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09. März 2010, 10:24 Uhr

Walt Disneys "Tomorrowland"

Mickymaus trifft Marsmonster

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Zukunftsvisionen in Zeichentrick: In den Fünfzigerjahren schuf Walt Disney gemeinsam mit Hitlers ehemaligem besten Raketenforscher eine Science-Fiction-Fernsehserie. Sie war so überzeugend, dass selbst das Weiße Haus um Kopien bat. Mit mindestens einer Vorhersage lag Disney aber fatal daneben.

Wie jede Woche erschien die kleine Fee auch am Abend des 9. März 1955 ganz plötzlich. Kreiste erst wie ein winziger Komet umher, zückte dann ihren Stab und zauberte mit einem Funkenregen jene Wörter auf die Mattscheibe, die 42 Millionen amerikanische Zuschauer so sehnsüchtig erwartet hatten: "Walt Disney's Disneyland", die Märchenstunde der Nation. Diese Woche ging es in die Welt der Zukunft, das "Tomorrowland".

Ein Mann in Hemd und Schlips trat an ein mannshohes Raketenmodell heran und sagte mit lustigem Akzent: "Dies ist mein Entwurf für ein bemanntes vierstufiges Raketenschiff." Mit großem Ernst erklärte er seine Erfindung. Und versprach: "Schon in zehn Jahren könnte es möglich sein, eine funktionierende Passagierrakete zu bauen." Was die staunenden Kinder vor dem Fernseher nicht ahnten: Der Mann mit dem lustigen Akzent hatte schon viele Raketen gebaut. Und damit Tausenden von Menschen den Tod gebracht.

Sein Name war Wernher Magnus Maximilian Freiherr von Braun, und den Akzent hatte er aus seiner alten Heimat Deutschland mitgebracht. Dort hatte er im Dienste des NS-Regimes die berüchtigte V2-Rakete entwickelt, der im Zweiten Weltkrieg etwa 8000 Menschen zum Opfer gefallen waren. Nach Kriegsende hatte von Braun wie viele andere Forscher des NS-Regimes ein neues Leben in den USA begonnen - im Dienste der US-Armee. Und bald auch im Dienst des berühmtesten Zeichentrickfilmers der Welt.

"Science Factual" statt "Science Fiction"

Denn Mitte der Fünfziger hatte Walt Disney damit begonnen, einen Beraterstab aus hochkarätigen Wissenschaftlern zu bilden: Unter ihnen waren neben von Braun der Raketenkonstrukteur Willy Ley, der in Berlin den ersten Raketenflugplatz der Welt geschaffen hatte; der Physiker Heinz Haber, ein Experte für Raumfahrtmedizin; und der Kernphysiker Ernst Stuhlinger, der mit von Braun gemeinsam an der V2-Rakete gearbeitet hatte.

Die Kooperation mit ehemaligen NS-Wissenschaftlern war für Disney nicht ungefährlich, denn sein Saubermann-Image zeigte erste Risse: So versuchte er noch zu einem Zeitpunkt, an dem Hollywood sich bereits vom nationalsozialistischen Deutschland abgenabelt hatte, wieder Geschäftsbeziehungen dorthin aufzubauen. Ihm wurde nachgesagt, er sympathisiere mit den Regime Hitlers und Mussolinis, da ihr Prinzip der Staatsführung seinen Vorstellungen von Unternehmensführung entspräche. Doch ungeachtet dieser Brisanz hielt Disney an seinem Team fest. Mit ihrer Hilfe wollte der Trickfilm-Visionär das Unglaubliche wagen: Ins Weltall fliegen, auf dem Mond landen und schließlich bis zum Mars reisen.

Disneys Kurzfilmreihe "Tomorrowland", die im Rahmen der beliebten Serie "Disneyland" ausgestrahlt wurde, sagte Amerika die eigene Zukunft voraus - und ließ sie in aufwendigen Filmsequenzen lebendig werden. "Science Factual" nannte Disney dieses neue Format, also "tatsachengerechte Wissenschaft" anstelle bloßer "Science Fiction".

Disneys Idee traf den Nerv der Zeit: In den USA der Fünfziger boomte Science-Fiction wie nie zuvor. Zugleich hatte der Kalte Krieg das technologische Wettrüsten zwischen USA und UdSSR begonnen. Ganz Amerika träumte davon, all die Raumschiffe, Roboter und Raketen aus den Science-Fiction-Heften schon morgen wirklich bauen zu können. Und wer wäre besser geeignet gewesen, einen amerikanischen Traum zu erfüllen, als Walt Disney?

Im All - vor "Sputnik"!

In "Man in Space" erfüllte Disney diesen Traum, wenn auch nur als Zeichentrickfilm: Die gigantischen Tore eines Hangars öffnen sich, und die Startplattform rollt langsam heraus. Das Space Shuttle wirkt winzig über dem enormen Bauch des Treibstofftanks, den Tankschläuche mit der Arbeitsbühne verbinden. Geschäftiges Treiben vor den Monitoren der Überwachungszentrale, als der Countdown sich der Null nähert. Endlich ist es so weit: Eine gewaltige Stichflamme stößt in die Startgrube hinab, und wie in Zeitlupe schwebt das Shuttle empor. Es ist gelungen: Die Amerikaner sind im Weltraum!

Schon 1955, zwei Jahre bevor die Sowjets "Sputnik" ins All schossen, zeigte Disney in "Man in Space" erstaunlich genau, wie amerikanische Space-Shuttle-Missionen fast drei Jahrzehnte später aussehen sollten. In der folgenden "Tomorrowland"-Episode "Man and the Moon" perfektionierte Disney die Illusion sogar noch weiter und zeigte eine Mondmission - dargestellt von echten Schauspielern vor bis ins Detail ausgearbeiteter Weltraumkulisse.

Immer wieder gelang es Disney und seinen Forschern, erstaunlich präzise technologische Entwicklungen vorherzusehen, die Jahrzehnte später genau so Wirklichkeit werden sollten. Das reichte vom Zusammenbau einer Raumstation im Orbit, wie er mit der "Mir" erstmals Ende der achtziger Jahre gelingen sollte, über die Verankerung schlafender Astronauten bei Schwerelosigkeit, wie sie heute in der "ISS" üblich ist, bis hin zu der Wettersteuerung mit Silberjodid-Raketen wie 2008 bei der Olympiaden-Eröffnung in Peking. Disneys Team schien seherische Fähigkeiten entwickelt zu haben. Und die weckten schon bald Interesse an höchster Stelle.

"Tomorrowland" wird zum Politikum

Am Morgen nach der Erstausstrahlung von "Man in Space" klingelte in den Disney-Studios das Telefon. Ein Mann erklärte, er sei der Präsident der Vereinigten Staaten und würde gerne ein paar Worte mit Walt Disney wechseln. Zuerst vermutete man, ein Zeichner erlaube sich einen Scherz, aber dann stellte man den Anruf doch durch. Zum Glück: Es war tatsächlich Präsident Eisenhower. Er habe Disney nur persönlich zu der gelungenen Sendung gratulieren wollen. Ach, und ob man ihm wohl eine Kopie der Sendung zuschicken könne? Er würde sie gerne seinen Raumfahrtspezialisten im Pentagon zeigen.

"Tomorrowland" löste eine neue Welle der Raumfahrtbegeisterung aus, und Eisenhower nutzte sie, um ein neues Kapitel des Kalten Kriegs aufzuschlagen: Nur drei Monate nach der Ausstrahlung von "Man in Space" kündigte er an, die USA würden in naher Zukunft mehrere Satelliten in die Erdumlaufbahn befördern. Wenige Tage später zog die UdSSR mit der Ankündigung eines eigenen Satellitenprogramms nach. Das "Space Race", der Wettlauf ins All, war geboren. Disneys Serie war zum Politikum geworden.

Auch die Sowjets begannen nun, sich für die Serie zu interessieren: Am 24. September 1955 erhielt Frederick Durant, Berater des US-Militärs und Vorsitzender der "International Astronautical Federation", einen Brief von Leonid Iwanowitsch Sedow, seinerseits Vorsitzender des Weltraumprogramms der UdSSR. Seltsamerweise fragte Sedow darin nicht nach den Forschungen der Amerikaner. Auch machte er keine neue Kampfansage für den Wettlauf ins All. Er interessierte sich nur für "Tomorrowland". Und machte die Sendung zum Pfand diplomatischer Annäherung zwischen den USA und der UdSSR: "Wenn Disney uns ein Exemplar dieses Films zur Verfügung stellen könnte - zu welchen Bedingungen auch immer - wird dies unseren Kontakt beträchtlich vorantreiben." Weder Eisenhower noch Sedow können damals geahnt haben, dass es genau diese politische Bedeutsamkeit der Serie sein sollte, die zu ihrer folgenschwersten Fehldeutung führen würde. Auch wenn die rein gar nichts mit den Spannungen des Kriegs zu tun hatte.

Märchen im Regierungsauftrag

1956 erhielt Walt Disney einen Auftrag der US-Regierung. Einen Werbefilm für die Vorteile der Nuklearenergie wollte man haben, denn nach dem Zweiten Weltkrieg und einigen Pannen bei Atombombentests wurden in den USA allmählich Stimmen der Kernkraftgegner lauter. Disney hatte bereits Erfahrung mit Propagandafilmen gesammelt: So hatte er im Regierungsauftrag bereits 1942 "The New Spirit" gedreht, einen Werbefilm für Steuererhöhungen zur Kriegsfinanzierung. Er nahm den Auftrag an.

1957 wurde "Our Friend the Atom" (Arbeitstitel "Atoms for Peace") erstmals ausgestrahlt. Der Film präsentierte Kernenergie wie ein Märchen: Ein Fischer findet eine Öllampe, in der ein böser Dschinn gefangen ist. Als der Fischer ihn befreit, droht der mächtige Flaschengeist, ihn zu töten. Doch mit einer List gelingt es dem Fischer, den Geist zurück in die Lampe zu locken und ihn sich zum Diener zu machen. Fortan macht der Atom-Dschinn die Welt zu einem besseren Ort: Seine Hand streut radioaktives Pulver in den Boden auf einem Maisfeld. Im Inneren der Pflanze steigt das funkelnde Pulver auf, während eine Stimme erklärt, wie Radioaktivität hilft, die Nährstoffaufnahme von Pflanzen zu überwachen. Wieder erscheint die Hand des Dschinns. Nun streut sie das glitzernde Pulver in den Futtertrog einiger Kühe. Die Stimme doziert: "Das Wachstum von Tieren kann genauso beobachtet werden. So kann man das beste Futter für gesünderes Vieh finden. Auf diese Weise schafft das Atom mehr Nahrung für unsere ständig wachsende Bevölkerung." Im Inneren der Kühe sehen wir das geheimnisvolle Brausepulver blubbern. Wie eine Schlange schwebt ein Geigerzähler an einem langen Kabel heran und beginnt, hektisch zu knattern.

"Our Friend the Atom" wurde zum Indoktrinationsinstrument für eine ganze Generation: Fast jedem amerikanischen Baby-Boomer, der Ende der fünfziger Jahre eine öffentliche Schule besuchte, wurde der Film im Wissenschaftsunterricht gezeigt. So schuf Disneys nukleares Bildungsprogramm eine Generation von Kernenergiefreunden. Erst Jahre später sollte ihnen, Disney und seinen Forschern, aufgehen, was "Our Friend The Atom" wirklich gewesen war: bloß Science-Fiction.

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