem weil in Europa zu Beginn des Jahrhunderts die Meere im Norden weitgehend leergefischt waren. Immer wieder hatte er als Expeditionskapitän in der Antarktis mit seinen eigenen Augen ganze Scharen von Walen an sich vorbeischwimmen sehen. Und Grytviken, die Stadt aus Eis, Schnee und Schutt, war für ihn "einer der feinsten Häfen, den man sich vorstellen kann". Voller Optimismus schrieb Larsen daher in die Gründungspapiere seines neuen Unternehmens: "Nach der ersten Testzeit (der ersten Saison) wird es nötig sein, die Produktion weiter hochzuschrauben, aber die Anzahl der verfügbaren Wale gibt keinerlei Anlass zur Sorge."

Und tatsächlich schien dieser Plan lange auch aufzugehen. Als die "Fortuna" und ein weiteres Schiff am 16. November 1904 ihre schweren Anker in den Meeresboden vor Grytviken rammten, legte die 80-köpfige Stationscrew kurze Zeit später mit ihrer Arbeit los. Heiligabend 1904 war das erste Fass Walöl der Antarktis produziert. Ein Jahr später sollten es 7000 sein.

Aufstieg einer Tötungsmaschinerie

Die Wale, die die Männer auf offener See mit der Harpune schossen und dann an Land an die Station hievten, waren wegen ihres Blubbers, der weißen Fettschicht unter ihrer Haut, begehrt. Aus ihr ließ sich Glyzerin gewinnen, ein Hauptbestandteil von Kosmetika wie Seife oder Cremes, aber auch Basis für Brennstoffe in Öllampen oder Heizkesseln.

Auch wenn Larsen zu Hause in Norwegen nie wirklich zuverlässige Investoren finden konnte, so kopierten doch viele seiner Landsmänner seine Idee, als sie von den großen Erfolgen in Grytviken hörten - und gingen ebenfalls auf Waljagd in der Antarktis.

Gegenseitig schraubten die konkurrierenden Stationen ihre Kapazitäten immer höher, manchmal mussten sich die Firmen sogar gegenseitig mit leeren Fässern aushelfen, weil mit der Zeit die Behälter rar wurden, in denen man noch mehr Fett hätte abfüllen können. Allein Grytviken produzierte zwischen 1907 und 1908 mehr als 27.000 Barrel Öl, ein Jahr zuvor waren es noch knapp 12.000 Barrel gewesen, auch für die Anteilseigner waren diese Jahre in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts goldene Zeiten: Ihre Dividende stieg innerhalb eines Jahres von soliden 15 auf 32,5 Prozent.

Waltran für Cremes, Öllampen und Bomben

Selbst als Europa 1914 in den Ersten Weltkrieg rutschte, ging es den Walfängern in der fernen Antarktis verhältnismäßig gut. Zwar wurde die Kohle immer knapper, die die Männer zum Befeuern der Kessel für die Tranproduktion brauchten. Allerdings trieb die allgemeine Ressourcenknappheit gleichzeitig den Ölpreis nach oben: 90 britische Pfund konnten die Jäger von Grytviken zwischenzeitlich für eine Tonne ihres Waltrans verlangen - so viel wie bis dahin noch nie. Auch im Kampf selbst kam das Walfett zum Einsatz - als Nitroglycerin in Sprengstoffmischungen, Granaten und Bomben. Nicht zuletzt war das kriegsgeplagte Europa auch zu einem neuen Absatzmarkt für günstige - aber nahrhafte - Walfleischgerichte geworden.

Die Schlachtung an den Stationen selbst war harte Handarbeit: Auf dem Meer geschossen, wurden die Wale über eine Rampe per Drahtwinde zum Sterben ans Land gezogen. Mit scharfen Klingen fuhren zwei Männer einmal längs an dem Wal entlang, bis sie an seinem Kopf angelangt waren. Dann quoll der weiße Blubber links und rechts aus dem Tier - fast so, als ob es Nähte hätte. Zum Schluss zogen die Männer dem Wal die Haut ab, und trennten den speckigen Blubber vom Fleisch.

