Walter Ulbrichts Ende Gekränkt, gestorben, getilgt

Sein Tod kam ungelegen: Mitten in die Ostberliner Weltjugendspiele platzte 1973 die Nachricht vom Ableben Walter Ulbrichts. Erst setzte sein Nachfolger Honecker alles daran, dass die Trauer nicht den inszenierten Jubel störte - dann ließ er den ehemaligen SED-Chef aus der Geschichte radieren.


Am 1. August vor 40 Jahren, mittags um 12.55 Uhr, starb der Mann, der wie kein anderer die DDR geprägt hatte - Walter Ulbricht. In der Stille der Schorfheide, im Gästehaus der Regierung am Döllnsee, erlag der 80-Jährige dem raschen körperlichen Verfall, nachdem ihn gut zwei Jahre zuvor sein politischer Ziehsohn Erich Honecker auf hinterlistige, intrigenhafte Weise entthront und auf das politische Abstellgleis geschoben hatte.

In Ost-Berlin, die Hauptstadt der DDR, herrschte an diesem Augusttag ein geradezu anarchisches Durcheinander. Die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten hatten Halbzeit. Sie sollten - nach den Vorstellungen des SED-Chefs und früheren FDJ-Vorsitzenden Honecker - das legendäre Hippie-Festival von Woodstock 1969 in den Schatten stellen. Ganz gegen die übliche Ordnung bevölkerten ausgelassene und übermütige Jugendliche die Straßen, Plätze und Grünanlagen; sie diskutierten, tanzten, sangen oder erholten sich von der Nacht. Niemand griff ein, alles war so gewollt.

Noch ein paar Tage musste die Staatsgewalt gute Miene zum schönen Spiel von einer halben Million junger DDR-Bürger und rund 25.000 ausländischen Gästen machen. Damit dennoch alles in halbwegs geordneten Bahnen blieb, hatten sich ein paar tausend Beobachter von Staatssicherheit, Polizei und FDJ-Ordnungsgruppen als bunt gekleidete Festivalteilnehmer getarnt unters Volk gemischt.

Ulbrichts letzter "Wunsch"

Die Nachricht vom Ableben Ulbrichts, der nach seinem Sturz als Parteichef im bedeutungslosen Amt des Staatsratsvorsitzenden geblieben war, traf am frühen Nachmittag ein. Sein Tod drohte die große, spaßbetonte Inszenierung des vermeintlich weltoffenen Arbeiter-und-Bauern-Staats zu beeinträchtigen.

Um die Trauer in Grenzen zu halten, ließ Honecker am Nachmittag verkünden, es sei Ulbrichts "Wunsch, dass das Festival, das so großartig und eindrucksvoll begonnen hat, erfolgreich zu Ende geführt werden möge, falls das Schlimmste für ihn eintrete, damit sich die antiimperialistische Solidarität und Freundschaft weiter festige und der Frieden sicherer werde". Im Haus des Staatsrats wurde ein Kondolenzecke eingerichtet, wo sich ausländische Gäste vor Ulbrichts Porträt verbeugen konnten.

Als Reporter des DDR-Nachrichtendiensts ADN fragte ich am Nachmittag am Fernsehturm ein paar Jugendliche, ob sie wüssten, dass Walter Ulbricht tot sei. Sie reagierten, als hätte ich ein unsittliches Angebot unterbreitet. Einer der Jugendlichen lief zu einem älteren Blauhemdträger und flüsterte ihm etwas ins Ohr. In gerader Richtung kam dieser auf mich zu: "Was erzählen Sie unseren Freunden?" Als er mich wie einen üblen Gerüchtemacher anschaute, wies ich auf den Amtssitz des Staatsrats, auf dem inzwischen die Fahne auf Halbmast gesetzt worden war. Daraufhin stiefelt er zu einem anderen Mann im Blauhemd, der noch älter war, um zu fragen, ob Ulbricht auch für die Jugend gestorben sei.

