WDR-Kultsendung "Tschüß Ü-Wagen!"

WDR-Kultsendung: "Tschüß Ü-Wagen!" Fotos
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Nach 36 Jahren schafft der Westdeutsche Rundfunk seinen Klassiker "Hallo Ü-Wagen" ab. Autor Ulrich Noller begann als Student bei dem legendären Mitmachradio im Pott. Auf einestages erinnert er sich an ratternde Postmaschinen, peinliche Momente - und ein Sendungsthema, das Millionen bis heute im Gedächtnis ist. Von

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"Ich hätte da vielleicht doch noch was für Sie", sagt der Mann vom Arbeitsamt, als ich sein Büro gerade schon verlassen will. "Ist zwar nicht Ihr Metier und auch nicht gerade gut bezahlt, aber wer weiß, sicher besser als nichts." Er macht es spannend. Ich nicke: "Ja?" "Hallo Ü-Wagen. WDR. Radio. Die suchen eine studentische Hilfskraft. Zum Bearbeiten der Hörerpost."

"Hallo Ü-Wagen"? Ich hatte nie davon gehört. Aber WDR klang gut und Hörerpost auch. Radio, Medien, Pop. Da wollte ich hin.

Anfang der neunziger Jahre: Ich studierte Germanistik in Köln. Vorher, im Allgäu, hatte ich eine Banklehre gemacht, warum auch immer. Und plötzlich arbeitete ich bei "Hallo Ü-Wagen". Genauer gesagt: Bei Carmen Thomas. In einem schmucklosen Bürogebäude in der Fußgängerzone, direkt über einer Parfümerie. Die Redaktion erreichte man durch einen Hintereingang, vorbei an Müllcontainern. Carmen Thomas hatte die Sendung erfunden und damit das Mitmachradio. Und sie war der Boss. Das fühlte man sofort, wenn man einen Raum mit ihr teilen musste. Da war kein Platz mehr für eine zweite Präsenz.

Pixie macht die Post

Bei meinem Vorstellungsgespräch war ziemlich schnell klar: Sie suchten dringend, schon länger. Und einen Bankkaufmann auf dem Hörerpost-Studijob war für diese Redaktion wie ein Sechser im Lotto. Im Studibüro herrschte Chaos, sie brauchen jemanden, der verlässlich war. Und ordentlich. Endgültig klar wurde mir das, als ich hinter einem Schrank ein paar hundert Hörerzuschriften fand, die mein Vorgänger dort platziert hatte. Unbeantwortet.

Aber wer wollte es ihm verdenken? Wegen Pixie. Pixie war schwer, hässlich, hektisch – und unfassbar laut. Pixie hieß die Maschine, mit der die Post bearbeitet wurde: Ungefähr zwei gräulich-beige Meter breit, einen Meter tief und anderthalb Meter hoch. Sie nahm fast den ganzen Raum ein, der dem studentischen Mitarbeiter als Arbeitszimmer diente, weit weg von den Redaktionsräumen, direkt bei den Toiletten. Pixie rumpelte und ratterte derartig, dass man in ihrer Nähe kaum denken konnte.

Höchstens acht Quadratmeter maß das Kabuff, eine Atmosphäre wie im Maschinenraum eines Hochseedampfers. "Ihr zukünftiger Arbeitsplatz", sagte Carmen Thomas mit weit ausholender Handbewegung, als vermache sie einem Königssohn sein eigenes Reich. Dann begann sie mit länglichen Ausführungen über die Bedeutung der Hörerpost.

Eine Sendung wie eine schrullige Tante

Zwei Wochen später hatte ich mich neben den Toiletten schon gut eingewöhnt. Mit Pop und Glamour hatte diese Art von Mediengestaltung zwar überhaupt nichts zu tun. Dafür waren die Kolleginnen nett, genau wie die Bezahlung. Sehr schön auch: Die Lage in der Innenstadt, die es erlaubte, jeden Tag mit netten Hospitantinnen zum Shoppen zu gehen. Oder ins Cafe. Oder in die WDR-Kantine.

