Wehrmachtsfotograf Des Teufels Reporter

Propaganda bis zum letzten Atemzug: Erst dokumentierte Benno Wundshammer den Krieg der Wehrmacht in ganz Europa, dann die Welt der Reichen und Schönen. Als er seinen Job verlor, schuf der Fotograf seine persönliche Dolchstoßlegende.

Von


Benno, eigentlich Benedikt Heinrich Wundshammer, war einmal ein Star, einer der angesehensten deutschen Pressefotografen. Er begleitete Konrad Adenauer auf Auslandsreisen, traf Romy Schneider, Elvis Presley, Brigitte Bardot, Marilyn Monroe und jettete um die Welt. Wundshammer hatte eine beachtliche Karriere - bei der Illustrierten "Revue", deren Chefredakteur er wurde, und später als Reporter der "Quick". Bis sich die Zeitschrift 1970 von ihm trennte. Er kam nie darüber hinweg.

Fotostrecke

21  Bilder
Fotoreporter Wundshammer: "Nur einmal im Leben wurde ich wirklich gebraucht"

Verbittert berichtet er 15 Jahre später Gerhard Rauchwetter, dem zuständigen Mitarbeiter des Sozialwerks der Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst, von seinem Schicksal. Die VG Bild-Kunst ist zuständig für die Wahrnehmung von Urheberrechten und damit Schaltstelle für Fotografenhonorare - und den 72-jährigen Wundshammer plagen 1985 finanzielle Sorgen: Seine Frau ist krank und pflegebedürftig.

Doch er will keine Almosen. Er will sein Geld verdienen - mit seinen Bildern. Das journalistische Feuer brennt noch in ihm. Unzählige Manuskripte hat er seither getippt, denn schreiben, findet er, kann er auch. Doch die meisten bleiben unveröffentlicht.

"Lieber Herr Rauchwetter, da sitze ich nun hinter dem Maschin'chen und tippe drauf los, tippe meine verabscheuungswürdigen Emotionen aufs Papier. Und hinter mir, da sitze ich auch, schaue mir zu und sage: 'All das ist nutzlos, ist Geseires, ist das ohnmächtige Wutgeheul eines alten Mannes, der nicht wahrhaben will, daß er besser bei Stalingrad gestorben wäre.'"

Karriere-Sprungbrett Wehrmacht

Benno Wundshammer 1943 in Italien

Benno Wundshammer 1943 in Italien

Wundshammers Karriere beginnt nicht erst im Nachkriegsdeutschland, sondern bereits mit seinem Einsatz als sogenannter Bildberichter der deutschen Propagandakompanien (PK) im Zweiten Weltkrieg. Rund 15.000 PK-Soldaten dienten der Selbstdarstellung der Wehrmacht und des NS-Regimes. Ihre Aufnahmen, von denen rund 1,7 Millionen erhalten blieben, prägen bis heute das Bild dieses Krieges.

Die Kriegsberichterstatter der Wehrmacht waren fester Bestandteil militärischer Formationen, mithin Befehlsempfänger. Benno Wundshammer störte das nicht. Er war jung und abenteuerlustig. Zur NS-Ideologie hatte er keine besondere Affinität.

"…es scherte mich wenig, wer damals das politische Sagen hatte: er hieß Adolf Hitler… Mir war das wurst. Ich wäre auch unter Stalin Journalist geworden oder unter dem Negerking Bimbambulla, einfach unter Jedem; denn damals wußte ich nicht, was Politik ist."

Er hatte als Lokalreporter in Köln und Sportjournalist in Berlin gearbeitet, bevor man ihn im August 1939 zur Luftwaffen-PK einzog und dem Kampfgeschwader I "Hindenburg" zuwies.

"Ich mußte keinesfalls 'in die Partei eintreten' und auch keine 'Schriftleiterkurse' absolvieren, um in die 'Schriftleiterliste B' (Bildberichterstatter) aufgenommen zu werden. Ich brauchte nur meine Fotos beim RDP, beim Reichsverband der Deutschen Presse einzuschicken… das war alles."

Fliegerfotos für die Propaganda

Sein erster Einsatz lässt nicht lange auf sich warten. "Wir werfen Bomben und Brandbomben", notiert er am 2. September 1939 in sein Tagebuch und weiter: "Mittags gehen Honolka und ich mit unseren Mädchen baden und spazieren. Der Gegensatz ist stark." Dennoch: Die Fliegerei begeistert ihn. Wundshammer bekommt Lob für seine Bildserien - und seine Artikel. Jetzt schreibt er auch. Im Luftkrieg, das merkt er rasch, ist es unmöglich, die dramatischsten Momente im Bild festzuhalten - er muss sie mit Worten beschreiben.

Benno Wundshammer während der Dreharbeiten zu dem Film "Der Stern von Afrika" 1956 in Sevilla Spanien

Benno Wundshammer während der Dreharbeiten zu dem Film "Der Stern von Afrika" 1956 in Sevilla Spanien

Sein Enthusiasmus erhält erste Dämpfer, als er selbst unter Beschuss gerät. Mehrfach kommt er nur mit Glück davon. Sein Einsatzgebiet ist nun die Ostfront, ab August 1942 ist er vor Stalingrad stationiert - und dem Kampfgeschehen so nah wie nie zuvor.

Er ringt mit sich: Er will sich nicht unnötig in Gefahr bringen, aber da ist auch der Ehrgeiz. Gerade ist er zum "Sonderberichter" für die Auslandspropagandazeitschrift "Signal" aufgestiegen. Eine Illustrierte, die in mehr als 20 Sprachen und in allen besetzten Gebieten erscheint, gestaltet im aufwendigen Mehrfarbendruck und in ihrer modernen Aufmachung dem amerikanischen "Life"-Magazin ähnlich. Wundshammer gehört damit - neben Hilmar Pabel und Hanns Hubmann - zur Fotografenelite der Wehrmacht.

Er übersteht Stalingrad, berichtet aus Nordafrika, Italien und mit zunehmender Verschlechterung der Lage für die Wehrmacht immer öfter auch aus dem Inland, vorübergehend sogar als stellvertretender Chefredakteur von "Signal" - bis er im April 1945 einen Marschbefehl nach Italien dazu nutzt, sich abzusetzen. Das Kriegsende wartet er bei seinen Eltern im bayerischen Rottach-Egern am Tegernsee ab.

Neue Zeiten, altes Netzwerk

Der Aufenthalt in amerikanischer Kriegsgefangenschaft ist kurz, die Wiederzulassung zum Journalistenberuf unproblematisch: Während schreibende Journalisten meist als ideologische Urheber der NS-Propaganda gelten, sehen die Alliierten in den Fotografen nur die Lieferanten des Rohmaterials. Wundshammer weiß offenbar trotz seiner exponierten Stellung bei "Signal" glaubhaft zu vermitteln, dass er nur geliefert hat. Das Urteil im Entnazifizierungsverfahren 1947 lautet "entlastet".

Benno Wundshammer während einer Reportage über einen US-amerikanischen Atombomber-Stützpunkt 1959

Benno Wundshammer während einer Reportage über einen US-amerikanischen Atombomber-Stützpunkt 1959

Der weiteren Karriere steht nichts im Weg. Bald bekommt er Aufträge von Zeitschriften, etwa Erich Kästners Jugendzeitschrift "Pinguin"; 1948/49 arbeitet er auch für den SPIEGEL. Sein ehemaliger Chef bei "Signal", Franz Hugo Mösslang, holt ihn zur "Revue". Zusammen mit anderen ehemaligen Mitarbeitern des Propagandablattes gestalten sie die Zeitschriftenlandschaft der jungen Bundesrepublik. Später bei der "Quick" ist es erneut das altbewährte Netzwerk, das zusammenfindet: Wundshammer, Hubmann, Pabel und weitere ehemalige PK-Fotografen.

Doch Wundshammer beschäftigt sich nicht nur mit dem Fotografieren. Über Jahre hat er - auch zum Zweck der Veröffentlichung - seine Erlebnisse und Erfahrungen bei der Propagandakompanie, als Kampfflieger und an der Ostfront, gesammelt und notiert. Das Ende bei "Quick" erscheint ihm deshalb keineswegs als das Ende des Berufs.

"Ich kann immer noch arbeiten, ich habe noch Kraft und sehne mich nach Tätigkeit. Das Pressegeschäft ist vorbei, es wäre auch sozusagen gegen die Kleiderordnung. …"

Geschichten von mutigen Kerlen

Frust nagt an ihm: Seine Fotos aus dem Krieg werden in Schulbüchern und Zeitschriften gedruckt - doch er selbst erzielt daraus keine Einnahmen. Er sieht sich um den Lohn seiner Arbeit gebracht, die ihn beinahe das Leben gekostet hatte - und fühlt sich angegriffen: In der Bundesrepublik ist die Auseinandersetzung um die NS-Verstrickung der Kriegsgeneration entbrannt. Der Fotograf fühlt sich als "Reporter des Teufels" diskreditiert - und verliert zunehmend den Kontakt zur Realität.

"Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt werden die grasgrünen Inquisitoren, die meine Generation, soweit sie überlebt hat, nur wegen ihrer Geburtsdaten in Bausch und Bogen verdammen, anmaßender, hinterhältiger und rücksichtsloser. Was sie zum vierzigsten Jahrestag der Niederlage von 1945 an Vergangenheitsbewältigung, an Ignoranz, Intoleranz und journalistisch-handwerklicher Pfuscharbeit in ihren Massenmedien fabriziert haben, das bricht alle Rekorde beruflicher Unfähigkeit."

Wundshammer glaubt, dass er noch einiges mitzuteilen hat. Er würde den jungen Leuten beispielsweise gern erklären, dass er und seine Kameraden in der Luftwaffe keine Nazis gewesen seien, keine Mörder, Räuber und Plünderer, sondern mutige, anständige Kerle. Unermüdlich macht er Notizen, die finanziellen Sorgen treiben ihn an.

"Noch einige Monate können wir Wohnung, Bibliothek, Archiv und Arbeitsmöglichkeiten erhalten. Irgendwie müssen wir den nächsten Sommer erreichen - und ich muß bis dahin ein Manuskript geschrieben haben. Welches von den vielen vorbereiteten Themen? Das hängt vom Verleger ab - und der ist bisher weder gesucht noch gefunden worden…"

"Nur EINMAL wurde ich gebraucht"

Er hat unzählige Themen vorbereitet - verklärt durch Verbitterung und die Erinnerung an vermeintlich bessere Zeiten. Er beharrt darauf, dass die Mehrheit der deutschen Soldaten fair gekämpft habe.

Mit dem Alter scheint der Fotograf zunehmend selbst der NS-Ideologie zu verfallen. Für die negativen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft macht er schließlich gar einen wachsenden jüdischen Einfluss auf die Welt verantwortlich, "das semitisch-orientalische Händlertum, das sich in abendländische Kultur, Zivilisation und Technik hineinschmarotzt hat" und dabei sei, "eine von Elektronik und Computern gesteuerte multimediale Weltherrschaft zu errichten". Der Frust lässt ihn seine persönliche Dolchstoßlegende konstruieren.

Gedruckt und veröffentlicht wird schließlich keines seiner geschichtsvergessenen, antisemitischen Pamphlete. Als Teil seines umfangreichen Nachlasses lagern sie heute im Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz (bpk). Erstaunlicherweise aber finden sich dort auch Notizen, die Wundshammer unmittelbar nach Kriegsende machte - und die eine ganz andere, realistischere Wahrnehmung des Nationalsozialismus zeigen. Damals noch plante er, seine Kriegstagebücher zu veröffentlichen. In ihnen berichtet er etwa davon, wie deutsche Soldaten sowjetische Kriegsgefangene töteten, wie die deutsche Luftwaffe Dörfer ebenso zerstörte wie militärische Ziele, Frauen und Kinder tötete, "abstumpfend wie Fließbandarbeit in einem Schlachthaus".

"Lieber Herr Rauchwetter. Nach einer Woche Pause - meine Frau frißt mich auf … Das Fernsehen hat unser Metier ruiniert… nein, lieber getreuer Freund: Menschen wie ich sind démodé, weg vom Fenster und schon seit Jahren zum Tode verurteilt… und wahr ist: Nur EINMAL im Leben wurde ich wirklich gebraucht - im Kriege. … Wir haben nur noch zu krepieren… aber bitte möglichst ohne peinlichen Lärm, ohne störendes Aufsehen."

Wundshammer starb 1986, knapp ein Jahr nach Verfassen des zitierten Briefes. Er war sich sicher gewesen, dass der Mann, dem er das alles schrieb, ihn verstehen würde. Gerhard Rauchwetter, bei der VG Bild-Kunst zuständig für den Sozialfall Wundshammer, war einst selbst PK-Fotograf gewesen.

Zum Weiterlesen:

David F. Crew: Learning War Photography. Benno Wundshammer's Relationship to His Wartime Photographs before and after 1945, Konferenzpapier: The Ethics of Seeing: German Documentary Photography Reconsidered, German Historical Institute London: 23. - 25. Mai 2013.

Sebastian Kindler: Benno Wundshammer - Vom Sportreporter zum Propagandafotografen der Wehrmacht, in: Propaganda-Fotograf im Zweiten Weltkrieg: Benno Wundshammer, hrsg. vom Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst, Ch. Links Verlag, 2014.



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Markus Wollbrueck, 25.03.2015
1. Was ist Wahrheit?
Ein Bild zeigt, so es nicht manipuliert wird, die Wahrheit. Was bei der Interpretation dann daraus wird... Fotograf der PK war auch L. G. Buchheim. Seine Fotos und Bücher sind beeindruckende Dokumente und Zeitzeugen, Das Boot einer der besten Filme überhaupt. Etwas mehr Differenzierung und Breite hätte dem Artikel nicht geschadet...
stephan heinrich, 25.03.2015
2. Schon der Titel ist Meinungsjournalismus,
suggeriert er dem Leser doch, daß hier ein echter "Bösewicht" portraitiert wird. Man sollte die Kirche im Dorf lassen. Herr Wundshammer war wohl tatsächlich in erster Linie Fotograph. Wie weit persönlich "schuldig" sind denn wohl die amerikanischen Journalisten v.a. der Bildpresse, welche von der US-Regierung nach den "Erfahrungen" in Vietnam mit "freien" Fotographen nach Kuweit und später in den Irakkrieg geschickt wurden, um von dort "konforme" Fotos nach Hause zu schicken ? Daß Herr Wundshammer offenbar als alter Mann wie es scheint zunehmend verbittert war, ist nachvollziehbar. Fragen Sie mal bei vorzeitig in den Ruhestand geschickten Ruhr-Kumpels nach, welche plötzlich ebenfalls nicht mehr gebrucht wurden. Es wäre interessant gewesen, ein paar der Fotos zu sehen, die dieser Fotograph in seiner Zeit bei der PK geschossen hat. Möglicherweise sind diese aber zu gut für einen tendenziellen Artikel dieser Art.
Albert Struve, 25.03.2015
3. Wikipedia bitte ergänzen
Auf Wikipedia ist leider bis jetzt kein genaues Sterbedatum eingetragen, sondern nur 1986/1987. Da sie schreiben "Wundshammer starb 1986, knapp ein Jahr nach Verfassen des zitierten Briefes. " könnten Sie es bitte für die Allgemeinheit bei Wikipedia ergänzen ? Vielen Dank. Bitte auch alle Bücher von Herr Wundshammer als ebook herausbringen, es scheint aus heutiger Sicht sehr interessant zu lesen zu sein.
Ja gut äh... Schaun mer mal, 26.03.2015
4. Ziemlich peinlich,
so ein Bericht aus der Sicht eines heutigen "Gutmenschen". Da wird allen Ernstes geschreiben: "Der Fotograf war bei Weitem kein neutraler Beobachter". Deshalb müssen wir ihn jetzt alle böse oder beschränkt oder beides finden, oder was?
Christoph Hartmund, 28.03.2015
5. @ 1. Kommentar
Wie kommen Sie darauf, das Fotos "die nicht manipuliert sind" die Wahrheit zeigen? Bestenfalls doch nur den Teil Wahrheit, die der Fotograf in seinem Bildausschnitt zeigt. Die zeitliche Komopnente des wirklichen Geschehens noch gar nicht mitgerechnet.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.