Gelockt von dem hohen Ölpreis, zog es zu Beginn des Ersten Weltkriegs zwischenzeitlich 19 Unternehmen in die Antarktis. Viele von ihnen wollten das Töten beschleunigen, indem sie ohne Lizenz und ohne feste Station auf offener See auf Waljagd gingen - und so ihren Konkurrenten an Land wie der Station in Grytviken das Geschäft streitig machten.

40.000 tote Wale in einer Saison

Die Lage spitzte sich in den Folgejahren immer weiter zu, als die Wale immer rarer und die Lagerregale mit unverkauftem Waltran immer voller wurden. In der Saison 1930/31 erreichte das Schlachten am Südpol mit 40.201 getöteten Walen seinen Zenit, etwa 32.000 der Tiere wurden von unlizensierten Jägern auf offener See geschossen. Zum Vergleich: Als Grytviken die Ära des industriellen Walfangs in der Antarktis 1904 eingeläutet hatte, töteten die Fischer im ersten Jahr 183 Wale.

In der nächsten Saison einigten sich die Unternehmen auf freiwillige Fangquoten, doch für viele Spezies kam die Regelung zu spät: Mitte der Dreißiger galt der Buckelwal in der Antarktis als so gut wie ausgestorben. Gleichzeitig fiel der Preis für Walöl aufgrund der Überproduktion auf ein Rekordtief. In Südgeorgien machte eine Station nach der anderen dicht. Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs waren nur noch zwei von ihnen aktiv: Grytviken und Leith Harbour, deren Kühlhaus als eine Art Lager diente für die Unmengen an Walöl, die die Station in Grytviken produzierte.

Grytviken konnte sich nur halten, weil es aus den goldenen Jahren des stationären Walfangs noch finanzielle Reserven übrig hatte, die den Verlust vorübergehend abfederten. Außerdem hatte sich C.A.P., Larsens Unternehmen, über die Jahre auch ein vitales Robbengeschäft aufgebaut. Während des Zweiten Weltkriegs war es das einzige Unternehmen, das die ganze Zeit über auf Jagd ging - auch weil viele Walfänger zur Marine eingezogen wurden.

Das Aus einer veralteten Industrie

Doch die paar erfolgreichen Jahre konnten den Verfall des sanierungsbedürftigen Unternehmens und seiner veralteten Station nicht mehr rückgängig machen. 1950 fischten in Grytviken noch immer sechs Fangboote, die mehr als 20 Jahre auf dem Buckel hatten.

Ein letzter Modernisierungsversuch 1962 kam zu spät: Noch im selben Jahr wurde C.A.P. von japanischen Geschäftsleuten aufgekauft. 1965 ließen auch sie das Unternehmen fallen - und verkauften.

Kapitän Larsen, der Vater des industriellen Walfangs in der Antarktis, musste den Niedergang seines Geschäfts übrigens selbst nicht mehr miterleben. Er starb bereits 1924 - natürlich an Bord eines Schiffs in der Antarktis. Er war gerade dabei, neue Fanggebiete zu erkunden.

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1.
Slava Grof, 07.10.2013
eine schöne analgie zu unserer heutigen kapitalistischen welt. eine geschäftsidee, der ein gnadenloses ausbeuten der natur folgt, und dann kollaps und verbrannte erde. weiter so!
2.
Peter Stoll, 08.10.2013
M.E. zeigt Foto 5 nicht Leith Harbour, sondern Stromness.
3.
Karl-Heinz Marx, 08.10.2013
Glycerin ist Abfall der Seifenproduktion (Seifen sind Salze von Fettsäuren), und kein Bestandteil. http://de.wikipedia.org/wiki/Seife
4.
Norbert Münch, 09.10.2013
Das südlichste Postamt des vereinigten Königreichs dürfte in Port Lockroy sein, nicht in Grytviken.
5.
Wilhelm Schmidt, 11.10.2013
> Mitte der Dreißiger galt der Buckelwal in der Antarktis als so gut wie ausgestorben. Eigentlich müßte man schreiben: " ... ausgerottet", denn der Buckelwal ist ja nicht aus unbekannter Ursache "ausgestorben", sondern der Grund für sein Verschwinden war ja wohl die Überjagung.
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