In der Zeit wurde mir bewusst, dass ich anscheinend der einzige in NRW war, der "Hallo Ü-Wagen" nicht kannte. Wann immer ich davon erzählte, dass ich dort arbeiten würde, waren die Reaktionen ähnlich: "Ja klar, Mann. Ich bin in Bottrop groß geworden. Klassiker. Hat meine Mutter immer beim Bügeln gehört, jeden Donnerstag. Und in den Ferien wir mit." Niemand sagte je etwas Böses oder Negatives. Die Sendung, für die ich arbeitete, gehörte zur Familie wie eine alte Tante. Zwar etwas schrullig, aber ganz beliebt und immer da.

Wie wichtig der Ü-Wagen war, wurde mir beim 20-jährigen Jubiläum 1994 klar. Im Tanzbrunnen-Restaurant hatten sich neben allerlei B- und C-Prominenz auch Rita Süßmuth und Landesvater Johannes Rau eingefunden. Die beiden "guten Menschen" der Zeit. Und zwar nicht, weil es eine Pflicht gewesen wäre, sondern aus Verbundenheit. Das sagten sie und das merkte man ihnen auch an. Diese großen Köpfe feierten tatsächlich den Geburtstag dieser Sendung. Ich studierte ja nebenbei auch und hatte jetzt schon lernen dürfen, wie man so etwas nennt: einen Mythos.

Den Kollegen war das zu verspielt, zu laienhaft

Wobei: Ein bisschen peinlich war es auch. Dann zumindest, wenn man Medienglamour suchte, so wie es bei mir und bei fast allen anderen in meinem Alter der Fall war. Wenn "die Violetta" im Einsatz war, so hieß der damalige Ü-Wagen, mittlerweile steht er im Haus der Geschichte. Und wenn dann diese in den Augen eines Mittzwanzigers leicht altbackenen Moderationen zu den leicht uncoolen Themen ertönten.

Im WDR rümpften sie ja auch die Nase, wenn es um die Mitmachsendungen ging. Und das war wohl auch der Kampf, den die Redaktion zu fechten hatte: den um Anerkennung im eigenen Haus. Den Kollegen war das zu verspielt, zu laienhaft. Genau dies war andererseits natürlich genau das Ziel, das Carmen Thomas mit ihren Mitmachsendungen verfolgte: Die Schwellenangst zu nehmen und die Einstiegshürde so herunterzufahren, dass tatsächlich jeder mitreden konnte.

Als Pixie-Student war ich bei redaktionellen Prozessen eigentlich nicht erwünscht; ich musste im System bloß funktionieren. Einmal wagte ich die Frage, ob ich auch mal ein Sende-Manuskript schreiben dürfe, was in der Redaktion für peinliches Schweigen sorgte.

Hämorrhoiden und ein ganz besonderer Saft

Mir kam das Team in schlechten Momenten vor wie eine Sekte. In guten Momenten dagegen staunte ich einfach nur: Wie beeindruckend das Konzept aufging, wie gut die Sache mit der Zweiwegekommunikation funktionierte. Keine Frage: Dieses System brachte die Leute zum Sprechen. Und zwar über die erstaunlichsten Themen. Neben den "großen" politischen Dingen wurde immer wieder auch über kleine und alltägliche Sachen diskutiert, hinter denen das Politische dann sichtbar werden sollte. Highlights in meinen ersten Monaten: Eine Sendung über die Frage der Suppenterrine. Zweieinhalb Stunden! Und eine über Hämorrhoiden, die soviel Hörerpost bewegte, dass ich fast Überstunden machen musste.

Mit meinem kleinen Studentenjob saß ich am Dreh- und Angelpunkt des Geschehens: Die Sendeorte wurden häufig von den Hörern vorgeschlagen, die Themen sowieso. Außerdem konnten die Mitmacher sich um bestimmte Rede-Positionen in der Sendung bemühen, zum Beispiel als "Einlader". In der Pixiemaschine waren diverse Schreiben eingespeichert, insgesamt vielleicht ein Dutzend. Je nach Art der Zuschrift wird dann das jeweilige Schreiben auf einer von mehreren Vorlagen ratternd und stampfend ausgedruckt. Sonderanliegen und spezielle Briefe, also alles, was interessant sein könnte, musste ich aussortieren und an die Redaktion weitergeben

Legendär ist ein Thema geworden. Lange vor meiner Zeit hatte Carmen Thomas diese eine Sendung moderiert und gestaltet, die in die Geschichte einging: "Urin – ein ganz besonderer Saft". Diese Sendung sorgte für so viel Resonanz, dass daraus das gleichnamige Buch entstand und ein Bestseller wurde. Zur Veranschaulichung ein Auszug aus der Verlagswerbung zur sechsten Auflage: "Halsschmerzen, die nach ein paar Stunden weggegurgelt sind. Hartnäckige Warzen, die für immer verschwinden. Wunden, die blitzschnell heilen. Lederschuhe, die plötzlich keine Blasen mehr verursachen." Briefe mit Erfahrungen dieser Art bekam ich – Jahre nach der Sendung – immer noch täglich auf meinen Pixie-Tisch. Es musste alles direkt zu Carmen Thomas. Sie sammelte, vermute ich, für ein weiteres Buch. Eine zeitlang begrüßte sie alle Mitarbeiter per Handschlag. Manche verschwanden direkt anschließend auf der Toilette neben meinem "Büro": Händewaschen.

So gut kann Journalismus sein

Mein Hilfskraftdasein endete nach einem Jahr, anschließend jobbte ich noch eine Weile fürs "offene Radio", dann arbeitete ich für andere Redaktionen auch beim WDR. Carmen Thomas verließ den WDR 1994, "Hallo Ü-Wagen" blieb. Nach 15 Jahren kehrte ich zurück: Ein halbes Jahr lang engagierte ich die Gäste für die eine "Hallo Ü-Wagen"-Sendung im Monat, die sich jeweils einem aktuellen Thema widmete, also kurzfristig besetzt werden musste. Von dem verschworen-verschrobenen Geist früherer Tage war nichts mehr zu spüren. Die neue Leitung setzte aufs Wesentliche. Das Ergebnis: Ein extrem engagiertes, ernsthaft arbeitendes Team, bei dem alle auf Augenhöhe kommunizieren. So gut kann Journalismus sein. Das wird dem WDR fehlen.

Und heute? Die Hospitantinnen haben sich über die Welt verstreut, in der alten WDR-Kantine ist ein Café, das Team ist immer noch supernett. Einige sind sehr wütend, dass die Sendung eingestellt wird. Ist ja auch ein Hammer, nach 36 Jahren, also ungefähr 1800 Sendungen, die eine halbe Million Sendeminuten ausgefüllt haben.

Heute, am 18. Dezember 2010, werde ich mittags am Harzheimbrunnen sein. Das ist dieser merkwürdige Penis in der Fußgängerzone, direkt vor Kaufhof. Dort findet die letzte "Hallo Ü-Wagen"-Sendung statt. Thema: "Von Aufzucht und Pflege – die Pflanze Demokratie". Anschließend gehe ich mit einer netten Mitarbeiterin einen Kaffee trinken. Oder einfach nur zum Shoppen.

Ulrich Noller, geboren 1966, ist Journalist und Autor. Zuletzt hat er zusammen mit Gök Senin den Kriminalroman "Celik und Pelzer" veröffentlicht.

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1.
Jutta Rohr 19.12.2010
Debattieren möchte ich nicht... aber meine große Verwunderung kundtun, dass diese, wie es in der Artikelüberschrift heisst: Kultsendung abgesetzt wird. Eine Sendung die mich setzt interessierte, weil die Bürgermeinung so präsent war. Warum die Sendung abgesetzt wird, ist für mich nicht verständlich
2.
Max Gregori 19.12.2010
Leider muss ich zugeben, dass ich auch mit dieser Radiosendung quasi aufgewachsen bin. Bisher konnte ich mich davon nicht wirklich befreien. ;) So zu denken oder sich zu äussern oder zu sein, wie dort regelmässig es sich darstellte, fand ich immer seltsam. "Fahren Sie bitte vorsichtig - immer". "Domian" ist eine Art Fortsetzung dieser Chose.
3.
Hans Hering 19.12.2010
Gott! Sei! Dank! Heute hörte ich im Radio, es sei die letzte Sendung von der Sendung, deren Namen ich nicht aussprechen möchte. Zunächst dachte ich, dass es sich um die letzte Sendung in diesem Jahr handele. Aber nein, es sei getrommelt und gepfiffen, die Qual hat endlich end-gü-ltig ein Ende. Carmen Thomas war eine nasale Zumutung, Julitta Dingens eine gleichwertige Prüfung - nun ist es endlich vorbei! Dass ich das noch erleben darf! Halleluja! Nie wieder minderbemittelte Ruhrpottquassler, nie wieder Ü-60jährige mit philantrophischem Kurzhaarschnitt und Ganther-Schuhen mit Luftlöchern, die ihre Betroffenheit in den Äther hinausposaunen (egal, ob Hartz-Fünf, das Zurückschneiden von Buxbäumchen oder die Mitarbeit im Frauen-Feldkrais-Kreis). Sobald die Titelmelodie anhub, musste ich im Radio umschalten - oder erbrechen. Lasst uns niederknien und diesem wunderbaren Moment der Abschaltung huldigen. Danke, WDR, danke, danke, danke.
4.
Dietmar Gross 19.12.2010
Wie schade! Hallo-Ü-Wagen war eine ganz hervorragende Sendung. Ich hoffe der WDR überdenkt diese schlechte Entscheidung. Hallo-Ü-Wagen hat sich Themen ausführlich gewidmet, Zeit genommen, auch mal verquere Äußerungen zugelassen, nachgefragt und fair und gesittet diskutiert und sich vor allem nicht mit wischi-waschi-Aussagen abspeisen lassen. So kam man als Zuhörer des Pudels Kern tatsächlich etwas näher, konnte in jeder Sendung etwas lernen und ging informiert aus der Sendung, fähig eine eigene Meinung zu einem x-beliebigen gesellschaftlich relevanten Thema zu bilden. Auch hat der öffentlich ausgetragene Dialog von unterschiedlichen Interessenten zum gegenseitigen Verständnis und damit zum gesellschaftlichen Frieden beigetragen (wo andere Talk-Shows eher den Streit provozieren und zu eskalieren versuchen). Dies ist insbesondere Julitta Münch zu verdanken, die das Einfühlungsvermögen, die Konsequenz und die notwendige Hartnäckigkeit souverän und kontinuierlich unter Beweis gestellt hat. Eine großartige Leistung, wie man sie sonst vielleicht nur noch von Frau Maischberger kennt. Natürlich ist so etwas heute nicht mehr ertragbar für unsere Herrscher. Eigene Meinung, fundierte Information, Nachdenken, Bürgermeinungen, Kritik - das ist alles ganz unangenehm. Besser man wäscht die Gehirne mit Weich-spül-kost, wie es die anderen Sendungen und Sender tun. Max. 3 Minuten für ein Thema. Die knapp 2 Stunden die Ü-Wagen nutzte, ermöglichten, dass etwas hängen blieb. In der Zeit kann man 40 Themen abarbeiten und der Zuhörer wird davon nichts länger als 3 Minuten behalten. Keine Wissen, keine Meinung unfähig zum Widerstand gegen die korrupte politische Kaste. Solidarität und gegenseitiges Verständnis innerhalb der Gesellschaft stört natürlich ungemein beim Gegeneinander-Ausspielen. Die Themen, mal skurril, mal politisch und gesellschaftlich hoch brisant, immer hat sich die Wichtigkeit des jeweiligen Themas im Sendungsverlauf offenbart. Ich konnte häufig echtes Interesse wurde für die mir fremdesten Themen entwickeln. Man nennt das übrigens auch Allgemeinbildung. Ich fürchte hier greift der WDR - unter dem Deckmantel der notwendigen Einspaarprogramme - zur Selbstzensur. Danke lieber Ü-Wagen, danke Frau Münch für dieses Stück Kultur und Bildung.
5.
Werner Muller 19.12.2010
Bei DRADIO gibt es eine Serie mit dem Namen "aus den Archiven". Es wäre sicherlich jetzt an der Zeit, Auszüge aus der Sendung, Hallo Ü-Wagen in einem ähnlichen Format im WDR zu senden und als POD-cast anzubieten. Ich würde mich sehr freuen.
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