Motorrad-Artisten Mit 60 Sachen in die Todeswand

Sie rasen die Wände entlang, als gäbe es keine Schwerkraft: Seit mehr als hundert Jahren riskieren Todeswand-Fahrer bei jeder Show ihr Leben. Um das Publikum zu locken, lieferten sich die Motorradfahrer lange einen Wettkampf um den irrsten Stunt. Am Ende saßen sogar ausgewachsene Raubtiere im Beiwagen.

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Anfang der siebziger Jahre sah ich meine erste Motorrad-Steilwand-Show. Es war eine Kirmes-Truppe, wie es sie seit Beginn des 20. Jahrhunderts gegeben hatte und, seltener, auch noch heute gibt. Zwei, drei Fahrer knatterten auf flach gebauten Motorrädern mit höllischem Lärm über die Innenwände eines riesigen, hölzernen Fasses. Immer im Kreis herum.

Als Kind war mir das zu laut, stinkend und schnell, schon beim Zuschauen wurde mir schwindelig. Und dann der Schock, als ich durch das Holz hindurch die Wucht der wirbelnden Maschinen spürte: Wenn man seine Hände auf die Außenseite dieses gewölbten Holzaufbaus legte, spürte man bei jeder Runde, wie das Holz unter der Last der beschleunigten Masse leicht nachgab. Es fühlte sich an, als steckte in diesem seltsamen, hölzernen Turm ein wildes Tier, das einen Weg nach draußen suchte.

Die Wucht, die ich damals spürte, als mindestens 230 Kilogramm Fahrer und Maschine nur durch eine Holzschicht getrennt an mir vorbeidonnerten, machte mir erst klar, wie wagemutig und gefährlich diese wilde Fahrt im Kessel wirklich war - und bis heute ist. Denn noch immer erfreut sich das sogenannte Todeswand-Fahren ungebrochener Beliebtheit.

Tödliches Jahrmarktspektakel

Der Fahrer im Inneren bewegt sich mit vielleicht 60 Stundenkilometern einen nur wenige Meter durchmessenden Kreis entlang - die nötige und mögliche Geschwindigkeit hängt von der Größe dieses Kessels ab. Für den Fahrer ist das, als würde er permanent bergauf fahren, die steilste nur denkbare Steigung hoch. So pappt ihn die Zentrifugalkraft wie eine Fliege an die Wand, die mit rasender Geschwindigkeit unter ihm durchzieht. Dabei wirken Kräfte auf ihn ein, denen sonst nur Kampfpiloten oder Astronauten ausgesetzt sind: Das zwei- bis dreifache der Erdschwere, manchmal mehr. Bedingungen, unter denen es schon zum Kraftakt wird, beim Fahren auch nur die Arme zu heben.

US-Schausteller waren es, die für diesen motorisierten Wahnsinn die Bezeichnung "Wall of Death", Todeswand, erfanden. Ein Name, der die Aufregung des Publikums steigern soll. Genau wie die ohrenbetäubend laute Musik, die dem Motorenlärm einen Takt gibt. Ein Szenario, durch das man sich als Zuschauer leicht eingeschüchtert fühlen kann - zumal, wenn ein Fahrer gerade auf einen zurast und erst knapp vor dem Rand abdreht.

Die Gefahr ist keine reine Illusion. Lange hieß es, die vermeintliche Todeswand habe nie Opfer gefordert, aber das stimmt nicht. Fahrer verunglücken immer wieder, manche der Altgedienten zählen ihre Knochenbrüche in Dutzenden. Und natürlich gibt es auch Todesopfer. In Deutschland zuletzt im Oktober 2012, als Serif G. tödlich verunglückte. Er war Fahrer der "Show der Sensationen" gewesen, einer seit den sechziger Jahren aktiven, norddeutschen Steilwand-Truppe.

Zuschauern ist hingegen seit Jahrzehnten nichts passiert. In den Anfangstagen war das jedoch anders: Die schlimmste Tragödie trug sich schon 1912 im Newark Motodrome, New Jersey, zu. Als einer der Fahrer die Kontrolle verlor, tötete sein Motorrad vier Jungen, die sich zu weit über den Rand des Kessels gebeugt hatten. Erst nach rund 30 Metern tödlichem Tanz auf dem Rand der Steilwand, stürzte die Maschine ab und tötete einen der Stuntfahrer, die dort am Kesselboden auf ihren Einsatz warteten. Beim Aufprall löste sich das Hinterrad, das mit enormer Wucht aus dem Steilwandkessel geschleudert wurde - und draußen eine sechste Person erschlug. Der Fahrer selbst überlebte. Heute gehören Unfälle zwar zum Alltag der Todeswand-Artisten, im durch Fangnetze oder Seile gesicherten Publikum aber gibt es keine Berichte, dass in den vergangenen Jahrzehnten jemand zu Schaden gekommen ist.

Anfänge ohne Motorkraft

Begonnen hat die Geschichte der Todeswand im ausgehenden 19. Jahrhundert auf Jahrmärkten, im Zirkus und Varieté. Die erste prominente Truppe, die mit Steilwand-Tricks berühmt wurde, waren ab 1900 die Noisets im Pariser Moulin Rouge. Zunächst waren es Fahrradfahrer, die ihr Publikum begeisterten. Sie fuhren waghalsige Stunts in einer aus stabilen Speichen konstruierten Steilwand.

Bald wurden solche Shows immer häufiger. Der Druck wuchs, dem Publikum mehr und mehr Spektakel zu bieten. Die Schausteller versuchten es mit immer größeren Konstruktionen, mit in der Höhe schwebenden Halbkugeln, sie bauten Loopings und Abfahrtspiralen in ihre Shows ein oder kombinierten die Stunts mit Dompteurkunststücken mit wilden Tieren. Anfang der zwanziger Jahre schließlich kam es zur Ablösung: Motorräder nahmen nun den Platz der Drahtesel ein. Sie machten neue, brachialere Stunts möglich.

Bald lösten riesige fassartige Konstruktionen die weit kleineren Fahrrad-Fahrkäfige ab. Auf dem Rummel standen sie steil und mächtig da, oft sechs, sieben Meter hoch. Trommeln, aus deren Inneren der Lärm von Motoren, Fehlzündungen, Reifen auf Holz und dem Kreischen des Publikums dröhnte, während blau die Abgase aufstiegen. Das Spektakel hatte die Artistik überholt. Das "Motodrom" wurde zum Circus Minimus des Rummels, zur Adrenalin-Arena der PS-Gladiatoren.

Löwen im Beiwagen

Die besten Artisten wurden zu Stars. Sie mussten allerdings mit besonderen Ideen auffallen, denn die anfangs spektakulären Steilwand-Nummern waren schnell zum Standard geworden, die zum Teil heute noch so gefahren werden wie schon 1920: freihändig, stehend, seitwärts auf dem Krad sitzend, mit zwei oder drei Fahrern zusammen oder gegenläufig durch die große Trommel rasend. Nun wurden Beiwagen oder kleine Rennwagen in die Steilwand-Shows integriert. Zur wichtigsten Zugnummer aber wurden die Fahrerinnen, die in der Steilwand mit Anmut bewiesen, dass sie den Männern in nichts nachstanden.

Irgendwann wurde aber auch das zur Normalität, und die Geschichte wiederholte sich. Wahrscheinlich waren es die Collins Death Riders, die ab 1929 erstmals ausgewachsene Löwen in ihre Beiwagen setzten. Sie begründeten damit einen Trend: Bald gab es weltweit Dutzende sogenannter Deathwall-Nummern, die ihnen nacheiferten. Besonders populär wurden mit Löwen fahrende Stuntfrauen wie Ethel Purtle oder Lolita Kemp, deren Todeswand-Shows bald eher Zirkus als Stunt-Nummern waren. Die Collins-Truppe um den "furchtlosen Egbert" aber fuhr mit den Tieren nicht nur im Kreis, sondern ließ die Steilwand-Fahrer sogar von Löwen am Boden der Manege "jagen".

George "Tornado" Smith und seine Frau und Stunt-Partnerin Doris Craven alias "Marjorie Dare" setzten zudem auf niedliche Tiere. Ab 1933 saß der Löwe "Briton" im Beiboot neben Smith, der das Konzept nach Europa importiert hatte. Doch erst als sich Marjorie dann noch ein zahmes Schaf zulegte, verbreitete sich ihr Ruhm auch international: Die Wochenschau-Firma Pathé filmte ihre Stunts zu mehreren Gelegenheiten.

Britons Leben endete tragisch. Als bald nach Beginn des Zweiten Weltkriegs Fleisch zur Mangelware wurde, musste Smith den Löwen erschießen. Bald darauf scheiterte die Ehe mit Doris, Smith sollte die Steilwand aber noch bis Mitte der sechziger Jahre befahren. Zu dieser Zeit stellte auch die letzte Löwen-Nummer einer "Wall of Death" den Betrieb ein. Die Hochzeit der Todeswand war vorüber.

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Einige der Truppen gibt es dennoch bis heute. Deutschlands bekannteste ist die seit 1932 betriebene "Pitt's Todeswand" auf dem Münchner Oktoberfest, noch älter ist Hugo Dabberts 1928 gegründetes "Original Motodrom". Daneben hat die Steilwand im modernen Zirkus eine neue Nische gefunden. Todeskugel-Stunts gehören zum Repertoire des Russischen Staatszirkus genauso wie zum deutschen Zirkus Flick Flack. Beide sorgten in den vergangenen Jahren mit tragischen Unfällen für Schlagzeilen - und so auf makabre Weise dafür, dass der Mythos der lebensgefährlichen Fahrt fortlebt.



insgesamt 2 Beiträge
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Andreas Hartmann, 10.01.2014
1.
Die Band "H-Blockx" hat das Video zu dem Lied "How do you feel?" in einer Todeswand gedreht. Natürlich ist keiner der Bandmitglieder selbst gefahren, sondern nur mit. Die Sprünge von oben herab am Schluss des Videos sind aber echt, zum abfedern gabs nur eine Matratze. Dabei entstanden auch kleinere Verletzungen wie verstauchte Knöchel. Alles in allem gab der Dreh aber einen guten Einblick, dass der Stunt wohl doch nicht so "todesgefährlich" ist, wie von den Machern der Show gern dargestellt. Zumindest konnten sie es verantworten, dass Kameracrew und Bandmitglieder einfach so ohne gesonderte Sicherheitsmaßnahmen mitfahren. Und das beinahe 12 Stunden lang, so lange ging der Dreh. (Einen rechtlich einwandfreien Link zum Video hab ich nicht gefunden, bei Interesse einfach googlen.)
Peter Rieger, 12.01.2014
2.
Eine Weiterentwicklung und Perfektionierung der Choreografie bietet die Flic Flac-Artistencrew mit ihrer Todeskugel: Hier fahren zeitweise bis zu 9 Motorräder gleichzeitig im Inneren der Kugel in erstaunlicher Geschwindigkeit und Abstimmung: http://www.youtube.com/watch?v=e4aXvs_h788
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