Wegbereiterin der Pille Selbst ist die Frau

Wegbereiterin der Pille: Selbst ist die Frau Fotos
AP

Sie wurde als lüsternes Monster beschimpft: Als in den USA noch jede Form von Verhütung verboten war, kämpfte die Krankenschwester Margaret Sanger für das Recht der Frau auf Kontrolle über den eigenen Körper - und die Entwicklung einer "magischen Pille". Ein traumatisches Erlebnis trieb sie an. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    4.5 (36 Bewertungen)

Margaret war erst 19, als ihre Mutter im Frühling 1899 an Tuberkulose starb. Ein traumatisches Erlebnis für die junge Frau. Doch sie meinte zu wissen, warum ihre geliebte Mutter schon mit 49 Jahren sterben musste. "Das ist deine Schuld", klagte sie ihren Vater bei der Beerdigung in New York an, "Mutter ist tot, weil sie zu viele Kinder hatte!" Anne Purcell Higgins war 18 Mal schwanger und hatte elf Nachkommen geboren.

50 Jahre später, im Jahr 1951 vertraut sich Margaret Sanger, geborene Higgins, bei einer ihrer Dinnerpartys in New York dem Biologen Gregory Pincus an. Sie erzählt ihm vom tragischen Tod ihrer Mutter, wie sie als junges Mädchen deren Leiden hatte mit ansehen müssen und davon, dass sie seither einen Traum habe: Sie wünschte sich eine "magische Pille", ein Mittel, das Frauen einfach schlucken können - und dann nicht schwanger werden würden. "Das ist möglich", antwortet der Wissenschaftler der verblüfften Frau.

Für Margarete Sanger war dies eine unglaubliche Nachricht. Als "lüsternes Monster" und "Mörderin der Ungeborenen" hatte sich die gelernte Krankenschwester, selbst Mutter von drei Kindern, immer wieder beschimpfen lassen müssen, wenn sie gegen die "Frau als Geburtsmaschine" wetterte. Nun stand ihr ein ehrgeiziger Forscher gegenüber, der eine Lösung für all die bedrückenden Probleme so vieler Frauen zu haben schien. Das Einzige, was ihm fehlte: Geld. Und das würde Sanger ihm verschaffen. Die Begegnung der beiden sollte der Beginn einer äußerst erfolgreichen Zusammenarbeit werden - und nicht nur das. Das Zusammentreffen war auch die Geburtsstunde einer Revolution, die knapp zehn Jahre später ganz Amerika erfassen sollte.

Verhüten verboten

Tatsächlich hatte Anfang der zwanziger Jahre bereits der Innsbrucker Physiologe Ludwig Haberland über die Möglichkeit einer hormonalen Empfängnisverhütung nachgedacht: Mit Eierstockextrakten sterilisierte er Tiere und soll auch an einem Mittel zur "Geburtenregelung" für Frauen gearbeitet haben. Doch Haberlands früher Tod 1932 beendete seine Forschung, bevor er das Mittel testen konnte. In den Dreißigern gelang Wissenschaftlern erstmals die Isolierung und Teilsynthese von Eierstockhormonen, Ende der vierziger Jahre konnten Hormone auch in größeren Mengen hergestellt werden.

Doch ihre praktische Anwendung hing nicht allein vom Stand der Forschung ab. Anfang der fünfziger Jahre beschäftigte sich die Forschung in den USA lediglich mit der Analyse der Hormone - die Entwicklung eines Verhütungsmittels war nicht gestattet. Das Comstock Law von 1873, benannt nach dem amerikanischen Politiker und Moralapostel Anthony Comstock, verbot die Verbreitung von "obszönem, unzüchtigem und lüsternem" Material. Dazu zählten auch Mittel und Informationen zur Geburtenkontrolle. Auch Kondome, Diaphragmen und Verhütungscremes zu verwenden oder zu verteilen galt als illegal, sofern sie nicht von einem Arzt verschrieben worden waren.

Verhütung war lange ein Tabuthema - sogar für Ärzte. Als angehende Krankenschwester wurde Margaret Sanger Zeugin der grausamen Folgen mangelnder Aufklärung durch Mediziner: Im Juli 1912 traf sie bei einem Hausbesuch auf eine überforderte Mutter von drei Kindern, die Frau des Truck-Fahrers Jake Sachs. Völlig verzweifelt hatte diese den Arzt gefragt, was sie tun könne, um keine weiteren Kinder zu bekommen. "Sag Jake, er muss auf dem Dach schlafen", lautete die lakonische Antwort des Arztes. Drei Monate später starb die Frau bei einer Fünf-Dollar-Abtreibung in einem Hinterzimmer. Allein in New York lag die Zahl der illegalen Abtreibungen zu dieser Zeit bei rund 100.000 pro Jahr.

Der "Fahr-zur-Hölle-Blick"

Margaret Sanger hatte genug gesehen. Trotz des Verbots ließ sie Broschüren über Verhütung drucken und verteilte sie an New Yorker Frauen. 1914 gründete sie eine Zeitung mit dem Titel "Woman Rebel". Darin forderte sie Frauen auf, sich mit dem Recht auf Kontrolle über den eigenen Körper zu behaupten und der Welt mit einem "Fahr-zur-Hölle-Blick in den Augen" entgegenzutreten. Regelmäßig veröffentlichte sie ihre Kolumne "Was jedes Mädchen wissen sollte" und klärte ihre Leserinnen nach bestem Wissen auf: Unter anderem über die am Menstruationszyklus orientierte Rhythmus-Methode und den Coitus Interruptus.

Im August 1914 erließ ein Gericht Haftbefehl gegen Margaret Sanger wegen der Veröffentlichung unanständiger Inhalte. Vor einer drohenden Gefängnisstrafe von bis zu 45 Jahren floh sie wenige Tage später nach England. Die neue Heimat bedeutete auch privat neues Glück. Ihren Ehemann und ihre Kinder hatte Sanger in den Staaten zurückgelassen. In Liverpool begann sie nun eine leidenschaftliche Affäre mit dem Sexualforscher Havelock Ellis, der ihr von einem befreundeten Verfechter der Geburtenkontrolle vorgestellt worden war.

Ellis blieb nicht der einzige Mann, dem die selbstbewusste junge Frau den Kopf verdrehte. Etliche - nach Angaben einiger Zeitgenossen an die hundert - Affären soll die ungestüme Amerikanerin gehabt haben, darunter auch eine mit dem Schriftsteller H. G. Wells. Die Scheidung von ihrem eifersüchtigen Ehemann William Sanger wurde 1921 rechtskräftig, ein Jahr später heiratete sie erneut - diesmal den Ölmagnaten James Noah Slee.

Lieblingsprojekt Pille

Nicht nur mit ihrem freien Lebensstil, auch mit ihren revolutionären Ideen eckte Sanger - 1915 dank prominenter Fürsprecher von weiterer Strafverfolgung unbehelligt nach New York zurückgekehrt - immer wieder an. Ihre erste, 1916 in Brooklyn gegründete Klinik zur Familienplanung schloss die Polizei sofort; Sanger wurde verhaftet und wegen Verbreitung von Verhütungsinformationen zu 30 Tagen Gefängnis verurteilt.

Doch sie war nicht zu stoppen: Nach abgesessener Haftstrafe tourte Sanger durchs ganze Land, um über Geburtenkontrolle aufzuklären und Aktivisten für eine neue Bewegung zu rekrutieren. Bei einem ihrer Vorträge 1917 in Boston lernte sie Katharine McCormick, die reiche Erbin eines Mähdrescher-Imperiums kennen. Ihr eigenes Schicksal hatte McCormick für das Thema Verhütung empfänglich gemacht: Ihr Mann litt an Schizophrenie, und aus Angst, die Krankheit würde vererbt, wollte Katharine niemals Kinder haben. Doch das war schwierig. Enthaltsamkeit, unsichere Verhütungsmittel vom Schwarzmarkt oder einem befreundeten Arzt waren ihre einzigen Möglichkeiten. Sangers Visionen von einer "magischen Pille" begeisterten Katharine McCormick daher sofort.

Mehrfach spendete die reiche Witwe von nun an kleinere Beträge für die von Sanger gegründete American Birth Control League, eine Organisation, die sich dem Ziel verschrieben hatte, Amerika über Verhütung aufzuklären - und die Gesetzeslage zu ändern. Die Forschung an einer Anti-Baby-Pille war ihr mehr als eine Million Dollar wert. Nach erfolgreichen Versuchen mit Kaninchen und Ratten meldeten sich ab 1954 freiwillige Frauen zur Hormonbehandlung.

Babybauch oder Aktentasche?

Als die Wirkung schließlich hinreichend getestet war, standen Sanger und ihre Mitstreiter vor einem neuen Problem: Kein Pharmaunternehmen in den USA war bereit, das neue Verhütungsmittel als solches zu vermarkten. Die mächtige katholische Kirche erkannte zu dieser Zeit ausschließlich die Rhythmus-Methode als legitimes Verhütungsmittel an - und das auch erst seit 1951; in ihren Gotteshäusern predigten Priester Gruselgeschichten von Flüchen ungeborener Kinder.

1957 wurde die revolutionäre Anti-Baby-Pille schließlich zur Genehmigung bei der US-Arzneimittelbehörde angemeldet - getarnt als Mittel gegen Menstruationsstörungen. Routinemäßig wurde "Enovid" auf dem Markt zugelassen. Amerikanische Ärzte diagnostizierten nun plötzlich bei einer halben Million Frauen Menstruationsstörungen - und verschrieben Enovid. Angesichts dieser überwältigenden Nachfrage entschied sich die Pharmaindustrie, die Pille beim Namen zu nennen: Im Juli 1959 beantragte das Pharmaunternehmen Searle bei der US-Arzneimittelbehörde explizit die Zulassung eines hormonellen Verhütungsmittels. Am 11. Mai 1960 erfolgte die Genehmigung für den amerikanischen Markt - weniger als zehn Jahre nach dem Zusammentreffen von Sanger und Pincus in New York.

Es war der Startschuss für eine Revolution der Sexualität: Frauen konnten nun zwischen Babybauch und beruflicher Karriere wählen. Im Schlafzimmer, auf dem Campus und am Arbeitsplatz verschoben sich die Machtverhältnisse. Margaret Sanger, zu dieser Zeit schon fast 80, hatte maßgeblich dazu beigetragen - ihre Vision von der Kontrolle der Frau über den eigenen Körper war kein Traum mehr.

Zum Weiterlesen:

Fred Kaplan: "1959 - The Year Everything Changed". John Wiley & Sons, Hoboken 2009, 322 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

Artikel bewerten
4.5 (36 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH