SA-Führer Stennes Von Hitlers Haudrauf zu Stalins Spion

SA-Führer Stennes: Von Hitlers Haudrauf zu Stalins Spion Fotos

Er war ein bedeutender Kopf der SA und Hitlers Hoffnungsträger, doch dann überwarf sich Walter Stennes mit dem Regime. Der stramme Nationalsozialist machte trotzdem Karriere - als einer der wichtigsten Zuträger Stalins. Von

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Der 32-jährige Hauptmann a.D. Walter Stennes schien ein guter Fang für die NSDAP zu sein. Hitler heuerte den Offizier Ende 1927 an und machte ihn zum obersten SA-Führer östlich der Elbe - nur SA-Chef Ernst Röhm war mächtiger als Gruppenführer Stennes. Auch Joseph Goebbels, Berliner NSDAP-Gauleiter, war vom Neuzugang begeistert. Ein "guter, tapferer Mitarbeiter" sei der, notierte er im Dezember 1927 in sein Tagebuch, ein "Kadett" und "preußisch". Stennes, so Goebbels, führe der Partei "neue Führungspersönlichkeiten zu" und sei "ein tadelloser Kerl".

Schon wenige Monate später war der umjubelte Neuling zum Problem geworden. Denn Stennes war zu ehrgeizig, um als SA-Führer nur Saal - und Straßenschlachten zu führen und andere die politischen Früchte ernten zu lassen. Im Gegenteil: Der Offizier demonstrierte erhebliches Selbstbewusstsein. Zum Ärger von Goebbels, der auf preußische Bescheidenheit setzte, fuhr Stennes schon mal mit einer luxuriösen Horch-Limousine bei einem SA-Treffen vor. Und nicht nur das. Im April 1928 ging er Goebbels persönlich an, weil er die Kandidatenaufstellung zur Reichstagswahl beeinflussen wollte.

Warum sich Goebbels zunächst schwer damit tat, den renitenten Aufsteiger einfach wieder abzuservieren, lag in dessen beeindruckender Vita begründet: Seit seinem neunten Lebensjahr hatte Stennes Uniform getragen, zunächst im Kadettenkorps Bensberg bei Köln, dann in der renommierten Hauptkadettenanstalt Berlin-Lichterfelde. Zu seinen Mitschülern dort zählte Hermann Göring. Ab 1919 machte er Karriere in einer Sonderabteilung der Polizei, danach in der "Schwarzen Reichswehr", die die Bestimmungen des Versailler Friedensvertrags umging. Das alles nötigte den Nazigrößen Respekt ab. Im August 1928 kam der Berliner Gauleiter Goebbels in seinem Tagebuch trotzdem zu dem Schluss: "Der Mann hat uns nur Ärger gebracht."

Was dann folgte, sollte die größte Krise der NSDAP auslösen und gleichzeitig zum Auftakt einer so unglaublichen wie wenig bekannten Spionagegeschichte werden: Denn aus dem SA-Führer und überzeugten Nationalsozialisten Walter Stennes wurde ein Top-Spion für Stalin, der schließlich sogar in der Politik Nachkriegsdeutschlands mitmischen sollte.

Stennes provoziert die größte Krise der Nazi-Partei

Nachdem SA-Trupps im März 1931 erst die NSDAP-Parteizentrale besetzt und dann die von Goebbels herausgegebene Parteizeitung "Der Angriff" gestürmt hatten, war Stennes Karriere in Partei und SA beendet. Er flog raus. "Die größte Krise der Partei" habe der Rebell provoziert, notierte Goebbels entsetzt. Sein Gegner warf der NSDAP daraufhin "bürgerlich-liberalistische Tendenzen" vor und rühmte die "revolutionäre Schwungkraft der SA". Doch nur wenige hundert der von ihm kommandierten etwa 20.000 SA-Leute folgten ihm. Ein von Stennes herausgegebenes Kampfblatt "Arbeiter, Bauern, Soldaten", das Hitler "Verrat am Nationalsozialismus" vorwarf, floppte.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam Stennes im Mai 1933 zunächst in Haft. Mit Handschellen in das SS-Gefängnis Columbia-Haus geführt, musste er um sein Leben fürchten. Doch sein alter Kadettenkamerad Hermann Göring, unter Hitler zum preußischen Innenminister avanciert, rettete ihn - und nahm ihn aus dem Blickfeld: Göring wies Stennes an, in China als Mitglied einer deutschen Militärmission Berater Tschiang Kai-scheks zu werden. Stennes befehligte dort die Leibgarde des Nationalistenführers und schulte Polizeioffiziere.

Der Ex-SA-Führer pflegte in China Umgang mit deutschen Diplomaten und Geheimdienstlern wie dem in der deutschen Botschaft Tokio tätigen SS-Standartenführer Josef Meisinger. Dennoch blieb er ein Gegner des Hitler-Regimes, das am 30. Juni 1934 bei der Niederschlagung der sogenannten Röhm-Revolte Dutzende von SA-Führern umbrachte. Die meisten der Opfer hatten ähnlich wie zuvor Stennes mehr "revolutionären" Schwung und mehr Macht für sich gefordert.

Als die Reichsregierung die deutsche Militärmission 1938 abberief, weil das "Dritte Reich" auf ein Bündnis mit Japan setzte, das gegen China Krieg führte, blieb Stennes. Und traf eine folgenschwere Entscheidung: Er kooperierte mit den Sowjets gegen Hitler.

