Walter Hagemann Der vergessene Parteirebell

Uni-Professor, Mitbegründer der CSU und braver Katholik: Walter Hagemann war lange ein Muster-Konservativer, bis er in den fünfziger Jahren mit unbequemen Positionen zum Alptraum seiner Partei wurde. Der Querdenker trat sogar mit der DDR in Kontakt - war er etwa ein Landesverräter?

Von Stefan Appelius

Stefan Appelius

Er wusste, dass er mit diesem Interview einen Skandal lostreten würde. Und er musste ahnen, dass damit seine politische Karriere ein abruptes Ende finden könnte. Dennoch: Walter Hagemann brüskierte bewusst seine Partei. "In dieser Situation, da es um Sein oder Nichtsein der Menschheit geht", sagte er Anfang April 1958 einem Journalisten der "Westfälischen Rundschau", "zwingt mich mein Gewissen, gegen den Wahnsinn der Atomrüstung öffentlich Stellung zu nehmen". Eine klare Aussage zu einer Zeit, als CSU-Verteidigungsminister Franz Josef Strauß mit aller Kraft Pläne zur atomaren Bewaffnung der Bundeswehr vorantrieb.

Die Reaktion folgte prompt: Drei Wochen später wurde Walter Hagemann, respektierter Uni-Professor, einstiger Mitbegründer der CSU und langjähriges Mitglied der CDU, wegen "parteischädigendem Verhalten" aus der CDU ausgeschlossen. Es war der Höhepunkt einer jahrelangen Entfremdung, bei der Hagemann immer mehr in die Rolle des unbequemen Parteirebellen geschlüpft war - und der Beginn seiner Annäherung an die DDR.

Dabei war Walter Hagemann, der Direktor des Instituts für Publizistik an der Universität Münster, ein hoch geschätzter Mann, der tief in der CSU und CDU verwurzelt war. Schon in der Weimarer Republik hatte er als Auslandskorrespondent für die katholische Tageszeitung "Germania" gearbeitet. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das langjährige Mitglied der "Zentrums"-Partei deren Chefredakteur. Viel Freude hatte das NS-Regime nicht mit ihm. Beim Sicherheitsdienst (SD) des "Reichsführers SS" hielt man seine Arbeit für "staatsgefährdend", weil er "Germania" weiterhin als katholisches Blatt führte und sogar Warnungen von Reichsminister Goebbels ignorierte.

Braver Katholik und Parteifreund Adenauers

Ende 1938 wurde die Zeitung geschlossen. Hagemann hielt sich bis Kriegsende mit dem "Weltpressedienst" mehr schlecht als recht über Wasser. Erneut Soldat werden musste er allerdings nicht, man stellte ihn bis Ende 1944 für das Reichspropagandaministerium "uk" ("unabkömmlich"). Nach Kriegsende landete Hagemann mit Frau und Kindern zunächst in München, wo er als Redakteur für "Die neue Zeitung" schrieb. Schon wenig später berief man ihn auf den Lehrstuhl für Zeitungswissenschaften und Neueste Geschichte an die Universität Münster.

Es folgten Buch auf Buch, darunter so manches Standardwerk ("Grundzüge der Publizistik", "Publizistik im Dritten Reich"). Noch deutete rein gar nichts darauf hin, dass der brave Katholik Hagemann einmal zu einem Problem für seinen Parteifreund und Bundeskanzler Konrad Adenauer werden könnte. Ganz im Gegenteil: Als Anfang 1951 der Skandalfilm "Die Sünderin" in die Kinos kam und die Zuschauer einen kurzen Blick auf die nackte Hildegard Knef werfen durften, verweigerte Hagemann aus Protest fortan jede weitere Mitarbeit in der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) und dem von ihm mitbegründeten Verband der Filmclubs.

Lieber rot als tot

Über die Ursachen seiner allmählichen Opposition gegen die Politik von Konrad Adenauer lässt sich nur spekulieren. Mitte der fünfziger Jahre recherchierte Hagemann für seine Streitschrift "Dankt die Presse ab?", in der er eine massive Einflussnahme der Bundesregierung auf die Presse und vor allem auf die Verleger kritisierte. Vielleicht wurmte es ihn auch immer noch, dass die Verleger der "Süddeutschen Zeitung" kurz zuvor seine Berufung an die Universität München verhindert hatten.

An die große Politik wagte sich Hagemann erstmals im Juni 1957. Im Auditorium Maximum der Universität Münster trat Hagemann bei einer Podiumsdiskussion unter dem Beifall der Studierenden für Neutralität, Abrüstung und einen gesamtdeutschen Friedensvertrag ein. Ein paar Wochen später folgten die ersten großen Zeitungsartikel des Gelehrten, in denen er sich ganz im Gegensatz zur Bundesregierung für Verhandlungen mit "Moskau und Pankow" aussprach, da die deutsche Einheit anderenfalls nicht wiederherzustellen sei.

Fortan ließ der prominente Christdemokrat fast kein heißes Eisen mehr liegen und produzierte eine Attacke nach der anderen gegen die Bundesregierung. Schließlich gab es ja das Grundgesetz und die darin verbriefte Meinungsfreiheit. Ein ums andere Mal forderte er "Verhandlungen mit der Sowjetzonenregierung". Er unterzeichnete den Appell der "Kampf dem Atomtod"-Bewegung, die gegen die Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen auf die Straße ging. Bei einem Vortrag im Stuttgarter Amerika-Haus erregte er mit der Äußerung, wenn man ihn fragen würde, ob er lieber tot sein möchte als rot, so würde er rot wählen, beträchtliches Aufsehen.

Aufforderung zum Parteiaustritt

Nach und nach bekam Hagemann auch immer mehr Gegenwind zu spüren. Bereits Ende Februar 1958 legte man ihm nahe, "wegen seiner von den Grundlagen der CDU-Politik abweichenden Auffassung zur Außen- und Wiedervereinigungspolitik der Bundesrepublik" aus der CDU auszutreten. Doch daran dachte Hagemann gar nicht. Stattdessen stieß er eine Diskussion über die Frage an, wann die katholische Kirche endlich Stellung zu den Atomwaffen beziehe. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. In der katholischen Wochenzeitung "Echo der Zeit" bezichtigte man ihn mangelnder Quellen- und Sachkenntnis. Auch Bundestagsvizepräsident Richard Jaeger (CSU) stieg in die Diskussion ein: Die katholische Kirche habe "nie" zur Frage der Atomwaffen geschwiegen.

Doch statt klein beizugeben, erklärte Hagemann in einer Versammlung in Köln, notfalls müsse es in der Bundesrepublik einen Generalstreik gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr geben. Das forderte damals auch der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt, der allerdings kein Mitglied der CDU war.

Noch waren viele junge Leute, Studenten und auch Hochschulprofessoren auf Seiten von Walter Hagemann. Das änderte sich aber, als er im Herbst 1958 einen Tabubruch beging. Der Professor sprach in Ost-Berlin vor dem Nationalrat der Nationalen Front. Was er sagte, war wenig spektakulär: Er forderte die Versammelten auf, rasch etwas in Richtung Wiedervereinigung zu tun. Kaum zurück in Münster wurde bekannt, dass sein Ausschluss aus der CDU nun endgültig sei. Etwa zur selben Zeit erfuhr Hagemann von einem mit ihm bekannten hohen Bonner Ministerialbeamten, dass Adenauer seinem Staatssekretär Globke angeblich die Weisung gab, ihn zum Schweigen zu bringen.

Hagemanns wunder Punkt

Anfang April 1959 erklärte NRW-Kultusminister Werner Schütz (CDU) in einer Pressekonferenz, Hagemann habe ein Verhalten gezeigt, das sich mit Amt und Pflicht eines Universitätsprofessors nicht vereinbaren lasse. Aus diesem Grunde werde ein Disziplinarverfahren gegen ihn eröffnet. Drei Wochen später suspendierte man Hagemann auch als Direktor des Instituts für Publizistik.

Damals bot man ihm an, er solle freiwillig auf alle Rechte und Pflichten eines Universitätsprofessors verzichten, dann werde man das Verfahren einstellen: "Im Bewusstsein meines guten Gewissens habe ich diesen unsauberen Handel abgelehnt. Ich war fest entschlossen, den Kampf um meine gute Sache zu einem guten Ende zu führen."

Hagemann sah sich als Opfer einer Hexenjagd, vergleichbar dem Martin Kröger in Lion Feuchtwangers Schlüsselroman "Der Erfolg". Er war fest davon überzeugt, man habe ihn wegen seiner politischen Vergangenheit aufs Korn genommen: "Was bei anderen entschuldbar war, das war in meinem Fall Verrat an der gemeinsamen Sache."

Im Sommer 1959 stand eines Tages plötzlich ein junger Mann vor seiner Tür. Es war ein Emissär des Nationalrats der Nationalen Front aus der DDR. Sein damals angefertigtes Gesprächsprotokoll ist als "Verschlusssache" gestempelt. Darin heißt es, dass Hagemann darunter litt, dass er keine Vorlesungen halten und die Universität praktisch nicht betreten durfte. Aber noch hoffte er darauf, spätestens in der zweiten Instanz rehabilitiert zu werden.

Es war eine Hoffnung, die sich rasch verdüsterte. Es gab da nämlich einen wunden Punkt in seinem Privatleben. Hagemanns Sekretärin hatte der Kriminalpolizei bei einer Durchsuchung seines Büros private Briefe zugespielt. Daraus ging unzweifelhaft hervor, dass der Professor seit Jahren sexuelle Beziehungen zu Studentinnen gepflegt hatte. In einem Falle trat nun der Ehemann der früheren Studentin gegen Hagemann auf und erklärte, das Kind, das er mit ihr habe, stamme in Wahrheit von Hagemann. Bald schon schwirrten pikante Details über die Geschichte in Münster herum.

Ermittlungen gegen Landesverrat

Schon eine Viertelstunde nach Prozessbeginn flüsterte ihm sein Verteidiger ins Ohr, man brauche sich nicht zu bemühen, das Urteil stehe schon fest. Und obwohl sowohl Hagemann als auch die betreffende junge Frau vor Gericht erklärten, dass die Behauptung nicht der Wahrheit entspreche, endete der Prozess mit einem Debakel: Hagemann wurde des Dienstes enthoben und verlor alle beamtenrechtlichen Privilegien. Sein Anwalt ging sofort in Revision, trotzdem halbierte Kultusminister Schütz mit sofortiger Wirkung Hagemanns Bezüge.

Zur selben Zeit ermittelte die Dortmunder Staatsanwaltschaft gegen Hagemann wegen "landesverräterischer Beziehungen" und reichte ihre Erkenntnisse schließlich zur Bundesanwaltschaft. Inzwischen häuften sich bei Hagemann in Münster Besuche aus der DDR.

Wer ihn da genau besuchte, das wusste Hagemann nicht. Ein bisschen unheimlich waren ihm diese Treffen mit "der Regierung der DDR nahestehenden Kreisen" ganz offensichtlich, denn er hielt sich dabei stets etwas bedeckt und nannte nur selten Namen. Hagemann klagte in den Unterredungen über Geldnot und darüber, dass nun in öffentlichen Veranstaltungen häufig Gegendemonstranten auftraten, die ihn mit Spruchbändern beschimpften. Verschnupft war er auch darüber, dass die aus der DDR unterstützten "Blätter für deutsche und internationale Politik" (Köln) den Kontakt zu ihm abgebrochen hatten: "Von der DDR aus wird ja wohl nichts gekommen sein", zitierte ihn der ostdeutsche Gast und fügte hinzu, die Bemerkung habe sich wie eine Frage angehört.

Flucht in die DDR

Schon Anfang 1961 wurde Hagemann klar, dass er seinen "Kampf für Frieden und Wiedervereinigung" wohl nur in der DDR fortsetzen könne, weil man ihn in der Bundesrepublik fertigmachen wolle. Seine Nerven lagen blank. Er fühlte sich vom Verfassungsschutz beobachtet und war überzeugt, Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß werde spätestens drei Monate nach Erhalt der Atomwaffen "auf irgendeine Art und Weise losschlagen".

Zwar stellte die Bundesanwaltschaft das Verfahren gegen ihn ein, aber desto eifriger war man im Münsteraner Landgericht. Für sein Berufungsverfahren war ausgerechnet Landgerichtsdirektor Dr. Georg Heukamp zuständig, der kurz zuvor in einem spektakulären Indizienprozess die vermeintliche Mörderin Maria Rohrbach lebenslänglich wegsperrte, obwohl, wie sich bald darauf herausstellte, die Beweise völlig unhaltbar waren.

Heukamp sorgte dafür, dass Hagemann wegen Fluchtgefahr in U-Haft kam. Erst als dessen Sohn eine fünfstellige Kaution hinterlegte, kam der Professor nach drei Tagen wieder auf freien Fuß. Doch Heukamp ließ nicht locker. Laut Hagemann wandte sich der Landgerichtsdirektor unter Umgehung der Justizpressestelle direkt an die Medien und klärte diese darüber auf, die Anklage laute nicht auf "Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses" sondern "Unzucht mit Abhängigen". Genau eine Stunde, nachdem der letzte Befangenheitsantrag seiner Verteidiger abgelehnt wurde, verließ Hagemann ohne Reisepass und Personalausweis Münster. Er wechselte an der tschechischen Grenze auf die "richtige Seite".

Ein später Freispruch

In der DDR gestand Hagemann im Vier-Augen-Gespräch mit einem Funktionär des Nationalrats, er habe mit seiner Frau seit der Geburt seiner Kinder keinen Sex mehr gehabt. Er habe sich aber nicht von ihr trennen wollen und sie habe ihm erlaubt, Beziehungen mit anderen Frauen zu unterhalten. Diese Beziehungen hätten öfters gewechselt, "da geistig anspruchsvolle Frauen sich natürlich nicht damit abfinden konnten, mit einem Manne nur geschlechtlich zu verkehren".

Drei Tage nach dem Bau der Mauer, im August 1961, wurde Hagemann vom Stadtbezirksgericht Berlin-Lichtenberg wegen "erwiesener Unschuld" freigesprochen. Einige Monate später beantragte er die Aufnahme in die ostdeutsche CDU. Privat lebte Hagemann jetzt in einem kleinen Häuschen in Potsdam und durfte an der Humboldt-Universität lehren.

Zu Fall gebracht, weil seine politische Überzeugung nicht in die Adenauer-CDU passte, war Walter Hagemann in der Bundesrepublik schon bald vergessen.



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