Watergate-Affäre "Nixon hat sich selbst zerstört"

Watergate-Affäre: "Nixon hat sich selbst zerstört" Fotos
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Am Anfang stand ein Einbruch, am Ende stürzte ein US-Präsident: 1972 begann die Watergate-Affäre, der schmutzigste Polit-Krimi der amerikanischen Geschichte. Aufgedeckt wurde er von Bob Woodward und Carl Bernstein. 40 Jahre danach erinnern sich die Reporter an den tiefen Fall Nixons und den Coup ihres Lebens.

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In der Reihe "Wiederentdeckt" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem einestages-Archiv.

Watergate. Das ist der Name eines Hotel- und Bürokomplexes im Zentrum der US-Hauptstadt Washington D. C. Watergate ist aber auch ein Synonym. Es steht für Spionage, Sabotage, Manipulation und für die schmutzigste politische Intrige der US-Geschichte. Und schließlich steht es für einen Präsidenten, der mit allen Mitteln an der Macht bleiben wollte und dafür selbst vor Verbrechen nicht zurückschreckte.

Am 17. Juni 1972 brachen fünf Männer in die Wahlkampfzentrale der Demokratischen Partei ein. Es war der Beginn der Affäre, die zwei Jahre später mit dem Rücktritt von Richard Nixon endete. Aufgedeckt wurde sie von zwei jungen Reportern der "Washington Post", Carl Bernstein und Bob Woodward.

40 Jahre später erinnern sich die beiden legendären Journalisten noch einmal an die Monate, in denen immer wieder neue Details einer unglaublichen Verschwörung ans Licht kamen. Und sie erklären detailliert, in welches Geflecht aus Lügen, Intrigen und illegalen Aktionen sich Nixon damals verstrickte.

Als Sam Ervin 1974 nach 20 Jahren seine Karriere im Senat beendete und als Vorsitzender des Watergate-Ausschusses seinen Abschlussbericht herausgab, stellte er die folgende Frage: "Was war Watergate?"

Unzählige Antworten sind darauf in den vergangenen 40 Jahren gegeben worden, seit an jenem 17. Juni 1972 ein Team von Einbrechern mit Businessanzügen und Gummihandschuhen morgens um halb drei in der Wahlkampfzentrale der Demokratischen Partei festgenommen wurde. Vier Tage danach verkündete das Weiße Haus seine Sicht der Dinge: "Gewisse Elemente könnten versuchen, das, was passiert ist, hochzuspielen", höhnte Präsidentensprecher Ronald Ziegler und tat den Vorgang als "drittklassigen Einbruch" ab.

Schamloser Angriff auf das Herz der Demokratie

Eine andere Antwort hat die Jahrzehnte überdauert, in Frage gestellt wurde sie nur selten: die Auffassung, dass die Vertuschung schlimmer als das Verbrechen gewesen sei. Diese Idee spielt das Ausmaß und die Tragweite von Nixons kriminellen Handlungen herunter.

Senator Ervins Antwort auf seine eigene Frage vermittelt einen Eindruck von der wirklichen Bedeutung Watergates: "Bezogen auf den Wahlkampf 1972 wurde die Integrität des gesamten Prozesses, von der Nominierung bis zur Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten, zerstört." Aber Watergate war noch viel mehr als das. In seinen bösartigsten Aspekten war Watergate ein von Nixon persönlich geführter, schamloser Angriff auf das Herz der US-amerikanischen Demokratie: die Verfassung, das System freier Wahlen, das Gesetz.

Noch viel mehr als damals, als wir beide als junge Reporter die Geschichte für die "Washington Post" recherchierten, liefert heute ein riesiger Aktenbestand eindeutige Antworten und Belege über Watergate und seine Bedeutung. Dieser Fundus ist über die Jahrzehnte stetig gewachsen, dank Hunderter von Nixons geheimen Tonbändern, die Details und Hintergründe zu den Anhörungen vor Senat und Abgeordnetenhaus lieferten; dank der Verfahren und Schuldsprüche gegen rund 40 Nixon-Helfer und Vertraute, die ins Gefängnis gingen; und schließlich dank der Erinnerungen von Nixon selbst und seiner Helfer. Diese Quellen machen es möglich, den persönlichen Einfluss des Präsidenten nachzuzeichnen - auf eine massive Kampagne politischer Spionage, Sabotage und anderer illegaler Aktivitäten gegen echte Feinde und solche, die er dafür hielt.

In seiner fünfeinhalbjährigen Amtszeit, die 1969 begann, führte Nixon fünf Kriege - gegen die Anti-Vietnamkriegsbewegung, die Presse, die Demokraten, die Justiz und am Ende schließlich gegen die Vergangenheit. Alle diese Kriege offenbarten eine Geisteshaltung und ein Verhaltensmuster, die durch und durch typisch für Nixon waren: die Bereitschaft, Gesetze zu missachten, um sich politische Vorteile zu verschaffen, und die stetige Suche nach schmutzigen Geheimnissen seiner Gegner als Prinzip seiner Präsidentschaft.

Schnüffeleien, Einbrüche, das Mitschneiden von Gesprächen und politische Sabotage hatten schon lange vor Watergate Einzug in Nixons Weißes Haus gehalten.

Bedrohung für die öffentliche Sicherheit

Nixons erster Feldzug war der gegen die Anti-Vietnamkriegsbewegung. Der Präsident hielt sie für staatsfeindlich und glaubte, sie würde ihn daran hindern, den Krieg in Südostasien auf seine Art zu führen. 1970 verabschiedete er den geheimen Huston-Plan, der CIA, FBI und den Militärgeheimdienst ermächtigte, die elektronische Überwachung von Personen auszubauen, die als "Bedrohung für die öffentliche Sicherheit" ausgemacht wurden. Der Plan sah unter anderem vor, dass Post abgefangen und "heimliche Zugänge" - also Einbrüche oder sogenannte "black bag jobs" (ein Geheimdienst-Ausdruck für Firmenspionage, Anm. d. Red.) - nicht länger eingeschränkt würden.

Thomas Charles Huston, der Berater des Weißen Hauses, der sich den Plan ausgedacht hatte, informierte Nixon darüber, dass er illegal war. Doch Nixon nickte ihn trotzdem ab. Der Plan wurde formal erst aufgehoben, als schließlich FBI-Direktor J. Edgar Hoover einschritt - wenngleich nicht aus Prinzip, sondern weil er derlei Aktivitäten ausschließlich für FBI-Angelegenheit hielt. Gleichwohl hielt Nixon unbeirrt an solchen Operationen fest.

In einem auf den 3. März 1970 datierten Memorandum an Nixon schrieb der Präsidentenberater Patrick Buchanan von der, wie er es nannte, "institutionalisierten Macht der Linken, die in Stiftungen gebündelt ist, die der Demokratischen Partei nahestehen". Besonders in den Blickpunkt rückte die Brookings Institution, ein liberaler Think Tank aus Washington.

Am 17. Juni 1971, genau ein Jahr vor dem Watergate-Einbruch, traf sich Nixon im Oval Office mit seinem Stabschef H.R. "Bob" Haldeman und Henry Kissinger, dem nationalen Sicherheitsberater. Es ging um eine Akte darüber, wie Nixons Vorgänger Lyndon B. Johnson 1968 den US-Bombenstopp für Vietnam genau gehandhabt hatte.

"Sprengen Sie den Safe!"

"Man kann Johnson mit dieser Sache erpressen, und es könnte sich sogar lohnen", sagte Haldeman laut der Tonbandaufzeichnung des Treffens.

"Ja", sagte Kissinger, "aber Bob und ich haben drei Jahre lang versucht, dieses verflixte Ding zusammenzubekommen." Sie wollten eine lückenlose Rekonstruktion von Johnsons Handlungen.

"Huston schwört bei Gott, dass es bei Brookings dazu eine Akte gibt", sagte Haldeman.

"Bob", sagte Nixon, "erinnern Sie sich jetzt an Hustons Plan? Setzen Sie ihn um. Ich meine, Umsetzung im Sinne von Diebstahl. Verdammte Scheiße, gehen Sie da rein und holen Sie diese Akten. Sprengen Sie den Safe und holen das Zeug."

Nixon ließ nicht zu, dass sich die Angelegenheit in Luft auflöste. Laut des Mitschnitts einer weiteren Unterhaltung mit Haldeman und Kissinger dreizehn Tage später sagte der Präsident: "Brechen Sie da ein und holen es. Verstehen Sie mich?"

Am nächsten Morgen sagte Nixon: "Bob, leiten Sie das mit Brookings sofort in die Wege. Ich will, dass der Safe da drüben geknackt wird." Und wenig später hakte er noch einmal nach: "Wer wird bei der Brookings Institution einbrechen?"

Aus Gründen, die nie geklärt wurden, wurde der Einbruch offenbar nicht ausgeführt.

