Vergessene Judenretter Das Versteck im Zoo

Warschaus Zoodirektor Jan Zabinski und seine Frau Antonina riskierten im Zweiten Weltkrieg ihr Leben. Wo einst Löwen und Eisbären lebten, fanden viele Verfolgte Zuflucht - unter den Augen der Nazibesatzer.

ddp images/ Magnolia Pictures/Universal Pictures

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Als deutsche Bomber im September 1939 Warschau angriffen, überlebten überraschend viele Zootiere, panisch flohen sie aus ihren zerstörten Käfigen. Kamele und Lamas trabten durch die brennende Altstadt, Seehunde watschelten am Weichsel-Ufer entlang. Und irgendwo in der Ferne trompetete das verängstigte Elefantenbaby Tuzinka.

Zoo-Attraktion Tuzinka wurde von den Nationalsozialisten nach Königsberg verschleppt. Die Kamele kamen nach Hannover, die Nilpferde nach Nürnberg, die Zebras nach Berlin. Für all die anderen Tiere hatte sich Lutz Heck etwas ganz Besonderes ausgedacht: Zur Jahreswende 1939/40 lud der NS-Zoologe und Jagdfreund von Reichsmarschall Hermann Göring seine SS-Freunde in den Warschauer Zoo ein - zum Trinken und Silvesterschießen.

"Wie einen langsam Genesenden, der einen Rückfall erleidet, traf uns an diesem herrlichen Wintertag das kaltblütige und gezielte Töten der Zootiere", schrieb Antonina Zabinska, die Frau des Zoodirektors. Während draußen Schuss um Schuss fiel, las sie ihrem kleinen Sohn aus "Robinson Crusoe" vor. Und fragte sich in ihren Memoiren: "Wie viele Menschen werden in den kommenden Monaten auf diese Weise sterben?"

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Juden-Versteck im Zoo: "Das Haus der Zabinskis war eine Arche Noah"

Die Zootiere konnte Antonina Zabinska nicht vor der Mordlust der Deutschen bewahren. Aber sie riskierte ihr Leben, um möglichst viele Menschen zu retten: Mit ihrem Mann Jan Zabinski versteckte sie während des Zweiten Weltkrieges zahlreiche Todgeweihte, darunter bis zu 300 Juden, auf dem Gelände des Zoos.

NS-Waffendepot auf der Löweninsel

Antonina war die mutige Schlüsselfigur: "Sie spielte eine Hauptrolle bei der Rettung anderer und beklagte sich nie über die Gefahren", sagte Jan Zabinski, als das Ehepaar 1965 in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als "Gerechte unter den Völkern" geehrt wurde. 1968 erschienen ihre Erinnerungen unter dem Titel "Menschen und Tiere" in Polen.

Aus Antonina Zabinskas Sicht erzählte US-Autorin Diana Ackermann die Geschichte im Bestseller "Die Frau des Zoodirektors", von der Regisseurin Niki Caro mit Schauspielern wie Jessica Chastain und Daniel Brühl verfilmt. An Buch wie Kinofilm, der in Deutschland jetzt auf DVD herauskommt, gab es viel Kritik; die "New York Times" schmähte das NS-Drama gar als "Disney-Version des Holocaust".

Trailer: "Die Frau des Zoodirektors" (2017 auf DVD und Blu-ray erschienen)

Dennoch gebührt Ackerman und Caro das Verdienst, eine nahezu vergessene Geschichte publik gemacht zu haben. Die von außergewöhnlicher Chuzpe zeugt - denn der Zoodirektor und seine Frau versteckten die Verfolgten direkt unter den Augen der Besatzer, die auf der Löweninsel ein Waffendepot eingerichtet hatten.

Der Zoo mutierte zur Schweinefarm

Mit beispielloser Brutalität bombardierte die deutsche Luftwaffe nach dem Überfall auf Polen Warschau, binnen 18 Tagen starben mehr als 20.000 Zivilisten. Am 27. September 1939 erklärte General Juliusz Rómmel, Kommandant der Hauptstadt, die bedingungslose Kapitulation.

Die Wehrmacht rückte ein, pferchte die Juden im Warschauer Getto zusammen, errichtete ein Schreckensregime. Und liquidierte auch den Warschauer Zoo, zuvor einer der bedeutendsten in Europa. Nur als "Leihgabe" nehme man die Tiere mit nach Deutschland, versicherte Zoologe Lutz Heck, vor Kriegsausbruch ein Freund der Zabinskis. Doch Antonina wusste, dass er log.

Besessen von der Rassenlehre, interessierte sich Heck einzig für die Wiederbelebung ausgestorbener Spezies wie Auerochse, Wisent und Tarpan, in den Augen der Nazis edle germanische Urtiere. Sie sollten in Hecks Träumen künftig "in deutschen Wäldern umherziehen". Der Zoo indes mutierte zur Schweinefarm - aber zugleich zu einem Zentrum des polnischen Widerstands.

Wie die Deutschen legte auch die Heimatarmee, eine große militärische Widerstandsorganisation im besetzten Polen, auf dem Gelände ein Waffendepot an und versteckte dort zudem Sprengstoff. Zoodirektor Jan Zabinski nannte man im polnischen Untergrund "Franziskus", nach Franziskus von Assisi, dem Schutzheiligen der Tiere. Er sabotierte deutsche Züge, unterrichtete an der Untergrunduniversität, infizierte Schweinefleisch, das für die Besatzer bestimmt war, mit Würmern.

Eine Arche Noah mitten in Warschau

Vor allem aber schmuggelte Zabinski Juden aus dem Warschauer Getto auf die "arische Seite" der Stadt. Ein lebensgefährliches Unterfangen - Generalgouverneur Hans Frank hatte die Todesstrafe für alle Polen verfügt, "die Juden wissentlich Unterschlupf gewähren".

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Im Sommer 1940 begannen die Zabinskis, Menschen im Zoo zu verstecken. Sie kamen in den Schuppen hinter den Käfigen, in den Katakomben und Ställen ebenso unter wie in der zweistöckigen Dienstvilla auf dem Gelände. Dort, wo die Familie Zabinski unter einem Dach mit dem fleischfressenden Polarhasen Wizek, der Kakadu-Dame Coco, dem Dachs Borsunio wohnte.

"Um die Tiere wirklich zu verstehen, musst du mit ihnen leben", lautete das Credo von Jan Zabinski. Als "Arche Noah" bezeichnete Regina Kenigswein das Haus. Sie fand mit ihrem Mann, dem jüdischen Boxer Samuel Kenigswein, in der Zabinski-Villa ebenso Zuflucht wie etwa die Künstlerin Magdalena Gross und die Journalistin Rachel Auerbach.

Operette als Alarmsignal

Die im Zoo Untergetauchten lebten in ständiger Angst vor Entdeckung, zumal sich in der Nähe eine deutsche Polizeiwache befand. Drohte Gefahr, rannte Antonina Zabinska an den schwarzen Flügel und spielte "Nur schnell nach Kreta, nur fort, nur fort". Hörten sie die Melodie aus Jacques Offenbachs "Die schöne Helena", krochen alle in ihre Verstecke und hielten den Atem an, bis Antonina Entwarnung gab.

Manche blieben nur wenige Tage, bis man ein anderes Versteck für sie fand. Andere harrten Jahre in der Villa aus, um dem Terror zu entrinnen - der von Tag zu Tag schlimmer wurde: Am 22. Juli 1942 begannen die Nazis, das Warschauer Getto zu räumen. Allein bis zum 21. September deportierten sie etwa 280.000 Juden ins Vernichtungslager Treblinka.

Acht Monate später, kurz nach der blutigen Niederschlagung des Getto-Aufstands, meldete SS-Brigadeführer Jürgen Stroop stolz: "Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk mehr in Warschau." In ihrer Vernichtungswut hatten die Nazis die - nach New York - zweitgrößte jüdische Gemeinde der Welt fast komplett ausgelöscht. "Wie ist etwas derart Unmenschliches im zwanzigsten Jahrhundert möglich?!!!!!!", schrieb Antonina in ihren Memoiren. Mit sechs Ausrufezeichen.

Bis zuletzt flogen die Rettungsaktionen der Zabinskis nicht auf. Drangsaliert wurden sie dennoch: Im Sommer 1944, die Deutschen hatten auf dem Zoogelände mittlerweile eine Pelzfarm eingerichtet, drangen zwei SS-Männer in die Villa ein. Sie trieben die Bewohner in den Garten und riefen zunächst einen 15-Jährigen zu sich hinters Haus.

Scheinhinrichtung zum Amüsement der SS

Ein Schuss ertönte, dann war Antoninas zwölfjähriger Sohn Ryszard an der Reihe. Ein weiterer Schuss, noch einer. Dann rief einer der Deutschen: "Jungs, bringt den toten Hahn mit." Lachend zogen die Männer nach der Scheinhinrichtung mit dem blutigen Tier ab.

Antonina, die sonst so tapfer war, laut Jan sogar ihre "menschliche Natur" ablegen konnte, "um zu einem Panther oder einer Hyäne zu werden" - sie fiel in eine tiefe Depression. Zumal sich die Familie nun trennen musste und die Zoo-Gemeinschaft aufgelöst wurde.

Jan nahm 1944 am Warschauer Aufstand teil und geriet in deutsche Gefangenschaft. Antonina floh mit Ryszard und der neugeborenen Teresa aus der Stadt, "die die Deutschen als Friedhof sahen", so Michael Mazor, einer der wenigen Überlebenden des Warschauer Gettos.

1949 eröffneten die Zabinskis ihren Zoo wieder, nur zwei Jahre später gab Jan seinen Posten als Direktor auf. Im kommunistischen Nachkriegs-Warschau galt der einstige Widerstandskämpfer nun als persona non grata. Der frühere Zoodirektor und seine Familie zogen aus der Dienstvilla aus.

Seit 2015 erinnert dort ein kleines Museum an ihre Verdienste - die Jan Zabinski bis zu seinem Tod 1974 nie als außergewöhnliche Heldentat ansah: "Ich tat nur meine Pflicht. Wenn du jemandem das Leben retten kannst, dann ist es deine Pflicht, es zu versuchen."

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