Nachgeholte Trauer

Nachdem die Weltfestspiele ohne Einschränkungen von Jubel und Trubel verklungen und die Gäste abgereist waren, begann am 7. August die verordnete Trauer - mit einem Staatsakt "aus Anlass des Ablebens des Genossen Walter Ulbricht, Mitglied des Politbüros des ZK der SED, Vorsitzender des Staatsrats der DDR". Eigenartigerweise wurde das eigens für ihn neu geschaffene Ehrenamt "Vorsitzender der SED", das er nach seinem Sturz statutenwidrig wie einen Trostpreis erhalten hatte, nicht einmal erwähnt. Ohnehin war es eine Farce, denn Honecker hatte nie die Absicht, Ulbricht in seine Entscheidungen einzubinden.

Die Trauerfeier fand im Festsaal des Staatsratsgebäudes statt, und der SED-Generalsekretär persönlich hielt die Gedenkansprache. Noch einmal strafte Honecker eiskalt den Mann ab, der ihn quasi als Strafe für seine Intrige Mitte 1970 aus der SED-Spitze entlassen hatte und zur Parteischule schicken wollte. Honecker seinerseits hatte zuvor versucht, im Politbüro eine Mehrheit gegen Ulbricht zusammenzubringen und bei Moskauer Machthaber Leonid Breschnew die Erlaubnis für einen Personenwechsel an der SED-Spitze zu erlangen.

Honecker war damals nach seiner Entlassung in die Sowjetbotschaft geeilt, um Breshnew zu informieren. Der Kreml-Chef wies Ulbricht daraufhin an, den Beschluss unverzüglich zu revidieren. Es war sein politisches Ende.

Reformversuche unerwünscht

Die Zeit der totalen Moskau-Hörigkeit Ulbrichts, mit der er die Zwangsvereinigung von SPD und KPD, die Niederschlagung des 17. Juni und den von Moskau befehligten Mauerbau bewerkstelligt hatte, war Anfang der sechziger Jahre vorbei.

Ulbricht hatte aufmerksam das Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik verfolgt und wohl begriffen, dass es nicht ausreichen würde, die DDR von der westlichen Welt abzuriegeln und die Flucht qualifizierter Fachleute zu unterbinden, um die DDR-Wirtschaft auf Vordermann zu bringen. Doch die Treffen zwischen den ost- und westdeutschen Regierungschefs Willi Stoph und Willy Brandt 1970 in Erfurt und Kassel fanden in Moskau wenig Zustimmung.

Ebenso verhielt es sich wohl mit den Reden und Berichten, in denen Ulbricht die gravierenden Mängel des starren Systems einer zentralistischen Wirtschaftsplanung anprangerte, für mehr Marktöffnung und Eigenverantwortung der Unternehmen plädierte. Westdeutsche Ökonomen sahen bereits ein Wirtschaftswunder DDR am Horizont. Das allerdings hätte die Hardliner in der SED-Führung Macht und Einfluss gekostet und war bei allen Vorzügen, die es bot, nicht hinnehmbar. Sie malten das Beispiel der Reformen Dubceks in der CSSR als Schreckgespenst an die Wand. Die Entmachtung Ulbrichts bedeutete zugleich die Abkehr von seiner Strategie der wirtschaftlichen Erneuerung.

Als hätte es ihn nie gegeben

Noch mehrfach hatte ich Ulbricht danach bei öffentlichen Auftritten beobachtet - und wie der alte Mann von seinem einstigen "Kronprinzen" Honecker vorgeführt wurde. Seine letzte Rede, die er zu einem Jahrestag in der Sowjetbotschaft halten durfte, enthielt kaum mehr einen zusammenhängenden Satz. In wenigen Monaten ohne Macht war Ulbricht, den ich 1970 noch als leidenschaftlichen und sachkundigen freien Redner erlebt hatte, zu einem bedauernswerten alten Mann geworden.

In seiner 133 Zeilen langen Gedenkrede am Sarg Ulbrichts erwähnte Honecker dessen Wirtschaftspolitik, die weltweit auf vielen Gebieten Anerkennung bekommen hatte, mit keinem einzigen Wort. Im Gegenteil: Man werde, so beendete Honecker seine Rede, auf den Bahnen des achten Parteitags - es war die "Krönungszeremonie" Honeckers - die Sache des Sozialismus weiter voranführen. Eingeweihte verstanden: Es würden nicht Ulbrichts bewährte reformerische Bahnen sein, sondern die alten, stalinistischen.

Auf einer Lafette wurde der Sarg am späten Nachmittag durch ein Ehrenspalier der Nationalen Volksarmee in das Krematorium Berlin-Baumschulenweg überführt. Soldaten hatte entlang der Straße Aufstellung genommen, hier und da waren auch ein paar Werktätige aus Betrieben an die Strecke beordert worden. Ein letztes Mal ehrte man halbherzig den Mann, ohne den die DDR undenkbar war.

Die Zeitungen in der DDR druckten stets ab, was der SED-Führung genehm war - in den Folgejahren war dies kaum mehr ein Wort über Ulbricht. Der einstige DDR-Gründer fiel der offiziellen Vergessenheit anheim. Betriebe und Akademien mit seinem Namen wurden umbenannt, Briefmarken aus dem Verkehr gezogen und er selber aus Geschichts- und Schulbüchern getilgt, als hätte es ihn nie gegeben. Doch Gipfel der Schäbigkeit war bereits in seinen letzten Lebenstagen erreicht: Da war das Berliner Walter-Ulbricht-Stadion, in das die Abordnungen aus aller Welt zu den Weltfestspielen einmarschierten, in Stadion der Weltjugend umbenannt worden.

Am 17. September wurde Ulbrichts Urne im Rondell der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde mit den Gräbern von Pieck und Grotewohl sowie weiteren Sozialistenführern beigesetzt. Seinem Nachfolger war das nicht mehr vergönnt. Die späten Jahre der Ära Ulbricht gelten inzwischen als die erfolgreichsten in der Geschichte der DDR.



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boehlke Ewald, 03.08.2013
1.
Lieber Spiegel-Autor, manchmal lohnt der Blick in die zeitgescchichtlichen Überlieferungen. Margarete Buber-Neumann hat in ihrem Buch "Von Potsdam nach Moskau" S.222ff ausführlich die Rolle Ulbrichts beschrieben. Er legte gezielt schwarze Listen von KP-Mitgliedern an und lieferte sie der Gestapo aus. Tote über Tote, die dieser Polit-Bürokrat mit seinen fürchterlichen Anschuldigungen im Rahmen der KP hervorbrachte. Ein Polit-Intrigant erschlägt den anderen, so könnten die Ereignisse der 70er Jahre wohl besser beschrieben werden.
Ingo Wesseling, 03.08.2013
2.
Ja, der verdiente Genosse Ulbricht. So ein Unrecht aber auch. Allerdings gibts auch keine Honecker-Plätze und Krenz-Denkmäler und -Büsten (mehr). Die Geschichtsbuchschreiber und Nachruf-Verfasser sind einfach faul, dumm und undankbar.
Jens Fischer, 03.08.2013
3.
Also die Schule dich ich besuchte trug bis zur Wende den namen Ulbrichts. Da gab,s nen Schaukasten mit persönlichen Gegenständen von Walter. Und irgendwann Anfang der 80iger war seine Frau Lotte da und es gab einen großen Aufmarsch der ganzen Schule. Falls es jemanden interessiert, es war Die 43.POS Walter Ulbricht in Leipzig. Wir vermuteten damals er wäre selbst auf dieser Schule gewesen.
Siegfried Wittenburg, 03.08.2013
4.
Mit anderen Worten: Wäre Ulbrichts erfolgreiche Wirtschaftspolitik fortgesetzt worden, hätte die deutsche Einheit womöglich eine andere Richtung genommen. Die westlichen Bundesländer wären jetzt "Beitrittsgebiet" und statt einer Bundeskanzlerin hätten wir jetzt eine Generalsekretärin des Zentralkomitees (ZK) der SED, Staatsratsvorsitzende der DDR sowie Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates. Und alles wegen Honecker.
Kurt Mueller, 03.08.2013
5.
Tja - eine Krähe hackt der anderen halt doch ein Auge aus. Mein Mitleid mit Ulbricht hält sich in Grenzen. Als Moskaus Schoßhund hat er nicht nur den Mauerbau gnadenlos durchgezogen. Sein Pech war halt, daß Honecker irgendwann am Ruder war. Hätte aber auch anders laufen können und macht keinen der beiden ein Jota besser. Bei aller Verachtung für unsere aktuell regierungssimulierenden Kleptokraten: Ulbricht und Honecker waren eine gefährliche Mischung aus Apparatschik, weltfremdem Spinner und Zwangsbeglücker. Wenigstens einer der beiden hat ja dann das Begräbnis bekommen, das er verdiente.
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