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1.
Deter Roosu 18.06.2012
Es wäre nett, wenn sich - angeregt durch die Watergate-Berichterstattung durch den SPIEGEL - engagierte, junge, unvoreingenommene SPIEGEL-Journalisten mal mit den Hinter-den-Kulisssen-Spielchen unsrer "honorigen" Politiker beschäftigen könnten. Ich gehe jede Wette ein, dass da auch vieles, vieles zum Vorschein kommen würde, was uns einfachen Bürgern die Augen rausfallen lässt. Warum hat die Dame Merkel den TV-Film über ihre keinesfalls fleckenlose DDR-Vergangenheit verbieten lassen? Allein ein Bericht über diese "Gefälligkeit" eines angeblich "unabhängigen" deutschen Gerichts dürfte schon hochinteressant sein! Warum wird nicht recherchiert, was Gauck mit seiner eigenen Stasi-Akte machte, als er sich bei Dienstantritt einen Tag lang im Zimmer einschloss? Warum forscht niemand mal nach, in wessen Sold ein gewisser Herr Pofalla steht (Sie wissen schon, der mit dem "Sch..ß-Grundgesetz"), wenn er immer wieder neue Gebühren für seine geliebten deutschen Schornsteinfeger erfinden lässt - jene Truppe, die nach der nach wie vor nicht beerdigten BT-Drucksache 14/8155 zum Legen von Wanzen gesetzlich VERPFLICHTET werden soll. Die Sache ist - wie eine nicht ganz unbedeutende SPD-MdB nach bohrenden Fragen mit gewundenen Aussagen zugab - nach wie vor "in einigen Schubladen liegend"! Es gibt viel zu tun - es anzupacken traue ich (wenn überhaupt) nur dem SPIEGEL zu. Ich sage es mal ganz salopp: Watergate ist nicht nur für mich Geschichte. Aber ein (überflüssiger) Bundespräsident mit keineswegs weißer politischer Vergangenheit, der sich für Kriegsspiele der BW in Auslandseinsätzen einsetzt, weckt bei mir fatale Assoziationen zur Legion Condor. Eine Bundeskanzlerin, bei der man keine Linie erkennen kann, sollte auch mal durchleuchtet und mit ihrem Amtseid konfrontiert werden. DAS alles, meine sehr geehrten Damen und Herren vom SPIEGEL, würde Ihre Auflage trotz Internet glatt verdoppeln. Wobei natürlich das Risiko besteht, dass irgendeiner unserer (seit Adolf weisungsgebundenen!) Staatsanwälte Anklage erhebt und ein "geneigtes Gericht" staatstreu folgen wird.
2.
Horst Jungsbluth 17.06.2012
Diese schier unfassbaren Verbrechen der Nixon-Administration zeigen einmal mehr, dass die Kontrollen des Parlaments, der Justiz und auch der Medien mit Ausnahme der "Washington Post" damals komplett versagt haben. Gespenstisch auch der offene Antisemitismus von Nixon, der sich zudem mit Ehrlichman!!!, Haldeman, Kissinger und Ziegler auf eine zweite "Berliner Mauer" stützen konnte. Leider haben wir in unserem Land keine Bersteins und Woodwards, die sich endlich einmal mit den den kriminellen Machenschaften des rot-grünen Berliner Senats von 1989/90 beschäftigen könnten, der Krieg gegen die eigenen Bürger geführt hat, um das freie Westberlin der SED-Diktatur zu überlassen, da sich diese infolge des drohenden wirtschaftlichen Zusammenbruchs das dort befindliche Vermögen aneignen und mit den Bürgern als Geisel die Bonner Regierung erpressen konnte.
3.
Bernardo Markowsky 17.06.2012
Sorry, doch das schmutzigste Politikereignis in der Geschichte der USA war nicht Watergate, sondern die vom Supremecourt verorndte Wahl W. Bushs junior. Mit den bekannten Folgen, unter denen wir alle (soweit nicht Kriegsgewinnler) bis heute zu leiden haben.
4.
Martin Garcia 15.07.2013
In solchen Fâllen sollte man unbediengt die Politiker zur Rechenschaft ziehen, mit der Dimision genûgt es nicht, um den Schaden widergutzumahen. Strafrechlich muss sie verfolgen, und das gilt auch fûr Bush und seine Mafia-Regierung ebenfalls.
5. Damals
Stefan Köhler heute, 16:54 Uhr
Das war damals, als es noch investigatieve freie Presse in den USA gab. Heute bekommt man für sowas 20 Jahre bis Todesstrafe für Hochverrat.
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