Moskaus Spitzenquelle in Shanghai

Der SA-Führer a.D. suchte im Januar 1939 Kontakt zur sowjetischen Residentur in Shanghai. Die kabelte sogleich an die Geheimdienstzentrale Lubjanka in Moskau, man möge entscheiden, ob ein Kontakt mit einstigem Erzfeind sinnvoll sei. Die chiffrierte Meldung aus China weckte in Moskau großes Interesse. Pawel Fitin, Chef des sowjetischen Auslandsgeheimdienstes, wies den Shanghaier Residenten Nikolai Tischtschenko im März 1939 an, mit dem NS-Dissidenten Kontakt aufzunehmen. Der Sowjetaufklärer traf am 14. März einen vor Selbstbewusstsein strotzenden Stennes, der sogleich eine Kooperation zum "Sturz Hitlers" vorschlug. In Moskau erhielt er den Decknamen "Drug" (Freund).

Ironie der Geschichte: Zehn Jahre zuvor hatte Stennes seinem Kontrahenten Goebbels vorgeworfen, er wolle "der Stalin der Bewegung" werden, "der über die Reinheit der Idee wacht". Nun arbeitete Stennes als Späher für Stalin. Aus Sicht der Sowjets war der Tschiang-Kai-schek-Berater eine wichtige Quelle, denn er konnte sie über die Stärke der japanischen Streitkräfte in China informieren. Mit denen lieferte sich die Rote Armee im Sommer 1939 in der Mongolei heftige Gefechte.

Im Frühjahr 1941 entsandte die Moskauer Zentrale einen ihrer besten Männer als Betreuer von Stennes nach Shanghai: Wassili Sarubin, im Sowjetgeheimdienst seit 1920 und Träger des Rotbannerordens für besondere Verdienste. Der Lebemann Sarubin war ein Jahr jünger als Stennes, und wie der Deutsche war auch er als Frontsoldat im Ersten Weltkrieg verwundet worden. Sarubin wusste mit deutschen Spitzenquellen zu arbeiten. Ab 1934 hatte er den einzigen sowjetischen Agenten in der Geheimen Staatspolizei, Willi Lehmann geführt.

Stennes berichtete Sarubin, der schon mal Stalin persönlich Bericht erstattete im Februar 1941 vom bevorstehenden deutschen Angriff auf die Sowjetunion. Ende Mai, so Stennes, wolle Hitler die UdSSR angreifen und in drei Monaten niederwerfen. Zu seinen Quellen gehörte auch der Korrespondent der "Frankfurter Zeitung" in Tokio, Richard Sorge. Erst als der im Dezember 1941 von den Japanern verhaftet wurde, erfuhr Stennes, dass auch Sorge für die Sowjets gearbeitet hatte.

Opposition gegen Adenauer

Moskaus "Freund" hielt auch nach Kriegsende weiter Kontakt zum sowjetischen Geheimdienst. Über Taiwan kehrte er 1949 nach Deutschland zurück und ließ sich in der britischen Besatzungszone nieder. Nach Gründung der Bundesrepublik engagierte sich Stennes gegen den Kurs des Bundeskanzlers Konrad Adenauer, der, wie der SPIEGEL im August 1950 urteilte, "die westliche Hälfte Deutschlands ohne Rücksicht auf den Osten dem Kriegspotential der Westmächte zuzuschlagen im Begriff ist."

Stennes fand einen politischen Partner, wie er Frontsoldat des Ersten Weltkriegs: Günther Gereke. Der frühere deutschnationale Reichstagsabgeordnete war nach dem Krieg zeitweilig Innen - und Landwirtschaftsminister Niedersachsens gewesen und hatte sich mit der CDU überworfen.

1950 gründete Gereke die national-neutralistische Deutsche Soziale Partei (DSP), deren Organisation Stennes leitete. Doch Stennes war wieder mal vom politischen Pech verfolgt. Die DSP erhielt bei der niedersächsischen Landtagswahl 1951 nur 0,8 Prozent und ein Mandat, das Gereke einnahm. Schlimmer noch: Gereke, der vor national gesinntem Publikum schon mal gegen das sowjetische "System der Unfreiheit von Hammer und Sichel" wetterte, setzte sich im Juli 1952 in die DDR ab, er folgte dem "Rat meiner Freunde", wie er mit subtilem Humor später in seinen Memoiren schrieb.

Der sowjetische Geheimdienst stellte 1952 die Zusammenarbeit mit Stennes ein. Angeblich, so sagen es Veteranen des Dienstes, weil dieser nur auf der Basis von ihm selbst definierter "nationaler Interessen Deutschlands" kooperieren wollte. Stennes, der 1989 im Alter von 94 Jahren im westfälischen Fürstenberg starb, hat sich zu den wahren Gründen nie geäußert - er schwieg bis an sein Lebensende über seine Zusammenarbeit mit den Sowjets.

Die Frage, warum die für die Sowjets so einträgliche Kooperation wirklich endete, wird damit wohl für immer unbeantwortet bleiben. Vielleicht waren die sowjetischen Genossen auch zu einem ähnlichen Urteil über Stennes gekommen wie Goebbels drei Jahrzehnte vor ihnen. Der hatte Stennes unterstellt, dass dieser sein politisches Potential erheblich überschätzte.

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