Waterkantgate Barschel - ein ungeklärter Fall

Waterkantgate: Barschel - ein ungeklärter Fall Fotos
DPA

Die Szene ist legendär: Am 18. September 1987 gab Uwe Barschel, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, sein berühmtes "Ehrenwort". Knapp vier Wochen später lag er tot in der Badewanne eines Genfer Hotels. Mord oder Selbstmord? Bis heute ist einer der größten Polit-Skandale der Bundesrepublik nicht aufgeklärt.

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    3.0 (548 Bewertungen)

Dieses Bild ist unvergessen: Die Hand flach mit gespreizten Fingern auf die Brust gepresst, die Augen weit aufgerissen, beteuert Dr. Dr. Uwe Barschel, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, vor Aberdutzenden von Kameras und Mikrofonen seine Unschuld: Er gebe "den Bürgerinnen und Bürgern des Landes Schleswig-Holstein und der gesamten deutschen Öffentlichkeit mein Ehrenwort, ich wiederhole, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind."

Das war im Kieler Landeshaus, am Vormittag des 18. September 1987. Fünf Tage nach der Landtagswahl, bei der die Union ihre absolute Mehrheit verloren hatte. Der Redeausschnitt ist ein Klassiker, 20 Jahre alt, heute längst auf YouTube zu sehen. Er gehört in jede Dokumentation über die alte Bundesrepublik, denn er symbolisiert einen ihrer größten Polit-Skandale: den Fall Barschel, der auch ein Fall Pfeiffer und ein Fall Engholm war; und der unter dem Namen "Waterkantgate" in die Geschichtsbücher einging.

Wer wusste wann was?

Am 12. September 1987, dem Tag vor den Wahlen in Schleswig-Holstein, meldete der SPIEGEL, Barschels Medienreferent Reiner Pfeiffer, eigens für den Landtags-Wahlkampf engagiert, habe das Privatleben des SPD-Gegenkandidaten Björn Engholm ausspähen lassen. Anonym habe Pfeiffer Engholm der Steuerhinterziehung beschuldigt, er habe ihn sogar angerufen, sich als Arzt ausgegeben und dem SPD-Politiker mitgeteilt, er sei HIV-infiziert. Pfeiffer erklärte, er habe auf Veranlassung Barschels gehandelt.

Uwe Barschel verlor die absolute Mehrheit, gab sein berühmtes Ehrenwort. Was auch immer er von Pfeiffers Machenschaften im Einzelnen gewusst haben mag - schnell war klar, dass er in seiner Ehrenwort-Erklärung falsche Aussagen gemacht hatte. Am 2. Oktober 1987 trat Barschel als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein zurück, der Landtag setzte einen Untersuchungsausschuss ein.

Neun Tage später war Uwe Barschel tot.

Am Morgen des 11. Oktober 1987 wurde der 43-Jährige leblos in der Badewanne von Zimmer 317 des Genfer Hotels "Beau Rivage" gefunden. Das Foto des Toten in der Wanne ging um die Welt. Barschels Tod war der Höhepunkt des wohl dramatischsten Politikskandals der alten Bundesrepublik. Aufgeklärt werden konnte er nie. Die einen gehen von Selbstmord aus, für die anderen war es Mord. Die wildesten Theorien machten die Runde: Mal war es die Stasi, ein anderes Mal die Mafia, der Mossad oder die Iran-Contra-Verschwörer.

Nach der jüngsten Version wiederum musste Uwe Barschel wegen seiner Kontakte zu Waffenhändlern sterben. Einem Bericht des "Stern" zufolge wollte der damalige Ministerpräsident die vom Konkurs bedrohte HDW-Werft in Kiel retten - mithilfe einer U-Boot-Lieferung an das damalige, von den Vereinten Nationen geächtete und mit einem Waffen-Embargo bedachte Apartheidsregime in Südafrika.

Barschel soll im Gegenzug Wahlkampf-Gelder erhalten haben. Die Sache flog schließlich auf, Barschel konnte nicht liefern - das Geld aber war ausgegeben. Seine Witwe Freya zuletzt in der "Bild am Sonntag": "Es waren Auftragskiller, die von einem Geheimdienst gedungen worden sind. Mein Mann kannte Geheimnisse, die mit Waffengeschäften zu tun hatten, gegen die er war." Genaueres wisse sie nicht, "weil mein Mann mich immer schützen wollte."

Auch Engholm log

Die politische Atmosphäre in Schleswig-Holstein war auf Jahre hinaus vergiftet. Bei den Neuwahlen im Mai 1988, aufgrund des Patts im Landtag notwendig geworden, holte SPD-Kandidat Engholm die absolute Mehrheit. Die zuvor vom Erfolg verwöhnte CDU sackte auf 33 Prozent der Stimmen ab. Engholm wurde Bundesvorsitzender der SPD, designierter Kanzlerkandidat.

Dann kam ans Licht: Engholm wusste schon fünf Tage vor Pfeiffers SPIEGEL-Enthüllungen von dessen Machenschaften. Das aber hatte er vor einem Untersuchungsausschuss nicht zugeben wollen. Am 3. Mai 1993 warf Engholm hin: Er trat von allen politischen Ämtern zurück. Die deutsche Sozialdemokratie verlor ihren Hoffnungsträger.

Das Polit-Schicksal Engholms ist ein Puzzle-Stück im Fall Barschel, um den sich so große Mythen ranken. Und Barschel war doch nur ein deutscher Provinzfürst, der ein paar Jahre lang ein kleines deutsches Bundesland regierte.

Streit unter Staatsanwälten

Klar ist allein: Todesursache war eine Vergiftung durch Medikamente. Mord oder Selbstmord? Diese Frage konnte nie geklärt werden. Das Ermittlungsverfahren mit dem Aktenzeichen 705 Js 33247/87 wurde im Jahr 1998 von der Staatsanwaltschaft Lübeck eingestellt.

Der damals ermittelnde Staatsanwalt Heinrich Wille vertritt bis heute die These einer Ermordung Barschels. Ein von ihm geplantes Buch mit dem Arbeitstitel "Der Mord an Uwe Barschel - das Verfahren" darf vorerst auf Veranlassung seines Chefs, Schleswig-Holsteins Generalstaatsanwalt Erhard Rex, nicht veröffentlicht werden. Rex hatte Wille zuvor angeboten, seine Erkenntnisse in einer Schriftenreihe der Behörde zu veröffentlichen.

Doch Willes beständiges Zweifeln sowie ein toxikologisches Gutachten, das die Selbstmord-These zu unterminieren scheint, blieben in den letzten Monaten nicht ohne Reaktion: Der Anwalt von Barschels Familie hat die Bundesanwaltschaft dazu aufgefordert, strafrechtliche Ermittlungen in eigener Regie aufzunehmen.

Die Behörde prüft noch.

Sebastian Fischer

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 17.09.2007

Artikel bewerten
3.0 (548 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH